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Reportage Institution im digitalen Wandel
Mehr Reportage Institution im digitalen Wandel
22:24 01.02.2019
Nach der Mechanisierung von Produktionsanlagen durch Wasser- und Dampfkraft („Industrie 1.0“), dem Einstieg in die arbeitsteilige Massenproduktion mithilfe der Elektrizität (2.0), dem Einsatz von Elektronik zur weiteren Automatisierung der Produktion (3.0) wird unter „Industrie 4.0“ schließlich der Zustand verstanden, bei dem der Mensch nicht mehr als Bediener von Maschinen notwendig ist. Also das Schlaraffenland – oder eher Anlass zur Angst vor dem menschlichen Fall in die Bedeutungslosigkeit? Quelle: shutterstock/VMware
Loccum

Wie verändert Künstliche Intelligenz (KI), die Entwicklung lernender Maschinen, die Nachfrage nach menschlicher Arbeit? Bei einer Tagung der Evangelischen Akademie Loccum befassten sich Wissenschaftler unter dem Titel „Arbeit 4.0“ mit einer Institution im digitalen Wandel.

Martin Luther "erfand" den Beruf

Berufe seien das zentrale Orientierungsprinzip auf dem deutschen Arbeitsmarkt, betonte Britta Matthes, Leiterin der Forschungsgruppe „Berufliche Arbeitsmärkte“ am Nürnberger Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung: „In Deutschland wird Personal anhand von berufsfachlichen Kompetenzen gesucht, während es beispielsweise in Großbritannien anhand von Zeugnisnoten passiert“, verwies Matthes auf die besondere Bedeutung des Berufsbegriffes hierzulande – auch ein Erbe der Reformation, wie in der Evangelischen Akademie betont wurde: Das, was wir als „Beruf“ bezeichnen, bekam durch Martin Luther eine Bedeutung im Sinne einer „Berufung“.

„In Deutschland wird der Arbeitnehmer durch den Begriff des Berufs zum Mitarbeiter – deswegen investieren wir ja soviel in die berufliche Ausbildung“, erklärte Matthes. Folglich sei die „Beruflichkeit“ einer der wichtigsten Standortfaktoren in Deutschland – und das wird ihrer Meinung nach auch so bleiben. Allerdings: „Die Zukunft wird ungewisser, weniger planbar“, räumte die Arbeitsmarktforscherin ein. „Die Digitalisierung führt dazu, dass wir mit Unsicherheiten umgehen müssen.“ Mit Blick auf 30.000 Studienberufe sei das System unübersichtlicher geworden. „Das Berufskonzept hat sich ausdifferenziert. Es muss neu gebündelt werden.“

„Digitalisierung führt zur Polarisierung“, weiß Matthes: Der berufliche „Mittelbau“ bekomme durch die kybernetische Konkurrenz Probleme. Eine Aussage, die auch Professor Werner Eichhorst vom Institut zur Zukunft der Arbeit (IZA) in Bonn teilt. „Hier bestehen große Risiken gerade in Deutschland.“ Das bedeutet aber noch lange keine apokalyptische Bedrohungslage. Technischen Wandel erleben wir in unserer Wirtschafts- und Sozialgeschichte ja nicht zum ersten Mal.

Trotz allem dauerhaft gute Prognose

Die Angst vor der Digitalisierung resultiert zum Teil eben einfach aus mangelndem Überblick: „Das Schrumpfen bestehender Arbeitsfelder wird eher wahrgenommen als das, was gerade neu im Entstehen ist“, betonte Eichhorst. Auch angesichts des technologischen Fortschritts bleibe genug Raum für menschliche Tätigkeiten, beruhigte der Wissenschaftler sein Publikum. So habe etwa ein „Roboterhotel“ in Japan gerade die Roboter rausgeworfen – sie hätten den menschlichen Mitarbeitern einfach zuviel Arbeit gemacht. Eichhorst folgerte: „Es wird kein Ende der Erwerbsarbeit geben.“ Menschliche Fachkenntnisse und Erfahrungen seien wichtig, wegfallen würden hingegen Routinearbeiten. „Zwei Drittel der Beschäftigten haben eine dauerhaft gute Prognose.“

Flexibilität sei bei traditionellen Erwerbsformen notwendig. Qualifizierung, der Erwerb von Grundkompetenzen sei wichtig, die Weiterbildung für alle unverzichtbar. Das mittlerweile häufig diskutierte bedingungslose Grundeinkommen hingegen sei weder notwendig noch sinnvoll, meint Eichhorst.

