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Reportage „Das muss klingen wie eine zickige Frau“
Mehr Reportage „Das muss klingen wie eine zickige Frau“
13:48 13.06.2010
1. "Er brachte mit bei zu beten und jeden Tag zu frohlocken: Oh happy day", Gospelprofi Silas Edwin heizt dem Chor ein. - 2. Quelle: Janine Jakubik
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Celle Stadt

Von Janine Jakubik

CELLE. „Gospel ist viel mehr als nur Musik und auch mehr als nur die Texte der Lieder, die wir singen. Gospel gibt den Menschen, die es singen und hören, Mut und Liebe. Er soll ihnen helfen, auch in Situationen, in denen sie glauben, absolut keinen Ausweg finden zu können, zeigen, dass es immer einen Weg gibt“, schwärmt Silas Edwin, Projektleiter von Singout Gospel. Als Sohn eines Pastors wuchs er in und mit dem Gospel auf.

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200 Sänger ergeben

einen besonderen Spirit

Er weiß, wovon er spricht. „Nachdem ich 2004 meinen eigenen Chor, die „Life Gospel Singers“, gegründet habe, kam mir die Idee für das Singout Projekt. Das ist etwas ganz besonderes, denn wir sind mit unseren Sängern in den Städten, in denen wir das Projekt anbieten, über einen Zeitraum von einem halben Jahr sehr eng zusammen. Und dadurch, dass wir hier mit sehr großen Chören von bis zu 200 Sängern arbeiten, gibt es einen absolut besonderen Spirit. Auf der Bühne mit so vielen Menschen gemeinsam zu singen und anderen Freude zu schenken, ist echt irre“, betont Edwin.

Die Celler Gospel Sänger sind derweil immer noch dabei, sich mit der richtigen Frasierung des „Ohhh oh ohh“ zu befassen: Nicht zu laut, nicht zu lasch, mit mehr Feeling und dem richtigen Gefühl im Herzen. Das ist gar nicht so einfach, wenn man erst seit einer Stunde zur weltweiten Gospelgemeinde gehört und im Probenraum des Fürstenhofes versuchen soll, die tv-typische Gospelstimmung einer sonntäglichen Minnesotagemeinde aufzubringen.

„Ok, ok wir machen jetzt erstmal den Rhythmus Leute. Klatschen immer auf zwei und vier, nicht auf eins und zwei. So just try it folks, one, two, three, four!“, heizt Edwin die begeisterte Menge an.

Wir klatschen immer

auf zwei und vier

Das Problem: In Deutschland klatscht man ganz musikantenstadel-typisch auf eins und drei. Diesen Klatschreflex aus den Neugospler heraus zu bekommen, ist gar nicht so einfach. Denn selbst, wenn der Chor es am Ende der Proben voll drauf hat und das Klatschen schon fast im Schlaf klappt, macht spätestens das auf eins-drei-abgerichtete Publikum das Rythmushalten zu einer echten Herausforderung. „Wir sehen das aber nicht so eng. Das wichtigste ist doch, dass wir hier alle gemeinsam Spaß haben. Dass wir eine tolle Gruppe werden und dass jeder hier etwas für sich herausziehen kann“, betont Julie Mensah, Sängerin und Voice Coach einer Hamburger Musikschule, die für das Stimm­training des Chores zuständig ist.

Locker geht auch Workshopteilnehmerin Katja Zeiske an die Sache heran. „Früher habe ich regelmäßig und sehr gerne im Kirchenchor gesungen. Und als ich von dem Gospelprojekt gelesen habe, dachte ich mir, dass das eine gute Gelegenheit sein könnte, wieder mit dem Singen anzufangen ohne dass man sich gleich dauerhaft verpflichten muss“, erklärt die Celler Kindergärtnerin. Rhythmisch wippt sie mit dem Fuß, während ihre neuen Chorkollegen sich auf ein Neues an das ideale „Ohhhhh“ wagen.

„Die Stimmung hier, irgendwo zwischen total entspannten Beisammensein und hoch konzentrierter Arbeit um jeden Ton, ist einfach unglaublich toll. Mich begeistert auch die ganz besondere Dynamik, die vom Gospelgesang ausgeht. Das ist schon etwas ganz besonderes“, schwärmt Zeiske, bereits nach den ersten Probestunden. Dann hat sie aber keine Zeit mehr zum reden, denn nun scheint es endlich so weit zu sein, der Gospelklassiker schlechthin steht auf dem Programm. Kennerhaftes Grinsen ist auf den Gesichtern der etwa hundert Sänger im bis auf den letzten Platz gefüllten Probenraum zu erkennen, als Lass auf seinem Keyboard die ersten Töne von „Oh Happy Day“ anspielt.

