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Sachsenspiegel Der Dreißigjährige Krieg bricht aus
Mehr Sachsenspiegel Der Dreißigjährige Krieg bricht aus
11:17 08.09.2018
Georg von Calenberg (1582-1641), Herzog zu Braunschweig und Lüneburg. Unbekannter Maler. Öl auf Leinwand, 18. Jahrhundert. Quelle: Abbildung: Residenzmuseum im Celler Schloss
Celle

Vor 400 Jahren brach im Gebiet des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation ein Krieg aus, der als „Dreißigjähriger Krieg“ (1618 bis 1648) in die Geschichte eingegangen ist. Die Menschen in Deutschland erlebten damals eine schlimme Zeit. Nirgendwo waren sie sicher. Überall drohten Gefahren und Konflikte durch umherziehende Soldaten, die bei dem Versuch, an die Vorräte und Besitztümer der Menschen zu gelangen, vor keiner Grausamkeit zurückschreckten. Dies betraf vor allem die Landbevölkerung; die wehrlosen Bauern und Handwerker mit ihren Familien und Arbeitskräften wurden immer wieder Opfer dieser Raubzüge.

„Der Krieg muss
den Krieg ernähren“

Der Dichter Grimmelshausen beschreibt, wie plündernde Reiter den Hof seines Vaters überfielen: Es „hatte jeglicher seine besondere Arbeit zu verrichten, deren jede lauter Untergang und Verderben anzeigte […]. Den Knecht legten sie gebunden auf die Erde, steckten ihm ein Sperrholz ins Maul und schütteten ihm einen Melkkübel voll garstig Mistlachenwasser in [den] Leib. Das nannten sie einen schwedischen Trunk, der ihm aber gar nicht schmeckte, sondern in seinem Gesicht sehr wunderliche Mienen verursachte; wodurch sie ihn zwangen, eine Partei anderwärts [zu einem Versteck der Bauern] zu führen, allda sie Menschen und Vieh hinwegnahmen und in unsern Hof brachten […]. Es hatte […] jeder Bauer seine besondere Marter. Allein mein Knän [Vater] war meinem damaligen Bedünken nach der glücklichste, weil er mit lachendem Mund bekannte, was andere mit Schmerzen und jämmerlicher Wehklage sagen mußten,[…] sie setzten ihn zu einem Feuer, banden ihn, daß er weder Hände noch Füße regen konnte, und rieben seine Fußsohlen mit angefeuchtetem Salz, welches ihm unsre alte Geiß wieder ablecken und dadurch so kitzeln mußte, daß er vor Lachen hätte zerbersten mögen […]. In solchem Gelächter bekannte er seine Schuldigkeit [das Verlangte] und öffnete den verborgenen Schatz, welcher von Gold, Perlen und Kleinodien viel reicher war, als man hinter den Bauern hätte suchen mögen.“1

Und aus Bergen im Celler Land erfahren wir: „Da rissen sie [die schwedischen Heerscharen] auch den armen Bauern die Kleider aus den Schränken. Dazu ließen sie sich allenthalben köstlich traktieren (bewirten) und nahmen außer manchem Groschen baren Geldes, wie es in der alten Nachricht ausdrücklich heißt, Fleisch, Hafer, Bier, Brot, Butter, Hühner und Eier, soviel sie irgend kriegen konnten. Es waren das damals hauptsächlich Regimenter der schwedischen Generalmajore Baner und Sperreuther und die Scharen, die unter dem Befehle des schwedischen Prinzen Gustav Gustavson standen, die solches in der Vogtei Bergen verübten. Und nicht genug, daß die schwedischen Soldaten sich auf Kosten der unglücklichen Einwohner gütlich taten, nein sie trieben auch allerlei schändlichen Mutwillen, indem sie z. B. die Kanzel in Wohlde und sonst noch manches Privateigentum zerstörten und die Wormbschen Reuter, die zu Bleckmar in Quartier lagen, machten sie sich sogar ein Vergnügen daraus, dem Hauswirt Christoph Lenschen eine ganze Scheune umzuwerfen. Alles in allem hatten die Eingesessenen unserer Vogtei in jener verhältnismäßig kurzen Zeit einen Schaden von 5517 Talern, 12 Groschen, 10 Pfennig.“2

Wie konnte es zu dieser
Entwicklung kommen?

Konfessionelle Gegensätze, die seit der Veröffentlichung der 95 Thesen Martin Luthers im Oktober 1517 das kirchliche und politische Leben im Reich bestimmt hatten, waren mit dem Augsburger Religionsfrieden im Jahre 1555 zunächst abgeklungen und hatten zu einem geregelten Nebeneinander von Katholiken und Protestanten geführt. Aufgrund dieser Einigung stand in der Religionsfrage die Freiheit der Wahl zwischen beiden Konfessionen (katholisch und protestantisch) nur den Landesherren zu, die Untertanen hingegen konnten lediglich entscheiden, die Religion ihrer Obrigkeit anzunehmen oder auszuwandern („cuius regio, eius religio“). Anders verhielt es sich in den Reichsstädten, hier durften beide Konfessionen nebeneinander existieren. Mit der in Augsburg getroffenen Vereinbarung war somit ein Verzicht auf die Durchsetzung einer das gesamte Reich einschließenden Religion verbunden, zugleich ermöglichte sie einen politischen Ausgleich der Religionsparteien auf dem Boden des Reichsrechtes. Die Religionshoheit und damit auch die Kirchenhoheit lagen nun bei den einzelnen Territorien beziehungsweise den Fürsten beider Konfessionen, die dadurch an politischer Selbstständigkeit gewannen. Calvinisten und Täufer blieben allerdings von den getroffenen Vereinbarungen ausgeschlossen.

