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Mittendrin Vom „Ölmuckel“ zum „Schreibtischtäter“
Mehr Mittendrin Vom „Ölmuckel“ zum „Schreibtischtäter“
13:35 13.06.2010
"Schreibtischtäter" Rolf Wolter vor seiner Vitrine mit Mineralien und seiner Lampen-Sammlung Quelle: Torsten Volkmer
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Celle Stadt

Große, kräftige farbenfrohe Blumengemälde seiner Frau und die Altenceller Gertrudenkirche als braun-weiße Kreidezeichnung von ihm selbst. Kreide, Sepiatusche und Aquarellfarben seien seine Stärken gewesen, aber jetzt male er nicht mehr. „Dafür braucht es bei mir immer Antrieb“, begründet er, warum er jetzt lieber recherchiert und schreibt. Schreibtischtäter eben. Stadt- und Heimatgeschichte, aber auch die alte Geschichte sowie Archäologie seien jetzt seine Felder, auf denen er sich bewegt. Dabei hat er schon viele Felder beschritten und vermessen. Ölfelder, Bergwerke und Straßentrassen.

Familie seit Generationen

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im Bergbau tätig

In der dritten Generation hat er den Bergbau für sich entdeckt. Nach seinem Großvater Wilhelm Wolter und seinem Vater, dem Bergmann Fritz Wolter. Es sei um 1906 gewesen, dass in Wietze rund 90 Prozent des deutschen Erdöls gefördert wurden. 30 Firmen seien an der Förderung beteiligt gewesen und mussten ihr Kapital bündeln, um gegen die amerikanische Konkurrenz Rockefellers mithalten zu können. Als Bergvermessungslehrling hat er nach der mittleren Reife in der damaligen Knaben- und Mädchenmittelschule Am Heiligen Kreuz bei der DEA in Wietze eine Ausbildung begonnen. Eine Lehr- und Praxiszeit, die ihn geprägt hat. Ölmuckel, Wagenschlepper, Bandbediener, Streckenreparateur, Bohrarbeiter als Lochmann und Pumpenzieher: Insgesamt Tätigkeiten, die viel körperlichen Einsatz von dem jungen Mann erforderten. „Ich habe den Ölschacht sehr genau kennen gelernt“, erinnert sich der Rentner.

„Das war reine Handarbeit, dreckige, schmierige Arbeit“, schildert Wolter die Zeit, in der er in der Pumpenziehkolonne und auf dem Bohrturm gearbeitet hat. „Wie die Ägypter ihre Pyramiden bauten, haben wir Bohrarbeiter den Bohrturm versetzt.“ Auf Rollen wurde das Stahlgerüst im Ölfeld Thören rund 350 Meter verschoben, damit die „Bohrung 79“ in 1300 Meter Tiefe fündig werden konnte. Der sieben Kilometer lange Weg zur Schicht wurde täglich mit dem Fahrrad bewältigt.

„Als Kinder waren

wir Glücksritter“

Hier kannte er sich aus, denn schon als Junge hat er die letzten Kriegsjahre miterlebt und gelegentlich beobachtet, wie Abfangjäger feindliche Bomber zum Absturz brachten. Das sei oft im Wieckenberger Bruch gewesen. Dann hieß es, schnell aufs Fahrrad und schauen, was es dort gab. „Wenn wir Glück hatten, konnten wir die Zentimeter dicken Gummi-Kerosintanks bergen und nach Hause bringen.“ Daraus wurden anschließend Sohlen für Sandalen geschnitten. „Da waren wir echte Glücksritter…“

Wie er ohnehin immer optimistisch war: Er durfte als einziges von insgesamt vier Kindern in die Mittelschule nach Celle pendeln. Fahrtkosten und Schulgeld belasteten die Familie erheblich. Er war oft sicher, dass von den feindlichen Flugzeugstaffeln keine direkte Gefahr für die Wietzer Bevölkerung ausging. Er packte nach seiner Ausbildung als Bergvermessungstechniker das nebenberufliche Studium an, zu dem er regelmäßig nach Clausthal fahren musste. „Drei Tage Arbeit, drei Tage Studium: 22 Unterrichtsstunden in drei Tagen.“ Fünf Semester studierte er damals, bevor er 1958 als 26-Jähriger sein Vermessungssteigerexamen machte. Kurz danach heiratete er.

Von Optimismus und Flexibilität waren auch die Überlegungen geprägt, von Wietze in den Harz zu wechseln, um dort neue Aufgaben und Verantwortung zu übernehmen. Hier konnte er bald als amtlich bestellter Markscheider wirken und die Bergwerke seiner Firma vermessen und kartenmäßig festhalten: „Der Markscheider ist für den Inhalt des Risswerkes verantwortlich“, skizziert Wolter seine damalige Tätigkeit.

