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Winsen "Hier gibt es Kinder ohne Ende"
Celler Land Winsen "Hier gibt es Kinder ohne Ende"
12:12 10.08.2018
Von Christoph Zimmer
Reinhard Merk verbringt den sonnigen Morgen mit Enkelin Mia auf dem Spielplatz am Feuerwehrhaus. Quelle: Christoph Zimmer
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Thören

Morgens halb zehn in Thören greift Dieter Rothe zum Telefon und ruft bei der Celleschen Zeitung an. Ob der Reporter, mit dem er gerade am Gartenzaun seines Einfamilienhauses gesprochen habe, tatsächlich in der Redaktion arbeite, will der 78 Jahre alte Mann wissen. Als die Frau am anderen Ende der Leitung das bestätigt, verabschiedet er sich und legt erleichtert auf. Es war also doch kein falscher Reporter mit schlechten Absichten.

Kurz zuvor hatte Rothe von der Nachbarschaft in dem kleinen Ort am Südrand der Heide geschwärmt. „Wenn man Hilfe braucht, ist immer einer da“, sagt der Rentner. Dass die Nachbarn auch aufeinander aufpassen und misstrauisch werden, wenn ihnen etwas komisch vorkommt oder sie einen nicht kennen, sagt er nicht. Aber der Anruf in der Redaktion macht das deutlich. Hier hat jeder ein Auge auf den anderen. Hier wird Nachbarschaft gelebt.

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Gemeinsam mit seiner Frau Renate (77) ist Dieter Rothe im Jahr 1969 von Hannover nach Thören gezogen. „Wir haben hier ein Haus gebaut. Damals hat der Quadratmeter nur sechs Mark gekostet“, erinnert er sich. Seitdem sind sie in dem rund 730 Einwohner zählenden Ort in der Gemeinde Winsen, wo von 1941 bis 1964 insgesamt 345.278 Tonnen an Erdöl gefördert wurden, zu Hause. Oder in der Welt. Mit ihrem Wohnwagen haben sie ganz Europa bereist. „Zwischen dem Südkap und dem Nordkap waren wir schon überall“, sagt er. Inzwischen sind sie nur noch in Deutschland unterwegs, vor allem in Thermen. „Die Masseure und Saunameister kennen uns schon“, sagt er mit einem Lächeln und widmet sich wieder dem Garten. Beziehungsweise dem Telefon, wie sich später herausstellt.

Ein paar Schritte weiter ist Reinhard Merk mit seiner fünfzehn Monate alten Enkeltochter auf dem Spielplatz am Feuerwehrhaus. „Wir genießen den Sommermorgen. In der nächsten Woche kommt Mia in den Kindergarten nach Winsen“, sagt der gelernte Mechaniker. Eine eigene Kita gibt es in Thören oder Bannetze, dem Nachbarort, nicht mehr. „Dabei gibt es hier Kinder ohne Ende“, sagt Merk.

Merk hat sein ganzes Leben in Thören verbracht. Abgesehen von den Auslandsaufenthalten in Südostasien oder Afrika, wo er für die Itag im Bohrgeschäft arbeitete. „Mich hat es nie weggezogen. Hier geht man aus dem Haus und ist in der Natur. Was will man mehr?“, sagt der 66 Jahre alte Mann. Das gilt auch für seine Vorfahren. „Nachweislich bis ins Jahr 1725 gehen die Wurzeln unserer Familie in Thören zurück“, sagt Merk. Das hat sein Onkel bei einer intensiven Recherche im Archiv in Hannover herausgefunden, weil das Kirchenbüro in Winsen im Jahr 1945 von einer Bombe zerstört worden war – inklusive der Unterlagen im Tresor. Zwei seiner drei Kinder wohnen auch in Thören. Neben seiner Tochter, der Mutter von Mia, auch sein Sohn Eike, der Ortsbrandmeister der Freiwilligen Feuerwehr.

Angelika Mußmann kommt am anderen Ende des Ortes mit Lilly, einer Mischlingshündin, gerade von der morgendlichen Allerrunde. „Hier gibt es echte Freundschaften. Wir halten alle gut zusammen“, sagt die 73 Jahre alte gelernte Verkäuferin. Das gelte auch für die vielen Familien mit ihren Kindern. „Beim diesjährigen Schützenfest habe ich einige von ihnen kennengelernt“, sagt Mußmann. „Sie schätzen die Ruhe und die Idylle hier“, sagt sie. Das gilt auch für ihre beiden Söhne, es sind Zwillinge, die inzwischen hier gebaut und ihr Glück direkt vor der Haustür gefunden haben.

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