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Hintergrund Was Sie über die giftigen Raupen wissen müssen
Mehr Hintergrund Was Sie über die giftigen Raupen wissen müssen
11:26 28.06.2019
Von Dagny Siebke
Die Raupen besitzen giftige Brennhaare, die auf der Haut jucken und brennen, wenn Menschen sie berühren. Die allergische Reaktion des Immunsystems könne individuell sehr unterschiedlich ausfallen, erklären die Experten vom Gesundheitsamt des Landkreises.  Quelle: Oliver Knoblich
Celle

Der Klimawandel hilft dem Eichenprozessionsspinner auf die Sprünge: Weil es wärmer wird, breiten sich die kleinen Raupen mit den vielen abstehenden Haaren auch immer mehr im Norden aus. Nachdem Celle im vergangenen Sommer noch davonkam, nehmen die haarigen Schmetterlingslarven drei Kollegen aus dem Grünbetrieb der Stadt Celle gerade voll in Beschlag. Bei 28 Grad Celsius steigen sie im Overall und unter einer Atemschutzmaske mit einer Hebebühne in die Lüfte, um mit einem Asbestsauger bewaffnet gegen die gefährlichen Nester vorzugehen: „Wir entfernen die Nester an Wegen, wo es viel Publikumsverkehr gibt. Wir haben allein am Montag an der Bruchstraße in Altenhagen 50 Nester abgesaugt“, sagt der Celler Baumexperte Heiner Hoppenstedt. „Am Dienstag haben wir noch am Ahnsbecker Weg in Altencelle und am Osterkamp in Lachtehausen auch noch einmal etwa 50 Nester beseitigt. An Feldwegen stellen wir Warnschilder auf.“ Am Donnerstag wurden bereits am Osterbruchweg in Osterloh Nester gesichtet.

"Ganz viele verschiedene haarige Raupen an Gehölzen"

Sehr überrascht sei Hoppenstedt nicht, erzählt er: „Ich hatte mich 2018 schon gewundert, dass wir bei der Witterung in Celle keine Eichenprozessionsspinner gefunden haben. Vor zwei Jahren haben wir drei Nester gefunden.“ Froh ist der Baumsachverständige, dass im Stadtzentrum noch keine Eichenprozessionsspinner gesichtet wurden. „Die Kolonne für die Parks geht sensibler mit dem Thema um und guckt mehr nach Nestern“, so Hoppenstedt. Auch Grundstücksbesitzern stehe er mit Rat und Tat zur Seite. Der Experte betont: „Die Celler sollten nicht in Panik ausbrechen. Es gibt ganz viele verschiedene haarige Raupen an Gehölzen. Doch die Prozessionsspinner sind fast ausschließlich an Eichen zu finden.“ Sollten Eichen doch befallen sein, halte Hoppenstedt persönlich nichts von der chemischen Keule. Bereits vor zehn Jahren habe er privat im Wendland Erfahrungen im Kampf gegen die giftigen Schmetterlingsraupen sammeln können. „Dort habe ich eine Woche lang Eichenprozessionsspinner entfernt und weiß seitdem, was man braucht und wie es geht. Man darf die Haare nicht in die Umwelt pusten. Es ist wichtig, dass alle Haare im Sauger bleiben."

An fünf Orten im Landkreis wurde Befall gemeldet

Dem Gesundheitsamt des Landkreises Celle seien derzeit fünf Orte bekannt, an denen der Befall von Eichenprozessionsspinnern gemeldet worden sei, sagt Landkreissprecher Tore Harmening. Neben den vier genannten Orten am Celler Stadtrand soll in Metzingen ein Baum am landkreiseigenen Grillplatz befallen sein. Harmening warnt Celler davor, vorschnell zu handeln: „Sollten Personen ein potenzielles Nest entdecken, sollten sie dieses auf keinen Fall alleine entfernen, sondern immer einen Fachmann zu Rate ziehen. Auskunft dazu kann die jeweilige Gemeinde erteilen.“

Die Raupenhaare des Eichenprozessionsspinners stellten eine akute gesundheitliche Gefährdung für Menschen dar, erläutert Harmening. „Alte Gespinstnester des Eichenprozessionsspinners, ob am Baum haftend oder am Boden liegend, stellen ebenfalls eine anhaltende Gefahrenquelle dar. Da die Raupenhaare eine lange Haltbarkeit besitzen, reichern sie sich über mehrere Jahre in der Umgebung, besonders im Unterholz und im Bodenbewuchs, an. Sie halten sich auch an den Kleidern und Schuhen und lösen bei Berührungen stets neue allergische Reaktionen aus.“

Allergische Reaktion fällt bei jedem anders aus

Die allergische Reaktion des Immunsystems könne individuell sehr unterschiedlich ausfallen, erklären die Experten vom Gesundheitsamt des Landkreises. Bei betroffenen Personen steige die Empfindlichkeit und Reaktionsintensität mit der Anzahl der Einzelkontakte von Eichenprozessionsspinner-Brennhaaren stetig an. „Zu den Symptomen gehören lokale Hautausschläge, die sich in punktuellen Hautrötungen, leichten Schwellungen, starkem Juckreiz und Brennen äußern. Häufig bilden sich Quaddeln am ganzen Körper. Reizungen an Mund und Nasenschleimhaut durch Einatmen der Haare können zu Bronchitis, schmerzhaftem Husten und Asthma führen“, so Harmening. Begleitend träten Allgemeinsymptome wie Schwindel, Fieber, Müdigkeit und Bindehautentzündung auf. In Einzelfällen neigten überempfindliche Personen zu allergischen Schockreaktionen.

