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Mittendrin Faßberger auf dem Jakobsweg
Mehr Mittendrin Faßberger auf dem Jakobsweg
14:26 13.06.2010
MITTENDRIN: Typen – Hans-Georg Weidt - Faßberger auf dem Jakobsweg von Udo Genth - FASSBERG. Hans-Georg Weidt lebt seit nunmehr 43 Jahren in Faßberg. Dort kennt und schätzt man den ehemaligen Soldaten als Theatermann und Handballer. Als Schiedsrichter ist er weit über den Ort, ja sogar über den Landkreis hinaus bekannt. Im Sommer diesen Jahres hat sich der sportliche Katholik einer besonderen Herausforderung gestellt: er pilgerte den Jakobsweg nach Santiago de Compostela. - “Ich bin ausgeglichener geworden“ sagt Hans-Georg Weidt, „ich sehe nun Manches mit weiter gewordenem Blick“. Er sitzt im Wohnzimmer seines Hauses in der Faßberger Schlichternheide und hat den Pilgerpass vor sich. Die vielen Stempel dokumentieren, dass er die gut 800 Kilometer lange Strecke des Jakobsweges nahezu lückenlos gepilgert ist. Den äußeren, letzten Anstoß zu dieser Tour gab das Buch von Harpe Kerkeling. „Ich bin dann mal weg“, heißt der Bestseller, in dem der Entertainer seinen Weg beschreibt. Hans-Georg Weidt hatte schon seit rund zwei Jahrzehnten das Gefühl, noch einmal etwas Außergewöhnliches zu unternehmen und dabei seinen starken Glauben mit einzubringen. Das Verlangen dazu entstand im Jahre 1988, als er während einer schweren Krankheit acht Tage im Koma gelegen hatte. Nun also gab eine in Buchform erschienene Schilderung quasi das Startsignal. Zu Weihnachten 2006 sagte Hans-Georg Weidt seiner Frau, dass er den Jakobsweg beschreiten wolle. Ehefrau Renate war zunächst skeptisch. Als ihr Mann dann ab Januar 2007 mit den Vorbereitungen begann und zweimal in der Woche einen Gepäckmarsch über 25 Kilometer absolvierte, merkte sie, dass er es ernst meinte. - Am 11. Juni diesen Jahres flog Hans-Georg Weidt nach Toulouse, wo ihn Tochter Vanessa erwartete. Sie brachte ihn zum Ausgangspunkt des Jakobsweges in Saint-Jean-Pied-de-Port zu Füßen der französischen Pyrenäen. In diesem Ort startete er. „Mein Rucksack war viel zu schwer, ich ha Quelle: nicht zugewiesen
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Faßberg

“Ich bin ausgeglichener geworden“ sagt Hans-Georg Weidt, „ich sehe nun Manches mit weiter gewordenem Blick“. Er sitzt im Wohnzimmer seines Hauses in der Faßberger Schlichternheide und hat den Pilgerpass vor sich. Die vielen Stempel dokumentieren, dass er die gut 800 Kilometer lange Strecke des Jakobsweges nahezu lückenlos gepilgert ist. Den äußeren, letzten Anstoß zu dieser Tour gab das Buch von Harpe Kerkeling. „Ich bin dann mal weg“, heißt der Bestseller, in dem der Entertainer seinen Weg beschreibt. Hans-Georg Weidt hatte schon seit rund zwei Jahrzehnten das Gefühl, noch einmal etwas Außergewöhnliches zu unternehmen und dabei seinen starken Glauben mit einzubringen. Das Verlangen dazu entstand im Jahre 1988, als er während einer schweren Krankheit acht Tage im Koma gelegen hatte. Nun also gab eine in Buchform erschienene Schilderung quasi das Startsignal. Zu Weihnachten 2006 sagte Hans-Georg Weidt seiner Frau, dass er den Jakobsweg beschreiten wolle. Ehefrau Renate war zunächst skeptisch. Als ihr Mann dann ab Januar 2007 mit den Vorbereitungen begann und zweimal in der Woche einen Gepäckmarsch über 25 Kilometer absolvierte, merkte sie, dass er es ernst meinte.

Am 11. Juni diesen Jahres flog Hans-Georg Weidt nach Toulouse, wo ihn Tochter Vanessa erwartete. Sie brachte ihn zum Ausgangspunkt des Jakobsweges in Saint-Jean-Pied-de-Port zu Füßen der französischen Pyrenäen. In diesem Ort startete er. „Mein Rucksack war viel zu schwer, ich habe dann unterwegs doch einige Sachen weggelassen“, erinnert er sich. Die ersten Etappen ließen sich ganz gut an, das Training zahlte sich offenbar aus. So legte er jeweils 25 bis 29 Kilometer pro Tag zurück. Stellenweise war der Pilgerweg wirklich nur ein schmaler Weg, schotterbedeckt zumeist. „Unterwegs trifft man kaum Gruppen, gelegentlich `mal Ehepaare“, sagt Weidt. Von der zweiten bis fünften Etappe zwischen Roncevalles und Estella begleitet ihn – eher aus sportlichen Gründen -Tochter Vanessa. Ab der sechsten Etappe ist er allein gepilgert. Das tun die meisten Pilger, weil jeder seinen eigenen Laufrhythmus besitzt, der besonders im gebirgigen Teil des Jakobsweges zum Tragen kommt. Allerdings sieht man sich dann oft in den Herbergen wieder, in denen die Pilger übernachten. Dort wird auch der Pilgerpass abgestempelt, der das Zurücklegen des Teilstückes dokumentiert. Die Herbergen sind meist recht einfach gehaltene Unterkünfte mit großen Schlafsälen. „Vom Obdachlosenasyl bis zur gepflegten Pension war alles vertreten“. Gern erinnert sich Weidt an die abendlichen Zusammenkünfte mit anderen Pilgern. Dann wurden Gespräche geführt „mit einer Offenheit, die mich beeindruckt hat“, sagt Weidt. Er ist der Ansicht, diese Art des Meinungsaustausches komme zustande, weil jeder weiß, dass ihm daraus nichts Negatives erwachse.

