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Winsen Meißendorfer Josef Bauer jetzt 100 Jahre alt
Celler Land Winsen Meißendorfer Josef Bauer jetzt 100 Jahre alt
11:00 18.08.2019
Von Andreas Babel
Zwischen diesen Fotos liegen mehr als 75 Jahre: Josef Bauer wird am Sonntag, 19. August 2019, 100 Jahre alt. Quelle: cz
Meißendorf

Was dieser Mann erlebt hat, ist schwer vorstellbar, aber wahr. Josef Bauer, in Meißendorf nur „Jupp“ genannt, wird am morgigen Sonntag 100 Jahre alt. Als er sechs Jahre alt war, starb sein Vater. Die Mutter blieb mit fünf Kindern zurück. Als sie einen Witwer mit sieben Kindern heiratete, konnte die Familie nicht mehr so viele Mäuler stopfen. Josef kam als Neunjähriger zu Verwandten auf einen Bauernhof. Der Bauer hatte nur zwei Kinder. Josefs Arbeitskraft war gefragt. „Ich hab‘ dort gelernt, Kühe zu hüten und den Hof in Ordnung zu halten.“ In den 1920er Jahren gab es auf dem Hof keinen Strom. "Wir saßen abends bei der Petroleumlampe zusammen", erzählt er aus dieser Zeit.

Arbeitsgeräte im Rollator immer griffbereit

In dieser Zeit muss der Grundstein gelegt worden sein für seine Lebenseinstellung. Josef Bauer ist nämlich niemand, der auf der faulen Haut liegen kann. Nein, Josef Bauer ist immer in Aktion. Ein Blick in den Korb seines Rollators genügt und wenn man das gepflegte Grundstück am Ende der Zivilisation in Meißendorf sieht, weiß man, dass die Gerätschaften wie Gartenkralle, Schere und Fugenkratzer auch zum Einsatz kommen. Wie er sich sein biblisches Alter erklärt? „Ich habe mein Leben lang viel und tüchtig gearbeitet und das hat mich jung gehalten“, sagt er.

Josef Bauer am 14. August 2019 vor seiner Lieblingsecke auf seinem Grundstück in Meißendorf. In dem Korb seines Rollators liegen Gerätschaften, zu denen er hin und wieder greift, wenn ihn etwas in Haus und Hof stört, eine Gartenkralle, eine Maurerkelle, eine Schere und ein Fugenkratzer. Am Sonntag, 19. August 2019, feiert Josef Bauer seinen 100. Geburtstag. Quelle: Andreas Babel

Sein Beruf rettete ihm das Leben

Nach der Konfirmation ging er in die Lehre. Er wollte Schuhmacher werden, aber bei der ersten Lehrstelle klappte es nicht so richtig, also fing er bei einem anderen Meister an. Mit 19 Jahren wurde er Soldat. Sein Beruf hat ihm dabei sein Leben gerettet. Davon ist er fest überzeugt. Er meldete sich nämlich zur Nachrichtentruppe, die einen Schuhmacher suchte. Gutes Schuhwerk war im Zweiten Weltkrieg überlebenswichtig. Und so musste Bauer nie in einem Schützengraben liegen oder einen Schuss abgeben.

Josef Bauer als Soldat. Quelle: Sammlung Josef Bauer, Repro: Andreas Babel

Über den Krieg erzählt Josef Bauer wenig

Dennoch hat er viele schreckliche Dinge erlebt, vor allem an der Ostfront. Davon hat er erst vor wenigen Jahren auf Nachfrage der Kinder zu erzählen begonnen, aber auch nur sehr spärlich. „Er vergräbt das in sich und macht das mit sich selber aus“, sagt Sohn Udo Bauer. Seinen Spitznamen bekam er beim Militär. "Ich war bei einer rheinischen Kompanie und im Rheinland heißt Josef eben Jupp wie er in Bayern Sepp heißt", erläutert er.