Mehr Chance als Bedrohung

Müssen wir Angst vor der Zukunft haben? Nein, betonte Eichhorst. „Uns droht keine Massenarbeitslosigkeit, kein Überwachungsapparat.“ Ein positiver Ansatz bei der Behandlung des Themas. „Die Unsicherheit sehe ich eher als Offenheit für die Zukunft“, sagte Eichhorst. „Eher als Chance.“

Vor neuen Möglichkeiten für Arbeitgeber zur Leistungsmessung und Kontrolle warnte hingegen Ralph Charbonnier, Referatsleiter Sozial- und Gesellschaftspolitik im Kirchenamt der Evangelischen Kirche (EKD) in Hannover. Es ist halt entscheidend, wie die Algorithmen eingesetzt werden: Ein Bewerbungsgespräch mit einem Sprachroboter – längst keine Science fiction mehr – werde anders ausfallen als das persönliche Gespräch mit dem Personalchef, sagte Charbonnier. „Durch die Digitalisierung der Arbeit verändern sich die Entscheidungsprozesse.“ Werde die personale Wahrnehmung durch KI ergänzt, bedeute dies eine Erweiterung der Möglichkeiten. „Wird sie aber durch KI ersetzt, ergibt sich eine Einschränkung.“ Beruflichkeit verschiebe sich hier auf den Bereich der Algorithmen-Programmierer – was im Publikum übrigens auch die Frage nach der juristischen Verantwortung für Folgen des maschinellen Handelns aufwarf.

Wichtige Fragen, so Charbonnier, auf die die Politik bislang keine echten Antworten gebe. „Ich finde es ein Armutszeugnis, wenn Länder wie Niedersachsen beim Thema Digitalisierung im Schulunterricht nur einfällt, Klassen mit Laptops auszustatten.“

„Digitalisierungsparadoxon“ ausgemacht

„Natürlich habe auch ich noch keine Antworten auf die Herausforderungen durch die Digitalisierung“, bekannte Rita Meyer, Professorin an der Leibniz-Universität Hannover. Meyer, Vorstand des Instituts für Berufspädagogik und Erwachsenenbildung, sieht durch die Digitalisierung eine Erosion von Fachlichkeit: „74 Prozent aller Erwerbstätigen arbeiten unter den Bedingungen von Unsicherheit.“

„Wir sehen im Augenblick, dass sich ganze Geschäftsmodelle auflösen“, betonte auch Professor Günter Hirth, Leiter der Abteilung Berufsbildung der Industrie- und Handelskammer Hannover. „Wenn es Probleme durch die Digitalisierung gibt, dann mit ganzen Branchen oder Geschäftsmodellen“, verwies er beispielsweise auf Banken oder Versicherungen.

Allerdings hat Hirth ein „Digitalisierungsparadoxon“ ausgemacht: Dank technischer Assistenzsysteme für Niedrigqualifizierte sei eine steigende Nachfrage nach Arbeitskräften für einfache Tätigkeiten festzustellen. Das sei auch eine Herausforderung für die Berufsbildung: „Wenn alles so bleiben soll, muss sich alles ändern!“ Anders gesagt: Es reicht nicht aus, mit Messer und Gabel essen zu können – es muss auch etwas auf dem Teller liegen. Und wenn sich die Speisen ändern, muss auch anderes Besteck verwendet werden.

Ist unser Berufsbildungssystem auf diese Veränderungen eingestellt? Einer der annähernd 80 Tagungsteilnehmer in Loccum hatte da jedenfalls seine Zweifel: „Die Berufsschullehrer sind teils nicht kompetent für die Digitalisierung.“

Es verändere sich gerade etwas. So sei allenthalben Tarifflucht von Unternehmen feststellbar, die Grenzen der Arbeitszeit verschwimmen durch Smartphone und Homeoffice. Gleichzeitig boome in Zeiten der Vereinzelung das Angebot an „Coworking Spaces“ – große Büroflächen, in denen Freiberufler voneinander profitieren können. Der Wunsch nach gemeinschaftlichem Arbeiten hält auch in digitalen Zeiten an.

Auseinanderdriften droht

„Für gut bis sehr gut Qualifizierte entstehen Jobs durch die Digitalisierung“, bestätigte auch Andreas Mayert vom Sozialwissenschaftlichen Institut der EKD in seiner Zwischenbilanz der technischen Entwicklung. Auch routineorientierte Jobs würden nicht unter der zunehmenden Digitalisierung leiden – sie sind nicht allzu hoch dotiert, es besteht wenig Automatisierungsdruck. „Selbst bei maximaler Ausschöpfung des Automatisierungspotenzials ist nicht Arbeitslosigkeit, sondern die Anpassung des Arbeitsmarktes – das Auseinanderdriften bei der Nachfrage nach hoch- und niedrig qualifizierten Arbeitskräften das größte Problem.“ Daraus folge ein weiteres Auseinanderdriften der Einkommen – und ein weiteres Auseinanderdriften der Gesellschaft.

