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Sachsenspiegel Die Geburtsstunde der D-Mark
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12:54 26.05.2018
Entnommen aus der „Hannoverschen Presse, Heide-Ausgabe Celle“ vom 19. Juni 1948. (Stadtarchiv Celle). Quelle: Bildmontage: Karl-Heinz Buhr
Celle

Als die Menschen im westlichen Teil Deutschlands am Morgen des 21. Juni 1948 erwachten, trauten sie ihren Augen nicht. Über Nacht war ein Wunder geschehen. Überall in den Läden wurden bisher nicht verfügbare Waren angeboten. Wie war es zu dieser wundersamen Veränderung im Nachkriegsdeutschland gekommen?

Währungsverfall und
Finanzpolitik vor 1945

Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs herrschten in Deutschland katastrophale wirtschaftliche und soziale Bedingungen. Die Finanzen des Landes waren völlig zerrüttet. Der Kampf ums Überleben bestimmte den Alltag der Menschen. Die Ursachen für diese verheerende Situation reichten zurück in die Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft vor Ausbruch des Krieges. Das NS-Regime hatte nach seinem Untergang eine Wirtschaft hinterlassen, die durch eine weitgehende staatliche Reglementierung gekennzeichnet war. Nahezu alle lebenswichtigen Wirtschaftsgüter waren rationiert, unterlagen der staatlichen Preisbindung und behördlicher Zuweisung. Das zentrale Ziel der nationalsozialistischen Wirtschaftspolitik war es, auf der Grundlage sogenannter „Vierjahrespläne“ (dafür verantwortlich war Hermann Göring) die industrielle Massenproduktion auf die Vorbereitung eines Krieges auszurichten.

Die dadurch angestrebte waffentechnische Überlegenheit sollte als Machtmittel für eine gewaltsame Expansionspolitik dienen. Spätestens seit 1937 (vgl. „Hoßbach-Niederschrift“ über eine von Hitler am 5. November 1937 durchgeführte Konferenz mit den wichtigsten Vertretern der Wehrmacht) war Hitler fest entschlossen, einen Krieg zu führen. Die in Verbindung mit diesen Vorbereitungen an die Wirtschaft gerichteten Forderungen konnten jedoch nur zulasten anderer Wirtschaftssektoren erfüllt werden. Von diesen Auswirkungen waren insbesondere die Konsumgüterindustrie und der Wohnungsbau betroffen.

Im Rahmen einer Marktwirtschaft wäre es in einer solchen Situation zu ständigen Preiserhöhungen gekommen. Die nationalsozialistische Regierung versuchte diese Gefahr durch einen allgemeinen Preis- und Lohnstopp zu unterbinden. Seit 1936 erhielten die Maßnahmen zur Warenkontingentierung und staatlichen Lenkung der Preise ein immer größeres Gewicht. Eine Rationierung knapper Lebensmittel gehörte bereits vor Kriegsbeginn zum Lebensalltag.

Diese Entwicklung setzte sich in den Jahren des Krieges fort: Dem ständig zunehmenden Geldvolumen entsprach kein Güterangebot. Durch die Kriegsfinanzierung verschärfte sich diese Situation noch. Weniger als ein Drittel der Reichsausgaben konnte während des Krieges durch Steuern gedeckt werden, sodass erhebliche Geldmittel bei Banken, Sparkassen und Versicherungsgesellschaften geborgt werden mussten. Die Menschen verfügten in dieser Zeit über umfangreiche Geldmittel, private Kredite wurden daher kaum verlangt. Diese Entwicklung führte zu einem ungeheuren Geldvolumen. In Verbindung mit dem verfügten Preisstopp und dem Rationierungssystem sollte so während des Krieges eine offene Inflation verhindert werden. Durch die staatliche Befehlswirtschaft konnte die nationalsozialistische Regierung bis zum Ende des Krieges mit den Mitteln der Warenkontingentierung und der Reglementierung von Löhnen und Preisen die Versorgung der Bevölkerung mit den existenziell notwendigen Gütern weitgehend sicherstellen.

Die Situation änderte sich grundlegend, als der Krieg beendet war. Seit 1945 war Deutschland ein von den vier Siegermächten (USA, UdSSR, Großbritannien, Frankreich) besetztes Land. Die allgemeine Notlage war groß, viele Menschen waren vom Hunger und von anderen Entbehrungen gezeichnet, hatten häufig ihre gesamte Habe verloren, waren obdachlos geworden.