Gesundheitsamt: Widerhaken mit Thaumetopoein

„Die Brennhaare der Eichenprozessionsspinner-Raupen haben Widerhaken, sind hohl und enthalten als Brennsubstanz das lösliche Eiweiß Thaumetopoein. Ihre Reizwirkung an Hautstellen und an den Schleimhäuten ist mechanisch, da sie in die Haut eindringen“, erklärt der Landkreis-Sprecher. Zudem wirke das freigesetzte giftige Protein biochemisch. Besonders betroffen seien dünne Hautpartien im Gesicht, am Hals und an der Innenseite der Ellenbogen.

Im Selbstversuch hat Heiner Hoppenstedt schon die Wirkung die Brennhaare der Raupen zu spüren bekommen. „Meine Haut hat drei Tage lang gejuckt“, erzählt der Baumsachverständige. Um sich vor den Spinnern zu schützen, werden die Mitarbeiter des Grünbetriebs noch die ganze Woche unter den Anzügen schwitzen. Da durch den Großeinsatz andere Aufgaben liegen bleiben, überlegt die Stadtverwaltung externe Dienstleister mit dem Absaugen der Eichenprozessionsspinner zu beauftragen. Da die Raupen sich von den Blättern ihrer Wirtsbäume ernähren, sind sie eine Gefahr für Eichen und den Wald. Hoppenstedts Einschätzung: „In Celle ist der Kahlfraß von Eichen noch kein Problem. Erst wenn die Eichenprozessionsspinner jedes Jahr wiederkommen und es immer mehr werden, könnten die Baumschäden größer werden.“

Prozessionen werden bis zu zehn Meter lang

Der unscheinbare Falter ist 25 bis 32 Millimeter groß, nachtaktiv und schwärmt in den Monaten Juli und August, teils bis in den September. Die Weibchen legen ihren Eivorrat - bis zu 200 Stück - innerhalb weniger Tage an ein- bis dreijährigen Zweigen, gerne an der Südseite der Bäume im obersten Kronenbereich. Die Jungraupe überwintert im Ei und kann tiefe Wintertemperaturen bis Minus 29 Grad Celsius überstehen.

Bereits im Herbst entwickeln sich die kleinen Eiräupchen und schlüpfen dann im April bis Anfang Mai. Sie schließen sich kurz nach dem Schlüpfen zu den typischen „Prozessionen“ zusammen, von denen sie auch ihren deutschen Namen bekommen haben. Abends wandern sie so gemeinsam zum Fressen in die Baumkrone. Mit bis zu 30 Tieren nebeneinander können sie 10 Meter lange Prozessionen bilden. In Celle war das größte Nest 20 Mal 20 Zentimeter groß. Die Entwicklung der Raupen umfasst sechs Stadien. Sie sind von Anfang an stark behaart. Ab dem dritten Larvenstadium entwickeln sie die mit Widerhaken versehenen Brennhaare mit dem Nesselgift Thaumetopein und sind dann für Mensch und Tier sehr gefährlich. Am Ende des sechsten Larvenstadiums erreichen die Raupen eine Körperlänge von bis zu vier Zentimeter.
Temperaturabhängig verpuppen sich die Altraupen Mitte bis Ende Juni. Dazu spinnen sie sich in ockerfarbene Kokons und bilden ein sehr großes Gespinstnest. Nach drei bis fünf Wochen schlüpfen die Falter.

Quelle: Schutzgemeinschaft Deutscher Wald

Tipps für den Schutz von Menschen und Haustieren

Bei Auftreten von allergischen Symptomen sollte der behandelnde Arzt oder Hautarzt aufgesucht werden. Der Patient sollte dabei von sich aus auf den Kontakt mit den Raupenhaaren hinweisen.

Zu den Risikogruppen gehören:

• Spaziergänger und Radfahrer im Wald und an Waldrändern

• Besucher von Sportplätzen, Schwimmbädern, Spielplätzen oder Campinganlagen

• direkte Anwohner betroffener Waldgebiete

• Besitzer von Eichen in Gartenanlagen

• spielende Kinder, die Raupen und ihre Nestern berührt haben

• Waldarbeiter und Selbstwerber in befallenen Waldgebieten

• Brennholzabnehmer

• Arbeitskräfte von Landschaftspflegebetrieben und Straßenmeistereien

• auch für Haustiere gefährlich. Wenn sie Brennhaare mit der Nahrung aufnehmen, droht eine Magenschleimhautentzündung.

Als Vorsichtsmaßnahmen werden vom Gesundheitsamt empfohlen:

• Grundsätzlich die Befallsareale meiden

• Raupen und Gespinste nicht berühren

• Bekämpfung wegen gesundheitlicher Belastung und spezieller Arbeitstechnik nur von Fachleuten durchführen lassen

• Empfindliche Hautbereiche wie Nacken, Hals und Unterarme schützen, bei Bekämpfungsmaßnahmen Chemievollschutzanzug und Atemschutz tragen

• Auf Holzernte- oder Pflegemaßnahmen verzichten, solange Raupennester des Eichenprozessionsspinners erkennbar sind

Tipps bei Verdacht eines Gifthaarkontakts:

• Kleidung umgehend im Freien wechseln, Schuhe nass reinigen

• Kleidung bei mindestens 60 Grad waschen

• Sichtbare Raupenhaare mit einem Klebstreifen entfernen

• Gründliche Dusche mit Haarreinigung und Augenspülung mit Wasser

• Betroffene Gegenstände wie das Auto waschen und saugen

• Bei Hautreaktionen sollte der Hausarzt aufgesucht werden, bei Atemnot sofort den Rettungsdienst alarmieren

Quelle: ECARF (Europäische Stiftung für Allergieforschung)

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