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Lachendorf "Jeder von uns ist fünfmal gestorben"
Celler Land Samtgemeinde Lachendorf Lachendorf "Jeder von uns ist fünfmal gestorben"
08:34 02.02.2019
Lachendorf

„Das war ganz schlimm“, erinnert sich die neunjährige Naya an die Überfahrt mit dem Schlauchboot von der Türkei Richtung Lesbos in Griechenland. Das Boot sei ganz voll gewesen und habe sehr geschaukelt. Zum Glück war aber ihre ganze Familie, die heute in Lachendorf lebt, dabei. Wir waren alle zusammen, kuschelt sich das Mädchen an ihre Mama.

„Jeder von uns ist mindestens fünfmal gestorben“, ergänzt die ältere Schwester Ranim und schildert, dass schon in ihrem Heimatort bei Damaskus die Schule mehrfach beschossen worden sei. Einige ihrer Freunde seien tot, andere verletzt.

Schleppersystem hat mafiöse Strukturen

Eigentlich habe das gesamte Schleppersystem in der Türkei, auf das Flüchtlinge angewiesen seien, durchaus mafiöse Strukturen, findet der Syrer Ayad Haj Kaddour (49). Das Familienoberhaupt vermutet, dass Schlepper Partner der türkischen Regierung seien und sagt, dass die türkische Küstenwache über das Radar sämtliche Schiffsbewegungen kontrollieren könne. „Mal gelingt die Überfahrt nach Griechenland, mal nicht“, berichtet er aus eigener Erfahrung, denn die erste Flucht wurde von der türkischen Küstenwache mit Waffengewalt verhindert. Das Boot wurde beschossen und nur durch den guten Bootsführer sei es gelungen, zurück an Land zu kommen. Erst der zweite Versuch glückte.

Syrische Armee auf der einen Seite, Terroristen auf der anderen

Rückblende: Als PR- und Verkaufsmanager arbeitete Kaddour in der Nähe von Damaskus für die Windkraftindustrie. Seine Frau ist Sozialassistentin und die Töchter gingen zur Schule. „Leider war das Gebiet, in dem wir wohnten, genau zwischen den Linien. Die syrische Armee auf der einen Seite, Terroristen auf der anderen: Das war sehr gefährlich. Die Kinder haben Schreckliches erlebt. Wir mussten weg.“

In drei Stunden sind sie nach Beirut gefahren, von dort aus in die Türkei geflogen.

Mit Lastwagen, auf denen alle – Männer, Frauen und Kinder – auf engstem Raum befördert wurden, begann eine zehnstündige Fahrt an die Nordwestküste der Türkei. „Schlepper brachten uns an einen unbekannten Ort“, berichtet Kaddour. „Die Situation war sehr gefährlich“, sagt er und ergänzt, dass aber zum Glück die gesamte Familie zusammen geblieben sei: „Wir leben zusammen oder wir sterben zusammen.“

Freunde in Goslar

In Griechenland musste sich die Ehefrau und Mutter Juliette Nijem in ärztliche Behandlung begeben: Stress und Angst machten die medizinische Versorgung nötig. Nach einem Zwischenstopp im griechischen Flüchtlingscamp fuhr die Familie dann per Bus und Bahn nach Athen. Da sie Freunde in Goslar haben, kamen sie über Wien und Göttingen nach Braunschweig. Es folgten Lageraufenthalte, bevor sie in Lachendorf Fuß fassen konnte.

„Wir sind Opfer der Politik“

Für sechs Monate konnte Iyad Haj Kaddour in einem Wesendorfer Unternehmen arbeiten und war für den Vertrieb in Mittel- und Osteuropa zuständig. Allerdings erhält er als Syrer in anderen Golfstaaten kein Visum für Geschäftsverhandlungen. „Da hat mich die Firma entlassen.“ Und ein lukratives Angebot für eine Vertriebstätigkeit bei einer anderen Firma wurde aus demselben Grund gecancelt. „Wir sind Opfer der Politik“, kommentiert Kaddour die Situation. „Ich muss arbeiten, denn ich will nicht von dem Geld anderer Menschen leben, ich will selbst Steuern bezahlen.“

Die Tochter Layal (20) hat inzwischen ihren Realschulabschluss gemacht und steuert nun das Fachabitur an. Ranim besucht die Oberschule und Mutter Juliette macht eine Ausbildung an der Berufsschule in Celle.

Tochter tritt in Celler Garnisonkirche auf

Nun freut sich die ganze Familie Kaddour schon auf den Gesangs-Auftritt der Tochter Ranim mit dem interkulturellen Ensemble Ibtahidsch am 3. März in der Celler Garnisonkirche: Im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Kirche trifft“ spielt und singt das zehnköpfige Ensemble, das 2015 für arabischsprachige Flüchtlinge entstanden ist. Zum Thema „Wie gelingt Integration?“ findet eine Podiumsdiskussion mit Superintendentin Andrea Burgk-Lempart und Teilnehmern des Arabisch-Intensivkurses beim Kirchenkreis Celle statt.

Von Lothar H. Bluhm

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