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Hintergrund Paläontologie statt Fu und Fara
Mehr Hintergrund Paläontologie statt Fu und Fara
13:41 13.06.2010
Kleine Finger im Sand: Can Martin und Hanna lernen ihre Namen schreiben Quelle: Janine Jakubik
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Celle Stadt

„Bei uns wird sehr auf den natürlichen Wissensdrang der Kinder und Jugendlichen gesetzt. Dazu passt es auch, dass die Schüler morgens eine Stunde Zeitfenster zwischen halb acht und halb neun haben, in dem sie zur Schule kommen können. Bei den Großen machen wir es so: Wer früher da ist, kann sich mit den anderen noch in die Schulküche setzen und frühstücken und sich mit den anderen ein wenig austauschen. Die jüngeren Schüler starten meist direkt mit einem Projekt, dass ihnen im Moment besonders am Herzen liegt“, beschreibt Schulleiterin Yvonne Hänsgen, den etwas anderen Start in den Schultag.

Sind dann alle Schüler da, startet der Schultag: Als erstes steht ein morgendlicher Stuhlkreis an. Dort können Lehrer – oder, wie es in der Freien Aktiven Schule heißt – Begleiter und Schüler den Tag besprechen, festlegen, was erarbeitet werden soll.

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„Wir wollen unsere Schüler nicht darauf trainieren bestimmte Lerninhalte stumpfsinnig einfach nur auswendig zu lernen. Es ist viel wichtiger, dass sie mit auf den Weg bekommen, sich ein Thema selber zu erarbeiten und am ende auch selbstbewusst vor ihrer Jahrgangsstufe zu präsentieren. Das machen auch schon die Kleinsten in der Grundschule so“, beschreibt Hensgen.

So lernen die ABC-Schützen nicht wie ihre Altersgenossen an staatlichen Schulen mit Lesefibel erst MIMI, dann MAMA und danach FU und FARA schreiben, sondern bearbeiten vielleicht ein Forschungsprojekt über Dinosaurier. Dafür müssen sie dann natürlich auch wissen, wie man Ankylosaurier schreibt und ausspricht. Vielleicht auch Tyrannosaurus rex oder Stegosaurier. Auf diese Weise kommen die Kleinen über das Schreiben zum Lesen.

„Wir freuen uns sehr darüber, dass unsere Schüler sehr selbstständig und umfassend interessierter sind. Das hören wir immer wieder auch von Betrieben, in denen sie ihre Praktika absolvieren. Übrigens nicht zu einem bestimmten Zeitpunkt und mit einer festgelegten Dauer, sondern je nach Absprache zwischen Schülern, Begleitern und Betrieb“, erklärt die Schulleiterin, die sich von im Übrigen.

Besonderes Highlight in diesem Jahr: Die ersten vier Schüler haben auf der Freien Aktiven Schule ihren internen Schulabschluss erfolgreich bestanden. „Dazu habe alle vier über ein Jahr hinweg an einem selbst gewählten Projekt geforscht, eine Art Facharbeit dazu geschrieben und das Ganze dann am Ende vor der gesamten Schule, Eltern und selbst eingeladenen Gästen mit einer Power Piont Präsentation vorgestellt“, so Hänsgen.

„Er sprudelt vor Neugier“

„Ich beobachte begeistert, wie sich die Schule mit all ihren Möglichkeiten auf die Lernlust meines Sohnes auswirkt. Er sprudelt vor Neugiert an der Welt und arbeitet oft den ganzen Nachmittag an einem Thema weiter“, so die Mutter Kirsten Albrecht.

„Präsentation Urzeitkrebse“

„Am liebsten forsche ich hier. Im Moment bereite ich eine Präsentation über Urzeitkrebse vor“, so der siebenjährige Grundschüler Sören.

„Auf Bedürfnisse eingehen“

„Als Lehrer genieße ich es sehr, hier individuell auf die Bedürfnisse, Fragen und Interessen meiner Schüler eingehen zu können“, berichtet Naturkundelehrer Andreas Comte.

Interview mit Gino Meske, Schüler des ersten Abschlussjahrgangs

„Wenn man Mathe verstanden hat, macht es echt Spaß“

Jetzt gehörst Du zu dem ersten Jahrgang, der seinen Abschluss in der Freien Aktiven Schule machen kann, Erinnerst Du Dich noch, wie Du hier auf die Schule gekommen bist? Was ist das Besondere an Deinem Schulalltag?

Schon als ich ziemlich klein war, habe ich mich sehr für Musik interessiert. Deshalb haben meine Eltern dann beschlossen mich auf eine Montessori-Schule, zuerst in Langenhagen und dann hier in Celle auf die Freie Aktive Schule zu schicken. Das war schon ein tolles Erlebnis für mich. Da stand ich und meine Interessen im Vordergrund und wurden auch tatsächlich von den Lehrer und Mitschülern ernst genommen. Wenn ich mich beispielsweise fürs das Singen interessiert habe, dann ist jemand zu mir gekommen und hat nicht etwa gesagt, dass ich still sein soll, sondern mich dazu ermuntert, mich dem Thema Musik und Gesang noch umfassender zu widmen. Das ist eigentlich der fundamentale Unterschied.