Hat die Politik in Deutschland den sozialpolitischen Ernst der Lage erkannt? Mayet hat da so seine Zweifel: „Die Politik sieht bislang nur, dass die, die zurückgelassen werden, zu Populisten tendieren. Daraus zieht sie den Schluss, niemanden zurückzulassen – und vernachlässigt dabei, dass alle Beschäftigten auch von ihrer Arbeit leben können sollten.“ Mindeststandards müssten im Arbeitsleben gelten – „in der Politik geht es momentan aber nur darum, immer neue Beschäftigungsrekorde zu vermelden.“

„Digitalisierung ist kein Urknall“

„Helfer“ und „Experten“ sind die Profiteure der Digitalisierung. „An den Rändern wächst Beschäftigung.“ Die Fachkräfte sind die Verlierer dieser Entwicklung. 57 Prozent aller Beschäftigungsverhältnisse aber seien Facharbeiter. 7,8 Millionen sozialversicherungspflichtige Beschäftigte könnten innerhalb der nächsten zehn Jahre ihren Job verlieren, überschlug Mayert – und beruhigte gleichzeitig: „Das sind knapp 80.000 Jobverluste pro Jahr. Da kann man nur sagen: Das ist nicht dramatisch.“

„Die Digitalisierung ist kein Big Bang“, wandte sich auch Mehrdad Payandeh, Bezirksvorsitzender des DGB Niedersachsen, gegen eine „Endzeitstimmung“ angesichts der digitalen Herausforderung. „Veränderungen hat es im wirtschaftlichen Prozess immer schon gegeben. Für seine Aussage bekam der Gewerkschafter in Loccum Beifall ausgerechnet vom stellvertretenden Hauptgeschäftsführer der Unternehmerverbände Niedersachsen, Christoph Meinecke: „Geht uns durch Digitalisierung die Arbeit aus? Das macht ökonomisch gar keinen Sinn!“ Der technische Fortschritt sei allerdings eine Herausforderung für die sozialen Sicherungssysteme.

„Am Ende des Tages wird es darum gehen, wer was am billigsten macht“, äußerte Hans-Joachim Lenke, Vorstand des Diakonischen Werkes der evangelischen Kirchen in Niedersachsen, seine große Sorge angesichts der technischen Entwicklung. Eine gute Bezahlung der Mitarbeiter sei dann nicht gewährleistet, folgerte der frühere Leiter eines Krankenhauses. „Wir müssen aufpassen, dass die Pflege dabei nicht auf der Strecke bleibt.“

„Technischen Wandel gab es schon immer“, zog Wirtschaftswissenschaftler Joachim Lange als Studienleiter der Loccumer Akademie eine Tagungsbilanz. Das Ende des Berufskonzepts sei durch die Digitalisierung wohl eher nicht zu erwarten. Ungelernte könnten mithilfe digitaler Assistenzsysteme die Funktion beruflich Qualifizierter übernehmen.

Ein durchaus positives Fazit, dem sich auch Professor Frank Nullmeier vom „sozium“-Forschungszentrum für Ungleichheit und Sozialpolitik der Universität Bremen anschloss: „Es wird teilweise Entberuflichungsprozesse geben“ – der Beruf des Taxifahrers etwa sei durch den Online-Vermittler Uber und im Zeitalter selbstfahrender Autos gefährdet. „Aber gleichzeitig entstehen auch neue Berufe.“ Digitale Kompetenzen gelten Nullmeier als Basisqualifikation, als Teil einer jeden Berufstätigkeit.

Gravierende Folgen für Sozialstaat

Gleichzeitig steige durch die Digitalisierung der Anpassungsdruck: „Die Tendenz bei der Berufsberatung schon in der Schule geht nicht mehr um die Frage: Was willst Du werden? Sondern um die Frage: Was braucht der Markt?“

Gerate die Beruflichkeit in Gefahr, hätte das allerdings gravierende Folgen für den Sozialstaat. Big Data – durch Fitness-Tracker oder genetische Untersuchungen – erlaube Risikoberechnungen für jeden Einzelnen. „Die Idee der Sozialversicherung als Risikopool unbekannter Einzelrisiken ist auflösbar.“

Viele Einzelaspekte – und noch lange kein Gesamteindruck: Die Digitalisierung der Arbeitswelt und ihre Folgen werden noch vielen Wissenschaftlern als Forschungsthema dienen. Der technische Wandel in der Berufswelt führe zu anderen Leitbegriffen, formulierte Arbeitsmarktforscherin Britta Matthes in Loccum eine positive Erkenntnis des Wandels. Dank Digitalisierung gewinne Selbstverantwortung, -qualifizierung und -motivation an Bedeutung. Es geht um die Entlastung von Routinearbeiten. Es geht um die Sinnhaftigkeit der Arbeit. Nur wenn Mitarbeiter auch einen Sinn in ihrer Arbeit sähen, sei ihre volle Leistung zu erwarten. Die Sinnhaftigkeit der Arbeit sei damit zur Schlüsselfrage geworden. „Es geht nicht mehr vor allem um viel Geld. Sondern darum, glücklich zu sein!“

Von Klaus M. Frieling

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