„So Leute. Jetzt will ich, dass jeder von euch mit dabei ist. Nicht nur mit der Stimme. Ich will euer Herz hören! Was für ein wundervoller Tag als Jesus mich von meinen Sünden befreite. Er brachte mir bei, zu beten und jeden Tag zu frohlocken!“, feuert er den jungfräulichen Chor an. Dann geht es ab, die Stimmung im Raum brodelt. Solo: „Oh Happy Day“, dann Chor: „Oh Happy Day“! Solo: When Jesus washed, Chor: „When Jesus washed“, Solo: „He washed my sins away“, Chor: „Oh Happy Day“.

Alle scheinen sehr zufrieden mit dem Ergebnis zu sein. Alle bis auf den Mann am Piano. Er blick skeptisch in die Runde: „Also Leute. Das war ja schon mal ganz nett. Aber es geht besser, das weiß ich. Ihr müsst schärfer singen, kürzer. So wie eine Frau, wenn sie sauer auf ihren Mann ist und ihn anzickt. Genau zickig müsst ihr singen. Ba ba ba, so muss das klingen. Nicht, wie ein beleidigter, leiernder Mann, baaa baaa baaa! Verstanden? Also, gleich nochmal!“, provoziert er die Chorsänger. Und er hat Erfolg damit. „Oh Happy Day“, zicken die hundert Sänger – sogar die Männer unter ihnen – den jungen Arrangeur an.

„Wir staunen immer wieder über die Eigendynamik, die sich im Laufe unserer Chorprojekte in der Gruppe entwickelt. Auch, wenn das halbe Jahr, in dem wir uns alle zwei Woche sehen nicht lang ist, wächst die Gruppe in der Zeit enorm zusammen. Da macht es gar nicht, dass die Projektteilnehmer alle total unterschiedlich sind. Einige sind echte Chorprofis. Andere haben noch nie öffentlich gesungen. Bei uns sind ältere Menschen genauso willkommen wie Kinder. Unser jüngster Workshopteilnehmer war beispielsweise erst acht Jahre alt“, schwärmt Julie U. Okuesa, Mitorganisatorin des Singout-Projektes. Sie weiß, wovon sie spricht. Denn schon in vielen großen deutschen Städten, Hamburg, Bremen, Hannover, war das Chorprojekt ein Riesenerfolg. Und selbst, wenn ein Teilnehmer nicht die klarste und beste Stimme hat, ist das nicht schlimm. „Gerade, weil wir ein so großer Chor sind, ist auch das kein Problem. Schwache Stimmen werden einfach von der Gruppe mitgetragen“, erklärt Okuesa.

Höhepunkt ist das Konzert in der Congress Union

Besonderes Highlight von Singout Gospel ist natürlich das große Konzert, auf das ein halbes Jahr hin gearbeitet wird. „Es ist schon etwas ganz Besonderes, nicht nur in einer kleinen Kirche, sondern in einem so großen Konzertsaal aufzutreten wie in der Kongress Union. Das gibt einen echt unglaublichen Kick. Während des Konzerts geht beispielsweise das Zeitgefühl der Sänger irgendwie verloren. Eigentlich haben sie erst drei Lieder gesungen, glauben aber, dass sie schon seit Stunden auf der Bühne stehen. Ein geglückter Auftritt macht high, das kann man ganz klar sagen!“, schmunzelt die Stimmtrainerin Mensah. Unterstützt wird der Chor während des Auftritts von echten Gospelprofis aus England, USA und Nigeria, die die Soloparts übernehmen.

Dem großen Auftritt ist der Celler Chor auch schon einen großen Schritt näher gekommen: Die Ohhhs sind cool, zickig rhythmisch einwandfrei und alle, auch der Pianist, können eine sehr zufriedene erste Pause einlegen.

●Übrigens: Singout Gospel Celle sucht noch dringend Sänger. Wer noch mitmachen will, kann sich unter celle@singout-gospel.de anmelden.

Von Janine Jakubik