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Mittendrin „In Wienhausen kenn ich jeden Graben, jeden Steg“
Mehr Mittendrin „In Wienhausen kenn ich jeden Graben, jeden Steg“
15:26 13.06.2010
Bernhard Meißner vor dem Kloster. In der Hand hält der Dorfchronist die \\\\\\"Alten Ansichten von Wienhausen\\\\\\". "Wienhausen ist wie ein begehbares Museum." Quelle: nicht zugewiesen
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Wienhausen

Bei seinen Nachforschungen geht der Hobby Historiker mit der Zeit: „Früher habe ich mein Arbeitszimmer mit Lexika ausgelegt, heute gehe ich ins Internet wenn ich erste Informationen benötige.“ Doch auch die Recherche am Computer führt den 65-Jährigen letztlich immer wieder zu den Quellen auf Papier und damit in die Tiefen der Archive. Hier stöbert Meißner nach Namen, Daten, Einträgen, Bemerkungen und Artikeln der Celleschen Zeitung längst vergangener Tage, die nach und nach die Geschichte von Wienhausen erhellen. Dabei konnte Meißner schon so manchen verborgenen Schatz heben.

Sterbeeintrag zum Tod des „Heideherzogs“

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So stieß er 2005 auf den Sterbeeintrag zum Tod des „Heideherzogs“, Georg Wilhelm, der laut Verfasser am 28. August 1705 kurz nach fünf Uhr morgens in seinem Jagdschloss in Wienhausen „sanft und seliglich eingeschlafen“ war; ein markantes Datum da Celle mit dem Hinscheiden des letzten Celler Herzogs seinen Status als Residenzstadt verlor. Kurz vor dem Tod des Regenten des Fürstentums Lüneburg wurde noch notiert, dass er am 9. August gut gegessen habe, am Abend jedoch „einige Ungelegenheiten im Unterleib“ spürte. Details wie diese bringen historische Persönlichkeiten näher. „Man kann gar nicht mehr aufhören zu lesen und will immer mehr wissen“ bekennt sich Meißner zu seinem Jagdinstinkt den er mit den Jahren entwickelt hat.

Durch seine zahlreichen Vorträge in der Region und seine Artikel, unter anderem die „Alten Nachrichten aus Wienhausen“ die 14-tägig im Mitteilungsblatt der Samtgemeinde Flotwedel erscheinen, ist Bernhard Meißner als Chronist in und um Celle bekannt wie ein bunter Hund. Immer wieder erhält er Anrufe von Lesern, die mit Erinnerungen und Hinweisen auf weitere Quellen seine Recherchen ergänzen. Die Anerkennung seiner Arbeit freut ihn; so erhielt Meißner, zum 60. Geburtstag ein Stickbild mit seinem Kürzel „bmw“, das längst für interessante „Neuigkeiten“ aus der Vergangenheit steht.

Eine Quelle die ihm besonders wichtig ist: die Gespräche mit Zeitzeugen, mit der älteren Generation. Bernhard Meißner nutzt diese Chance, ein Wettrennen mit der Zeit, um von Anekdoten oder Ereignissen zu erfahren, die in keinem Geschichtsbuch zu finden sind. „Wenn diese Sachen nicht fest gehalten werden, sind sie für immer weg.“ Zudem erhält er so Unterstützung beim Studium alter Schriften, die oft genug nur mühsam mit Lupe zu entziffern sind und zunächst übersetzt werden müssen. „Manchmal fehlen mir zwei oder drei Wörter, dann bin ich auf die wenigen Leute angewiesen, die die alten Handschriften noch lesen können.“

„Alte Ansichten von Wienhausen“

Spätestens seit die Gemeinde Wienhausen ihn als Autor für den 2002 veröffentlichten Band „Alte Ansichten von Wienhausen“ wählte, gilt Bernhard Meißner als der Fachmann für die Geschichte Wienhausens. Aktuelles Projekt ist eine Chronik, die Meißner gemeinsam mit Ortsbürgermeister Karl-Heinz Pickel zum 100-jährigen Bestehen der Turnerschaft des Dorfes schreibt. Und dann ist da noch ein Schriftstück, das der Auswertung und Veröffentlichung harrt – die Historie der Bauernfamilie Behrens. Das Material gelangte auf unbekanntem Wege von den USA über Dänemark bis nach Celle, wo es schließlich in Meißners fachkundige Hände gelegt wurde. „Die Geschichte der Bauernfamilie Behrens lässt sich bis ins 15. Jahrhundert zurück verfolgen.“ Heute sei der Hof nur noch am großen Scheunentor zu erkennen. Anhand eines Lageplans aus dem Jahr 1945, ein Unikat das er käuflich erwerben konnte, kann Meißner nachvollziehen, wie der Hof in die frühere Bebauung eingebettet war. Der Plan des Maurermeisters Meyer, im Maßstab 1:3000 gefertigt, ist somit eine Möglichkeit, Gebäude alten Adressen zuzuordnen, denn ehemals wurden die Häuser des Ortes durchnummeriert.