Nur drei Monate in britischer Kriegsgefangenschaft

Der Obergefreite hatte das Glück, mit einem Schiff über die Ostsee nach Schleswig-Holstein zu gelangen. Dort geriet er am 8. Mai 1945 in britische Gefangenschaft. Nach nur drei Monaten wurde er entlassen. Er hatte durch einen Feldpostbrief erfahren, dass seine Familie aus der ehemaligen Heimat Galizien nach Meißendorf hatte fliehen können. Über das Deutsche Rote Kreuz gelang die frühe Familienzusammenführung.

Josef Bauer als Soldat. Quelle: Sammlung Josef Bauer, Repro: Andreas Babel

17 Jahre lang von der Mutter und Geschwistern getrennt

Seine Mutter, den Stiefvater, seine leiblichen Geschwister und seine Stiefgeschwister hatte er seit 1928 nicht mehr gesehen. 17 Jahre später erkannte ihn seine Mutter sofort wieder, als er in Meißendorf auftauchte. Seine Halbschwester Renate lernte er erst hier kennen. Sie wurde erst 1936 geboren. „Vor kurzem habe ich mit ihr telefoniert und ihr zum 83. Geburtstag gratuliert“, erzählt Josef Bauer. Sie ist neben ihm die einzige dieser Generation, die noch am Leben ist.

Lisbeth Bauer als junge Frau. Quelle: Sammlung Josef Bauer, Repro: Andreas Babel

1997 feierte das Paar Goldene Hochzeit

Beim Flanieren in seinem neuen Heimatdorf fiel dem 26-Jährigen eine hübsche Maid ins Auge, deren Familie aus Ostpreußen nach Niedersachsen geflohen war. Im Februar 1947 wurde beim Bauern Thies, Schafstrift, geheiratet. Dort war die Familie untergekommen. Mit Lisbeth, geborene Becker, konnte „Jupp“ 1997 die Goldene Hochzeit feiern. Die resolute Ostpreußin schenkte vier Söhnen das Leben. Nach Lothar 1947 (er starb bereits 2003), Udo (1950) und Klaus (1955) kam Nesthäkchen Detlef 1962 zur Welt.

1947 heirateten Lisbeth und Josef Bauer beim Bauern Thies in Meißendorf, am Schafstrift. Ganz rechts ist Josef Bauers Stiefvater zu sehen. Quelle: Sammlung Josef Bauer, Repro: Andreas Babel

Mutter wandert mit anderen Kindern 1955 aus

Und dann verlor er nach nur zehn Jahren seine leibliche Familie ein zweites Mal: Seine 1889 geborene Mutter, die über 90 wurde, wanderte 1955 mit ihren anderen leiblichen Söhnen und ihrer Tochter nach Kanada aus. Doch Josefs Bauers Stiefbrüder, die auch alles Bauer hießen, weil ihr Vater zufälligerweise auch Bauer hieß, blieben hier in der Gegend.

Josef Bauer am 19. Juni 2019. Der Meißendorfer feiert am 19. August 2019 seinen 100. Geburtstag. Quelle: Carolin Gottschalch

Schwiegertochter kümmert sich rührend

Die drei Söhne kümmern sich noch heute mit ihren Familien rührend um den Senior. „Wer kann sich schon so glücklich schätzen, mit 100 noch im eigenen Haus zu leben?“, fragt Sohn Udo, der in Bergen lebt. Direkt neben seinem Vater lebt Klaus mit seiner Frau Sylvia. Sie ist es, die als „gute Seele“ in Zusammenarbeit mit einem Pflegedienst stets für das Familienoberhaupt da ist. „Ich bade ja so gerne, aber ich komme nicht mehr alleine in die Badewanne. Natürlich habe ich mich erst einmal geschämt, vor meiner Schwiegertochter nackend zu sein, aber das geht ja nicht anders“, sagt Josef Bauer.

