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Reportage Bock auf Autos
Mehr Reportage Bock auf Autos
10:53 30.01.2019
Von Michael Ende
Den Motor des Ami-Schlittens hat Michael Ende nur bestaunt - der soll ja noch laufen...
Adelheidsdorf

In Zeiten, in denen viele junge Leute davon träumen, lieber als „Influencer“ mit dem Smartphone in der Hand virtuelle Internet-Karriere zu machen, als sich einen „normalen“ Beruf auszusuchen, klagt das Handwerk über Nachwuchsmangel. Auch im KFZ-Bereich mangelt es an jungen Leuten. Das könnte auch daran liegen, dass viele Jugendliche nicht wissen, was sich hinter Werkstatt-Kulissen abspielt. CZ-Redakteur Michael Ende hat sich in einem kleinen KFZ-Meisterbetrieb umgesehen. Er tauchte ein in ein Universum, in dem schmutzige Hände saubere Arbeit leisten, in dem Männer mit Benzin im Blut eines verbindet: Bock auf Autos.

Leben – das geht auch ohne Studium

Es gibt Tage, an denen wissen Marcus Roll und sein Team von Kübeck-KFZ aus Adelheidsdorf kaum, wo sie zuerst anfangen sollen. „Wir sind heute sechs Leute – früher waren wir einmal elf“, sagt der KFZ-Meister. Manche ehemaligen Mitarbeiter hätten sich selbstständig gemacht, „und einen meiner Auszubildenden, der landesbester Azubi wurde, hat darauf hin sofort ein großes Unternehmen abgeworben und ihm angeboten, ein Ingenieur-Studium zu finanzierten“, sagt Roll, der über Tarif zahlt. Und dennoch – am Geld liege es nicht: „Ein Geselle verdient heute so viel wie vor zehn Jahren ein Meister. Wir finden in aber unserer Branche kaum noch Nachwuchs. Das liegt zum Teil daran, dass viele sich offenbar keine 38-Stunden-Woche in der Werkstatt antun wollen.“

Manche nur "bedingt ausbildungsreif"

„Genügend Azubis gibt es. Leider finden die Qualifizierten nicht ausreichend in unsere Betriebe“, sagt dazu Volker Borchers, Obermeister der Celler KFZ-Innung. „Einige unserer Kollegen bemängeln oft, dass Grundfähigkeiten fehlen und das eine Ausbildungsreife nur bedingt vorhanden ist.“ Das Betrieben der Nachwuchs fehle, liege auch an den guten Marketingstrategien der Universitäten, die jungen Leuten vermittelten, „dass man ohne Studium nicht ist“. Zum anderen gebe es Verbesserungspotential im Recruiting der Handwerksunternehmen: „Eine professionelle Personalauswahl ist für den Erfolg der Ausbildung entscheidend.“

Wichtig: Autos lieben

Ein KFZ-Mechatroniker brauche vor allem eines, sagt Roll, der selbst bei seinem Onkel KFZ-Mechaniker gelernt hat, bevor er die Werkstatt übernahm: „Für den Job muss man einfach Autos lieben.“ Bestens Beispiel dafür sei der Jüngste im Team, der 17-jährige Philipp. Der bemüht sich gerade, einen Motorroller wieder flott zu bekommen. Der Vergaser des Scooters war völlig verpekt. Philipp, der seine Ausbildung vor einem halben Jahr begonnen hat, hat das Ding in seine Bestandteile zerlegt, reinigt es, baut es wieder ein. Dann der zündende Moment: Der Roller springt an. „Das macht mir einfach Laune, Fahrzeuge zu reparieren und wieder zum Laufen zu bringen“, lacht Philipp. Und blickt sich um: „Hier kann ich wirklich jeden Tag etwas anderes Neues lernen.“

Dem alten Chevy fehlten alle Schrauben

Stimmt, denn in dieser Werkstatt wird alles repariert– egal welche Marke, egal welches Baujahr, egal wie groß oder klein. Heute auf der Bühne: Ein Elektroauto, das spinnt, mehrere Kleintransporter, die gewartet werden müssen, ein LKW mit stotterndem Motor, ein Mercedes-Cabrio aus dem 70ern, dessen Karosserie neu aufgebaut werden soll, ein Kombi mit leichten Dellen, die ausgebeult und neu lackiert werden, und ein ein fast 50 Jahre altes US-Muscle-Car. „Dieser Chevy wurde uns aus einer anderen Werkstatt überstellt“, sagt Roll. Dort habe man zwar dem enormen Motor zerlegt, es aber nicht geschafft, ihn wieder zusammen zu bauen. „Das haben wir übernommen“, sagt Roll. Dumm dabei: „Leider fehlten alle Schrauben.“ Noch dümmer: „Europäische Schrauben passten da nicht. Wir mussten uns erst neue Ami-Schrauben besorgen.“

