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Winsen Lindhorsts Wolfsangel und die AfD
Celler Land Winsen Lindhorsts Wolfsangel und die AfD
17:07 24.05.2019
Von Simon Ziegler
Der Lindhorst-Findling in Schmalhorn: Das Symbol der Wolfsangel wird von Rechtsextremen genutzt. Sie ist aber auch in vielen Familien- und Stadtwappen abgebildet. Verbotslage: schwierig. 
Winsen

Die AfD-Veranstaltung mit Bundestagsfraktionschefin Alice Weidel schlägt in Winsen weiter hohe Wellen. Weidel hatte am vergangenen Freitag im Jann Hinsch Hof vor 300 Bürgern gesprochen. Seitdem sehen sich die Pächter des Landgasthofes im Internet einem Shitstorm ausgesetzt. Kommentatoren hatten erklärt, den Jann Hinsch Hof künftig zu meiden und riefen zum Boykott auf.

Pächter traf Kritik völlig unvorbereitet

Seit 2010 haben Verena und Jürgen Thimm die Immobilie von der Lindhorst-Gruppe gepachtet. Die Betreiber traf die Kritik völlig unvorbereitet. Die AfD habe im Jann Hinsch Hof angefragt, ob sie einen Saal mieten könne, berichtet Verena Thimm. Für die Gastronomin kam ein Nein nicht infrage. „Wir haben schon mit vielen demokratischen Parteien Veranstaltungen durchgeführt. Wir sind unparteiisch und neutral“, sagt sie. „Unsere Tür stand bisher jedem offen, egal welche Parteiangehörigkeit dahinter steht, egal ob arm oder reich, jung oder alt, ob Migrant oder nicht, ohne Ansehen der Person.“

Alice Weidel: Umstrittener Besuch in Winsen.

Betreiber: "Wir sind keine AfD-Wähler"

Verena Thimm gehen die Boykott-Aufrufe nahe. „Wir haben nicht damit gerechnet, dass wir so angefeindet werden. Wir stellen uns der Kritik. Ob wir noch einmal eine AfD-Veranstaltung hier zulassen, werden wir uns genau überlegen.“ Sie und ihr Mann seien keine AfD-Wähler, betont sie.

Bürgermeister verurteilt Angriffe

Bürgermeister Dirk Oelmann, alles andere als ein Freund der AfD, stellt sich hinter die Betreiber. Kritik an Weidel und ihrer Partei seien völlig in Ordnung, sagt er. Dass die Pächter angegriffen werden, verurteilt er hingegen scharf. „Wie kann es angehen, dass einzelne Demonstranten die Demonstration dazu nutzen, um zum Boykott des Veranstaltungsortes aufzurufen und die Betreiber als Nazi-Unterstützer zu diffamieren und deren Angestellte auf offener Straße oder in Winser Einkaufsmärkten als Nazis anzupöbeln? Für mich ein unfassbares Verhalten gegenüber Menschen, die sich keines Vergehens schuldig gemacht haben“, so Oelmann.

Der Stein des Anstoßes: Ein Findling mit Wolfsangel der Lindhorst-Gruppe sorgt für Empörung. Quelle: David Borghoff

Stein des Anstoßes

Neben der AfD-Veranstaltung im Landhotel gibt es in Winsen ein weiteres Thema, das genauso hitzig diskutiert wird. Es geht um einen Stein, den viele Bürger bisher kaum wahrgenommen haben dürften. Lindhorst hatte den Findling seit 1991 an der Einfahrt zu seinem Privatgelände stehen. Als die Einfahrt vor drei Jahren verlegt wurde, wurde auch der Stein umgesetzt. Auf ihm zu sehen sind der Name Lindhorst – und eine Wolfsangel. Dabei handelt es sich um ein Zeichen, das von Neonazis und Rechtsextremen verwendet wird.

Gedenkstätten-Leiter wirft Lindhorst Instinktlosigkeit vor

Jens-Christian Wagner, Leiter der Gedenkstätte Bergen-Belsen, berichtet, dass sich immer wieder Besucher darüber beschwert hätten, auf dem Weg zur Gedenkstätte an dem Stein vorbeifahren zu müssen. Er wirft dem früheren Firmenchef Jürgen Lindhorst vor, „mindestens politisch und ethisch instinktlos“ gehandelt zu haben. „Seit den 1930er Jahren ist die Wolfsangel ein bekanntes Symbol von Rechtsextremen und Antisemiten, und nicht umsonst wurde die Verwendung des Symbols im politischen Kontext in den 1980er Jahren verboten. Dass der Stein ausgerechnet an der Zufahrtstraße zur Gedenkstätte Bergen-Belsen steht, macht die Sache noch schlimmer“, sagt Wagner. Im Europa-Wahlkampf verwende derzeit auch die NPD auf ihren Plakaten das Symbol der Wolfsangel. Er forderte Lindhorst auf, den Stein, wenn er ihm als Erinnerung an seinen Großvater so wichtig sei, an einen anderen, nicht öffentlichen Ort auf seinem Anwesen zu versetzen.