Beruflich wieder schnell Fuß gefasst

Beruflich fasste er in Meißendorf wieder schnell Fuß. Er begann bei einem Schuhmacher im Dorf. Doch dort war in den wirtschaftlich schwierigen Zeiten nach dem Krieg zu wenig Arbeit für einen Angestellten, also wurde dieser Vertrag gelöst. „Dann konnte ich beim Engländer auf dem Scheibenhof in Belsen als Schuhmacher anfangen“, erzählt Bauer. Anschließend arbeitete er bei der Bundeswehr als Schuhmacher und als Arbeiter. Bis 1980 hat er dann auch als Sattler gearbeitet. Sein Aufgabenschwerpunkt lag darin, Lkw-Planen zu nähen. Auch als Rentner hat er nie die Hände in den Schoß gelegt. In der heimischen Schuhmacher-Kellerwerkstatt hat er noch viele Jahre lang das Schuhwerk der Familie und der Nachbarn repariert.

Josef Bauer erhält anlässlich seines 25-jährigen Arbeitsjubiläums eine Urkunde aus den Händen des Kommandanten des Truppenübungsplatzes Bergen, Oberst Gaus. Quelle: Sammlung Josef Bauer, Repro: Andreas Babel

Nie ernsthaft krank gewesen

Ernsthaft krank ist er nie gewesen. „Seine Blutwerte sind besser als meine“, meint Sohn Udo. Nur zweimal musste er länger im Krankenhaus liegen. Einmal fiel er von der Leiter, einmal vom Garagendach, als er etwas instandsetzen wollte. „Das war meine eigene Schuld“, ärgert er sich.

Beim Pilzesammeln festgenommen

Doch seine Jungs erinnern ihn auch noch an andere Episoden: wie er zum Beispiel von zwei niederländischen Soldaten beim Pilzesammeln als mutmaßlicher Spion kurzzeitig festgenommen wurde. „Ich war viel im Wald, hab‘ Blaubeeren, Kronsbeeren und Pilze gesammelt. Ich hab‘ immer gedacht: Wenn ich mal sterbe, dann im Wald“, erzählt er und schmunzelt. Dazu wird es nicht kommen, denn außer zu seiner Geburtstagsfeier wird er sein Grundstück nicht verlassen. Auch im Auto durch die Gegend kutschiert zu werden, interessiert ihn nicht. Selbst Auto gefahren ist er nur von 1987 bis 2002.

Mit Goggomobil gegen den Zaun gebrettert

Mit einem anderen Gefährt, das man mit einem Motorrad-Führerschein steuern durfte, seinem Goggomobil, hängt eine andere Episode zusammen. „Ich bin nämlich Skatspieler. Und ich bin gerne zum Preisskat gegangen. Bei einem Turnier hatte ich eine Gans gewonnen und das gefeiert“, erzählt er. Es war Winter und glatt und Josef Bauer lenkte sein Gefährt gegen den heimischen Zaun, wo er sich festfuhr. Seine Söhne wurden davon wach und schleppten den Vater ins Haus. „Den Vogel haben wir am nächsten Tag reingeholt“, sagt Udo Bauer. Angst erwischt zu werden, musste er nicht haben. "Der Dorfpolizist hat selbst gesoffen", sagt er. "Außerdem wohnte der am anderen Ende von Meißendorf", ergänzt Klaus. Und das liegt mal eben fünf Kilometer entfernt.

