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Hintergrund Klingel und 45-Minuten-Takt in Grundschulen abschaffen
Mehr Hintergrund Klingel und 45-Minuten-Takt in Grundschulen abschaffen
14:40 25.06.2010
Von Andreas Babel
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Celle Stadt

Ziel sei es, die Kinder auf die Schule vorzubereiten. 2007 sei damit begonnen worden, im kommenden Jahr soll vorerst Schluss damit sein. Die größte Aktion laufe in der Gemeinde Winsen. Hier sind die beiden dortigen Grundschulen, fünf Kindergärten und vier Spielkreise im Boot. Während gemeinsamer Fortbildungen von Erzieherinnen und Lehrerinnen solle ein gemeinsames Bildungsverständnis erzeugt werden. Soetbeer regte an, sich dort ausführlich umzuschauen und über Erfahrungswerte zu informieren.

Lernen könne man im Allgemeinen, dass im Kindergarten nicht im 45-Minuten-Takt, dafür aber altersübergreifend (also Drei- bis Fünfjährige zusammen) gelernt werde. Soetbeer plädierte als Konsequenz der bisherigen Erfahrungen dafür, „auch in den ersten Jahren der Schule die Klingel und den 45-Minuten-Takt abzuschaffen“. In der so genannten neuen Eingangsstufe sollen Kinder der beiden ersten Schuljahrgänge gemeinsam unterrichtet werden. Jede Schule müsse für sich entscheiden, wie sie verfahren wolle, hieß es.

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Groß war das Interesse beim Fachtag über die frühe Förderung.

Von Andreas Babel

CELLE. Monika Höfgen möchte heute mit ihren fünf Schülern üben, wie sie Silben erkennen können. Dazu hat sie ein Spiel in die Grundschule Altencelle mitgebracht. Die bei der Stiftung Linerhaus angestellte Lehrerin leitet die Fünfer-Fördergruppe. Die Kinder, die hier gefördert werden, sind keine Legastheniker, aber sie haben Schwächen, schaffen es nicht von alleine, auf Klassenniveau zu kommen. Vier von den fünf Kindern haben es zu Beginn der Förderstunde nicht geschafft, zu erkennen, dass das Wort Rosine aus drei Silben besteht.

Mit Hilfe des Brett- und Kartenspiels und mit Hilfe von Körperschwingungen erläutert sie den Erstklässlern, dass in einer Silbe immer ein Pilot, also ein Selbstlaut, vorkommt. Höfgen ist eine von den 24 frisch ausgebildeten Förderkräften, die in den letzten Wochen des beendeten Schuljahres an den Celler Grundschulen die Fördergruppen übernommen haben. Sie leitet drei Gruppen, eine für Kinder mit Problemen beim Rechnen und zwei mit Lese- und Rechtschreibschwächen. „Die Kinder sind wunderbar. Sie machen sehr gerne mit und sind in allen drei Gruppen motiviert“, sagt die Pädagogin.

Höfgen ist wie die anderen Lehrerinnen und Schulsozialarbeiter, die im Rahmen des Projektes „Früh fördern statt spät sitzen bleiben“ an allen 15 Celler Grundschulen jeweils zwei Fördergruppen leiten. Ziel ist es, die Kinder innerhalb der Schule so zu fördern, dass sie den Anschluss an die anderen möglichst bald finden. Wenn man dabei feststellen sollte, dass ein Kind spezielle Förderung benötigt, dann kann entweder an der Schule oder an einem anderen Ort die Hilfe auf lerntherapeutischer Ebene fortgesetzt werden.

Auch Peter Soika und Jörg Cloppenburg, Sozialpädagogen von der Stiftung Linerhaus, leiten Fördergruppen an der Grundschule Vorwerk und der Grund- und Hauptschule Heese-Süd. An letzterer waren Schulleitung und Kollegium nicht über das Projekt informiert, als es dort starten sollte. Als die Lehrer es kennen gelernt hatten, waren sie aber sehr aufgeschlossen, berichten die Sozialpädagogen während des jüngsten Fachtages in der Grundschule Hehlentor.

