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Sachsenspiegel Entscheidung für Demokratie
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13:21 01.02.2019
Ernst Schädlich (1884-1949), herausragender Vertreter der Sozialdemokratie und des Arbeiter- und Soldatenrates in Celle während des politischen Umbruchs in Deutschland 1918/1919. Er wurde 1919 als Vertreter der SPD/MSPD in die Nationalversammlung gewählt. Quelle: Stadtarchiv Celle
Celle

In den kriegerischen Auseinandersetzungen mit anderen europäischen Mächten und den Vereinigten Staaten von Amerika hatte das deutsche Kaiserreich gemeinsam mit Österreich und weiteren Verbündeten im November 1918 kapitulieren müssen. Mit dieser Niederlage war auch das Ende der Hohenzollernherrschaft gekommen.

Unruhen zwingen zu schnellem Handeln

In Berlin gefährdeten in diesen Tagen revolutionäre Unruhen die öffentliche Ordnung. Als am 11. November die deutschen Vertreter im Wald von Compiègne den Waffenstillstand unterzeichneten, hatten sich in der Reichshauptstadt bereits bedeutende Veränderungen vollzogen. Der Kaiser, der sich im Hauptquartier in Spa (Belgien) aufhielt, hatte am 9. November aufgrund einer eigenmächtig abgegebenen Erklärung des Reichskanzlers Prinz Max von Baden seinen Thronverzicht bekannt gegeben und war auf den Rat seiner Umgebung ins Exil nach Holland geflohen.

Ebenfalls am 9. November hatte Friedrich Ebert (MSPD) das Amt des Reichskanzlers von Max von Baden übernommen. In Verbindung damit hatte sich der aus drei Mehrheitssozialdemokraten (Ebert, Scheidemann, Landsberg) und drei Unabhängigen Sozialdemokraten (Haase, Dittmann, Barth) zusammengesetzte „Rat der Volksbeauftragten“ zur vorläufigen Übernahme der Regierungsgewalt konstituiert.

Neue Regierung bestätigt

Die neue Regierung wurde am 10. November 1918 durch eine Versammlung der Berliner Arbeiter- und Soldatenräte bestätigt. Angesichts der in Berlin und vielen anderen deutschen Städten zu beobachtenden Unruhen mussten schnell wirksame Maßnahmen zur Aufrechterhaltung der Ordnung und zum Schutz der Bürger getroffen werden. Vor allem galt es nun, zielstrebig die verfassungsrechtlichen Grundlagen für die neue Staatsordnung zu klären und die Voraussetzungen für die Einsetzung handlungsfähiger Institutionen zu schaffen.

Entscheidung zugunsten der parlamentarischen Demokratie

Im Hinblick darauf wurde vom 16. bis 19. Dezember 1918 in Berlin auf dem „Allgemeinen Kongress der Arbeiter- und Soldatenräte Deutschlands“ eine wichtige Vorentscheidung getroffen. Nach teilweise heftigen Auseinandersetzungen stimmten schließlich 400 Deputierte für den Antrag des sozialdemokratischen Reichstagsabgeordneten Max Cohen-Reuß (Vertreter der MSPD), Wahlen zur Nationalversammlung zum frühestmöglichen Termin am 19. Januar 1919 durchzuführen. Nur 50 Mitglieder des Kongresses votierten gegen diesen Antrag. Damit hatten sich die hier versammelten Delegierten eindeutig zugunsten der parlamentarischen Demokratie entschieden, während der Versuch der marxistischen Linken, das Rätesystem einzuführen, gescheitert war.

Bei der Ausführung dieses Beschlusses kam den Parteien eine zentrale Bedeutung zu. Sie mussten sich zunächst am 19. Januar 1919 mit ihren Kandidaten und Programmen dem Votum der Wähler stellen. Für Celles Oberbürgermeister Denicke war damit die Hoffnung auf einen dann zügig beginnenden Neuaufbau Deutschlands verbunden.: „Bei der bevorstehenden Wahl zur Nationalversammlung, wenn erst 40 Millionen Deutsche ihre Stimme abgeben, da soll ein jeder zur Neugestaltung der Dinge Stellung nehmen – aber bis dahin darf unser schwer geprüftes Vaterland unter keinen Umständen neuen inneren Erschütterungen ausgesetzt sein.“1

Vorbereitung der
Wahlen in Celle

Die bevorstehenden Wahlen zur Nationalversammlung standen gegen Ende des Jahres 1918 und im Januar 1919 wie überall in Deutschland so auch in der Celler Region im Mittelpunkt der politischen Auseinandersetzungen. An dieser für den 19. Januar 1919 vorgesehenen Abstimmung konnten alle „mindestens 20 Jahre alten männlichen und weiblichen Personen“ teilnehmen. Zum ersten Mal hatten somit in Deutschland auch die Frauen das Wahlrecht und durften ihre Stimme bei der Wahl der Volksvertreter abgeben.

