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Reportage Mit "Museumsbus" zum Grauen
Mehr Reportage Mit "Museumsbus" zum Grauen
17:09 06.02.2019
Quelle: Svenja Gajek
Celle

Kleine Schneefelder bedecken an diesem Dienstagmorgen die Außenanlagen der Gedenkstätte Bergen-Belsen. Schüler des Hermann-Billung-Gymnasiums betrachten neugierig den imposanten Bau und tuscheln leise miteinander. Für viele von ihnen ist dies der erste Besuch in einem ehemaligen Konzentrationslager. Finn (16) und seine Freunde sind gespannt darauf, ob die Schrecken des Nationalsozialismus sie in der Ausstellung mehr berühren werden als im Geschichtsunterricht. Ihr Lehrer Hannes Mühlbock betont, wie wichtig es sei, den Jugendlichen die immense Bedeutung dieser Zeit näherzubringen. „Die Schüler wissen über den Holocaust Bescheid, aber Bergen-Belsen sollen sie sich selbst erarbeiten.“

Die Gruppe wird von Regina Haut begleitet. Sie ist ehemalige Lehrerin und ein Vorstandsmitglied bei der Bürgerstiftung Celle. Diese hat 2012 den „Museumsbus“ ins Leben gerufen. Dieses Projekt ermöglicht es den Celler Schulen, auf unkomplizierte und unbürokratische Weise ihren Schülern zu einem Museumsbesuch zu verhelfen. Die Kostenübernahme für die Fahrt erfolgt durch die Bürgerstiftung. Viele ehrenamtliche Mitarbeiter haben dazu beigetragen, dass heute – passend zum Holocaust-Gedenktag am 27. Januar und zum 150-jährigen Bestehen des HBG – auch Mühlbock und seine Schüler diesen Ausflug unternehmen können.

Entlausungshäuser und DP-Lager

Museumsführer Marcin Schink empfängt die Jugendlichen. Er zeigt ihnen zunächst einige historische Bilder und lässt diese von einzelnen Schülern beschreiben. Zu sehen sind unter anderem die Entlausungshäuser, die Latrinen, die Löschwasserbecken und die sogenannten DP-Lager, Einrichtungen zur Unterbringung von als „Displaced Persons“ bezeichneten Menschen nach Ende des Zweiten Weltkrieges. Ein Bild von den katastrophalen Zuständen kurz nach der Befreiung des Lagers durch die Briten beschert den Jugendlichen eine Ahnung von noch schmerzhafteren Erkenntnissen im weiteren Verlauf ihres Besuchs.

Die Schüler werden nun in den Filmturm geführt. In diesem dunklen Raum laufen kurze Ausschnitte aus Filmen, die der britische Kameramann Sergeant Mike Lewis in den Tagen der Befreiung gedreht hat. Die „Army Film Production Unit“ der britischen Armee hatte im April 1945 den Auftrag von ihrer Regierung bekommen, die Zustände im Lager in allen Einzelheiten festzuhalten. Schwarz-weiße Bilder machen die aufgenommenen Gräuel langsam deutlich.

Ein am Boden liegender Wäschehaufen wird sichtbar. Bei der Kleidung handelt es sich um Gefangenenanzüge, sie sind schmutzig und teilweise zerrissen. Doch noch etwas ragt aus dem Bündel hervor. Die völlig abgemagerten Beine einer am Boden liegenden Person sind zu erkennen, es ist nicht deutlich, ob es sich um eine Frau oder einen Mann handelt. Den jungen Zuschauern scheint erst jetzt klar zu werden, dass sie in diesem Moment einen echten Toten auf der Leinwand sehen. Es soll nicht bei einem Körper bleiben. Langsam entfalten sich die Grausamkeiten des Lagers vor den Augen der Schüler.

Die gefilmten SS-Chargen wirken erschöpft

Die Filme haben überwiegend keinen Ton, nur an einigen Stellen sprechen britische Offiziere direkt in die Kamera, um über ihre Eindrücke zu berichten. Dabei ist ihre Sprache bemüht sachlich, aber die physische und psychische Anstrengung ihrer Aufgabe ist deutlich herauszuhören. Die gefilmten SS-Chargen wirken ihrerseits erschöpft, ihre Gesichter sind überwiegend emotionslos. Sie tragen weiße Armbinden als Zeichen ihrer Kapitulation, einige scheinen selbst halb verhungert zu sein. Die britischen Soldaten zwingen sie dazu, die Toten in Massengräbern zu verscharren. Leiche um Leiche wird auf Transporter geladen und in die Nähe von frisch ausgehobenen Gruben gebracht. Die letzten Meter werden die Körper teils getragen, teils geschleppt und dann einfach hinabgeworfen. Der wohl schlimmste Moment für die Jugendlichen ist eine Szene, in der ein Bulldozer eingesetzt wird, welcher auf äußerst rücksichtslose Weise ganze Leichenberge vor sich herschaufelt.

