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Reportage „Bitte Abstand halten!“
Mehr Reportage „Bitte Abstand halten!“
17:04 16.06.2010
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Celle-Landkreis

UNTERLÜSS. Wie ein langes schwarzes Band zieht sich die Bundesstraße 191 von Celle über Eschede und Weyhausen bis zur B 4 nach Breitenhees. Hier sitzen Peter Görke und Rainer Wauer vor dem grün getünchten ausrangierten Wohnwagen auf der Lichtung mitten im dichten Mischwald und sind ganz leise: Sie beobachten in weitem Abstand zu einem Adlerhorst Bewegungen in der Luft und auf dem Boden. Kilometerweit im Hintergrund rauschen die Autos vorbei.

Der Morgen riecht ganz frisch und unverbraucht hier mitten im Wald an der Wegabbiegung. Die kühlen acht Grad erfordern dicke Socken, feste Schuhe und Pullover. Und einen großen Pott Kaffee. Der Propangasherd im Wohnwagen bietet begrenzten Komfort.

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Kooperation

zum Adlerschutz

Die Arbeitsgemeinschaft Adlerschutz Niedersachsen (AAN) legt als Zusammenschluss niedersächsischer Artenschützer großen Wert auf den Schutz der im Lande vorkommenden Adlerarten. Durch konkrete Schutzmaßnahmen im Umfeld der Brutplätze, wie der Verbesserung der Lebensgrundlagen wirkt die AAN in enger Kooperation mit der Staatlichen Vogelschutzwarte des Niedersächsischen Landesbetriebs für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) und den Forstverwaltungen. So werden die Jungtiere auch im Alter von fünf bis sieben Wochen beringt. So lassen sich die Verbreitungsdynamik, Altersstrukturen und Bewegungsprofile genau erfassen. Nur durch die enge und erfolgreiche Kooperation aller beteiligten Eigentümer, Landkreise, Forstleute, Jäger und Naturschützer ist es möglich, den Schutz von Seeadlern und Fischadlern zu gewährleisten. Gerade die gegenseitige Information über die Adlervorkommen ist ein wichtiger Baustein zum Adlerschutz.

Peter Görke aus Meißendorf ist ehrenamtlicher Seeadlerbetreuer des Landes Niedersachsen und Mitglied der AAN. Genau so wie Rainer Wauer, der Vorsitzender des Ortsvereins Winsen des Naturschutzbundes Deutschland (NABU) ist. Beide haben sich heute warm angezogen, denn sie wollen in weitem Abstand zu einem Seeadlerhorst präzise protokollieren, was sie beobachten.

Seit über 50 Jahren

der Natur auf der Spur

Mit 14 Jahren hat Peter Görke das Taschenmesser mit dem Hirschhorngriff geschenkt bekommen. Er hält es auch heute noch in Ehren, mitsamt der zerschlissenen Lederhülle. Jetzt schneidet er mit geradem Schnitt ein Stück Butterkuchen auf. „In der Natur gehe ich auf – schon immer“, bekennt der 69-Jährige. Häufig sei er an den Meißendorfer Teichen gewesen, um Tiere zu beobachten und hätte den Konfirmandenunterricht geschwänzt, gesteht der in Berlin geborene Mann. „Ich glaube, dort ist er dem Schöpfer näher als in der Kirche“, habe ihn sein Vater beim Pastor in Winsen entschuldigt, sagt Görke und findet, dass es auch heute noch so sei. In Demut und Ehrfurcht bewege er sich in der Natur.

Die genaue Bestandserfassung in Protokollen ist wichtig, um gezielt für Ruhe um die Adlerhorste zu sorgen und so Störungen weitgehend zu vermeiden. Dank der intensiven Betreuung und Bereitschaft von Eigentümern und Jagdpächtern, Einschränkungen hinzunehmen und Schutzmaßnahmen umzusetzen, sei es möglich, den Lebensraum der Adler zu erhalten und Schutzgebietsausweisungen vorzunehmen, findet Görke. Auch künftig solle man kontinuierlich zusammenarbeiten und Gefahren für Adler erkennen und reduzieren.

