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Reportage Brücke zur Integration
Mehr Reportage Brücke zur Integration
12:22 06.12.2018
Auch die aus Syrien stammenden Seham Darwisch und Ibrahim Alharami (vorne von links) wirken im Stück „Soul Almanya“ mit. Quelle: Lothar H. Bluhm
Celle

Lasst uns doch die Platte zwischen die beiden Tische legen“, regt Andreas Döring bei der ersten Leseprobe in Halle 19 an. Dann nehmen sie noch drei große Tische hinzu, stellen alles zu einem U zusammen und beginnen die erste Probe, an der sämtliche Mitwirkende teilnehmen. Es ist die erste Leseprobe zum Stück Soul Almanya.

„Wir müssen alle am Tisch sitzen, wie beim Essen“, ist dem Schlosstheater-Intendanten wichtig, dass sich die 24 Mitwirkenden gleichberechtigt auf Augenhöhe begegnen. Sich die Bälle zuspielen können. Profis ebenso wie Laien. Sichtkontakt ist Andreas Döring wichtig – selbst beim ersten Lesen.

Vorher bittet er alle, sich auf die Zuschauerplätze in der Halle 19 zu setzen: So können sie sich ein Bild machen, wo was in dem Stück passiert, welche Ecken, Nischen und Gänge für die transkulturelle Komödie mit Live-Musik genutzt werden. „Die Band spielt da oben, hier ist Belals Laden, hier in der Ecke die Garage“, nutzt Döring die gesamte Spielfläche aus. Ein paar Stellwände werden noch ergänzt.

Andreas Döring beschreibt seine konkreten Vorstellungen für die Inszenierung präzise: Ausländerbehörde, VHS-Sprachkurs, Belals Grill. „Meine Idee ist, dass wir das ganz, ganz einfach halten. Wir können ja den ganzen Raum in Anspruch nehmen.“

Seit dem Frühjahr ist Theaterchef Döring dabei, Leute kennenzulernen, die an dem Stück mitmachen wollen, die das Theaterstück mit entwickeln wollen. Bei einem ersten Treffen im Juni konnten sich Interessierte vorstellen. Dort erfuhren sie auch, dass Theaterspielen zeitlich anspruchsvoll ist, dass vieles organisiert werden muss. „Das Stück ist natürlich viel aufwendiger als andere Stücke“, sagt Döring.

Hinzu komme noch das gewachsene Hintergrundrauschen, sagt der Intendant: „Dass wir aus einer politischen Perspektive in Zeiten leben, wo ich finde, dass es ungemein wichtig ist, sich zu positionieren. Gar nicht im engeren politischen Sinne, sondern zu sagen, es ist ’ne Aufgabe, da gibt es Chancen.“

Und dann sei da noch das andere Hintergrundrauschen, „dass die Stadt ja selber auch ein Interesse daran hat, dass wir das in Partnerschaft mit anderen machen. Von daher natürlich noch mal: Unsere ganz ureigene Aufgabe als Teil einer Stadtgesellschaft, als Stadttheater, was ja auch für viele und für alle da ist, hier nachgehen, auch in den Kooperationen mit den anderen Gliedern der Stadt“, beschreibt Döring das Projekt.

Konzentriert wird gelesen. Hier und da spürt man Unsicherheit, Unerfahrenheit. Da nützt Augenhöhe.

Alle bauen sich ein Leben auf und wollen ankommen, beschreibt Döring die Migranten, mit denen er jetzt zusammenarbeitet. Das Theater sei da ein wichtiger Punkt, eine Brücke zur Integration.

Mit dem Stück Soul Almanya kommt eine transkulturelle Komödie mit viel Live-Musik auf die Bühne und erzählt – auch vor Ort erlebte – Geschichten vom Ankommen in einer fremden Kultur. „Soul Almanya zeichnet das Porträt einer Stadt, die stolz auf ihre Offenheit ist. Und es zeigt den Reichtum des Sich-Kennenlernens und die Kraft der Gemeinsamkeit.“

„Es wird von Tag zu Tag einfacher“

Ibrahim Alharami spielt mit. Er ist 23 Jahre alt und kommt aus Rakka in Syrien. Seit Oktober 2015 lebt er in Celle. In Syrien hat er sechs Semester Medizin studiert. Jetzt probt er in Halle 19: „Ich hab noch niemals in meinem Leben getanzt“, sagt der große, schlanke junge Mann. „Es war mir am Anfang schwierig, aber es wird von Tag zu Tag einfacher.“

Ibrahim Alharami hat hier die deutsche Sprache gelernt. Sprachniveau C1, sagt er. Er beginnt im März ein Informatikstudium in Hannover. Durch seinen Fußballverein in Groß Hehlen hat er viel Unterstützung erhalten: „Sie haben mir sehr, sehr viel geholfen. Niemand hat mich ausgelacht. Sie haben mir Schritt für Schritt deutsch beigebracht.“ Man gehe auch zusammen zur Disko und nehme Termine beim Arbeitsamt gemeinsam wahr.

