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Hintergrund Barrierefreiheit im Fokus
Mehr Hintergrund Barrierefreiheit im Fokus
16:48 20.09.2018
Hannelore Walke und Werner Gläser testen die unterschiedlichen Bodenindikatoren. Quelle: Lothar H. Bluhm
Celle

Eigentlich war die Fußgängerquerung am Kreisel Neumarkt mit Zebrastreifen, abgesenkten Bordsteinen und Bodenindikatoren ein Musterbeispiel positiver Zusammenarbeit. – Eigentlich … Schade nur, dass ein Gitterzaun jetzt die Verkehrsströme der Fußgänger stoppt und der benachbarte Überweg weder barrierefrei ist noch irgendwelche Zusatzeinrichtungen für Sehbehinderte aufweist. „Es fehlt blindengerechte Zusatztechnik, wie akustische Signale oder Vibration am Anforderungstaster“, sagt Werner Gläser, Mitglied des Expertenkreises der Bundesfachstelle für Barrierefreiheit. „Die ursprünglichen Kreiselpläne haben wir befürwortet“, denn Grundlage sei die barrierefreie Gestaltung des Kreisverkehrs gewesen, um auch für behinderte Menschen sichere Mobilität und Teilhabe zu gewährleisten. „Die Pläne enthielten zudem die vom Deutschen Verkehrssicherheitsrat für Kreisverkehre beschlossenen Zebrastreifen und damit die notwendige Voraussetzung für unsere positiven Stellungnahmen“, begründet Gläser sein Votum. Gleichzeitig verheimlicht er seine Enttäuschung über die bauliche Entwicklung des Verkehrsknotenpunktes nicht.

Jetzt zeigt Gläser auf dem Großen Plan Hannelore Walke aus Celle, worauf es bei der Barrierefreiheit für Sehbehinderte und Blinde ankommt. Ein Beispiel sind die in die Pflasterungen eingelassenen Rippen- und Noppensteine als ganz wichtige Orientierungsmöglichkeiten.

Der Sozialverband Deutschland (SoVD) will die vollständige gleichberechtigte Teilhabe aller Menschen in der gesamten Gesellschaft entscheidend voranbringen. In ganz Niedersachsen werden daher zurzeit Aktionen unterschiedlichster Art, Größe und Form zur Kampagne durchgeführt.

Für den SoVD ist die gleichberechtigte Teilhabe von behinderten Männern, Frauen und Kindern in allen Lebensbereichen und auf allen gesellschaftlichen Ebenen unverrückbare Zielsetzung und der Einsatz hierfür ständige Aufgabe. „Mit dieser landesweiten Kampagne setzen wir uns dafür ein, dass Menschen mit Behinderung zukünftig weniger behindert werden“, sagt der Vorsitzende des Celler SoVD-Kreisverbandes, Achim Spitzlei. „Wir möchten erfahren, was große und kleine Menschen in Stadt und Landkreis Celle für Erfahrungen gesammelt haben. Was läuft gut? Was läuft schlecht? Lassen Sie uns an schönen und nicht so schönen gemeinsamen Momenten, Bildern, Aktionen teilhaben.“

Die Vorgaben der UN-Behindertenrechtskonvention müssten verbindlich umgesetzt werden. Die Politik wird ihrer staatlichen Verpflichtung zur Verwirklichung der Menschenrechte behinderter Menschen für das Land jedoch bisher nicht gerecht. Es mangelt sowohl an konkreten Zielen als auch an einer zielführenden Maßnahmenplanung. Wegen genereller Finanzierungsvorbehalte drohe eine „Gewährung von Menschenrechten für behinderte Menschen nach Kassenlage“.

Zugeparkte oder fehlende Behindertenparkplätze, Hürden im öffentlichen Personennahverkehr und Barrieren beim Zugang zu Gebäuden sowie Kultur- und Sportveranstaltungen und die immer noch mangelhafte Inklusion in Schule und Arbeitswelt sind für Jürgen Groth wesentliche Punkte, die schnell geändert werden müssen: Nach Meinung des Botschafters der Kampagne „Ich bin nicht behindert. Ich werde behindert“ des SoVD in Niedersachsen muss dafür gesorgt werden, dass alle Menschen überall dabei sein können, „egal, ob mit oder ohne Behinderung: In der Schule, am Arbeitsplatz, im Wohnviertel, in der Freizeit – erst dann ist es gelungene Inklusion.“

Mit seiner landesweiten Kampagne will der Verband darauf aufmerksam machen, dass alle Menschen gleichberechtigt am gesellschaftlichen Leben teilhaben können. Deshalb stehen Themen wie Inklusion und Barrierefreiheit ganz oben auf der Agenda. Inklusion heiße auch, dass ausreichend Unterstützung und Assistenz vorhanden sein müssen – am Arbeitsplatz oder durch Helfer in der Schule. „Es stellt sich die Frage nach gesellschaftlichen Zielen und der Bereitschaft, etwas zu verändern. Unser Ziel ist eine umfassende Barrierefreiheit und die vollständige Teilhabe in allen gesellschaftlichen Bereichen“, betont Groth. Für eine inklusive Schule fehle es dringend an personeller und finanzieller Unterstützung, „und das, obwohl nachweislich genug Geld da ist, denn der Landesrechnungshof kommt in seinem neuesten Bericht zu dem Ergebnis, dass in Niedersachsen im Bereich der Inklusion 400 Millionen Euro effizienter eingesetzt werden könnten“, stellt Groth fest. „Inklusion ist ein Menschenrecht und nicht verhandelbar.“