Alice Weidel sprach vor 300 Gästen im Jann Hinsch Hof - jetzt gibt es Boykottaufrufe. 

Wolfsangel: Verbotslage ist schwierig

Die Wolfsangel ist ein Jagdgerät, das früher zum Fang von Wölfen benutzt wurde. „Sie hat sich in Norddeutschland als Symbol in der Forstwirtschaft durchgesetzt – auf Uniformen von Forstmitarbeitern und auf Grenzsteinen“, sagte Ruben Obenhaus von der "Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus" gegenüber der HAZ. „Das Symbol wurde dann allerdings auch von nationalsozialistischen Kräften benutzt als offizielles Zeichen von Wehrmachtsverbänden.“ Das Symbol im Zusammenhang mit dem Nationalsozialismus oder rechtsextremen Gruppierungen ist verboten. Für Grenzsteine und Stadtwappen gibt es einen Bestandsschutz. So tragen die Wedemark und die Stadt Burgwedel eine Wolfsangel im Wappen.

Lindhorst verweist auf Familientradition

Die CZ hat am Donnerstag Jürgen Lindhorst auf den Stein angesprochen. Er wollte sich nicht äußern. Gegenüber der HAZ hatte er gesagt, dass schon sein Urgroßvater einen Hofstein mit Wolfsangel besessen habe. Er selbst habe einen aufgearbeiteten Findling vor etwa drei Jahren an der Straße platziert – ohne jemanden kränken zu wollen. „Dass das Naziregime sich dieses Symbol zu eigen gemacht hat, ist schlimm, aber für mich nicht relevant, weil ich für mich persönlich gar nichts damit verbinde“, wird Lindhorst zitiert. Er werde den Stein trotz der Kritik stehen lassen, schließlich sei die Wolfsangel auf etlichen Städte- und Familienwappen abgebildet. In einem weiteren Interview kritisierte Lindhorst, dass Wagner nicht das persönliche Gespräch mit ihm gesucht habe. Die Gedenkstätte Bergen-Belsen habe eine andere Leitung verdient.

Fehde zwischen Lindhorst und Wagner

Das ließ Jens-Christian Wagner nicht auf sich sitzen. „Ich bin froh, dass nicht AfD-nahe Großagrarier darüber entscheiden, wer eine Gedenkstätte leitet“, sagte er. Damit spielt er auf einen Besuch von AfD-Rechtsaußen Björn Höcke an. Ihn hatte Lindhorst im vergangenen Jahr im privaten Rahmen nach Schmalhorn eingeladen, weil er sich ein Bild von ihm machen wollte.

Meinung von Maren Schulze

Stilfrage

In den sozialen Medien ist der Meinungsaustausch in vollem Gange – nicht immer in einem sachlichen Stil, der bei einem solchen Thema aber dringend angeraten wäre. Ob Gastwirte der AfD Raum bieten oder dieser Partei einen Aufenthalt in ihrem Lokal verweigern sollten, können nur die Gastronomen entscheiden – schließlich ist es ihr Geschäft, Menschen zu bewirten und ihnen Raum zu geben. Nutzen die Gastronomen dies, um durch abgelehnte Anfragen ihrerseits ein politisches Statement zu setzen, so ist auch dies ihre Sache. Auch wenn ich selbst niemals AfD wählen würde, darf man bei der Debatte nicht vergessen, dass es sich um eine Partei handelt, die im Deutschen Bundestag sitzt. Die Nicht-Auseinandersetzung mit anderen politischen Ansichten ist eine Vogel-Strauß-Taktik, die in der Vergangenheit nicht aufgegangen ist und die sicherlich auch in Zukunft nicht aufgehen wird. Wenn nun der Geschäftsführer der Stiftung Niedersächsischer Gedenkstätten, Jens-Christian Wagner, offen sagt, mit AfD-nahen Leuten „nicht unbedingt reden zu wollen“, dann kann man das aus persönlicher Sicht vielleicht nachvollziehen – professionell ist dies allerdings nicht. Denn genauso, wie es Wagners gutes Recht und seine Aufgabe ist, öffentliche Diskussionen anzustoßen, sollte eine persönliche Auseinandersetzung in einem solchen Fall, wie bei dem „Stein des Anstoßes“ an der Zufahrt zum Lindhorst-Grundstück selbstverständlich sein. Und zwar bevor ein Facebook-Post online ist. Dass sich der Angegriffene, der von sich sagt, dass er keiner Partei angehöre, nach der Veröffentlichung an den Gedenkstätten-Leiter wenden musste, zeugt von keinem guten Stil. Vielleicht wäre der Sache, nämlich, dass auf dem Weg zur Gedenkstätte kein von den Nazis okkupiertes Symbol zu sehen sein soll, mit dem kleinen Dienstweg mehr gedient gewesen.

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