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Sachsenspiegel Allgemeine Kriegsverdroſſenheit
Mehr Sachsenspiegel Allgemeine Kriegsverdroſſenheit
14:21 06.01.2018
Dieses Plakat sollte an den preußischen König Friedrich den Großen erinnern, der im Siebenjährigen Krieg(1756-1763) als Oberbefehlshaber die preußischen Truppen im Kampf gegen feindliche Armeen führte. Die dabeigezeigte Willenskraft sollte auch im Ersten Weltkrieg als Vorbild dienen und die Kampfbereitschaft stärken. Quelle: Stadtarchiv Celle
Celle

Im Jahr 1917 war ein Ende des mehr als drei Jahre dauernden Weltkriegs trotz der eingehenden Siegesmeldungen nicht abzusehen. Die Führung des Kaiserreichs und die Oberste Heeresleitung wollten keinen Zweifel an dem zu erwartenden Sieg der deutschen Armeen aufkommen lassen. Die Bevölkerung hingegen erlebte die Auswirkungen des Krieges als eine kaum noch zu ertragende Last. Für viele Menschen hatte sich die Ernährungslage noch verschärft.

Lebensmittelrationierung, Gemeinschaftsküchen, Hamstern, Schleichhandel und Spekulantentum waren Begleiterscheinungen dieser Krise und bestimmten den Alltag in der „Kriegsgesellschaft“. Resignation und Sorge um die Zukunft breiteten sich aus. Die Kriegsbegeisterung des Jahres 1914 hatte sich verflüchtigt. An deren Stelle war eine weite Bevölkerungskreise erfassende Kriegsverdrossenheit getreten. Die Bereitschaft, zusätzliche „Opfer für das Vaterland“ zu bringen, schwand. Spannungen und Konflikte waren die Folge.

Durch die weitere Verschlechterung der Lebensumstände traten die gesellschaftlichen Widersprüche deutlicher hervor. Insbesondere aufseiten der notleidenden Bevölkerungsschichten verschärfte sich die Gegnerschaft zu den Staat und Gesellschaft dominierenden Gruppen des Militärs, der Großgrundbesitzer, Industriellen und Beamten, deren führende Vertreter an den Schalthebeln der Staatsmacht saßen und nicht gewillt waren, ihre Positionen infrage stellen zu lassen.

Auch das Kriegsrecht wurde zunehmend als bedrückend empfunden. Das Übergewicht des Militärs verstärkte sich sowohl im zivilen als auch im politischen Bereich. Entscheidend dafür war die mit der Erklärung des Kriegszustandes verbundene Übertragung der vollziehenden Gewalt auf die Stellvertretenen Kommandierenden Generale der 24 Armeekorpsbereiche, die als sogenannte Militärbefehlshaber für viele Bereiche in Staat und Gesellschaft zuständig waren, für die öffentliche Sicherheit ebenso wie für die Organisation der Kriegswirtschaft.

„Die Art und Weise, wie der Kriegszustand gehandhabt wurde, führte zu andauernden Konflikten. Denn militärische und zivile Vorstellungen stießen aufeinander wie selten zuvor, und außerdem mangelte es an Einheitlichkeit, da allein der Kaiser den Befehlshabern Weisungen erteilen konnte.“1 Dessen Einfluss war jedoch im Verlauf des Krieges weiter gesunken, während die Oberste Heeresleitung ihre Macht festigen und ausbauen konnte.

Konfliktverschärfung
in der Arbeiterschaft

Von dieser Entwicklung blieb auch die organisierte Arbeiterschaft nicht unberührt, in deren Reihen die Auseinandersetzungen über die weitere politische Vorgehensweise in Bezug auf die Kriegsziel-, Friedens- und Reformfrage heftiger wurden. Der Druck auf die Führungen von SPD und Gewerkschaften erhöhte sich. Im Mittelpunkt stand dabei die Frage der Fortsetzung der Politik des „Burgfriedens“, die zu Beginn des Krieges von der SPD mit den anderen Parteien im Interesse der „Einheit der Nation“ vereinbart worden war, mit dem Ziel, für die Dauer des Krieges öffentliche Auseinandersetzungen zwischen den politischen Parteien und den großen gesellschaftlichen Gruppen zu unterlassen. Angesichts des nicht abzusehenden Kriegsendes nahm die Zahl der Kritiker in der SPD zu. Die innerparteilichen Kontroversen führten zu Abspaltungen und Parteineugründungen.