„Zigaretten-Währung“ als Verrechnungsgrundlage

Die Wirtschaft lag darnieder. Die „Reichsmark“ hatte bei zunehmender Warenverknappung inzwischen ihren Wert und ihre Funktion als Tauschmittel eingebüßt. Aus diesem Grunde konnte auch die notwendige Einfuhr von Lebensmitteln und Rohstoffen im Ausland nicht bezahlt werden; und für den Export wurde zu wenig produziert. Überall in Deutschland waren in dieser Zeit „Schwarzmärkte“ entstanden, auf denen an die Stelle des Papiergeldes eine „Zigaretten-Währung“ als neue Verrechnungsgrundlage getreten war. Auch der Tauschhandel wurde angesichts dieser allgemeinen Notlage in zunehmendem Maße als Möglichkeit genutzt, um lebenswichtige Güter zu erwerben. Das weiterhin praktizierte System der Bezugsscheine erwies sich rasch als unzureichend für die Sicherung der Lebensbedingungen.

Ebenso große Probleme bereitete die Geldmenge, über die jedermann verfügte, mit der jedoch die begehrten Güter nicht zu kaufen waren. Entsprechend gering war somit auch der Wert der in Reichsmark ausgezahlten Löhne und Gehälter. Viele Betriebe waren deshalb gezwungen, die bei ihnen Beschäftigten mit Naturalien oder anderen wichtigen Gütern zu entlohnen.

Im Verlauf des Krieges hatte sich der Geldumlauf „auf rund 165 Milliarden Reichsmark (fast 600 v. H. des Standes von 1938) erhöht. Gleichzeitig stiegen durch die kriegsbedingte Einschränkung der Zivilproduktion die Spareinlagen auf rund 135 Milliarden Reichsmark (das Fünffache von 1938) an. Der den Nachfrageüberhang widerspiegelnde Kaufkraftüberhang wurde bei Kriegsende auf rund 250 Milliarden Reichsmark geschätzt“.1

Damit hatte die während der nationalsozialistischen Herrschaft in Verbindung mit dem verfügten Preisstopp und dem Rationierungssystem aufgestaute Inflation ein Ausmaß erreicht, das angesichts der Katastrophe von 1945 zwangsläufig zu einem völligen Verfall der Währung führen musste. Einen funktionierenden Markt mit einer allgemein anerkannten Währung konnte es in dieser Situation nicht geben.

Um die nachteiligen Folgen der zerrütteten Reichsmarkwährung für den Wiederaufbau der deutschen Wirtschaft zu unterbinden, wurde auf alliierter wie auch auf deutscher Seite eine Währungsreform für unerlässlich gehalten. Auch die Einbeziehung der westlichen Besatzungszonen in das von der US-Regierung vorbereitete europäische Wirtschaftsprogramm („Marshallplan“) machte eine solche Maßnahme notwendig.

Heimlich tonnenweise neue
Banknoten gedruckt

Wichtige Entscheidungen und Vorbereitungen für eine umfassende Reform des Geldwesens im besetzten Deutschland waren bereits im Herbst 1947 getroffen worden. In dieser Zeit wurden in den USA die dafür vorgesehenen Banknoten gedruckt, die dann bis April 1948 nach Frankfurt am Main gebracht wurden. Den Deutschen blieben diese Aktionen verborgen. Sie wussten nicht, dass im Frühjahr 1948 in den Kellern der früheren Reichshauptstelle in Kisten verpackt unter strengen Sicherheitsvorkehrungen 500 Tonnen neue Geldscheine im Gesamtwert von 10 Milliarden Mark lagerten, die dann vom 11. bis 15. Juni 1948 unter strenger militärischer Bewachung und größter Geheimhaltung zu den elf Landeszentralen der drei Westzonen transportiert wurden.

Mit dem Stempel der Geheimhaltung versehen waren auch die Beratungen der Vertreter der drei Westmächte und der 35 deutschen Sachverständigen, die im Frühjahr 1948 in der Abgeschiedenheit einer heruntergekommenen Kaserne in Rothwesten, einem Ort nahe Kassel, stattfanden. Den deutschen Währungsexperten gelang es allerdings nicht, ein wirkliches Mitspracherecht zu erringen und auf die zu treffenden Entscheidungen einen nachhaltigen Einfluss auszuüben. Federführend blieben die drei Besatzungsmächte, allen voran jener junge amerikanische Leutnant Edward Tenenbaum, der entschlossen die amerikanischen Währungspläne durchsetzte.