Mit seinem Wechsel in das Straßenbauamt Celle, wo er die Leitung der Entwurfsabteilung für Straßenplanungen übernahm und dann auch für die Trassierung der Ortsumgehung um Celle zuständig war, hatte er sich zwar zunächst aus der Bergbau-Szene verabschiedet, blieb ihr aber weiterhin eng verbunden.

Begehrt als „Mann

der frühen Stunde“

Besonders nach seiner Pensionierung konnte er als „Öl-Saurier“ oder „Mann der frühen Stunde“ im Deutschen Erdölmuseum Wietze authentisch berichten und fachkundig Führungen anbieten. „Naja, und dann war ich auch als Vermesser gefragt, denn ein Kabelplan musste erstellt, Absteckungen der Neubauten vorgenommen und die Trassierung für die Museumseisenbahn mit der Dicken Berta eingemessen werden.“ In Diavorträgen thematisierte er die Entwicklung von der Teerkuhle zum Ölschacht und entwickelte einen Rundwanderweg in Wietze: „Auf den Spuren des Öls“. Außerdem arbeitete Wolter eine 20 Kilometer lange industriehistorische Radtour aus, bei der das Thema vertieft werden kann. Die Auswirkungen des Erdöls auf die Siedlungsgeschichte beschäftigten Rolf Wolter weiterhin. „Ich wünsche mir für das Erdölmuseum, dass immer so 20000 und mehr Besucher pro Jahr kommen“, dann sei der Bestand des Hauses wohl gesichert. Dann könnten auch Schriften und Broschüren, wie „Wietze und die weite Welt. Aspekte der Wirtschafts- und Sozialgeschichte“ oder „Kali in Steinförde – Werdegang des ehemaligen Kalisalzbergwerkes Steinförde“ sowie „Werdegang des Erdölbergwerkes Wietze“ die Ortsentwicklung und Sozialgeschichte der ehemaligen Heidedörfer Wietze und Steinförde beleuchten, gut verkauft werden. Immerhin sind die Broschüren auch eine kleine Einnahmequelle für das Museum. Zwei dieser Broschüren hat Rolf Wolter als Autor verfasst, an einer hat er mitgewirkt.

„Der Weg zum Homosapiens“ von Fred T. Adams ist ein Buch, das Rolf Wolter momentan liest. Hierin spiegeln sich seine Interessen wider. Die zeigen sich auch in dem Buch „Frauen aus dem Celler Land“, an dem er mitgeschrieben hat und das in Kooperation mit den Celler Landfrauen 2004 erschienen ist. Die Zusammenstellung von Dietrich Klatt über die Architekturmeile in Celle findet er hoch interessant.

Vom Ölfeld an den Laptop

Vom Ölmuckel bis zum Bohrarbeiter und Bergvermessungstechniker: Als junger Mann war Rolf Wolter auf den Ölfeldern rund um Wietze zu Hause. Nach seiner Pensionierung war der „Öl-Saurier“ ein gefragter Führer im Erdölmuseum Wietze. Seit seinem Schlaganfall ist der 78-Jährige zum „Schreibtischtäter“ geworden, widmet sich der Heimatgeschichte und der Erstellung von Broschüren für „sein“ Erdöl-Museum.

Lebenslauf

✎1931 Als zweites Kind seiner Eltern in Hornbostel geboren

✎1937 Besuch der Volksschule Wietze

✎1939 Umschulung zur Volksschule Steinförde

✎1941 Wechsel zur Knaben- und Mädchenmittelschule in Celle (Am Heiligen Kreuz)

✎1948 Mittlere Reife; Beginn der Lehre zum Bergvermessungstechniker mit umfassenden Praktika

✎1951 Technikerprüfung vor dem Oberbergamt Clausthal; anschl. Tätigkeit in der Markscheiderei der Erdölwerke Wietze

✎1955 – 1958 Berufsbegleitende Steigerausbildung in fünf Semestern mit anschließendem Vermessungssteigerexamen

✎1962 Als Diplom-Ingenieur amtlich bestellter Markscheider

✎1971 Wechsel als Vermessungs- und Entwurfsingenieur in die Straßenbauverwaltung des Landes Niedersachsen

✎1983 Leiter der Entwurfsabteilung beim Straßenbauamt Celle

✎1994 Eintritt in den Ruhestand und Übernahme von ehrenamtlicher Tätigkeit im Deutschen Erdölmuseum Wietze, Referent, Autor zahlreicher Fachbücher und Aufsätze.

✎Rolf Wolter ist seit 1958 verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder. Mit seiner Mannschaft des MTV Celle wurde er 1974 und 1975 jeweils Deutscher Senioren-Vizemeister im Volleyball. Wolter war Fußball- und Volleyballtrainer, ist Träger der Goldenen Ehrennadeln des MTV und des CTV sowie der Silbernen Ehrennadel des Niedersächsischen Tennisverbandes.

Von Lothar H. Bluhm