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Hintergrund Von Sachalin bis Saudi-Arabien: Celler High-Tech im Einsatz
Mehr Hintergrund Von Sachalin bis Saudi-Arabien: Celler High-Tech im Einsatz
14:55 13.06.2010
Technologiezentrum von Baker Hughes: Entwicklungsleiter Johannes Witte. Quelle: Torsten Volkmer
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Celle Stadt

„Q“, der geistige Vater aller James Bond-Gimmicks, würde sich im neuen Baker Hughes-Technologiezentrum sicherlich auf Anhieb wohlfühlen: Rechner summen, Platinen liegen neben filigranen Werkzeugen auf den Tischen, Kabelbäume ragen hinter eingeschalteten Messgeräten hervor.

Im Gegensatz zu den eher kurzlebigen Agentenspielereien entstehen an den Arbeitsplätzen des Celler Erdöl-Service-Spezialisten wesentlich dauerhaftere Konstruktionen, die weltweit über- und untertage bei der Rohstoff-Gewinnung zum Einsatz kommen. Mehr als 250 Mitarbeiter forschen und entwickeln im 25 Millionen Euro teueren und erheblich erweiterten „Drilling Technology Center“ für Richtbohr-, Mess- und Steuerungstechnik. – Ein nicht nur deutschlandweit „einzigartiges“ Kompetenzzentrum, wie Johannes Witte, Entwicklungsleiter bei Baker Hughes, betont.

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Die bis vor kurzem noch über das Unternehmensgelände versprengten Labore sind hier zu einer schlagkräftigen Einheit zusammengefasst: Kurze Wege zwischen den Fachleuten und nachhaltige Ergebnisse verspricht sich die Konzernleitung von dem neuen Vorzeigeobjekt, dessen Ideen weltweit Anwendung finden. Etwa vor der russischen Insel, Sachalin: Um an die riesigen Gas- und Ölreserven zu gelangen, müssten Förderunternehmen von packeis- resistenten Bohrinseln fördern – ein aufwendiges Unterfangen. Baker Hughes entwickelte einen automatisch gesteuerten Bohrkopf, mit dem vom Festland aus in zwölf Kilometer Entfernung gearbeitet werden kann. Seine Komponenten werden künftig auch im Celler Technologiezentrum weiter entwickelt und gewartet.

Celler Spitzentechnologie kommt auch in der Wüste zum Einsatz. Kürzlich konstruierten Baker-Ingenieure für einen Kunden in Saudi-Arabien ein Messgerät, das Teer von flüssigem Öl in Lagerstätten unterscheiden kann. Gerade zwölf Zentimeter beträgt der Durchmesser des „MagTrak“-Systems – einer Art Kernspintomographen für untertage – das mittlerweile erfolgreich eingesetzt wird.

Derartiges Know-how entstehe auch durch eine gute Vernetzung in die Wissenschaft, wie Witte erklärt. So kooperiert Baker Hughes mit zahlreichen Technischen Hochschulen und beteiligt sich an dem interdisziplinären Forschungsverbund „Geothermie und Hochleistungsbohrtechnik“ (gebo). Ein Grund mehr, warum Fachleute internationaler Energiefirmen regelmäßig zu Gast bei Baker Hughes in Celle sind – etwa in einem der neuen Tagungsräume des Technologiezentrums.

Heißer Forschungsschwerpunkt:

Baker Hughes setzt auf Geothermie

CELLE (ef). Im Zuge der Endlichkeitsdebatte um fossile Brennstoffe hat auch Baker Hughes seinen Fokus längst nicht mehr allein auf Erdöl und Erdgas gerichtet: Die Nutzung von Geothermie – Erdwärme – beschäftigt die Energiebranche seit Jahrzehnten: Ruht mit ihr doch ein energetischer Schatz im Untergrund, der nicht nur in nahezu unbegrenzten Mengen, sondern auch, anders als etwa Windkraft, kontinuierlich zur Verfügung steht. Dessen Hebung bereitet den Explorationsunternehmen jedoch einige Schwierigkeiten: „Bei Ölbohrungen haben wir es mit Temperaturen von 150 bis 175 Grad zu tun“, erläutert Johannes Witte, Entwicklungsleiter von Baker Hughes in Celle. Bei der Gewinnung von Geothermie seien die Bohrer einer Hitze von 200 bis 250 Grad ausgesetzt, zudem sorgen die hohen Kosten zur Herstellung der Bohrungen bei der Geothermie-Gewinnung noch immer für eine ungünstige Kostenbilanz. „Neuartige Bohr- und Verrohrungsverfahren“, mit denen sich diese Kosten rapide senken ließen, seien daher ein wesentlicher Forschungsschwerpunkt im neuen Baker Hughes-Technologiezentrum, wie Witte erklärt. Die Geothermie-Projekte, die sich bei dem Celler Unternehmen derzeit in der Machbarkeitsuntersuchung befinden, sollen denn auch geeignet sein, „wesentlich zur Verbreitung der Geothermie in Norddeutschland beizutragen“, wie Witte sagt. – Ein zukunftsweisendes Projekt, das wegen seiner Bedeutung auch von der Landes- und Bundesregierung finanziell gefördert wird.

Geschichte von Baker Hughes in Celle:

1957: George Christensen gründet am 5. August in Celle die Christensen Diamond Products GmbH.

1963: Baker gründet in Celle die Niederlassung von Baker Oil Tools.

1974: Die Christensen Diamond Products GmbH beginnt mit der Entwicklung und Fertigung von komplizierteren mechanischen Untertagewerkzeugen. Außerdem werden neuartige Bohrmeißel mit synthetischen polykristallinen Diamantschneid-platten entwickelt und weltweit erstmals in den Markt eingeführt.

1977–1984: Der weltgrößte Schleifmittelhersteller, Norton, übernimmt die Christensen Diamond Products Company – Norton Christensen entsteht. Das Gebäude für den ersten Navi-Drill-Teststand wird gebaut, die Keimzelle der heutigen Forschungs- und Entwicklungsabteilung.

1986–1990: Norton vereinigt die Firmen Eastman Whipstock und Norton Christensen zu Eastman Christensen. Das Serviceangebot umfasst Bohrplanung und Ausführung von Richt- und Horizontalbohrungen. Diamantmeißel, Untertagemotoren und elektronische Instrumente zur Bohrlochvermessung und Positionsbestimmung werden entwickelt und produziert.

1990: Baker Hughes erwirbt Eastman Christensen von Norton. Celle beginnt in dieser Zeit bereits mit den grundlegenden Arbeiten zu elektronisch gesteuerten, automatischen Richtbohrsystemen.

1992: Baker Hughes erwirbt Teleco, den Marktführer für Messungen, die während des Bohrens durchgeführt werden.

1993–1998: Die großen Ölfirmen entschließen sich, mehr Aufgaben an Servicefirmen abzugeben. Deshalb fasst Baker Hughes fünf Einzelfirmen zu einer neuen Division zusammen. Aus Eastman Teleco, Exlog, Develco, Milpark und Baker Sand Control entsteht im April 1993 Baker Hughes INTEQ. 1998 schließt sich Baker Hughes mit Western Atlas zusammen und vervollständigt damit sein Serviceangebot um die seismische Vorerkundung und die kabelgebundene Vermessung von Bohrlöchern und Lagerstätten. In Celle zieht Baker Oil Tools 1996 nach einer Erweiterung der Verwaltungsbüros, der Fertigungs- und Lagerbereiche auf das Gelände von Baker Hughes INTEQ.

1999–2006: Die Bohrindustrie verändert sich zunehmend. Die verschiedenen Disziplinen verzahnen sich immer mehr: Formationseigenschaften werden immer häufiger schon während des Bohrens gemessen und ausgewertet. In Celle werden Untertage-Messgeräte entwickelt und gefertigt. Baker Hughes INTEQ expandiert weiter. Das Geschäft mit Bohrspülungen wird als eigene Division als „Baker Hughes Drilling Fluids“ ausgegliedert.

2007: 50-jähriges Jubiläum von Baker Hughes in Celle und 100-jähriges Bestehen von Baker Hughes in den USA.