Das hört sich auf den ersten Blick spannend an. Ein Thema frei bearbeiten, das einem am Herzen liegt. Aber was, wenn Du auch mal Dinge lernen und machen sollst, die Dir keinen Spaß machen? Läuft dass dann auch so locker ab?

Im Prinzip schon. Also bei mir ist es beispielsweise so, dass ich Mathe nicht so sehr gerne mag. Das liegt wohl vor allen Dingen daran, dass ich auch nicht so gut auf dem Gebiet bin und es mir manchmal schwer fällt zu begreifen, wie so eine Aufgabe gelöst werden kann. Trotzdem weiß ich, dass es eben auch dazu gehört, nicht nur die Dinge zu lernen, die mir besonders leicht fallen. Und obwohl sich das jetzt irgendwie schon fast altklug anhört, wenn man das ganze dann irgendwann verstanden hat, dann macht Mathe auch echt wieder Spaß. Beim verstehen hilft mir, dass ich immer auch meine Mitschüler fragen kann. Die verstehen mein Problem und helfen mir dann.

Stimmt es, dass Du hier keine Hausaufgaben auf bekommst? Was machst Du denn so an Nachmittagen, wo Deine Freunde von anderen Schulen noch büffeln müssen?

Das wir keine Hausaufgaben aufbekommen heißt ja nicht, dass ich nach Schulschluss nichts mehr mache. Ich nehme mir schon öfter noch Material oder Bücher auch der Schule mit, mit denen ich dann zu Hause noch ein wenig an meinen Projekten weiterarbeiten kann. Das mache ich aber, weil ich echt Interesse an dem Thema habe und nicht, weil ein Lehrer mich dazu zwingen will, irgendein Buch von Seite 35 bis Seite 67 zu lesen. So etwas kann ich mir mittlerweile gar nicht mehr vorstellen. Und wenn meine Kumpel dann nachmittags noch ganz unglücklich über irgendwelchen Arbeiten sitzen, bin ich ganz ehrlich sehr froh darüber, dass ich hier auf die Schule gehe.

Forschen, Schreiben, Filzen: Hilfe zur Selbsthilfe leisten

CELLE. Was passiert eigentlich, wenn man Kinder, auch die Kleinen, einfach einmal machen lässt, ihnen zusieht und versucht nur dort zu helfen, wo sie Hilfe brauchen, um das umzusetzen, was ihnen in dem Moment besonders wichtig ist?

„Wir arbeiten hier ganz klar nach dem Motto „Hilf mir, es selbst zu tun“ von Maria Montessori. Das bedeutet dann beispielsweise, dass wir einem Kind, das seine Jacke noch nicht alleine anziehen kann, Tricks zeigen, wie es das doch schaffen kann“, erklärt Sandra von Soest, die als Sozialpädagogin im Kinderhaus arbeitet.

Aber natürlich gibt es auch im Kinderhaus Regeln, die eingehalten werden müssen. Beispielsweise, dass nach elf Uhr nicht mehr gegessen wird. Ganz wichtig dabei aber: Den Kindern wird der Sinn der Regel, in Absprache mit den Eltern, erklärt: „Das ist so, weil ihr sonst keinen Hunger mehr auf euer Mittagessen habt und eure Mama oder euer Papa dann ganz umsonst gekocht hätten.“

„Auf diese Weise haben die Kinder die Möglichkeit, den Sinn, der hinter der Regel steht, zu verstehen. Denn ganz oft ist es so, dass Kinder einen Plan haben, beispielsweise ich male jetzt ein Bild, und dieser Plan dann mit dem Plan der Eltern kollidiert, beispielsweise ich will dich jetzt vom Kindergarten abholen. Da muss man sich jedes mal wieder klar machen, dass es nicht selbstverständlich ist, dass der Plan der Erwachsenen wichtiger ist, als der der Kinder“, erklärt von Soest. Deshalb kann es auch passieren, dass ein Kind, das findet, dass es mittlerweile schulreif ist, nach Absprache mit den Eltern und Erziehern, Tage- oder auch stundenweise in die Grundschule hinein schnuppern kann.

Die Orientierung

Die freie Aktive Schule Celle orientiert sich an den Ansätzen Maria Montessoris „Kinder sind eigenständige Persönlichkeiten. Sie sind nicht kleine Erwachsene, vielmehr betrachten sie die Welt von einem ganz anderen Standpunkt aus.“

Das Schulgesetz

Das Niedersächsische Schulgesetz § 139-141 befasst sich mit Schulen freier Trägerschaft. Sie sollen das öffentliche Schulleben ergänzen und einen wichtigen Beitrag zur Wahrung der Vielfalt im Schulwesen leisten.

Kontakt

Freie Aktive Schule Celle

Bremer Weg 188

29223 Celle

Telefon (05141) 2088310

www.freie-aktive-schule.de

Von Janine Jakubik