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Mittendrin Romantik oder Kitsch: An Liebesschlössern scheiden sich in Celle die Geister
Mehr Mittendrin Romantik oder Kitsch: An Liebesschlössern scheiden sich in Celle die Geister
16:02 21.07.2016
Hier steht eine Bildunterschrift Quelle: Jonas Peisker (5)
Celle Stadt

Bevorzugt an Brückengeländern werden Schlösser als Symbol der gegenseitigen Verbundenheit angebracht. Dazu nehme man ein handelsübliches Vorhängeschloss und versehe es mit einer meist wenig einfallsreichen Gravur. Thomas Dierich von „Mister Minit“ weiß: „Seit drei bis vier Jahren besteht eine konstante Nachfrage nach Gravuren für Liebesschlösser. Das Motiv ist immer das gleiche: die Namen mal mit, mal ohne Herz.“ Nachdem das Schloss angebracht ist, wirft das Paar gemeinsam den Schlüssel in den Fluss. Damit verbindet sich die Hoffnung, dass sowohl Schloss als auch Beziehung Bestand in alle Ewigkeit haben.

Auch die Zahl der Liebesschlösser an der Brücke über den Stadtgraben, die zum Französischen Garten führt, nimmt stetig zu. Dabei handelt es sich, je nach Geschmack, um eine romantische Geste oder deplatzierten Kitsch. Über Geschmack lässt sich bekanntlich trefflich streiten. Die Stadt Celle als überparteiliche Instanz in Stilfragen schlägt sich unterdessen auf die Seite der Liebenden. „Der Stadtverwaltung gefällt die Brücke viel zu gut, als dass sie einschreiten würde“, so Wolfgang Fischer, Pressesprecher der Stadt Celle.

Kritisch wird es, wenn mit der Zahl der Schlösser deren Gewicht zunimmt. Die Statik der Brücken und Geländer ist für eine solch dauerhaft hohe Belastung nicht ausgelegt. Dieser Punkt ist am Stadtgraben nach Aussage von Fischer noch nicht erreicht: „Die Brückenkonstruktion wird das aushalten. Gefährlich werden könnten dem Geländer indes Kratzer in der Beschichtung, in denen es zu rosten beginnen kann.“ Berechnungen des Autors zufolge beträgt das Gewicht der rund 1500 Schlösser momentan etwa 450 Kilogramm. Die Argumente der Kritiker scheinen damit zumindest in dieser Hinsicht entkräftigt.

Was jedoch wenn eine Beziehung trotz fachmännischer Absicherung durch Liebesschloss in die Brüche geht? Die wenigsten Paare bleiben wirklich dauerhaft zusammen. Dann stellt sich die praktische Frage: Was tun mit dem Liebesschloss? Der Schlüssel ist weg, das ist also keine Option. Die wenigsten dürften dem Schloss in aller Öffentlichkeit mit einem Bolzenschneider zu Leibe rücken. Und doch ist ein Symbol der gegenseitigen Liebe das genaue Gegenteil von dem, was gefragt ist nach einer schmerzhaften Trennung.

Auch die Symbolik selbst wird kontrovers diskutiert. Sollte man in der Liebe sein Herz anderen nicht lieber öffnen, anstatt es zu verschließen? Muss eine Beziehung wirklich zerstört werden, um sie zu beenden? Diese Fragen stellte sich auch die Aktionskünstlerin Mey Lean Kronemann, die Liebesschlösser mittels Dietrich zerstörungsfrei öffnete und neu anordnete. Ziel dieses „Urban Hackings“ war es, gesellschaftliche Konventionen zu hinterfragen. Ihre Bilanz: „Aus irgendeinem Grund scheinen Paare besonders billige Schlösser zu verwenden, um ihre ewig währende Liebe zu demonstrieren.“ Dann doch lieber die Liebesbeweise in die Rinde eines Baumes schnitzen. Da sind sie sicher.

Von Jonas Peisker