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Reportage Lebensweg eines Ausnahmetalents aus Celle
Mehr Reportage Lebensweg eines Ausnahmetalents aus Celle
17:08 03.08.2016
Celle Stadt

Man schaut auf ihn, lässt ihn links oder rechts liegen, je nachdem von wo man kommt – zu Fuß, auf dem Rad oder im Auto. Der Mann aus Stein, der dem verkehrsreichen Platz vor der Congress Union seinen Namen gab, ist Teil des Celler Alltags. Manche kennen seinen Namen, wissen um seine Errungenschaften, anderen ist er fremd.

„Ich wusste gar nicht, dass er Mediziner war“, zeigt sich Marie Ghaleh (Name geändert) zu Beginn der Themen-Stadtführung überrascht. Allen fünf Teilnehmern ist der Begründer der modernen Landwirtschaft nicht unbekannt, aber das Wissen über ihn ist ausbaufähig. Der Halt vor der ehemaligen Lateinschule in der Kalandgasse ist für den jüngsten Teilnehmer einer der interessanteren. „Ich dachte, das Ernestinum war früher in der Magnusstraße?“, fragt der 15-jährige Marcel (Name geändert), als der Name seines Gymnasiums im Zusammenhang mit dem eindrucksvollen Fachwerkbau in der schmalen Straße fällt. Mit 13, im Jahr 1765, wurde Albrecht Daniel Thaer in die Lehranstalt, aus der später das Gymnasium Ernestinum hervorging, eingeschult. „Die Menschen damals konnten nicht alle lesen und schreiben, aber Ängste und Wünsche hatten sie natürlich wie wir heute, und ausdrücken wollten sie sie auch, also griff man auf Symbole zurück“, erläutert Gästeführerin Rosemarie Hinrichs die verzierten Schwellenbalken des im 16. Jahrhundert entstandenen Gebäudes. So schön und original der Ort ist, so sehr hasste ihn der Teenager Albrecht Daniel. Er hatte es nicht weit zur Schule, nur ein paar Hundert Meter musste er zurücklegen vom Wohnhaus in der Poststraße 7, wo sein Vater, der Hofmedicus, eine Arztpraxis unterhielt und die Familie wohnte.