„Es macht super, super Spaß“, sagt er über die Arbeit im Theater. „Ich habe viele nette Leute kennengelernt. Sehr viel Kontakt zu deutschen Leuten. Sehr viel mehr als auf der Straße.“ Bis März 2020 darf er bleiben. „Dann verlängere ich.“

Nebenan laufen die Tanz-Proben. „Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, acht. Und noch einmal…“, gibt Choreografin Yara Eid Rhythmus, Bewegungen und Figuren vor. Auch sie kam aus Syrien nach Deutschland. Hier hat sie an der Folkwang-Universität der Künste in Essen ihren Master in Tanzpädagogik und Choreografie gemacht. Jetzt ist sie in dem Stück für mehr als sechs Choreografien des Ensembles verantwortlich. „Comme-ci comme-ca“, sagt Yara Eid auf die Frage, ob sie zufrieden sei. Es sei mal so und mal so, meint sie, und ergänzt: „Egal, in welcher Sprache wir proben, sagen wir immer comme-ci comme-ca, damit wir wissen, dass wir das Ziel noch nicht ganz erreicht haben.“

„Die Arbeit ist wirklich sehr schön, sehr interessant. Es ist aber auch anstrengend, weil, viele haben noch keine Erfahrungen, richtig auf der Bühne zu sein, wie bewegt sich die Gruppe auf der Bühne, wie sprechen sie, wie singen sie? Es war total interessant, das alles aus den Leuten rauszukriegen. Mein Vorteil ist, dass wir eine Sprache sprechen.“

„Und dann fangt Ihr einfach an, Arabisch zu sprechen“, empfiehlt Andreas Döring bei der Probe an Belals Grill, Szene 9, Casting bei Belal. Auch hier müsse man sich bewusst machen, was gerade in der Szene passiert.

Das Stück treffe den Kern der Probleme, auch wenn es noch viel mehr Themen gibt, die behandelt werden könnten, findet die 23-jährige Seham Darwisch: „Wir hatten Schwierigkeiten mit der Sprache, aber Andreas hat uns immer einfache Worte und Sätze gegeben: Sag das doch, wie Du meinst.“ Es mache ihr Spaß und sie sei glücklich, dass sie mitmachen kann, sagt die junge Bergerin. Sie kam vor drei Jahren mit ihren Eltern aus Syrien und hat die Sprachprüfung B2 abgelegt. Jetzt leistet sie ein Freiwilliges Soziales Jahr im Krankenhaus. „Ich wollte schon seit meiner Kindheit auf die Bühne.“ Nach ihrer Krankenhauszeit will sie eine Ausbildung zur medizinischen Fachangestellten machen.

„Hier fühlen wir uns überhaupt nicht fremd“, stellt sie gegen Ende der Proben fest: Das sei wie eine Familie und sie habe Befürchtungen, wenn alles vorbei ist. „Ich möchte in der Familie bleiben. – Es ist wie ein Traum!“.

Und dann bewegen sich wieder alle. Ensemblemitglieder Anne Diemer, Stefanie Winner, Dirk Böther, Hussam Nimr und Johann Schibli ebenso wie Magdalena Kotwica, Roula Saad oder Vanessa Vanesyan, deren Familie aus Armenien stammt. Sie ist eine gute Sängerin und im Jugendclub des Schlosstheaters aktiv. Oder der Syrer Belal Abdelhamed, der Wirtschaft studiert hat und in Bergen lebt. Eyad Albakur ist Syrer und Archäologe. Er arbeitet bei DHL und verteilt Pakete. Der Syrer Mohamed Alhamad ist Politikwissenschaftler und hat schon im Zweipersonenstück „Monsieur Ibrahim/Aufstand“ von Eric-Emanuel Schmitt und Mely Kiyak im Malersaal mit Schibli gespielt, jetzt hat er auch die Regieassistenz übernommen.

Soul Almanya erzählt die Geschichte einer Band und die Geschichten von Menschen, die über die Musik zusammen finden. Ganz egal, von woher und wann jemand in die Stadt gekommen ist: ob vor dreißig Jahren aus der Türkei oder vor drei Jahren aus Syrien. „Gemeinsam bringen Schauspieler, professionelle Musiker und Laien aus verschiedenen Ländern Soul auf die Bühne“, fasst Döring zusammen. Und mit Soul ist die lebensnahe Musik ebenso gemeint, wie das, was alle in der Seele bewegt: Liebe, Freundschaft, Vertrauen und ein gemeinsamer Sound.

Vorstellungen

Samstag, 8., Dienstag, 11., Donnerstag, 13., Sonntag, 16. und Mittwoch, 19. Dezember jeweils um 20 Uhr.

Freitag, 4., Samstag, 5., Donnerstag, 10., Donnerstag, 17., Samstag, 19. und Freitag, 25. Januar, jeweils um 20 Uhr sowie Samstag, 26. Januar, um 19 Uhr.

Mittwoch, 20. Februar, um 20 Uhr sowie Samstag, 23. Februar, um 19 Uhr.

Mittwoch, 13. und Samstag, 16. März, jeweils um 20 Uhr.

Donnerstag, 4. und Dienstag, 9. April, jeweils um 20 Uhr.

Von Lothar H. Bluhm

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