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Hintergrund Spiel mit Form und Dynamik
Mehr Hintergrund Spiel mit Form und Dynamik
15:58 13.09.2018
Jörg Bach legt letzte Hand an - seine Skulptur "Meeresrauschen" wird heute im Heilpflanzengarten aufgestellt. Quelle: Doris Hennies
Celle

Es ist besondere Form von „Kunst im Dialog“: das Projekt „Celler Skulpturenwochen“ – das die Heitland Foundation in Zusammenarbeit mit der Stadt Celle ins Leben gerufen hat. Das Konzept: Drei renommierte Bildhauer vor Ort, kein Werken im stillen Kämmerlein, sondern ein Schaffensprozess vor aller Augen und die Materialvorgabe Metall. Nach Fertigstellung werden die Skulpturen an drei Standorten im Stadtgebiet installiert und zunächst für ein Jahr der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Vor zwei Wochen begann die Realisierung und die drei, von der Stiftung mit dem Preis „Heitland Honneur“ ausgezeichneten Bildhauer Jörg Bach, Hermann Grüneberg und Herbert Nouwens richteten sich auf dem Gelände des Celler Grünflächenamts ein.

Fragment mit scheinbar
unendlichen Möglichkeiten

„Meeresrauschen“ nennt Jörg Bach
seine Skulptur – das suggeriert als Wort schon Geräusch und Bewegung. Gerade patiniert er die Flächen in mattem Schwarz. Die frontale Grundform erinnert an ein riesiges, schwungvolles Komma-Zeichen – oder eben an eine Welle. Eigentlich wünscht sich Bach, dass unterschiedliche Vorstellungen beim Betrachter entstehen. „Eine gute Plastik muss bei jedem Schritt ein neues Bild bieten. Der Betrachter sollte davon angezogen und inspiriert sein, viele Blickwinkel zu suchen.“

Für die Konstruktion hat der Bildhauer vorgearbeitet. „Aus Zeitgründen verwende ich hier Basiselemente, die ich aus Metallplatten ausgeschnitten habe“. Vor Ort begann der kreative Prozess des An- und Zueinanderfügens. Es ist ein Spiel mit Form und Dynamik in einer Dreidimensionalität, die sich neu ergibt und findet. Eine Entwurfszeichnung gibt es vorab nicht – während des Schaffensprozesses fertigt Bach sogenannte „Frottagen“ – Abdrücke eines Hauptelements auf großen Papierbahnen, aus denen, grob skizziert, weiterentwickelt wird.

„Ich hatte mir vorgestellt, die Skulptur steht später unter einem Baum – deshalb wurde sie eher horizontal, geduckt“. Bachs Werk wird im Heilpflanzengarten seinen Platz finden. Mit seinen wiederkehrenden Elementen gliedert sich „Meeresrauschen“ in Bachs „Neuland“–Serie ein. „Das impliziert Landschaft und Natur. Ich möchte, dass die Skulptur sich einfügt in die Umgebung, in der sie steht, mit ihr korrespondiert.“ Dazu werden die natürliche Veränderung der Oberfläche und die Beschaffenheit des zwar sehr kompakt aussehenden, aber innen hohlen Korpus beitragen.

Filigraner „Leucht“-Turm aus glänzendem stahl

Der niederländische Bildhauer Herbert Nouwens verbindet gerne unterschiedliche Materialien, bevorzugt aber, wie sein Kollege Bach, Metall. Relativ neu hat er für seine Arbeiten den Werkstoff Edelstahl entdeckt. „Die blanke, reflektierende Oberfläche eröffnet eine weite Spielmöglichkeit mit Optik und Umgebung.“ „Der Strom“ heißt seine Skulptur – nicht von ungefähr, denn sie wird am Celler Hafen stehen und sich im Wasser spiegeln.

Bis dahin bleibt noch einiges zu tun. Schweißarbeiten sind angesagt, um die letzten, ebenfalls vorgefertigten Teilstücke – die wie überdimensionale, geknautschte Kaugummipapiere anmuten – auf die „richtige“ Art und Form zusammenzufügen. Die größte Herausforderung wird noch sein, die Skulptur so standfest und sicher zu befestigen, dass sie Wind, Wetter und menschlichem Hang zur Haptik „eisern“ trotzt. Denn Nouwens hat sich für eine filigrane Säulenkonstruktion entschieden, die etliche Meter hoch in den Himmel ragen wird. Vorerst liegt sie horizontal auf Holzträgern und erfordert vom Künstler ein hohes Maß an räumlicher Vorstellungskraft.

„Als ich hier angereist kam, hatte ich die Idee, meine Arbeit über die Treppen am Hafen zu verteilen, aber das wäre zu schade, denn der Raum dort sollte für die Menschen als Treffpunkt und für Feste und Konzerte nutzbar bleiben.“ Deshalb hat er seine Idee noch einmal umgeworfen und einen Turm konstruiert – klar in der groben Form, aber im Detail filigran. „Das ist das Ziel: Etwas Interessantes zu machen, was man immer wieder anschauen mag, weil es nie gleich ist. Licht und Schatten sowie die sich reflektierende Umgebung sorgen dafür, dass die Skulptur lebendig wie das Wasser ist.“ Angedacht ist, die große Stehle später auch nachts zu beleuchten. „Es wäre schön, wenn die Skulptur mit ihrem Standort so verwächst, dass sie einfach dort hin gehört“, wünscht sich Nouwens.

Zwei Engel im Widerstreit mit sich und ihrem Wesen

Zu Schutzengeln werden die beiden beflügelten Figuren von Hermann Grüneberg wohl nicht, aber vielleicht geben „Celler Engel“ ein bisschen himmlische Kraft auf und in das Neue Rathaus der Stadt ab, vor dem sie künftig, umgeben von Wasser, stehen werden. Noch ist von einer durchscheinenden Zartheit mystischer Wesen nicht so viel zu erkennen. Die verspielte Skulptur mit ihren aus-
geschnittenen Metallflächen und wild verzweigten Metallbändern braucht einen zweiten Blick und ein bisschen Erklärungshilfe des Künstlers.

„Es geht nicht um einen religiösen Aspekt, eher um zwei Wesen aus einer Art Zwischenwelt, abgerückt vom alltäglich irdischen – eine Diskrepanz auch in puncto Umgebung und Betrachtung – aber eben deshalb neu-
gierig machend und ansprechend“. Ein Ringen um die Balance zwischen zwei ungleichen Charakteren – der Eine unruhig-impulsiver, unberechenbar, der Andere getragener, in sich ruhend ausgeglichen. Ein Spiegel von Gegensätzlichkeit, Konflikt und Ergänzung – „aber keiner Aggression, diese Auseinandersetzung ist fruchtbar“.

Die Arbeit von Hermann Grüneberg ist die detailreichste der drei Plastiken und wird noch einiges an Arbeit erfordern, denn nach den Schweißarbeiten wird erst durch eine rote Grundierung und weitere Farbauftragung und Bemalung das Werk richtig zu erfassen sein. Die Arbeit mit Metall bedeutet für Grüneberg eine gewisse Herausforderung, der er sich gerne stellt. Eigentlich arbeitet er mit Ton und Keramik – auch in Ergänzung mit weiteren Materialien. „Diese Erfahrung bringt mich voran und erweitert mein Spektrum, dafür bin ich sehr dankbar.“

Von Doris Hennies