„Das macht mir Spaß“

Leon Bambergs Augen leuchten, wenn er von dem US-Boliden spricht: „Ein Chevy Nova, Baujahr 70 mit einem 7,4 Liter-Motor. Als wir den wieder flott hatten und der hier zum ersten Mal vom Hof gerollt ist, das war schon cool.“ Zuvor sei das PS-Monster in der Halle zum Leben erwacht: „Mit zwei Fehlzündungen. Da flog hier der Staub von den Lampen.“ Der Fall, um den Leon und ich uns jetzt kümmern, ist weniger spektakulär : Wir bringen eine Anhängerkupplung an einem Mittelklassewagen an. Dafür muss ein Teil der hinteren Karosserie angenommen werden. Für einen Traditionalisten wie mich eine Enttäuschung: Dünnes Plastik, wohin man auch blickt. Ein Kunststück, das mit Kunststoffdübeln zusammengesteckte Zeug herunter und wieder dran zu bekommen, ohne, dass es zerspringt. Leon, der im zweiten Lehrjahr ist, kann das. Es zeigt mir, wie man das Schritt für Schritt macht. Als wir fertig sind, nimmt der Meister das Werk ab und gibt Tipps, wie‘s nächstes Mal noch besser flutschen könnte. „Das macht mir Spaß“, sagt er und freut sich, in einer freien Werkstatt zu arbeiten, wo es alles Mögliche gibt – außer Langeweile und Routine.

KFZ-Bereich Innovativste Branche

„KFZ-Berufe bieten eine sehr große Vielfalt an interessanten Ausbildungsinhalten und Karrieremöglichkeiten. Unsere Branche steht vor unglaublich spannenden Veränderungen“, sagt Obermeister Borchers. Der Fahrzeugbau sei die Branche mit den meisten Produktinnovationen. „Welche Antriebsarten werden sich durchsetzen? Wie gestalten wir das autonome Fahren? Dazu muss die technische Komplexität eines Fahrzeug beherrscht werden. In einem modernen Automobil sind bis zu 80 Steuergeräte verbaut, die alle miteinander kommunizieren. Das sind hochinteressante Betätigungsfelder für technikbegeisterte junge Leute. Solch historische Veränderungen zu begleiten ist herausfordernd, macht Spaß und bietet hohe berufliche Erfüllung.“

Schweißen gehört dazu

Es leuchtet grellblau, zischt und britzelt und ist aus den meisten Werkstätten längst verschwunden. „Wir hier benutzen das Schweißgerät noch täglich, denn wir wollen Autos reparieren und nicht einfach Fehler auslesen und neue Teile verbauen“, sagt Roll und zeigt auf den Katalysator eines Kleinwagens. Ein Abgasrohr, das fest am Kat hängt, ist undicht. In einer Vertragswerkstatt würde man jetzt den komplett heilen Kat samt des Rohrs austauschen. Hier beschränkt man sich auf das, was getan werden muss: Das defekte Rohr wird abgeschnitten und ein passendes Ersatzteil an den Kat geschweißt. Läuft wieder. Kostenersparnis für den Kunden: etliche hundert Euro. „Hier bei uns könne die Jungs das noch lernen“, sagt Schweiß-Routinier Micha Rohde und lässt die Funken sprühen.

Azubis haben gute Chancen auf Übernahme

In Deutschland arbeiten rund eine halbe Million Menschen im Kraftfahrzeuggewerbe. Mit etwa 85.000 Auszubildenden in über 38.000 KFZ-Betrieben und Autohäusern gehört das KFZ-Gewerbe zu den größten Ausbildern des Landes. Die einzelnen Auto-Berufe zeichnen sich durch vielfältige und anspruchsvolle Tätigkeits- und Aufgabengebiete aus. Gesucht werden Jugendliche, die automobil-begeistert, technisch begabt und kommunikativ sind. Wer die Ausbildung absolviert, hat sehr gute Chancen, übernommen zu werden. Infos zur Ausbildung gibt es unter www.wasmitautos.com.

Pannenhilfe gehört zum Service

„Los geht‘s“ Marcus Roll hat einen Anruf bekommen. Vor einem Supermarkt in Nienhagen ist eine Oberklasse-Limousine liegen geblieben. Wir fahren hin. Das Auto macht keinen Mucks mehr und lässt sich auch nicht fremdstarten. Batterie platt, aber so richtig. „Den müssen wir mitnehmen“, sagt der Meister. Wir schleppen den Wagen in die Werkstatt ab. Ich vorne in Rolls Auto, er hinten im Havaristen. Zu Hause baut Philipp eine neue Batterie ein, und das Auto springt sofort an. Geht doch.

Passt der Job? Praktikum gibt Anwort

Als sich mein Praktikums-Tag dem Ende zuneigt, haben ich sehr viel erfahren über Autos und Menschen, die sie am Laufen halten. Ein Praktikum sei der besten Weg, um den KFZ-Beruf kennen zu lernen, sagt Roll. Wer Interesse habe, könne kann sich einfach bei einem Betrieb seiner Wahl melden: „Wir freuen uns immer über junge Leute, die bei uns reinschnuppern wollen. Dann sieht man schnell, ob‘s passt oder nicht.“ Bei uns hätte es vielleicht sogar gepasst. Doch für eine Lehre bin ich schon zu alt. Und zu altmodisch: Ich traue mich nicht, Elektroautos anzufassen. Nicht, dass ich noch einen gewischt kriege.

Redakteur Michael Ende hat einen Tag das CZ-Büro mit der Autowerkstatt getauscht. Dabei hat er herausgefunden, was er längst schon ahnte: "Was mit Autos" kann richtig Spaß machen.

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