In einer der Gruppen sind die vier Kinder sehr unterschiedlich weit. Der Sozialpädagoge spannt die Besseren mit ein, um die Schwächeren weiter nach vorne zu bringen. Nach der zehnten Förderstunde merkte er, dass seine Arbeit sich langsam, aber sicher auszahlt. Als Problem sieht der Pädagoge, dass ein 45-Minuten-Termin pro Woche eventuell nicht ausreicht. Denn er hat erfahren, dass viel Zeit für andere Dinge als fürs Lernen verloren geht. So gibt es zum Beispiel Kinder, die Hunger oder Durst haben oder zur Toilette müssen. Er hat für jedes Kind ein kleines Getränk und Kekse dabei. Problematisch sieht er die Situation der Eltern. Die kämen nämlich nicht zu Beratungsgesprächen. So werde er die Erziehungsberechtigten demnächst in ihren Wohnungen aufsuchen müssen.

„Wir machen definitiv keine Therapie“, hob Peter Soika hervor. In seiner grünen Tasche führe er das Brettspiel „Silbenrallye“ und auch das Spiel „Zwergenrallye“ mit, bei der man mit Zahlen jongliere. Die Förderstunde erst in der fünften Unterrichtsstunde durchzuführen, „nachdem sie schon vier Stunden lang ihr Waterloo erlebt haben“, mache aus seiner Sicht keinen Sinn.

Der herkömmliche Förderunterricht an der Grundschule laufe wie bisher – getrennt von dem neuen Projekt – weiter, erläuterte Detlev Soetbeer, Leiter der Hehlentor-Grundschule. Dieser sei immer „Spielball der Unterrichtsversorgung“ gewesen. Aus seiner Sicht müssten diese beiden Arten von Förderunterricht in einem Konzept miteinander verzahnt werden. Das sei optimal nur dann zu realisieren, wenn die an der Schule beschäftigten Lehrer auch den Förderunterricht durchführen.

●Partner: Beim Celler Projekt kooperieren die Stadt Celle, die Volkshochschule Celle, das Projekt Brückenjahr und das Bildungsinstitut „Kreisel“ aus Hamburg.

Im Landkreis Celle und hier vor allem in der Stadt Celle verändert sich die frühe Schulpädagogik seit einigen Jahren rasant. Celle hat an seinen Grundschulen flächendeckend den Ganztagsschulbetrieb eingeführt. Jetzt ist hier das Förderprojekt „Früh fördern statt spät sitzen bleiben ...“ gestartet. Und vom Brückenjahr erwarten Experten, dass offene Lernstrukturen des Kindergartens auch für die Grundschule übernommen werden. Hinzu kommt noch die neue Eingangsstufe in den Grundschulen.

Monika Höfgen versucht auf spielerische Art, diesen Altenceller Erstklässlern die Silben näher zu bringen. Foto: Müller

Besser als jede teure Therapie:

Celler fördern Kinder jetzt früh

Projekt an allen 15 Grundschulen hat erste praktische Erfahrungen gesammelt

„Das kostet

natürlich Geld“

„Die präventiven Gruppenangebote an allen Celler Grundschulen kosten natürlich auch Geld. Sie vermeiden aber spätere Kosten für intensive Einzeltherapien und überwinden Bildungshemmnisse“, sagt Celles Stadtrat Stephan Kassel.

Das System muss funktionieren

„Ein gut funktionierendes Bildungssystem ist wichtiger als die Medizin. Das deutsche funktioniert an vielen Stellen nicht gut für die Kinder“, sagt Dr. Andreas Seidel, der ärztliche Leiter des Sozial-Pädiatrischen Zentrums (SPZ) Celle.

Brauchen ein

Bündnis

„Es muss ein lokales Bildungs-Bündnis geben, das dazu beiträgt, dass die Kinder mit ihren Schwierigkeiten im Schulalltag das Optimum bekommen, um individuelle Wege für sie beschreiten zu können“, sagt Hehlentor-Schulleiter Detlev Soetbeer.