Um 1600 brachen die konfessionellen Gegensätze jedoch erneut auf. Die sich nun verschärfenden Feindseligkeiten enthielten viel Sprengkraft, die sich leicht entladen konnte. Die Konfrontation der beiden Lager führte zur Bildung zweier Bündnisse. 1608 gründeten evangelische Reichsstände, die zuvor wegen eines Rechtsstreits unter Protest den Regensburger Reichstag verlassen hatten, unter Führung des calvinistischen Kurfürsten Friedrich IV. von der Pfalz die „Protestantische Union“. Mit Hilfe dieses Zusammenschlusses verfolgten die protestantischen Landesfürsten – dazu zählten Hessen-Kassel, Brandenburg, Pfalz-Zweibrücken und eine Anzahl Reichsstädte – das Ziel, „Gewalttätigkeiten“ und „Rechtswidrigkeiten“ abzuwehren und nur eine Reichsgewalt in ihrem Sinne anzuerkennen.

Die katholischen Fürsten schlossen sich 1609 unter Führung des bayerischen Herzogs Maximilian I. zur „Katholische Liga“ zusammen, Außer Österreich und Salzburg gehörten diesem Gegenbund fast alle größeren katholischen Stände an. Mit diesem Bündnis sollte der Frieden gesichert sowie die Ausbreitung und Festigung des katholischen Glaubens erreicht werden. Durch diese militärische Konfrontation der verfeindeten konfessionellen Lager erhöhte sich die Kriegsgefahr deutlich.

Protestantischer Adel erhebt sich gegen Kaiser

Der Krieg brach 1618 in Böhmen aus. Hier war es zu ständisch-religiösen Auseinandersetzungen gekommen. Ferdinand II. aus dem Hause Habsburg, der 1617 böhmischer König und bald darauf deutscher Kaiser (1619 bis 1637) wurde, hatte die den Landständen von seinem Vorgänger vertraglich bewilligten weitgehenden politischen Mitbestimmungsrechte infrage gestellt und missachtet. Dazu zählte auch der “Majestätsbrief“ Kaiser Rudolphs II. von 1609, der den Protestanten in Böhmen Gewissensfreiheit und Religionsfreiheit zusicherte. Ferdinand II. hatte die tschechischen Bauern auf seinen Gütern gezwungen, den katholischen Glauben anzunehmen, und protestantische Kirchen schließen und niederreißen lassen. Diese Maßnahmen lösten im Mai 1618 auf einem „Protestantentag“ in Prag den heftigen Protest der dort versammelten böhmischen Adligen und städtischen Bürger aus, die in das Schloss eindrangen und zwei kaiserliche Räte aus dem Fenster warfen.

Damit wurde das Zeichen zum bewaffneten Aufstand gesetzt. Die rebellierenden Böhmen wählten nun den Führer der protestantischen „Union“, Friedrich von der Pfalz, zu ihrem König, der im Herbst 1618 in die Prager Burg einzog. Der Kaiser wiederum schloss ein Bündnis mit der katholischen Fürstenvereinigung, der „Liga“. Den Oberbefehl über diese Armee führte Maximilian von Bayern. In der Schlacht am Weißen Berge bei Prag (8. November 1620) musste die Armee der protestantischen Union eine vernichtende Niederlage hinnehmen. Friedrich floh nach Holland und verlor die Kurwürde an den bayerischen Herzog Maximilian. Der aufständische böhmische Adel wurde bestraft. Viele wurden öffentlich hingerichtet. Ein Großteil des böhmischen Grundbesitzes wurde beschlagnahmt und geriet in neue Hände. Den Majestätsbrief von 1609, der von den Siegern nach Wien geschickt wurde, soll Kaiser Ferdinand mit einer Schere eigenhändig zerschnitten haben. Um nach Aufhebung der Glaubensfreiheit einer Verfolgung durch den Habsburger Kaiser zu entgehen, flüchteten 30.000 protestantische Familien aus dem Land. Damit war jedoch der Konflikt zwischen den beiden Lagern nicht beendet. Katholiken und Protestanten waren entschlossen, unter Berufung auf ihren Glauben in den Kampf zu ziehen. Der Krieg sprang nun auf die Pfalz über, wo der Feldherr Tilly mit den Kaiserlichen siegreich gegen die Evangelischen focht, und wälzte sich dann nach Norddeutschland. Immer mehr Territorien wurden darin einbezogen. Für einen einzelnen deutschen Staat war es deshalb kaum möglich, sich aus dem Kriegsgeschehen völlig herauszuhalten und sich dem Zwang einer Bundesgenossenschaft zu entziehen.