Der Schock sitzt tief

Ein Mädchen kann sich nun nicht mehr zurückhalten und läuft aus dem Raum. Mühlbock geht ihr hinterher, um sie zu beruhigen. „Sie war schon einmal als Kind in der Ausstellung und hat sich wohl damals heimlich in den Film geschlichen“, berichtet ihr Lehrer später. Der Schock von damals sitzt offensichtlich immer noch tief. Nicht ohne Grund ist das Betreten des Filmturms erst ab 16 Jahren gestattet.

Auch Sequenzen mit den Überlebenden des Lagers sind zu sehen, sie sind zwar weniger grausam, doch für die Schüler noch bestürzend genug. Die Menschen stolpern orientierungslos durch die Gegend. Wenn sie an einem auf dem Boden liegenden Körper anstoßen, scheinen sie dies kaum zu registrieren. Ein Mann mit skelettartigem Körper hockt inmitten von Abraum und untersucht eine zerschlissene Jacke. Sein Blick dabei ist glasig, er scheint nicht mehr zu wissen, was er eigentlich mit dem kaputten Kleidungsstück anfangen wollte. Andere Bilder sind dabei, die fast so etwas wie Hoffnung oder zumindest Tatkraft ausdrücken. Menschen stehen um einen Topf mit heißem Wasser herum und waschen darin ihre wenige Wäsche.

Am Ende erscheint eine Gruppe von Kindern unterschiedlichen Alters auf der Leinwand. In einer Szene bekommen sie die Anweisung, zusammen zu einem Stacheldrahtzaun zu laufen und hindurchzuwinken. Einige lächeln sogar, was für die jungen Zuschauer nur schwer zu begreifen ist. „Die inhaftierten Erwachsenen gaben den Kindern wichtige Aufgaben“, erklärt Schink, „so mussten sie zum Beispiel auf die geringen Besitztümer der Gefangenen aufpassen, denn in den Lagern wurde viel gestohlen.“

„Man darf die Wahrheit nicht verzerren“

Als die Schüler den Filmturm verlassen, herrscht eine stark bedrückte Stimmung vor. Kaum jemand spricht, die meisten Jugendlichen schauen auf den Boden. Haut und Mühlbock unterhalten sich leise über die Wirkung der Filme. „Ich begrüße es, dass bewusst langsame Bilder gezeigt werden“, sagt Mühlbock, „man darf die Wahrheit nicht verzerren“. Haut ergänzt: „Ich glaube, dass das Thema Nationalsozialismus die jungen Leute heute nicht mehr so berührt wie früher. Die Betroffenheit war zu meiner Zeit als Lehrerin deutlicher zu spüren.“

Finn hat sich etwas abseits gestellt. „Erschreckend, krass“, bemerkt er sichtlich berührt, „diese Selbstverständlichkeit, mit der die Leute diese schrecklichen Dinge getan haben, ist echt unverständlich.“ Auf die Frage, ob er sich vorstellen könne, dass sich diese Dinge irgendwann wiederholen, antwortet er: „Auf keinen Fall, da würde ich selbst was gegen tun.“

Eigentümliche Friedlichkeit

Der Rest des Besuchs in Bergen-Belsen ist weniger anstrengend. Die Schüler sehen sich in der Ausstellung um, betrachten die Informationstafeln und bedienen die interaktiven Elemente. Ihre Aufnahmefähigkeit ist allerdings merklich gesunken. „Wir machen natürlich eine Nachbehandlung im Geschichtsunterricht“, erklärt Mühlbock, „nicht nur zum heutigen Besuch hier, sondern auch ganz allgemein zur Funktion von Gedenkstätten.“

Am Ende der Führung geht die Gruppe auf das Außengelände von Bergen-Belsen. Der Schnee ist schon fast weggeschmolzen und die Sonne blitzt ab und zu zwischen den Wolken hervor. Hier, zwischen dem vielgeschmückten Grab für Anne Frank und der Mauer mit Mahnsätzen in verschiedenen Sprachen, herrscht eine eigentümliche Friedlichkeit. Die Jugendlichen sind sichtbar erleichtert und froh, etwas frische Luft atmen zu können. Schink verabschiedet sich ganz bewusst vor dieser Inschriftenwand von ihnen und sie kehren zum Bus zurück.

Auf dem Heimweg ist nur noch wenig vom vorherigen Entsetzen zu spüren, die Schüler unterhalten sich und lachen. Haut hofft, „dass auch diese Generation begreift, wie wichtig das Erinnern ist.“

Von Svenja Gajek

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