Zwei Jahrhunderte deutsches Bildungssystem unter der Lupe

Vierter pädagogischer

Aufbruch bis 2010 erwartet

CELLE (ab). In einem aufschlussreichen Rückblick auf 200 Jahre Bildungsgeschichte in Deutschland erläuterte Professor Rainer Hoehne, warum das deutsche Bildungssystem heute dort steht, wo es steht. Der emeritierte Hochschullehrer der Leuphana-Universität Lüneburg startete seinen Blick in die Vergangenheit im Jahr 1810.

●Erster pädagogischer Aufbruch: 1810 bis 1870 habe der erste pädagogische Aufbruch in Deutschland stattgefunden. Dieser habe sich erstaunlicherweise nicht im Einklang mit der Staatsform, des

Absolutismus’, befunden. Die

Einführung der allgemei-

nen Schulpflicht kommentierte

Hoehne mit: „Kinder haben ein eigenes Recht auf Bildung.“ Die ersten Kindergärten seien in dieser Zeit gegründet worden. „Das Kind wurde entdeckt.“

1871 bis 1914 wurde im deutschen Kaiserreich auf die preußischen Tugenden gesetzt. Disziplin, Gehorsam, Fleiß und Pünktlichkeit ohne ein Wertesystem zu vermitteln, könne fatal werden. Und das habe man dann im ersten Weltkrieg mit dem Zusammenbruch gesehen.

●Zweiter pädagogischer Auf-bruch: In der Weimarer Republik habe es zwischen 1908 und 1933 den zweiten pädagogischen Aufbruch in Deutschland gegeben. Reformpädagogische Ansätze habe es durch Waldorf, Montessori und durch die „Reformpädagogik gegeben. „Bei letzterer ist vielleicht zu viel Nähe aufgetreten, was heute ein Skandal ist“, sagte Hoehne dazu. In dieser Zeit wurde auch die Kinderheilkunde entdeckt, sagte der Mediziner.

Während der NS-Zeit (1933 bis 1945) habe in der Schule eine nationalsozialistische, völ-kische und gleichschaltende Erziehung stattgefunden. Die Allierten versuchten in den fünf Folgejahren eine Erziehung zur Demokratie zu etablieren. In dieser Zeit hatten die deutschen Pädagogen nicht die Möglichkeit, eigene Ansätze zu entwickeln. Daher habe es in der Zeit von 1949 bis 1968 eine Phase der Restauration, also eine zurückgewandte Aus-richtung der Pädagogik gegeben. Man griff auf die preußische Erziehung zurück, weil man sich in der jungen Bundesrepublik unsicher war. In der DDR wurde die Schule erneut zur Indoktrination genutzt. Hier gab es bis 1989 eine ideologisierte Erziehung zum staatlichen Sozialismus.

●Dritter pädagogischer Aufbruch: Im Westen Deutschlands gab es von 1970 bis 1990 den dritten pädagogischen Aufbruch. Nach dem Motto „Alte Zöpfe abschneiden“ spielten Chancengleichheit und Emanzipation die entscheidenden Rollen. In diese Zeit fällt auch die Einrichtung der ersten Gesamtschulen.

In der Zeit von 1990 bis heute entstehen uneinheitliche reformatorische und restaurative Tendenzen. Hinzu kommt eine Unsicherheit durch die schlechten Ergebnisse bei der Pisa-Studie im Jahr 2000.

●Vierter pädagogischer Aufbruch erhofft: Für die kommenden zehn Jahre hat Hoehne „ein bisschen Hoffnung“, dass ein vierter pädagogischer Aufbruch über die Bühne gehen wird. Vom heutigen mindestens viergliedrigen Schulsystem solle man vom Integrations- zum Inklusionsgedanken kommen, meinte Hoehne. Diesen Begriff verwendet der Hamburger nach den Ideen von Andreas Hinz. Das Integrationsmodell sei veraltet. Hier werde das Kind mit seinen Defekten benannt. Es sei falsch, manche Kinder an seiner negativen Funktion anstelle seiner Ressourcen festzumachen, so Hoehne.

Vom italienischen Schulsystem, das er ein halbes Jahr lang kennengelernt habe, könn-ten wir lernen, dass man von der Grundidee ausgehen solle, alle Kinder dort aufzunehmen, wo sie leben. Hier sei die soziale Abstammung der Kinder in ihrem Lebensumfeld das wesentliche Kriterium und nicht ihre Schwächen.