Schwierige Lage für Celler Herzöge und die Bürger

Mit diesem Problem wurden auch die Celler Herzöge konfrontiert. So hatte Christian d. Ä. (1611 bis 1633) versucht, eine Neutralitätspolitik zu betreiben, die einerseits als realistische Einschätzung der machtpolitischen Bedeutung deutscher und europäischer Mächtegruppen sowie der eigenen beschränkten militärischen und finanziellen Handlungsmöglichkeiten bewertet wurde und andererseits als Ausdruck von Schwäche und mangelnder Einsatzbereitschaft für die evangelische Sache. In engem Zusammenhang mit der Haltung Christians muss das Vorgehen seines Bruders Georg gesehen werden, der es als Feldherr beziehungsweise General des Niedersächsischen Kreises verstanden habe, durch geschicktes Taktieren und Paktieren mit unterschiedlichen Kriegsparteien einen wichtigen Beitrag zur Unterstützung der Position Christians und damit zum Schutz des welfischen Landes zu leisten.2

Zwar gehörten die welfischen Lande und damit auch die Celler Region nicht zu den am schlimmsten betroffenen Kriegsschauplätzen und zu den höchsten Verlustgebieten, häufiger wurde das Herzogtum Braunschweig-Lüneburg jedoch von durchziehenden und quartiersuchenden Heerscharen heimgesucht. Dies gilt insbesondere für die Landbevölkerung.

Wesentlich sicherer war man hierzulande in Städten wie Celle oder Gifhorn. In der Residenzstadt hatten die Herzöge frühzeitig Maßnahmen zum Schutz der Bevölkerung durchgeführt. Eine Erstürmung oder gar Besetzung der Stadt durch fremde Truppen hat es in all den Jahren nicht gegeben. Auch eine Belagerung der Festung Celle erfolgte nicht. Nur wenige Male während des gesamten Krieges musste man eine solche Situation befürchten. Im Hinblick darauf erwiesen sich die bereits von Herzog Ernst dem Bekenner begonnenen und von dessen Nachfolgern fortgesetzten Arbeiten zum Ausbau der Festung als wirksamer Schutz.3

Dennoch blieben die Belastungen für die Bewohner der Residenzstadt hoch. Auch hinter den sicheren Festungsanlagen hatten die Menschen unter den allgemeinen Folgen des Krieges zu leiden. Als besonders bedrückend wurde die Einquartierung der Garnison empfunden, wie dies in einer Eingabe des Magistrats der Stadt an den Herzog vom 11. August 1623 zum Ausdruck kommt: „Nun ist leicht zu achten, wie beschwer- und unerträglich denselben (den Bürgern) die Einquartierung der Soldaten allbereits falle, weil sie sie mit Feuer, Licht, Bette, Bettgewand, Küchen- und Tischgeräte, Sauer, Zwiebeln, Salz usw. versehen und unterhalten und überdies noch von ihnen groß Ungemach und Abhinderung in ihrer Haushalt und Nahrung erleiden müssen, und doch der größeste Teil in diesen teuern, geschwinden und nahrlosen Zeiten kaum so viel erwerben und gewinnen mag, als seine und seines Weibes und seiner Kinder Notdurft erfordert. Und zumal, nachdem auch der hundertste Pfennig (nämlich die Schoßzahlung) mit einfällt, welchen zu erlegen so manchem, obwohl er Haus und Hof oder sonst Geldeswert hat, gleichwohl blutsauer wird, und er dann auch die Wacht entweder des Nachts oder bei dem Geschütz des Tages selbst verrichten oder im Falle ehehafter Verhinderung, sonderlich auch die Witwen und alte Leute, durch andere gemietete Personen bestellen soll, welches dann bald und oft herumläuft, muß er sich in seiner Haushalt und Nahrung wieder versäumen oder Geld missen, daher auch des einen und andern vielfaches Klagen und Jammern auf dem Rathause uns vorkommt.“ Aus diesem Grunde bittet der Rat darum, den Wachdienst abzuschaffen, zumindest aber zu verringern und von den Soldaten verrichten zu lassen, „welche ihr Geld dafür bekommen und nichts damit zu versäumen haben“.3

Quelle

1 H. J. Grimmelshausen: Der abenteuerliche Simplicius Simplizissimus. Minden (Westfalen) o.J., S. 35f.

2 Zit. nach: G. Breling: Der Dreißigjährige Krieg im Celleschen, in: Der Speicher – Heimatbuch für den Landkreis Celle, hg. v. Fr. Helmke und H. Hohls. Faßberg 1978, S. 107ff.

3 Zit. nach: C. Cassel: Geschichte der Stadt Celle mit besonderer Berücksichtigung des Geistes- und Kulturlebens der Bewohner, hg. von der Stadt Celle, erster Band. Celle 1930, S. 471.

Von Karl-Heinz Buhr

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