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Reportage Im Reich der Wikinger in Ribe
Mehr Reportage Im Reich der Wikinger in Ribe
13:00 24.08.2019
Von Michael Ende
Malereien auf den Wänden des Thing-Hauses erzählen von König Angantyr und seinert Stadt: Michael Ende auf den Spuren der Wikinger. Quelle: Diana Bertelsen
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Ribe

Ein Festmahl für die Raben bereitete König Angantyr, als er die Friesen, die für ihren Handelsplatz am Fluss keinen Tribut entrichten wollten, mit seinen Berserkern in einer großen Schlacht ins Reich der Totengöttin Hel schickte. Im flackernden Schein einer Kerze lese ich Runen und betrachte das Wandgemälde, das im mystischen Dunkel des Thing-Hauses erzählt, wie die dänische Stadt Ribe im achten Jahrhundert gegründet wurde. Damals regierten hier die Wikinger. Das tun sie auch heute noch: Im Ribe VikingeCenter kann man als Besucher in die Welt der Nordmänner eintauchen. Oder wie ich sogar selbst einer werden.

Abends zieht Ruhe ein: Dann bleibt die Zeit stehen in Ribe.

Alltagsleben steht im Mittelpunkt

Wie lebten die Männer und Frauen aus Dänemark, Norwegen und Schweden, die im frühen Mittelalter mit Raubzügen Handelsunternehmungen, Eroberungen, Siedlungsprojekten und Entdeckungsreisen die Grenzen des damaligen Europas sprengten, neu zogen, die mit dem fernen Arabien und Asien Handel trieben und den Horizont sogar bis nach Nordamerika erweiterten? Als äxteschwingende Mordbrenner werden die Wikinger gerne dargestellt – in Ribe geht es um viel mehr. Hier geht es um ihren Alltag, in dem auch die Axt geschwungen wurde. Allerdings für ganz profane Dinge.

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Die Wikinger waren gesellig - und Handeln lag ihnen im Blut. Quelle: Diana Bertelsen

Holzhacken gehört dazu

Im Jahr 820 angekommen, hacke ich Holz mit einer Axt, der man ansieht, dass sie schon etliche Jahre auf dem Buckel hat. Eigentlich ein ganz alltäglicher Vorgang im „Holzzeitalter“, in dem nicht nur ein Großteil aller Gebrauchsgegenstände vom Löffel bis zum Drachenboot aus Bäumen hergestellt wurde. Mein Treiben ist eigentlich kaum der Rede wert, und doch werde ich damit zur Attraktion bei Besuchern des VikingeCenters. Sie fotografieren mich nach Herzenslust und staunen, wie die Scheite nur so fliegen. Kleiner Tipp für Nachahmer: Wer fotogen Holz hacken möchte, der sollte sich vorher Stücke ohne Äste aussuchen. Sonst gibt‘s hämische Lacher.

Heute würde man das wohl "Life-Hack" nennen: "Oldschool"-Holzzerkleinerung ist ein beliebtes Fotomotiv. Quelle: Diana Bertelsen

Schmied ist ein wichtiger Mann

Geschmiedet hat die Axt einer wie Peter Kornelius Kusch, der in der kleinen Grubenhaus-Schmiede seinen Hammer auf glühendes Metall knallen und die Funken sprühen lässt. „Jacza“ nennt sich der aus der Niederlausitz stammende Schmied, der in seiner Rolle als Slawe schon seit mehr als einem Dutzend Jahren jedes Jahr mehrmals nach Ribe kommt. „Ich möchte nicht nur angeschaut werden und meinen eigenen Film machen, sondern auch Wissen vermitteln“, sagt der gelernte Museumspädagoge aus Berlin, der vom Nagel bis zum Schwert alles produzieren kann, was der Wikinger braucht.