Das sieht auch Bernd Skoda, Fachberater für Barrierefreiheit beim SoVD, so: „Was mir so Sorge macht, ist, dass man an den Altbestand nicht rangeht.“ Dabei sei auch das nötig. Zudem seien in Celle allenthalben Fugen, Stolperkanten und Werbereiter vor den Läden. Momentan würden Vorschläge für die Überarbeitung der Stadtsatzung für die Innenstadt erarbeitet, dass jeder zu seinem Recht kommen soll. „Natürlich wollen wir auch, dass die Leute ihre Reklame machen oder die Eingänge sichern. Das nützt aber alles nichts, wenn Menschen mit mobilen Einschränkungen die Angebote in der Stadt gar nicht wahrnehmen können. Das sind rund 30 Prozent.“ Dabei müsse man viel mehr in sich gehen, denn wenn ein Drittel der Bevölkerung Gutes von den Maßnahmen hat, sei es auch für den gesunden Menschen komfortabel, wenn er eine barrierefreie Umwelt vorfindet.

Der SoVD in Celle macht sich seit Jahren auch für Barrierefreiheit und deren Umsetzung stark: „In Stadt und Landkreis Celle sowie im öffentlichen Personennahverkehr hat sich schon viel bewegt“, stellt Skoda fest. „Stillstand darf es allerdings nicht geben und viele Barrieren gibt es leider noch immer.“ Es sei bekannt, dass es in einer Stadt wie Celle mit vielen historischen Gebäuden nicht immer einfach ist, die Barrierefreiheit umzusetzen. Der Denkmalschutz mit entsprechenden rechtlichen Grundlagen sei immer zu beachten. Skoda: „Man kann jedoch damit anfangen, dass an der Basis Menschen wachgerüttelt und sensibilisiert werden, einfach einmal hinzuschauen und sich in die Lage zu versetzen wie es ist, wenn man auf Barrierefreiheit angewiesen ist.“

Gleichzeitig mahnt er die Aufarbeitung des Bestandes an: „Da tut sich erkennbar nichts!“ Zwar würden immer viele schöne Worte gefunden, nur das sei alles Schall und Rauch, solange sich nichts sichtbar bewegt. „Insbesondere die Altstadt bereitet uns viel Kummer. Da kann man überhaupt nicht von Barrierefreiheit und Teilhabe sprechen, denn da bewegt sich trotz vielerlei Hinweisen nichts.“ Beste Negativbeispiele seien Schuhstraße und Zöllnerstraße – „… und eigentlich überall“, findet Skoda.

Selbst im öffentlichen Personennahverkehr, den Skoda gelegentlich lobt, gehe es zu langsam voran, wenn man das gesetzlich vorgegebene Ziel der vollständigen Barrierefreiheit zum 1. Januar 2022 noch erreichen will. „Im Entwurf zur Fortschreibung des Nahverkehrsplanes für Celle ist das jedenfalls nicht erkennbar“, so der Experte. „Wo bleiben Antworten auf eine immer älter werdende Gesellschaft?“

Andererseits habe sich die Zusammenarbeit mit Stadt- und Kreisverwaltung verbessert, findet Skoda auch Lob: „Alle Neubaumaßnahmen, Straßen und Kreuzungen werden barrierefrei entsprechend den Standards ausgebaut. Und: Wir werden weitgehend gehört.“ Gerne würde er frühzeitiger in Planungen einbezogen werden: „Alles braucht seine Zeit, alles ist sehr zähflüssig. Aber: Wir kommen weiter!“ Es werde aber zunehmend besser. Beispielsweise Bushaltestellen, die umgebaut werden. Oder Überwege an der Allerbrücke, am Bahnhof, in Hermannsburg, Faßberg, Lachendorf und Winsen.

Für den Geschäftsführer der Lebenshilfe Celle, Clemens Kasper, ist es wichtig, nicht aufzuhören, die Ziele zu formulieren. Aktuell sei man dabei, aus der ehemaligen Erich-Kästner-Schule in Garßen ein inklusives Bildungszentrum zu entwickeln. Natürlich barrierefrei. Dass Inklusion mit Kosten verbunden ist, weiß man – aber beginnen könne man auch kostenlos, denn manchmal müssen einfach nur Barrieren aus den Köpfen raus: „Sprechen wir doch miteinander!“

Inklusion

In allen Bereichen ist Inklusion wichtig. Menschen mit und ohne Beeinträchtigungen müssen gleichberechtigt und ohne Barrieren jeglicher Art am Leben, in der Gesellschaft teilhaben können. Gemeinsam leben, lernen, arbeiten und alt werden muss barrierefrei möglich sein. Immerhin ist das Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen der Vereinten Nationen bereits am 13. Dezember 2006 von der UN-Generalversammlung beschlossen worden und am 3. Mai 2008 in Kraft getreten, in Deutschland am 26. März 2009.

In Niedersachsen leben rund 1,4 Millionen behinderte Menschen. Davon sind fast 800.000 als Schwerbehinderte anerkannt. Verschiedenste Barrieren behindern diese Menschen an der mit Nichtbehinderten gleichberechtigten Teilhabe an der Gesellschaft.

Von Lothar H. Bluhm

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