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Reportage Vormittags im Operationssaal: Prostatektomie
Mehr Reportage Vormittags im Operationssaal: Prostatektomie
14:56 13.06.2010
1. - 2. - 3. - 4. - 5. Quelle: Janine Jakubik
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Celle Stadt

Für den Chefurologen Dr. Jörg Miller fängt der Tag früh an: Auf dem Operationsplan für diesen Tag, ist unter anderem eine Prostataentfernung angesetzt, die er vornehmen wird. „Die komplette Entfernung der Prostata ist in der Urologie ein routinemäßiger Eingriff. In diesem Fall ist sie notwendig, weil bei dem Patienten während einer Vorsorgeuntersuchung ein erhöhter PSA-Wert festgestellt worden ist. Das ist ein Eiweiß, das sowohl von gutartigen als auch von bösartigen Prostatazellen produziert wird und in der Vorsorge als Tumormarker gilt. Weitere Untersuchungen haben dann gezeigt, dass er an einem bösartigen Tumor der Prostata leidet. Weil der Patient aus urologischer Sicht noch sehr jung ist, also unter 65 Jahren und die Heilungschancen für ihn recht gut waren, haben wir uns dafür entschieden, die Prostata bei diesem Eingriff komplett zu entfernen“, erklärt Miller die Vorgeschichte des Patienten.

Im Vorgespräch über

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Narkose informiert

Bevor es aber losgeht, kommt Gundi Degotschin, Assistenzärztin der Anästhesie, zum Einsatz. In einem ausführlichen Vorgespäch hat sie den Patienten schon am Tag vorher über die Narkose informiert und seine individuellen Risikofaktoren abgefragt. „Es ist wichtig, dass wir über Vorerkrankungen beispielsweise des Herzens und andere Risikofaktoren wie hoher Blutdruck oder Medikamenteneinnahme informiert sind, damit wir das Narkoserisiko richtig abschätzen können“, erklärt Degotschin. Wichtig außerdem für den Patienten: Ab Mitternacht vor der OP nichts mehr essen. Kurz bevor es losgeht bekommt er dann beruhigende Mittel und wird zur sogenannten Patientenschleuse gebracht. Jetzt geht es ab auf die Trage, ein venöser Zugang wird gelegt und die Narkose eingeleitet.

Währenddessen sind die Operateure und die OP-Schwester, die die Instrumente anreichen wird, dabei, sich zu waschen. Das bedeutet: Zuerst werden Unterarme und Hände großzügig mit Seife und Wasser gewaschen, dann nochmal fünf Minuten lang mit einer speziellen chirurgischen Handdesinfektion gereinigt. Erst dann dürfen die drei den sterilen Bereich rund um den Operationstisch betreten.

Der Patient wird mit grünen OP-Tüchern abgedeckt

Dort liegt schon der Patient, bis auf die relevante Stelle am Unterbauch mit grünen Operationstüchern abgedeckt. Die Überwachungsmonitore piepen. „Hallo zusammen, dann wollen wir mal“, begrüßt Miller das OP-Team, zu dem auch eine sogenannte Springerin gehört. Das ist eine OP-Schwester, die dafür zuständig ist, während der Operation die Operateure mit allem zu versorgen, was außerhalb des sterilen Bereichs liegt, wie beispielsweise Instrumente, die während der Operation plötzlich und unerwartet benötigt werden. Dann geht es los: Die instrumentierende Schwester reicht Miller das Skalpell, er hält kurz inne und macht dann konzentriert einen etwa zehn Zentimeter langen Schnitt. „Ich kann mich noch gut an meine allererste Operation vor zwanzig Jahren erinnern. Der schwierigste Moment war ganz klar mit dem Messer tatsächlich einen Menschen aufzuschneiden. Das hat schon Überwindung gekostet. Heute geht das natürlich leichter von der Hand. Trotzdem ist es wichtig, dass man als Arzt niemals den Respekt vor dem verliert, was man tut“, betont der Urologe.