Der Mann fürs Heiße: Peter Kornelius Kusch alias „Jacza“ schmiedet aus glühendem Eisen alles, was das Wikingerherz begehrt – zum Beispiel Krähenfüße. Quelle: Michael Ende

Treffpunkt für Menschen aus allen Himmelsrichtungen

„Jacza“ fasziniert an Ribe, dass er hier Wikinger-Darsteller aus ganz Europa und Besucher aus der ganzen Welt trifft: „Dieser Wikinger-Handelsplatz ist wie seine historischen Vorbilder ein Treffpunkt für Menschen aus allen Himmelsrichtungen." Aktuell arbeitet der Schmied an einem Wegwerfprodukt. Er erschafft „Krähenfüße“ genannte Eisen-Igel, die schon die Römer als „Tretminen“ benutzten: „Echt fiese Dinger, aber über diese bösen Teile komme ich mit den Besuchern ins Gespräch über die Vergangenheit, die wir hier zum Leben erwecken. Das macht mir einfach Spaß.“

Gefürchtete Krieger, versierte Reiter, gewiefte Händler: In Ribe erlebt man Wikinger in allen Facetten. Quelle: Diana Bertelsen

Reise durch die Glanzzeit der Nordmänner

Historiker und Archäologen wissen, dass die Gegend um Ribe in der Wikingerzeit eine entscheidende Rolle spielte. „Beinahe jedes Jahr werden neue aufregende Funde ausgegraben, und es gibt keinen Zweifel mehr daran, dass Ribe einer der wichtigsten Orte für die Dokumentation von Handel, Handwerk und Landwirtschaft zur Zeit der Wikinger ist“, sagt Bjarne Clement, Leiter des VikingeCenters, das 1992 gegründet wurde.

Ribes Ursprünge waren eine bescheidene Siedlung am Fluss. Quelle: Michael Ende

„Bislang haben wir drei wichtige und handwerklich ausgezeichnet ausgeführte Wikingerszenarien aufgebaut: den Marktplatz mit dazugehörigem Schiff, eine originalgetreue Nachbildung eines Platzes vom Beginn des 8. Jahrhunderts, ein großes Gehöft aus dem Jahr 980, bestehend aus einem Langhaus mit fünf dazugehörigen Gebäuden sowie ein Dorf mit acht Häusern aus dem Jahr 825. Man kann so die Entwicklung der gesamten Wikingerzeit verfolgen.“

In Ribe wurden und werden Häuser der Wikingerzeit originalgetreu aufgebaut. Quelle: Diana Bertelsen

Ziel des VikingeCenters sei es, die Wikingerzeit wieder aufleben zu lassen und sie damit den Besuchern nahe zu bringen: „Parallel zu dieser Vermittlungsarbeit werden mit den Mitteln der experimentellen Archäologie verschiedene Theorien entwickelt und ausprobiert. Wie sah das Zusammenleben unter den gegebenen physischen Verhältnissen und den damaligen Bedingungen aus?“

Na klar: Wehrhaft waren die Wikinger auch. Quelle: Lene Feveile

Gartenzaun für die Hausherrin

Lene Feveile hat als Archäologin das Ribe der Wikingerzeit ausgegraben. Im Thing-Haus des VikingeCenters ist sie die Hausherrin, der ich zusammen mit Jens Bonde zur Seite stehe. Lene möchte einen neuen Weiden-Flechtzaun im Garten haben, also machen Jens und ich uns ans Werk. Und obwohl wir heute echte Wikinger bei der Arbeit sind, lässt sich unsere Herkunft aus dem 20. Jahrhundert nicht ganz verleugnen: Während wir meterlange Weidenruten sammeln, entasten und zum Zaun verarbeiten, summen wir den „Lumberjack Song“ von Monty Python. Ein bisschen Zeit-Crossover ist okay – auch wenn man sich damit einen furchtbaren Ohrwurm einhandelt.

Zusammen mit Jens Bonde ist der Flechtzaun schnell errichtet. Ribes Ursprünge waren eine bescheidene Siedlung am Fluss. Quelle: Michael Ende, Lene Feveile

Nach der Abnahme des Zaunes durch Lene hat sie für mich schon die nächste Aufgabe: Ich soll Spielfiguren für das Hnefatafl-Spiel schnitzen. Die alten Spielsteine haben Beine bekommen, nachdem Besucher mit ihnen gespielt haben. In der Holzwerkstatt werde ich von Gästen umlagert. Ich zeige ihnen, wie man mit einfachen Werkzeugen ganz kleine Dinge wie Spielsteine oder ganz große Dinge wie Hausbalken und Schiffsplanken herstellen kann. Gefragt sind hier Wissen, Können und Geduld. Wie lange das mit den Spielfiguren noch dauert, fragt mich eine Besucherin und bekommt von mir eine echt historische Antwort: „Bis es fertig ist.“ Zeit hatte man früher genug.