Hochsensibel und hochbegabt

Bis zum Eintritt in die Lateinschule war er von Hauslehrern unterrichtet worden. „Seine Mutter war eine fröhliche, temperamentvolle Frau, die alle Menschen glücklich machen wollte“, erzählt Frau Hinrichs. Nur zehn Jahre durfte der kleine Albrecht Daniel mit seiner Mutter verbringen, sie starb mit 34. „Doch die Zeit mit ihr hat ihn geprägt“, ergänzt Hinrichs. Die junge Frau ließ ihren sensiblen, kränklichen Sohn mit Puppen spielen und hatte nichts dagegen, wenn er sich lieber in Gesellschaft von Mädchen als von männlichen Altersgenossen bewegte. Das zuchtmeisterliche Gehabe der Lehrer, aber auch das rüpelhafte Verhalten seiner Mitschüler bildeten einen Kontrast zur gewohnten Welt des Jungen. „Er fand Schule ganz ganz schrecklich“, sagt Hinrichs mit Nachdruck. Das erstaunt bei einem Mann vom Ruf Thaers, aber die Art, wie er damit umging, noch viel mehr. Er begann, die Schule zu schwänzen, und das in großem Stil. Zum zartbesaiteten Wesen der Kinderzeit gesellte sich nun ein anderer Zug. Anstelle der Schulbank drückte er sich mit Gleichgesinnten in Landgaststätten herum. Er spielte Billard, zechte und machte Schulden. Der Hausherr der nächsten Station beglich sie. Das gegenüberliegende Karstadt-Gebäude und die moderne Gestaltung des ehemaligen Wohnhauses im unteren Bereich fordern ein wenig mehr die Fantasie, sich den lernenden Sohn und den praktizierenden Vater vorzustellen. „Das war ein aufrechter, redlicher Mann“, hatte die Gästeführerin gleich zu Beginn Thaers Vater beschrieben. Er muss zudem sehr verständnisvoll, vorausschauend und in erster Linie voller Liebe für seinen Sohn gewesen sein. Als dieser 16 wurde, bemerkte der Vater eine umfangreiche Bildungslücke. Kurzerhand entband er ihn von der verhassten Schule, aber nicht vom Unterricht. Innerhalb nur eines Jahres lernte der Junge bei einem Hauslehrer Latein, wurde zu Hause auch in Botanik, Biologie und Anatomie unterwiesen. Mit nur 18 Jahren war der Hochbegabte bereit fürs Studium der Medizin in Göttingen. Obwohl er kein Kind von Traurigkeit war und „Schlag bei Frauen hatte“, wie Hinrichs es ausdrückt, führte er kein ausschweifendes Studentenleben. Vielmehr genoss er die Gesellschaft von Freidenkern und Künstlern. Der Celler Schriftsteller und Jurist Johann Anton Leisewitz sowie der Dichter und Dramatiker Gotthold Ephraim Lessing gehörten zeitlebens zu seinen Freunden. Bereits mit 22 Jahren hatte er seine Studien abgeschlossen, kehrte zurück nach Celle und praktizierte zunächst gemeinsam mit seinem Vater in der Poststraße, später in seinem eigenen Haus nur wenige Schritte weiter in der Runden Straße. In dem geräumigen und repräsentativen Gebäude lebte er mit seiner Frau Philippine und den fünf Kindern von 1781 bis 1804. Frau Hinrichs weist auf den schönen Innenhof des Anwesens hin. Hier fand der Arzt Ausgleich zu seiner anstrengenden Arbeit, indem er sich mit Blumen beschäftigte.

Den Menschen zuliebe

Er war ein hervorragender Mediziner, überaus beliebt bei den Patienten – und dennoch erfüllte der Beruf ihn nicht. Albrecht Thaer fühlte stark mit. Er sah das Leid seiner Patienten einerseits und die Unzulänglichkeit der Arzneimittel und Therapien andererseits. Eine Ursache für Krankheiten und mangelndes Wohlergehen war der Hunger. Die Ernteerträge reichten nicht aus, um die wachsende Bevölkerung ausreichend mit Nahrung zu versorgen. Das Problem trieb ihn um. Schon als Junge hatte er alles, was seine Hauslehrer über Botanik vermittelten, aufgesogen. Nun widmete er sich intensiv dem Thema Landwirtschaft. Um zu experimentieren, kaufte er sich Ländereien vor den Toren der Stadt, an den heutigen Dammaschwiesen – der letzten Station auf Thaers Spuren. Das Herrenhaus fällt von der Pfennigbrücke aus direkt ins Auge. Thaer ließ es errichten, um die Sommermonate mit seiner Familie dort zu verbringen. Er stellte Knechte und Mägde an und führte auf dem weitläufigen Gelände der Villa einen Bauernhof mit allem, was dazugehörte. Nach und nach entwickelte sich daraus die erste deutsche landwirtschaftliche Versuchsanstalt. Mit einem klaren „Nein“ beantwortet die Gästeführerin Marie Ghalehs Frage, ob Thaer jemals Agrarwissenschaft studiert habe. Und dennoch revolutionierte er sie durch die Entwicklung eines Fruchtwechselsystems, das die seit dem Mittelalter übliche Brache überflüssig machte.

Vor diesem beruflichen Hintergrund und seiner Vorliebe für Pflanzen mag manchem ein Denkmal in einem Park passender erscheinen. Und doch ist es gut, dass er inmitten des belebten Thaerplatzes steht, denn es war das Wohlergehen der Menschen, das Albrecht Daniel Thaer antrieb.

Von Anke Schlicht