2009: Eröffnung des Drilling Technology Centers in Celle, dem weltweiten Entwicklungszentrum für Richtbohr-, Mess- und Steuerungstechnik im Konzern.

Interview mit Friedhelm Makohl:

„Haben die Stellung von Celle ausgebaut“

Friedhelm Makohl ist Vice President Marketing bei Baker Hughes. Der 57-Jährige ist weltweit zuständig für die Erschließung des Markts für Bohr- und Messsysteme.

Baker Hughes und Celle – was bedeutet diese Kombination für Sie?

Wir sind seit über 50 Jahren hier, wir sind mit Celle verbunden. Celle ist zudem international in der Branche ein Begriff geworden, sowohl durch unsere Kunden als auch durch unsere Mitarbeiter. Außerdem bestehen enge Beziehungen zu den Zulieferern in der Umgebung.

Welche Rolle hat Baker Hughes am Standort Celle im Gesamtkonzern bisher eingenommen?

Schwerpunktmäßig haben wir uns auf die Entwicklung von Bohr- und Steuersystemen konzentriert – seit zehn bis 15 Jahren auch auf Messgeräte, die in Bohrsysteme integriert werden. Durch die Expertise, die hier entwickelt wurde, haben wir die Stellung von Celle deutlich ausgebaut.

Welche Bedeutung hat das neue Technologiezentrum für den Celler Standort?

Zur Zeit sind Marktverschiebungen im Gange: Der Schwerpunkt der Erdöl- und Erdgas-Service-Industrie lag bisher in den USA. Das verlagert sich jetzt mehr in Richtung Russland und Asien. Damit ist Celle näher am Geschehen als Amerika. Aufbauend auf unserer Entwicklungskompetenz versprechen wir uns von diesem geographischen Vorteil einen weiteren Bedeutungszuwachs auch für unsere Entwicklungsaktivitäten.

Fossile Energien wie Gas und Öl sind endlich. Wie hat sich Baker Hughes als „Erd-öl-Service“-Spezialist auf die-se Situation eingestellt?

Erdöl und Erdgas werden auch für die nächsten Jahrzehnte die wichtigste Energiequelle bleiben. Die Hoffnungen ruhen aber auch auf Geothermie. Sie ist die größte vorhandene Energiequelle, die zudem grundlastfähig ist. Allerdings ist an Erdwärme nicht so leicht heranzukommen. Wir sind dabei, Technologien zu entwickeln, um die Kosten pro produzierter Energieeinheit zu reduzieren. Etliche unserer Projekte werden von Bund und Land gefördert, wir sind weltweit führend im Bereich der Geothermie-Technologie-Entwicklung.

Wie wird sich die Konzentration auf den Geothermie-Bereich auf die Arbeitnehmerstruktur auswirken?

Das hängt natürlich vor allem vom Erfolg ab – den wir recht zuversichtlich einschätzen. Es ist gut möglich, dass weitere Ingenieur-Kapazitäten benötigt werden; auch für Facharbeiter ist eine Perspektive da. Wir bilden aber weiterhin auch für den eigenen Bedarf aus.

Aus Chennai

in die Heide

Aus dem indischen Chennai stammt E-Technik-Ingenieur Kumaran Vaiyadurai. Bei Baker Hughes sorgt der 33-Jährige für die Auswertung von Untertage-Daten. Seit über fünf Jahren lebt Vaiyadurai in Celle: „Eine schöne Stadt mit einem interessanten Umfeld.“

Arbeit in Celle

Diplomiert in USA

„Board-Design“ heißt die Aufgabe von Annabelle Sillus. Die E-Technik-Ingenieurin arbeitet an der Entwicklung von Elektronik-Trägern. Auch ihr Diplom schrieb die 26-Jährige bei Baker Hughes: 2002 in der US-Konzernzentrale in Houston.

Kolumbianerin

mag Celler Flair

Als Projekt-Koordinatorin arbeitet Adriana Moreno seit 2008 bei Baker Hughes. Während die Winter der Kolumbianerin ein Graus sind, schätzt die 27-jährige Maschinenbau-Ingenieurin das Flair Celles: „Hier kann ich mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren.“

Von Eike Frenzel