Nachdem sich Miller mit einem geraden Schnitt zwischen Bauchnabel und Schambein einen Zugangsweg zur Prostata geschaffen hat, beginnt er mit der Entnahme der gesamtem Prostata, der Samenbläschen und der Samenleiter. Dabei durchtrennt er auch die Harnröhre, die später wieder mit der Harnblase vernäht werden muss. „Gerade im Frühstadium von Prostatakrebs, wenn sich der Krebs noch nicht auf andere Organe ausgebreitet hat, ist die radikale Prostatektomie, also die vollständige Entfernung der Prostata insbesondere bei jungen Patienten die beste Behandlungsform. Bei der Operation entfernen wir auch die örtlichen Lymphknoten, die wir bei Bedarf noch während der Operation mittels Schnellschnittdiagnostik in der Pathologie histologisch untersuchen lassen können. Das gibt uns dann Aufschluss darüber, wie weit der Krebs schon fortgeschritten ist. Auf dieser Grundlage wird dann noch während er OP über das weitere Vorgehen entschieden“, erklärt Miller den Operationsverlauf.

Tumor ist noch nicht

so weit ausgebreitet

Dann geht die Arbeit weiter. „Weil der Tumor bei diesem Patienten noch nicht so weit ausgebreitet ist, haben wir die Möglichkeit, das neben der Prostata verlaufende Gefäß-Nerven-Bündel beidseitig zu erhalten. Früher war den Medizinern die Bedeutung dieses Nervenbündels nicht bewusst. Heute weiß man, dass seine Schonung während der Operation positiven Einfluss auf den Erhalt der Potenz und die Wiederherstellung der Kontinenz des Patienten hat.“, erklärt Miller, der am kommenden Sonnabend einen Urologischen Informationstag zum Thema Kontinenz anbietet und weiß, wie erheblich die mangelnde Fähigkeit, Urin zu halten, die weitere Lebensqualität des Betroffenen beeinträchtigen kann.

Deshalb ist er auch hoch konzentriert während er sehr vorsichtig das Gefäß-Nerven-Bündel von der Prostata trennt. „Dieser Teil der Operation ist sehr bedeutend. Ich muss jetzt erst das Gefäßbündel von der Prostata abnehmen. Treten in diesem empfindlichen Teil kleine Blutungen auf, stillt man sie nicht, wie sonst üblich mit einer Hochfrequenz-Strompinzette. Dabei könnten die sensiblen Nervenfasern in diesem Bereich zerstört werden“, erklärt der erfahrene Operateur sein Vorgehen. Dann ist es soweit. Miller entnimmt Prostata samt dahinter liegender Samenblase, die in dem Pathologischen Institut gleich neben dem AKH abschließend untersucht werden.

Neue Verbindung zwischen Blase und Harnröhre

Fertig sind Miller und sein Team aber noch nicht. Eine neue Verbindung zwischen Blase und Harnröhre muss her. Dazu wird ein kleiner gelber Schlauch als Dauerkateter benutzt. „Das ist wichtig, damit der Urinabfluss in den Tagen nach der Operation gesichert ist. Außerdem müssen wir jetzt noch eine sogenannte Wunddrainage gelegt. Sie ist dafür da, dass das Wundsekret nach der Operation ablaufen kann. Beides wird in wenigen Tagen aber wieder entfernt werden können“, so Miller.

Jetzt muss die Wunde nur noch vernäht werden. Das passiert in zwei Schritten: Zuerst verschießt Miller die Bauchdecke mit kräftigem Nahtmaterial, das sich in den nächsten Monaten selbst auflösen wird. Danach ist für Miller die Operation beendet. Jetzt muss nur noch sein Assistenzarzt Thomas Reindl die Haut nähen. Dann kann der Patient auf die Aufwachstation gebracht werden.

Kleine Pause also für das erfolgreiche OP-Team, dann geht es weiter, denn an der Patientenschleuse vor dem OP ist schon der nächste Patient angemeldet.

Von Janine Jakubik