Natur beobachten

und protokollieren

„Ich könnte ihnen eine Woche lang jeden Tag etwas über Adler erzählen“, umschrieb Peter Görke einmal seine Lust auf Weitergabe von Informationen über das große Federvieh, „Nach einem Tag Pause könnte ich dann aber eine weitere Woche noch andere Neuigkeiten von unseren Adlern berichten.“ Das Wissen um die Adler, die Erfahrung und die Brutbiologie der Tiere mit der Spannweite von zweieinhalb Metern wollen multipliziert werden.

„Beobachten und Protokollieren ist das A und O der Horstbewachung“, nennt Görke einen Teil der Tätigkeiten vor Ort. Hier im Adlerrevier wurde vor einiger Zeit der ausgediente Wohnwagen aufgestellt, um die Adlerbeobachtungen durchzuführen.

Auch während der Inspektionsgänge. Ein großes Rudel Rotwild kreuzt den Weg, Federreste einer Taube werden genau unter die Lupe genommen, das Spektiv ermöglicht die 30-fache Vergrößerung. „Was mich fasziniert, ist immer die Ruderfunktion der Adler beim Fliegen“, beschreibt der passionierte Ornithologe seine Begeisterung, und zieht Parallelen zum Segelflug.

Neun Quadratkilometer

große Reviere

Für einen Greifvogel seien Adler mit gut fünf bis sechseinhalb Kilo Körpergewicht recht schwer. Sechs bis neun Quadratkilometer braucht ein Adlerpaar schon, um seine Jungen groß zu ziehen. „Wenn das Nahrungsangebot gut ist, kann der Radius auch schon mal kleiner sein“, weiß Adlerexperte Görke. Die Bedingungen seien aber recht gut im Kreis Celle. Das mache Mut für die Zukunft, den Bestand noch zu vergrößern.

38 Tage lang werden die Eier gebrütet, bevor die Jungtiere schlüpfen. „Das war so ungefähr Anfang Mai“, vermutet Rainer Wauer. Jetzt hätten die Eltern viel zu tun mit der Aufzucht. Etwa in der zweiten Julihälfte würden die Jungen flügge werden. „Diese so genannte Bettelphase kann bis Januar anhalten.“

„Neun Uhr – Rufduett“, liest sich dann auch ein Eintrag im Beobachtungsprotokoll und meint, das gegenseitige Kommunizieren von Männchen und Weibchen durch spezielle Rufreihen. Weitere Einträge: „Seeadler fliegt flach ab durch die Abteilung“ und „Roter Milan fliegt mehrfach über das Horstrevier“. „Kranichpaar ruft aus südlicher Richtung“, „Rufreihe zweimal“ – Naturereignisse, die ungestört sein wollen.

Dazu dienen auch die Scheingatter, die in Zusammenarbeit mit der Forstverwaltung auf Wegen aufgestellt wurden und die Spaziergänger davon abhalten sollen, allzu dicht in den Einzugsbereich eines Horstes zu gelangen“. Gerade jetzt an den wärmeren Tagen sei die Aufklärungsarbeit der AAN gefragt. Es helfen nur Appelle und das Werben um Verständnis, die Bereiche nicht zu betreten. Das sei immer eine Gratwanderung: „Gerade in der kritischen Zeit des Brütens sind die Eier spätestens nach zwei Stunden ausgekühlt.“ Brutverlust ist die Folge. Häufig sei aber auch ein starker Konkurrenzkampf zwischen den Tieren die Ursache für Brutabbrüche. „Toi, toi, toi, sei das momentan nicht zu beobachten“, sieht Wauer auch den Erfolg seiner Arbeit hier vor Ort im Hochwald.

Für die acht Aktiven der AAN ist der Dienstplan ausgearbeitet – meistens an Feiertagen und am Wochenende, aber manchmal auch einfach so in der Woche.

Christoph Rothfuchs vom Forstamt Unterlüß begrüßt die Zusammenarbeit mit dem AAN und das ehrenamtliche Engagement sehr. Als ökologischer Beamter legt er großen Wert auf den Großvogelschutz für Schwarzstorch und Co.

Vom Dierschke-Turm in Bannetze seien die Meißendorfer Teiche prima zu beobachten. Man solle halt nur früh genug, also zwischen sechs und spätestens acht Uhr vor Ort sein, dann sei die Chance, einen Seeadler zu sehen, größer, empfehlen Görke und Wauer interessierten Beobachtern. Adler brauchen nun mal Ruhe.

Von Lothar H. Bluhm