Bereits 1915 war es zur Bildung des Spartakusbundes gekommen und Ostern 1917 wurde die Unabhängige Sozialdemokratische Partei (USPD) als weitere sozialistische Organisation gegründet, während die bisherige sozialdemokratische Bewegung fortan als Mehrheitssozialdemokratie (MSPD) auftrat. Im Zuge dieser Entwicklung verstärkte sich auch die Bereitschaft der Arbeiter zum Widerstand gegen wirtschaftliche Fehlentwicklungen.

Besonders ausgeprägt waren die Proteste in den großen Städten. Ihren Unmut über das Kriegsgeschehen hatten bereits im Sommer 1916 Munitionsarbeiter durch Streiks zum Ausdruck gebracht. Sie setzten sich damit über den zu Beginn des Krieges von der Gewerkschaftsführung erklärten Verzicht auf Arbeitskämpfe hinweg und zeigten, dass man in der Arbeiterschaft nicht mehr zu uneingeschränkter Loyalität gegenüber Kaiser und Reichsleitung bereit war. Angesichts einer zunehmenden Radikalisierung innerhalb der Gesellschaft und sich verschärfender sozialer Gegensätze gelang es Sozialdemokraten und Gewerkschaften immer weniger, für eine „Dämpfung“ der Konflikte zu sorgen.2

Unzufriedenheit breitete sich auch unter den Beamten und Angestellten aus. Diese Gruppen hatten durch die Kriegswirtschaft und die inflationäre Entwicklung Einkommenseinbußen, Wertverluste bei ihren Ersparnissen sowie Beeinträchtigungen in ihrem sozialen Status hinnehmen müssen.3

Die innerparteilichen Auseinandersetzungen und die Kontroversen um die Fortsetzung der „Burgfriedenspolitik“ hinterließen auch in der Celler Sozialdemokratie ihre Spuren. Die vom Ortsverein ergriffene Initiative, durch eine von der Generalversammlung des Kreisvereins 1917 an den Parteitag gerichtete Resolution die SPD-Reichstagsfraktion zu veranlassen, „weitere Kriegskredite abzulehnen, solange die Regierung sich nicht zu einem Frieden ohne Annexionen und Entschädigungen bereit erklärt“, wurde von vielen Celler Sozialdemokraten als unzureichend empfunden. Sie traten für eine härtere Linie gegenüber der kaiserlichen Regierung ein. Diese Kontroverse führte in der zweiten Hälfte des Jahres 1917 auch in Celle zur Gründung eines Ortsvereins der USPD.4

Zu den in anderen Städten und Regionen zu beobachtenden Protesten wegen der sich verschlechternden militärischen Lage und des Versagens der kaiserlichen Regierung kam es in Celle aber nicht, wenngleich man sich auch hierzulande ein schnelles Ende des Krieges wünschte.

Eher musste man bei den Celler Sozialdemokraten den Eindruck mangelnder Entschlossenheit und Zielstrebigkeit gewinnen. Aus der Sicht des Ortsverbandes der Partei war diese Passivität vor allem darauf zurückzuführen, dass es durch die kriegsbedingte Notlage innerhalb der Arbeiterschaft „eine deutliche Verlagerung von politischen zu ökonomischen Interessen gab“. Aufgrund dieser Entwicklung wurden im Verlauf der Kriegszeit auf kommunalpolitischer Ebene nur wenige Vorstöße zur Erweiterung der eigenen Einflussmöglichkeiten unternommen. Dazu gehörte auch der gescheiterte Versuch, durch eine Eingabe des „Sozialdemokratischen Vereins“ an den Magistrat der Stadt „das Bürgergeld möglichst auf 1 Mark herabzusetzen“ und so „das kommende Wahlrecht demokratischer zu machen“.5

Diese passive Haltung veranlasste den Vorsitzenden des Vereins zu der resignierenden Feststellung: „Ein paar Gramm Lebensmittel können den Arbeiter in größere Erregung bringen als die größten Ereignisse der Weltgeschichte“.6

Klagen über Verfall
von Sitte und Moral

Die im Verlauf des Jahres 1917 zu beobachtenden gesellschaftlichen Veränderungen und politischen Auseinandersetzungen finden ihren Niederschlag auch in den Kriegstagebüchern des damaligen Celler Oberbürgermeisters Wilhelm Denicke. Für ihn deuteten diese Vorgänge auf einen beklagenswerten politischen Zustand und auf einen Bewusstseinswandel in der Bevölkerung hin, der sich auch in verschiedenen Einstellungen zur staatlichen Obrigkeit zeigte. Diese Erscheinungen, die Denicke auch in Celle beobachtete, gingen einher mit einer religiösen Entfremdung, einem Verfall der Moral und Problemen im privaten Bereich, die in einer beängstigenden Zunahme familiärer Zerwürfnisse ihren Ausdruck fanden.