Das Familienbild mit Josef und Lisbeth Bauer und ihren ältesten drei Söhnen muss 1957 oder 1958 aufgenommen worden sein, schätzt Sohn Klaus, der 1955 geboren wurde. Lothar ist 1947 geboren, Udo 1950. Quelle: Sammlung Josef Bauer, Repro: Andreas Babel

Bis zum Kopf im Sand versunken

Das Haus am Waldesrand bauten Bauers 1961. Einen Riesenschreck bekam Sohn Klaus nach seiner Einschulung 1962. Als er mit seiner Mutter nach Hause kam, ragten vom Vater nur noch ein Arm und der Kopf aus einem Schacht heraus. Die Familie musste lange graben, ehe der Hausherr freigeschaufelt war. Er hatte nicht bedacht, dass der Heidesand schnell nachrutscht und sich so selbst gefangen gesetzt. "Er hätte das lieber konisch ausschachten sollen, dann wäre das nicht passiert", sagt Klaus Bauer.

Auf Busreise Grabmal der Vorfahren angeeignet

1976 unternahm er eine Busreise in seine alte Heimat. Auf dem aufgegebenen Friedhof von Sitaueruwka (bei Lemberg) fand er das gemeinsame gusseiserne Grabmal seines Vaters und seines Großvaters. Durch den Eisernen Vorhang schmuggelte er das Erinnerungsstück nach Meißendorf – im Gepäckfach des Busses. Sein Großvater Daniel (geboren am 20. November 1846) starb am 2. November 1925. Nur wenig später verstarb dessen Sohn, also Josefs Vater Philipp (geboren am 29. Januar 1881), nämlich am 29. Januar 1926. Deshalb sind beide auf dem Grabmal verewigt. Josef Bauers Vorfahren waren im 18. Jahrhundert aus der Gegend des heutigen Rheinland-Pfalz in das ehemalige Galizien ausgewandert. Weil er Deutscher war, wurde er zu beginn des zweiten Weltkrieges verhaftet und saß eine Woche lang im Gefängnis.

Josef Bauer zeigt am 14. August 2019 an seiner Lieblingsecke auf seinem Grundstück in Meißendorf den Grabstein seines Großvaters Daniel Bauer (20.11.1846 bis 2.11.1925) und seines Vaters Philipp Bauer (29.1.1881 bis 29.1.1926), den er 1976 vom aufgegebenen Friedhof seines Geburtsortes Sitaueruwka aus dem damaligen Galizien heimlich mit nach Hause nahm. Quelle: Andreas Babel

Noch heute ein großer Fußball-Fan

Josef Bauer nimmt noch rege Anteil am Zeitgeschehen, auch wenn er sein Grundstück nur noch äußerst selten verlässt. Er ist großer Fußball-Fan. Früher hat er die Lederbälle des SV Meißendorf repariert und war Zuschauer bei allen Spielen seiner Jungs. Heute verfolgt er die Spiele der Bundesligisten im Fernsehen. Als seine Lieblingsclubs nennt er in dieser Reihenfolge Hannover 96, den HSV, Werder Bremen und VfL Wolfsburg - "Die norddeutschen Vereine eben, für die bin ich", meint er. Weitere Hobbys hat Josef Bauer nicht. Musik hört er gerne, vor allem deutsche Schlager.

Josef Bauer war kein begnadeter Tänzer. Seine Frau Lisbeth tanzte aber gerne. Dieses Bild muss Ende der 1980er/Anfang der 1990er Jahre aufgenommen worden sein. Das Paar feierte 1997 das fest der Goldenen Hochzeit. 2001 starb Lisbeth Bauer, geborenen Becker. Quelle: Sammlung Josef Bauer, Repro: Andreas Babel

"Jetzt fang ich wieder neu an"

Vor 18 Jahren starb seine Frau. Seitdem lebt er zwar alleine in dem kleinen Haus, aber ganz allein ist er nie. „Ich habe alle meine sechs Enkelkinder und vier Urenkel gerne um mich“, sagt er: „Jetzt will ich nur noch meinen Geburtstag feiern und dann fang‘ ich wieder neu an.“ Das ist ihm in der Tat zuzutrauen.

Die Winser Sporthalle ist im Kosten- und Zeitplan. Die Fertigstellung ist für Dezember geplant. Auch der Busbahnhof soll dieses Jahr fertig werden.

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