In Wienhausen, wo Bernhard Meißner mit seinen drei Brüdern in seinem Elternhaus an der Bahnhofstraße aufgewachsen ist, kennt er „jeden Graben, jeden Steg“. Seit er 2001 im Rahmen des Jubiläums zum 1950-jährigen Bestehen seines Heimatortes auf Bitte des Wienhausener Verkehrsvereins einen Dorfrundgang angeboten hatte, ist diese 90-minütige, mit Anekdoten gewürzte Tour fester Programmpunkt in der Saison von Mai bis Oktober. „Ab diesem Jahr sind wir sogar zu dritt.“ Dabei geht es zur Wassermühle, zu Kloster und Kirche, zum Glocktenturm, zur Breitschlitzblättrigen Roßkastanie, oder zur Propsteibrücke. Die Kerbe in deren Sandsteinbrüstung, erklärt Meißner, sei im Mittelalter entstanden. Damals umgingen Fürsten und Ritter raffiniert das Waffenverbot in der Kirche; die Herren zogen die Klingen durch die Kerbe, um sie symbolisch stumpf zu machen: „Somit konnten sie, wie es hieß, im Kirchenbereich keine Händeleien treiben.“

Arbeiten auf der Trauinsel und im Alten Rathaus

Die Trauinsel war wie das Alte Rathaus vis-à-vis einmal Meißners Arbeitsort. Nach seiner Verwaltungslehre beim Landkreis und dem Wehrdienst war er als Verwaltungsangestellter beim Kreisamt tätig bis er 1970 zur Gemeinde Wienhausen wechselte. Im Jahr darauf erfolgte die Ernennung zum Standesbeamten. Meißner, der selbst stets Junggeselle blieb, tröstete traurige Brautpaare deren schönster Tag im Leben verregnet war, charmant mit der Voraussage, dass Regen ein gutes Omen für eine stets volle Haushaltskasse der Ehefrau sei. Außerdem riet der Standesbeamte den angehenden Eheleuten gern, auf der Brücke die zur Insel mit dem Trauhaus führt, noch einmal durchzuseufzen. „Damit hatte die Brücke den Namen Seufzerbrücke weg.“ Zu Meißners Alltag gehörten auch Einsätze als Vollzugsbeamter, „insgesamt lernte ich die freundliche und die weniger freundliche Seite meines Berufes kennen“.

Obgleich Meißner mittlerweile stellvertretender Direktor der Samtgemeinde Flotwedel und stellvertretender Direktor der Mitgliedsgemeinden Bröckel, Eicklingen, Langlingen und Wienhausen war, wechselte er 1992 beruflich nach Stendal bei Magdeburg. An den Wochenenden blieb er seiner Heimat jedoch treu. „Eigentlich war ich nie wirklich weg aus Wienhausen.“ Mit der Pensionierung 1997 kam die Überlegung, wie die freie Zeit zu füllen sei. Meißner wünschte sich eine Aufgabe, die noch keiner vor ihm übernommen hatte. „Ich begann, mich mit der Geschichte meines Heimatortes zu beschäftigen, von einem Tag auf den anderen.“

Schreiben musste er ohnehin immer – in seinen Ehrenämtern als „Schrift- Presse- und Sozialwart in einer Person“ beim Sportverein oder als Schafferrat – nun wurden es eben Artikel und Betrachtungen, nie ohne sorgfältige Quellenangaben. Meißners „Unruhestand“ ist geprägt von zahlreichen Vortragsterminen. Die waren ebenso wenig abzusehen wie die zahlreichen Funde und Entdeckungen in den Archiven. Als Bernhard Meißner sich erbot, eine Damengruppe zum Treffen in ein Café bei Gifhorn zu fahren, wollte er eigentlich bis zur Rückfahrt spazieren gehen, stattdessen wurde er an die Kaffeetafel gebeten, las zwei Geschichten vor, „und daraus wurde immer mehr“. Jetzt referiert er über die Entstehung des Landes Niedersachsen oder das Wirken des Herzog Ernst der Bekenner im Celler Raum. Und sein persönlicher Lieblingsplatz in Wienhausen? „Der Mühlenkolk, wegen des schönen Ausblicks.“

Lebenslauf

✐1945 geboren in Celle als

Sohn von Martha Meißner,

geborene Brennecke, und

dem Oberbohrmeister

Otto Meißner

✐1963–1965 Verwaltungs-

lehre beim Landkreis Celle

✐1970 Verwaltungs-

angestellter

✐1971 Ernennung zum

Standesbeamten

✐1978 Berufung in das

Beamtenverhältnis

✐1991 Stellvertretender

Direktor der

Samtgemeinde Flotwedel

✐1992 Beruflicher Wechsel

nach Stendal

✐1997 Pensionierung

✐2001 erster Dorfrundgang

✐2002 Veröffentlichung „Alte

Ansichten von Wienhausen“

Von Margitta True