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Wietze Mehrheit ist für Schlachthof:
Celler Land Wietze Mehrheit ist für Schlachthof:
14:44 13.06.2010
Von Simon Ziegler
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Wietze

Die Wietzer Turnhalle platzt um 18 Uhr fast aus allen Nähten, die Sitzplätze sind längst besetzt, viele Besucher müssen die dreistündige Veranstaltung im Stehen verfolgen. Die Ansiedlung der Emsland Frischgeflügel GmbH, die einen Geflügelschlachthof errichten will, brennt der Bevölkerung auf den Nägeln. Zu der Veranstaltung hatte die Gemeinde eingeladen, neben Bürgermeister Wolfgang Klußmann und Landrat Klaus Wiswe informierten Firmenchef Franz-Josef Rothkötter, Experten der Geflügelwirtschaft sowie die beteiligten Planungsbüros über den Stand der Dinge.

Die Verhinderung der Ansiedlung sei ein historischer Fehler für Wietze und die Region, sagte Klußmann. Was er meint, ist klar: Arbeitsplätze, die Verbesserung der Einnahmesituation durch Einkommens- und Gewerbesteuer, die Perspektiven, um endlich wieder handlungsfähig zu werden.

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Markus Honnigfort, Bürgermeister in Haren/Ems, wo das Unternehmen seinen Stammsitz hat, berichtete von seinen Erfahrungen seit der Gründung des Schlachthofes 2003 – und schüttete Wasser auf die Mühlen der Befürworter. Es gebe keine Beschwerden aus der Bevölkerung oder der Lokalpolitik, im Gegenteil, die Arbeitslosigkeit sei auf heute 3,5 Prozent zurückgegangen. Sein Rat: „Fangen Sie den Fisch ein.“

Rothkötter sagte, dass er nur in Wietze plant. „Ich gehe nicht davon aus, dass wir wieder in Alternativen denken müssen.“ Die Betriebseröffnung ist für den 15. März 2011 geplant. Zunächst will er mit 250 sozialversicherungspflichtigen Jobs starten. Zudem bekräftigte er, in Wietze Gewerbesteuern zu zahlen.

Dass nicht alle mit Massentierhaltung und dem Schlachthof einverstanden sind, machten mehr als ein Dutzend Beiträge in der Fragerunde deutlich. Vertreter der „Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft“ kritisierten die „Überschussproduktion bei Masthähnchen“. Bürger in Wietze befürchten vor allem mögliche Geruchs-Emissionen. Auch die Zunahme des Lkw-Verkehrs würde die Lebensqualität beeinträchtigen, so der Tenor. Während die Planer des Schlachthofes die Meinung vertraten, die Geruchsbelästigungen im Griff zu haben, wird es beim Verkehr eine zusätzliche Belastung geben. „Die Ansiedlung hat auch Nachteile, da müssen wir ehrlich sein“, sagte Wiswe. Laut Klußmann würden künftig 70 Lkws mehr als bisher über die B214 fahren.

Trotz der kritischen Töne scheint die Bevölkerung deutlich hinter der Ansiedlung zu stehen, wie der vielfach aufbrandende Applaus für die Pläne von Rothkötter zeigte. Das sei auch wichtig, sagt Wiswe: „Wir brauchen die Akzeptanz der Bevölkerung.“

KOMMENTAR

Es ging am Montag um Details wie Tierschutzverordnungen und EU-Richtlinien, die Zufahrt zum künftigen Schlachtbetrieb der Firma Rothkötter und um den Wasserverbrauch pro Hähnchen. All diese Einzelheiten sind wichtig. Viel wichtiger ist aber, dass jetzt in Wietze ein Stimmungsbarometer vorliegt. Und das fällt recht eindeutig aus: Nach der Informationsveranstaltung weiß jeder, dass die Ansiedlung des Schlachtbetriebs von der Mehrheit in Wietze akzeptiert wird.

Das war spätestens nach der Gründung der „Bürgerinitiative für den Erhalt des Aller-Leine-Tals“ und etlichen Leserbriefen in der CZ gegen den Schlachthof nicht selbstverständlich. Die Diskussion in der Wietzer Turnhalle war wohltuend sachlich, selten polemisch und dabei trotzdem kritisch.

Zu Recht. Denn der Schlachthof wird Wietze verändern wie kein anderes Ereignis der vergangenen Jahre. Der Verkehr wird deutlich zunehmen, es wird Wasser im großen Stil benötigt. Kritiker fürchten auch Auswirkungen auf den Tourismus.

Aber wiegt das die Vorteile auf? Die Perspektiven für mehrere hundert Menschen, die jetzt arbeitslos sind und bald wieder einen Job haben? Die Perspektiven für die Gemeinde Wietze, die seit vielen Jahren eine der ärmsten im Kreis Celle ist? Das Unternehmen Emsland Frischgeflügel ist eine große Chance für die Region. Es gilt, sie zu nutzen.