Ob Zaunlatte oder Spielfigur: Aus Holz lässt sich fast alles herstellen. Quelle: Diana Bertelsen

Dörte Krahn, ihr Mann Chris Wittner und ihre Kinder Thorben, Lars, Franca und Farnier leben seit zwei Wochen in Zelten auf dem Center-Gelände. Sie gehören zu den Freiwilligen, die neben den hauptamtlichen Wikingern Leben ins Museumsdorf bringen. „Wo kommst du her?“, fragt sie mich. „Wirst du nicht kennen“, antworte ich: „Celle“ Dörte lacht. „Kenn‘ ich doch. Meine Oma kam aus Wathlingen.“ Die Welt ist halt ein Dorf. Wie schon vor 1200 Jahren.

Dörte Krahn.

Das meint auch Lukas Opocensky, der hinten in einer verräucherten Ecke des Thing-Hauses im Lehmofen Brot backt. Das sollte man können, genauso wie mit Feuerstein und Stahl Flammen zu entzünden. Seit acht Jahren kommt der Tscheche, der auch andere Wikinger-Museumsdörfer kennt, nach Ribe. „Das hier ist das Beste, was man in ganz Europa finden kann“, sagt Lukas, der die hier gelebte Internationalität schätzt. Wikinger erkennen einander. „Früher erkannte man Wikinger am Duft nach Zwiebeln und Rauch“, lacht Lene, die im Dorf auch mit Sklaven handelt oder Recht spricht, wenn der Fürst auf Dienstreise ist.

Lukas Opocensky backt einer verräucherten Ecke des Thing-Hauses im Lehmofen Brot.

„Ich mache das hier als Abwechslung“, sagt Roland Joas aus Niederbayern und schmiedet an einer Messerklinge. Der Glasmacher, der auch als Zimmerer und Tischler seinen Wikinger steht, ist ein Allrounder, wie er vor 1200 Jahren gefragt war. Ob er verrückt ist? Joas schüttelt den Kopf: „Wir hier sind alle normal. Verrückt sind diese 0815-Leute draußen. Die sind krank im Kopf, nicht auszuhalten.“ Roland blickt nachdenklich auf die dahintreibenden jütländischen Wolken: „Ich mag echte Leute, die ihr Ding ausleben – dazu sind die ganzen Spießer unfähig. Die extremen Typen sind normaler.“ Bjarne Clement lächelt: "Die Leute sagen, dass es den Ribe-Virus gibt. Wer von ihm infiziert ist, der kommt immer wieder."

Roland Joas sinniert auf seinem Hocker: „Ich mag echte Leute, die ihr Ding ausleben." Quelle: Michael Ende

Im Wikinger-Kosmos in Ribe ist für alle Platz. Auch für mich, der sich bei allem Hang zur Authentizität als Zeitreisender kleine Fluchten erlaubt. Zum Beispiel, als die Familie von Sarah Henderson aus North Yorkshire in keinem Handy mehr genug Saft für ein Erinnerungsfoto der Kinder auf dem Thron des Jarls im Langhaus hat. Da fischt Mick Wernersson aus Celle in einem unbeobachteten Moment gerne mal sein Handy aus dem Lederbeutel am Gürtel, knippst die Henderson-Kids und schickt das Bild sofort per Mail nach England. Das geht fix. Ein Wikinger kann schließlich auch nett zu Engländern sein. Solange sie „Danegeld“-Abgaben zahlen. Oder Eintritt.

Im Jahr 820 war's genau wie heute auch: Familie gut, alles gut. Michael Ende inmitten seines Wikinger-Clans am Lagerfeuer neben dem Langhaus. Quelle: Diana Bertelsen

Ribe VikingeCenter

3- 4 Stunden
verbringen die Gäste
im Durchschnitt im
Ribe VikingeCenter.

Wer die Wikinger in ihrer Siedlung am Lustrupvej in Ribe besuchen möchte, kann dies von Ende April bis Mitte Oktober tun. Der Eintritt kostet zwischen 18 Euro für Erwachsene und 9 Euro für Kinder. Informationen zum Beispiel über Sonderveranstaltungen gibt es im Internet unter www.ribevikingecenter.dk. Ein Besuch lohnt sich auf jeden Fall. Im Durchschnitt verbringen Gäste zwischen drei und vier Stunden im Ribe VikingeCenter.

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