Nervöse
„Schwarzhändler“

Trotz aller Geheimhaltung konnte jedoch nicht verhindert werden, dass sich Vorahnungen und Gerüchte über eine bevorstehende Währungsreform innerhalb der Bevölkerung ausbreiteten. Händler und Kaufleute horteten in verstärktem Maße ihr Warenangebot und waren nicht mehr bereit, dafür eine unsichere Währung einzutauschen. Dazu war am 8. Juni 1948 in der „Hannoverschen Presse“ zu lesen: „Bei den Einzelhändlern auf dem ‚Schwarzen Markt‘ herrscht panikartige Stimmung. ‚Die großen Schieber machen uns wieder kaputt. Sie halten die Ware zurück, alles wird knapp und die Preise gehen hoch. Unsereiner lungert hier rum und weiß nicht, was er machen soll. […]‘ Die kleinen ‚Schwarzhändler‘ ärgern sich schon über die Währungsreform, bevor sie überhaupt ausgerufen ist. Sie beneiden ihre Kollegen, die an der Quelle sitzen, alles zurückhalten und hoffen, daß ihr Geschäft auch nach der Währungsreform wieder floriert und ‚die Masse es macht‘. […] Ein Bauer, der in einem Geschäft nach Nägeln fragt, bekommt eine abschlägige Antwort: ‚Denken Sie vielleicht, ich glaube, daß Sie keine Nägel haben?‘ protestiert er. – ‚Geben Sie denn Ihre Kartoffeln noch vor der Währungsreform heraus?‘ antwortet der Händler. Überall die gleiche Situation: Auf der einen Seite versucht jeder, sein Geld noch sicher anzulegen und auf der anderen hütet man sich krampfhaft, Ware herauszugeben. Niemand will jedoch die Schuld haben.“ 2

„Kopfgeld“ für Bewohner Westdeutschlands

Am 20. Juni 1948, einem Sonntag, waren überall in den Städten und Dörfern lange Warteschlangen zu sehen. In diesem Fall war es aber nicht die Hoffnung, zusätzliche Lebensmittel oder andere begehrte Güter ergattern zu können, die die Menschen ausharren ließ, sondern hier gab es neues Geld. Nun wartete man geduldig vor den Auszahlungsstellen, um die zugesagte Geldmenge in Empfang nehmen zu können. Über den Rundfunk war die deutsche Bevölkerung wenige Tage zuvor, am 18. Juni, über die geplante Währungsreform informiert worden. Das „Gesetz zur Neuordnung des deutschen Geldwesens“ sah für jeden Einwohner der drei Westzonen 60 Deutsche Mark im Umtausch gegen 60 Reichsmark vor – eine „Kopfquote“ von 40 D-Mark sogleich am 20. Juni 1948, die restlichen 20 D-Mark innerhalb der nächsten vier Wochen (tatsächlich erfolgte diese Auszahlung jedoch erst im August). Unternehmer sollten für jeden Arbeitnehmer eine „Übergangshilfe“ von 60 D-Mark erhalten.

Angesichts der großen Unsicherheit in der Bevölkerung hatte die Niedersächsische Staatsregierung am 19. Juni 1948 die Bewohner in einem Aufruf zur Währungsreform aufgefordert: „Laßt Euch nicht verwirren“: „Schmarotzer werden jetzt versuchen, unwissende und verängstigte Gemüter zu verwirren und auszubeuten. Hütet Euch vor ihnen!“ Dazu wurden dann entsprechende Ratschläge erteilt:

„1. Nimm kein Geld zur Einlösung der Kopfquote aus irgend einer privaten Hand […].

2. Benutze dein eigenes Geld zur Einlösung der Kopfquote.

3. Verschleudere nicht das alte Geld, das dir nach Einlösung der Kopfquote verbleibt. Zahle jede Mark verbleibenden alten Geldes bei der Bank ein, es wird dir einmal wertvoll sein.

4. Wenn du eigenes Geld zur Einlösung der Kopfquote nicht hast, dann nimm es als Darlehen von deiner Gemeinde. Ist dies nicht möglich, so laß es dir vom Lohnbüro deiner Firma geben. […]“3

Auch über die einzelnen Regelungen und zu beachtenden Vorschriften bei der Einführung der neuen Währung in Celle wurden die Bewohner in der Presse informiert (siehe Zeitungsbericht).

Quelle

1 Deutsche Lehrerbriefe: 12. Jahrgang, Nr. 10, Oktober 1964, S. 174

2 Hannoversche Presse: v. 8. Juni 1948.

3 Hannoversche Presse: v. 19. Juni 1948

Von Karl-Heinz Buhr

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