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Unterwegs war Weidt allein mit seinen Gedanken oder teilweise sogar ganz ohne. „Man kann völlig gedankenlos laufen“, hat er festgestellt, das macht den Kopf frei. Gelegentlich hielt er Rückschau auf seinen bisherigen Lebensverlauf. Geboren wurde Hans-Georg Weidt 1944 in Wertheim am Main. Er lernte Maschinenbauschlosser und Technischer Zeichner. In seiner Heimatstadt fand er die Liebe zum Handball. Seit seinem 12. Lebensjahr spielte er im SV Wertheim, später schoss er sich dem MTV Müden an. Als Zwanzigjähriger war er nämlich in die Luftwaffe eingetreten und 1964 nach Faßberg versetzt worden. Schließlich erwarb Weidt die Trainerlizenz und leitete beim MTV Müden und ASV Faßberg das Training der Jugend- und Frauenmannschaften. Daneben wirkte er als Schiedsrichter. In dieser Aufgabe wurde er über die lokale Ebene hinaus bis zur Oberliga Niedersachsen eingesetzt, Spiele zu leiten. Nach Erreichen der Altersgrenze von 50 Jahren brachte Weidt seine Erfahrungen als Schiedsrichterbeobachter ein. Erst mit dem Ende der laufenden Saison 2006/07 war für ihn diese Tätigkeit ebenfalls abgeschlossen. Neben der aktiven Tätigkeit auf dem Spielfeld wirkte Hans-Georg Weidt in verschiedenen Handball-Verbandsgremien mit und war von 2001 bis zu dessen Auflösung der Vorsitzende des Handballbezirks Lüneburg.

Hatte Weidt die Liebe zum Handball schon in seiner Geburtsstadt gefunden, so trat in Faßberg eine neue Leidenschaft hinzu. Hier spielte er 30 Jahre lang in der Theatergruppe, einer der ältesten im Landkreis. Die letzten 10 Jahre verband er die Schauspielerei mit dem Regieführen, indessen will er sich zukünftig ausschließlich auf die Regie konzentrieren. „Das Theater macht mir nach wie vor viel Freude“.

Hans-Georg Weidt pilgerte unverdrossen den Jakobsweg durch das nördliche Spanien. Zweimal, so räumt er ein, war er nahe daran, aufzugeben. „Da war ich physisch kaputt“, bekennt er. Mit starkem Willen überwand er sich und lief am nächsten Tag dann eine kürzere Strecke. Einmal jedoch schien es, als gebieten gesundheitliche Probleme ein vorzeitiges Ende. „Ich hatte zwei Tage lang eine Entzündung am Fuß“, gibt Weidt in der Rückschau an. „Nichts geht mehr“ habe er damals in sein Tagebuch geschrieben. Ein freundlicher Arzt in Nájera, der sogar ein paar Brocken Deutsch konnte, habe ihn dann behandelt. Kostenlos, hebt Weidt hervor, weil er doch ein Pilger sei. Nach zwei Tagen Ruhe ging`s dann wieder weiter.

Das letzte Mal übernachtete Hans-Georg Weidt in Monte Degoso, fünf Kilometer vor dem Ziel. Am nächsten Tag – es war der 12. Juli – ist er dann morgens „frisch, fromm, fröhlich und frei“ nach Santiago de Compostela gepilgert. Dort habe er zunächst das Pilgerbüro besucht und seine Urkunde bekommen. Da er sich aus religiösen Gründen auf den Jakobsweg begeben hatte, wurde die Urkunde in lateinischer Sprache ausgestellt. Am folgenden Tag ging er in die Kathedrale von Santiago. „Hier lief es wie ein Film ab, ich überdachte nochmals die 800 Kilometer, die ich gepilgert war“, sagt Weidt. Er gibt unumwunden zu, so etwas wie einen „frommen Schauer“ empfunden zu haben, als er nach Pilgerart die Figur des Heiligen Jacob umarmt habe.

Der Rückflug ging von Santiago de Compostela nach Hannover. Damit war Hans-Georg Weidt wieder in heimatlichen Gefilden. Das Leben in Faßberg geht für ihn wie eh und je weiter, aber das Pilgern hat doch Einfluss auf seine Lebensführung: „Ich habe vom Jakobsweg etwas Grundsätzliches mitgenommen“, gibt Weidt an und fährt ernst fort: „In erster Linie habe ich gelernt, das Wesentliche vom Unwesentlichen zu unterscheiden.“

Von Udo Genth