So vermerkte Denicke zu den Feiern zum Reformationstag am 31. Oktober 1917, die dem 400-jährigen Reformationsjubiläum gewidmet waren: „[…] Wie steht es jetzt um die evangelisch-lutherische Kirche? Der Krieg hat ihr nicht den erhofften Aufschwung gebracht. Die Masse des Volkes, wenigstens soweit sie der soz. demokr. Partei angehört, steht völlig außerhalb der Kirche, wennschon formelle Austritte nicht häufig waren; der gewerbliche Mittelstand hat sich ebenfalls, besonders was die Männer betrifft, abgewandt; ein gleiches gilt von vielen Mitgliedern des höheren Bürger- und Beamtenstandes, den sog. Gebildeten – kurzum, Unkirchlichkeit herrscht vor und ist ein Zeichen der Zeit. Aber auch unter den Geistlichen bestehen die größesten Spannungen von der äußersten Rechten bis zur äußersten Linken. Luther würde an dem Gesamtbild wenig Freude haben. Der Rationalismus dagegen schreitet hoch erhobenen Hauptes im Bewußtsein des Machtbesitzes einher. – […] Diese antinationalen Entwicklungen in Deutschland […] bergen vielleicht für eine nahe Zukunft alsbald nach dem Kriege die schlimmsten Gefahren in sich!“7

Vertrauensverlust der
kaiserlichen Regierung

Diese Probleme betrafen aber nicht nur die Auseinandersetzungen zwischen den Schichten der Gesellschaft, sondern auch das Verhältnis der Bürger zum Staat. Bei der Frage nach den Ursachen für die Krisen richtete sich mit zunehmender Dauer des Krieges die Kritik gegen die führenden Repräsentanten des Kaiserreichs, denen politisches Versagen vorgeworfen wurden. Die kaiserliche Regierung hatte es nicht vermocht, auf die Herausforderungen, die der Krieg mit sich brachte, angemessen zu reagieren.

Unvereinbare politische Positionen, gravierende soziale Gegensätze und zunehmende Spannungen in der „Kriegsgesellschaft“ zeigten ihre Auswirkungen immer deutlicher. Im Reichstag führten diese Bestrebungen zu einer überparteilichen Initiative der Fraktionen von MSPD, Zentrum und Fortschrittlicher Volkspartei, die sich am 19. Juli 1917 in einer „Friedensresolution“ für eine schnelle Beendigung des Krieges und einen Verständigungsfrieden aussprachen. Darüber hinaus bildeten diese „Mehrheitsfraktionen“ einen interfraktionellen Ausschuss mit dem Ziel, eine grundlegende Reform des Regierungssystems zu erreichen.

Für den Celler Oberbürgermeister war die Lage vor allem auf „die mangelnde Energie und Widerstandsfähigkeit unserer Diplomaten“ zurückzuführen, die es versäumt hätten, sich entschlossen gegen die „unverschämten und lügenhaften Reden“ britischer Politiker zur Wehr zu setzen. Sie hätten sich allerdings für ihre Haltung auch auf die Regierungsmehrheit und einen Teil der deutschen Presse berufen können. Trotz dieser wenig ermutigenden Einschätzung der politischen Situation äußerte Wilhelm Denicke am Ende des Jahres 1917 die Hoffnung: „Möge das neue Jahr die schweren Besorgnisse, von denen weite Volkskreise erfüllt sind, bald zerstreuen und uns entscheidende Siege an der englisch-französisch-italienischen Front bringen!“8

Quelle

1 Hans-Peter Ullmann: Das Deutsche Kaiserreich 1871-1918, Frankfurt a. M. 1995, S. 254.

2 Walter Tormin (Hg.): Die Weimarer Republik, Hannover 1970, S. 51ff.

3 Vgl. Ullmann: wie Anm. 1, S. 244ff.

4 SPD-Stadtverband Celle (Hg.): „Wer weiß, wohin der Taumel am Ende noch führt“, 125 Jahre, SPD in Celle, Celle 1994, S. 35.

5 Ebd.: S.35.

6 Zit. nach: SPD-Stadtverband Celle (Hg.), wie Anm. 4, S. 35.

7 StA Celle, L107, Nr. 1938, Wilhelm Denicke: Kriegstagebücher, Band II, S. 373 bis 376, v. 31.10.1917.

8 StA Celle, L107, Nr. 1938, Wilhelm Denicke: Kriegstagebücher, Band III, S. 33 bis 35, v. 31.12.1917.

Von Karl-Heinz Buhr

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