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Reportage Celler Taucher bergen frühere Schätze des Alltags
Mehr Reportage Celler Taucher bergen frühere Schätze des Alltags
18:06 01.08.2018
Quelle: Anke Schlicht
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Celle Stadt

Wie aus dem Nichts taucht er auf, diesmal nicht an die Wasseroberfläche, sondern auf der Brücke. Am ganzen Körper tropfend, mischt sich Fabian Wolff mit Kapuze, bleibeschwertem Neoprenanzug und Flossen unter die sommerlich gekleideten Passanten und wirkt angesichts der Hitze und inmitten des geschäftigen Treibens zwischen Schützenplatz und Neumarktkreisel ein wenig wie ein Wesen von einem anderen Stern.

Der Niedersächsische Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) hat die Ortsgruppe Celle der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) beauftragt, die Aller auf der Höhe des Wehres von Treibgut und anderen unerwünschten Gegenständen zu befreien. „Da am letzten Donnerstag im Monat ohnehin unser Dienstabend stattfindet, nutzen wir die Order als Übung“, erläutert Taucheinsatzführer und Ausbilder Björn Weimann.

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LANGE TRADITIONDES HELFENS

Mit Freizeitgestaltung hat Tauchen in der DLRG wenig zu tun. Zahlreiche Einsätze – angefangen von der Bergung unterschiedlichster Utensilien bis zur Personensuche – sind ohne die Beteiligung von Tauchern nicht durchführbar. Eine Ausbildung ist unerlässlich. Innerhalb von drei Jahren werden die Männer und Frauen darauf vorbereitet, anderen Personen unter extrem schwierigen Umgebungsbedingungen zu helfen beziehungsweise zu retten.

Eine Schattenseite des frühen Sommerbeginns und der aktuellen Hitzewelle ist die jüngst veröffentlichte Zahl der Badeunfälle: Allein in Niedersachsen sind seit Jahresbeginn bereits 41 Menschen ertrunken. Ohne die im Jahr 1913 in Leipzig gegründete, größte freiwillige Wasserrettungsorganisation der Welt wären es vermutlich noch wesentlich mehr. Anlass für die Gründung der DLRG waren die hohen Zahlen von Menschen, die im Wasser ihr Leben verloren, nur zwei bis drei Prozent der damaligen Bevölkerung konnten schwimmen. Die Kernaufgaben des Vereins bestehen in der Schwimm- und Rettungsschwimmausbildung, der Aufklärung über Wassergefahren sowie in der Bereithaltung des Wasserrettungsdienstes.

Wie eine Einheit von 17 Mitgliedern auf Bezirksebene trainiert und gleichzeitig ein Gewässer von Schrott und Treibgut befreit, ist an diesem Abend zu beobachten. Ein Blick zur gegenüberliegenden Seite während des Gespräches mit Fabian Wolff erweckt für eine Sekunde einen Eindruck, der in dieses Szenario nicht passt. Als käme ein Angestellter spät aus dem Büro mit dem schweren Aktenkoffer in der Hand, präsentiert sich Benjamin Braatz den Unbeteiligten, als er, die Kapuze kurz heruntergestreift, einen Ghettoblaster tragend auf der obersten Stufe des Wehres entlanggeht. Stefan Dannenberg hat das Gerät aus drei Meter Tiefe heraufgeholt und seinem Kollegen zum Abtransport übergeben.

der wichtige Jobder Signalfrau

Nur drei Teammitglieder agieren unter Wasser, die übrigen arbeiten auf den zwei Booten, nehmen von der Brücke aus Schrott und Treibgut entgegen, installieren Technik oder erfüllen wie Andrea Zenk den wichtigen Job der Signalfrau. „Stefan, bist Du noch da? Ich höre ihn nicht mehr“, sagt die 18-Jährige ganz unvermittelt. Sie hält über eine Unterwassersprechanlage, von denen zwei in Gebrauch sind, Kontakt zu Stefan Dannenberg, nachdem sie zuvor Fabian Wolff begleitet hat. Jeder Taucher wird an einer Signalleine geführt und gesichert, Andrea Zenk oben und Stefan Dannenberg unten sind ein festes Duo, sie ist für seine Sicherung zuständig. „Wie ist die Sicht da unten?“, „Wie viel Druck hast du noch?“ oder „Jetzt bist du fast wieder unter der Brücke“, sind Aussagen, die den Abend über von ihr zu hören sind.

Für den zuschauenden Laien ist zunächst der auf Dannenberg bezogene Satz „So wir sind wieder on air!“ wichtig. Aber dann folgt schon „Was hast du?“, denn dieser lässt Spannung aufkommen, was gleich zu erwarten sein wird an verrotteten Schätzen, die in Händen des Unterwassermannes zurückkehren ans Tageslicht. Nach Fahrradverkehr am Grund der Aller sieht es aus, wenn ein verrosteter Drahtesel nach dem anderen und die Vorfahrtsschilder gleich mit dahin befördert werden, von wo aus man sich ihrer einst völlig unbedacht entledigte. Anlass, um ins Gespräch zu kommen. Fast jeder den Schauplatz streifende Passant hat eine Bemerkung parat, interessiert an dem, was vor Ort abläuft, sind ohnehin alle. Einige fragen, andere schauen nur still zu. „Die Leute, die vorübergehen, müssen wir bei der Planung mit berücksichtigen. Uns ist das so ganz recht, dann treten wir in Erscheinung“, erläutert Björn Weimann, der alle Akteure im Blick hat.

Zusammenspiel aller Beteiligten funktioniert

Die gesamte Aktion verteilt sich auf mehrere Schauplätze, jeder der drei Taucher bringt etwas nach oben, das dem Gegenstand angepasst angenommen werden muss, die Boote manövrieren, um das Treibgut beiseite zu schaffen. Die Übung kann nur gelingen, wenn das Zusammenspiel aller Beteiligten funktioniert. „Welches Equipment wie zusammengehört, Suchmethoden sowie die Verwendung von Booten müssen geprobt werden“, erklärt der Einsatzleiter.

Wie Fabian Wolff, der gerade dem Nass entstiegen ist, hätte er nach dem Schützenfest mit mehr Brieftaschen und Portemonnaies gerechnet. Und auch was den Entspannungsfaktor des Tauchens angeht, pflichtet er Fabian Wolff bei. „Ich kann dabei gut abschalten“, sagt der 29-Jährige, bevor er auf die Frage, wie es unter der Oberfläche aussehe, antwortet: „Nein, dunkel ist es nicht da unten, der Fluss hat festen Sandboden, und viele Muscheln gibt es.“ Trotz des angenehmen Nebeneffektes ist er nach 70 Minuten unter Wasser erschöpft. „Ich bin schon überhitzt hineingegangen und das Loslösen und Heben der Gegenstände ist schwer“, berichtet er über das Putzen der Aller. Wolff ist DLRG-Mitglied aus Leidenschaft, das Gemeinschaftsgefühl spielt für ihn eine große Rolle. Ein wichtiges Moment auch für „seine Signalfrau“ Andrea Zenk, die indirekt das zum Ausdruck bringt, worum es bei diesem Einsatz und bei der DLRG insgesamt geht: Die Sicherheit im, am und auf dem Wasser zu gewährleisten, in letzter Konsequenz Menschen vor dem Ertrinken zu bewahren. Auf die Frage, wieso sie seit zehn Jahren einen Teil ihrer Freizeit dem Verein widme, antwortet die junge Frau: „Weil ich weiß, wofür ich es mache!“

Von Anke Schlicht