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Nienhagen Kinder verhungerten, verdursteten und erfroren
Celler Land Samtgemeinde Wathlingen Nienhagen Kinder verhungerten, verdursteten und erfroren
18:00 19.11.2019
Von Andreas Babel
Die Kindergräber auf dem Friedhof Nienhagen machen in diesen Tagen einen traurigen, ungepflegten Eindruck. Die Inschriften in den Steinen,die an die in Papenhorst umgekommenen Säuglinge von Zwangsarbeiterinnen erinnern sollen, sind nur noch schwer zu entziffern. Quelle: Julius von Bose
Großburgwedel

Man ließ sie verhungern, gab ihnen nicht genügend Milch, man ließ sie erfrieren und behandelte ihre Krankheiten nicht. Man riss sie aus den Armen ihrer Mütter und wollte Gras über ihre Schicksale wachsen lassen. Nun werden in Großburgwedel 28 Stolpersteine verlegt. Sie sollen künftig an die Kinder von Zwangsarbeiterinnen aus Osteuropa erinnern, die hier während der NS-Zeit ums Leben kamen, weil sie in den Augen der Machthaber „unwertes Leben“ waren.

Gunter Demnig verlegt 28 Stolpersteine im Mitteldorf

Am Samstag, 23. November, 9 Uhr, wird der Kölner Gunter Demnig für jedes der bekannten Kinder und vier namentlich nicht bekannte Kinder einen Stolperstein an der Stelle in das Pflaster des Gehwegs einfügen, wo sich die Zufahrt zu dem alten Bauernhof befand, in dem einst eine „Ausländerkinder-Pflegestätte“ untergebracht war. Diese Bezeichnung sollte darüber hinwegtäuschen, dass man den Zwangsarbeiterinnen hier ihre Kinder wegnehmen und sie nicht vernünftig versorgen wollte. Die Arbeiterinnen sollten wenige Tage nach der Entbindung wieder auf dem Feld oder auf den Höfen arbeiten.

Die Hälfte der Kinder ist in Celle geboren worden

Jürgen Zimmer hat dieses Kapitel der Ortsgeschichte erforscht: „Ungefähr die Hälfte der Frauen hat in der Landesfrauenklinik Celle entbunden, die anderen in Lehrte, dazu einige Hausgeburten. Zwei der Frauen wurden von der Gestapo in das Gerichtsgefängnis Celle zur ,Schutzhaft‘ (meist eine ,Disziplinarstrafe‘) eingeliefert und nach einigen Woche wieder entlassen.“

Nach der Verlegung folgt eine Lesung im Rathaus

Zwei Stunden nach Beginn der öffentlichen feierlichen Verlegung der Stolpersteine, Im Mitteldorf (zwischen Hausnummer 7 und 9), werden die beiden Autoren des Buches „Geraubte Leben – Spurensuche: Burgwedel während der NS-Zeit“, eben Jürgen Zimmer und Irmtraud Heike, auf der Ausstellungsetage im Rathaus Großburgwedel, Fuhrberger Straße 4, aus ihrem neuen Werk lesen.

Die Mütter arbeiteten in 20 Dörfern des Alt-Kreises Burgdorf

Das Zuständigkeitsgebiet der Burgwedler „Ausländerkinder-Pflegestätte“ war der Alt-Kreis Burgdorf. Die Frauen arbeiteten in 20 Dörfern, von Hänigsen im Osten bis Negenborn im Westen, von Gailhof im Norden bis Bilm im Süden. In Großburgwedel selbst war nur eine Mutter, ebenso in Kleinburgwedel, Fuhrberg und Thönse, in Engensen waren es drei, so Zimmer.

Pläne in Nienhagen "ins Stocken geraten"

Die Zahl der bekannten Opfer ist genauso hoch wie die in dem Kinderlager Papenhorst. Auf dem Nienhäger Friedhof ist vor etwa 20 Jahren eine Inschriftentafel an den Gedenksteinen für die hier begrabenen Kinder enthüllt worden. Die Inschriften der kleinen Steine selbst sind heute nur noch schwer zu entziffern. Nienhagens Pastor Uwe Schmidt-Seffers ist es ein Anliegen, das Gedenken an die hier gestorbenen Kinder wachzuhalten. Doch: Durch die Diskussion um das Kriegerdenkmal im Dorfkern seien seine Pläne „ins Stocken geraten“, sagte er gestern der CZ auf Nachfrage. Er hatte seinerzeit vorgeschlagen, auch im Dorfkern an die Kinder zu erinnern, etwa mit einer Gedenkplatte.

Auf dem Unterlüßer Friedhof erinnert diese Informationstafel an die hier gestorbenen Kinder. Quelle: Andreas Babel

In Unterlüß, Bergen und Wietze gab es auch solche Häuser

Auf dem Unterlüßer Friedhof ist jüngst eine Informationstafel aufgestellt worden, die den Kindern, die hier gestorben sind, ihren Namen wiedergibt. Auch in Bergen und Wietze gab es solche „Ausländerkinder-Pflegestätten“, über die aber wenig bekannt ist.

Programm am Samstag, 23. November, 9 Uhr

Am Samstag, 23. November, 9 Uhr, wird Großburgwedels Bürgermeister Axel Düker zur Begrüßung sprechen, ihm folgt Ortsbürgermeister Rolf Fortmüller. Der Kinderchor MiMaMu unter der Leitung von Kristina Rokahr wird das russische Wiegenlied „Baju Bajuschki Baju“ singen. Anschließend spricht Pfarrer Andrej Deutz (ukrainisch-orthodoxe Kirche) ein gebet und der Kinderchor singt das polnische Wiegenlied „Kotki dwa“. Pfarrer Ivan Mykhailiuk (ukrainisch-katholische Kirche) wird ein weiteres Gebet sprechen, ehe Schüler des Gymnasiums und der Integrierten Gesamtschule die Namen der Kinder und ihre Geburts- und Sterbedaten verlesen werden. Jeweils nach Verlesung des Namens wird für jedes Kind ein Engel und eine Blüte verlegt, zum Schluss werden zwei Rosen und ein Engel mit Kind neben dem Kopfstein gelegt. Nach einer Ansprache des Künstlers Gunter Demnig singt Viktor Conrad, Siebtklässler des Gymnasiums das Wiegenlied „Schlaf, mein Prinzchen…“. Nach der anschließenden Schweigeminute spricht Bürgermeister Düker die Schlussworte.

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