Diese Bestimmung führte dann in der Zeit bis zum Wahltermin überall im Lande zu besonderen, nicht nur von den Parteien ausgehenden Veranstaltungen, um die Frauen über die mit dem Wahlrecht verbundenen „staatsbürgerlichen Fragen und Verpflichtungen“ aufzuklären und sie von der Notwendigkeit zu überzeugen, ihre Stimme abzugeben. Schon frühzeitig ergriffen dabei in Celle die Frauenvereine die Initiative, die im Interesse einer möglichst großen Wahlbeteiligung der Frauen wiederholt öffentliche Vorträge zur „Einführung der Frauen in staatsbürgerliche Fragen“ anboten. Auf diesen stets gut besuchten Veranstaltungen wurden unter anderem folgende Themen behandelt: „Die Frauen und ihre neuen Aufgaben“; „Was verstehen wir unter Sozialismus?“; „Die alte und die neue Zeit“; „Der demokratische Gedanke im Staatsleben“.2

„Verein Celler Frauen für politische Bildung“

Im Zusammenhang damit wurde sogar ein besonderer „Verein Celler Frauen für politische Bildung“ ins Leben gerufen, der im Hotel „Hannover“ eine zusätzliche Auskunftstelle einrichtete, um weitere Informationsmöglichkeiten anbieten zu können.

Je näher der Wahltermin rückte, umso stärker wurde auch von den inzwischen in Celle neu gründeten Parteiorganisationen beziehungsweise lokalen Komitees der verschiedenen Parteien um die Wählergunst der Frauen geworben und deren Stimmabgabe als entscheidender Beitrag für die zukünftige Gestaltung Deutschlands hervorgehoben („Die Zukunft Deutschlands liegt in den Händen der Frauen“, so der Slogan der SPD/MSPD). Damit sollte nicht nur auf die Bedeutung des aktiven, sondern auch des passiven Wahlrechts für Frauen verwiesen werden. Wichtige Voraussetzung zur Teilnahme sei aber für alle „Frauen und Mädchen“, sich rechtzeitig in die Wählerlisten einzutragen.3

In diesem Sinne versuchte die Deutsche Demokratische Partei (DDP), die Frauen von den Vorzügen einer demokratischen Ordnung nach liberalen Grundsätzen zu überzeugen, die Deutschnationale Volkspartei (DNVP) und auch die Deutsche Volkspartei (DVP) durch die Betonung von Kirche, Schule, Erziehung und Familienleben als für den gesellschaftlichen Zusammenhalt wichtige Bereiche auf sich aufmerksam zu machen, während die SPD um die Gunst der Frauen vor allem als Bündnispartner im Ringen um eine gegen Krieg und „Reaktion“ gerichtete Entwicklung warb.

Das Verfahren
für die Wahl

Das Recht zur Kandidatur hatten alle Wahlberechtigten, die am Wahltag seit mindestens einem Jahr Deutsche waren. Auf durchschnittlich 150.000 Einwohner (nach der Volkszählung von 1910) sollte ein Abgeordneter kommen. Das zugrunde liegende Verhältniswahlrecht sollte gewährleisten, dass jede am Wahlkampf beteiligte Gruppe auch eine ihrer Stimmenzahl entsprechende Vertretung im Parlament erhalten muss. Bei der Durchführung der Wahlen kam den Parteien erhöhte Bedeutung zu, deren Organisationen und Apparate über die Aufstellungen der Listen und damit über die Auswahl der Kandidaten zu befinden hatten. Dem Wähler hingegen blieb nur die Möglichkeit, sich für eine Liste und damit für eine Partei zu entscheiden, nicht jedoch über einzelne Kandidaten abzustimmen. Diese Vorentscheidung beziehungsweise Kandidatenauswahl lag allein bei der jeweiligen Parteiorganisation.

Wahlvorschläge und
Präsentation der Parteien

Der mit dem Ende des Krieges und dem Sturz der Monarchie vollzogene politische Umbruch hatte auch Auswirkungen auf das Parteiengefüge in Deutschland. Zahlreiche politische Splittergruppen und kleinere Parteien verschwanden von der politischen Bühne. Durch Umgruppierung und Neuformierung bildeten sich größere Richtungsparteien, die sich auf die veränderten Bedingungen und Aufgaben im Rahmen der parlamentarischen Demokratie einstellen mussten.

Während sich die beiden sozialistischen Parteien (SPD/MSPD und USPD) in dieser Phase bereits auf ein vorhandenes Organisationsgefüge stützen konnten, mussten sich die bürgerlichen Parteien mit Ausnahme der Zentrumspartei (die Partei nannte sich 1919 vorübergehend Christliche Volkspartei – CVP) erst noch entsprechend einrichten. Dies betraf in Celle neben der linksliberalen Deutschen Demokratischen Partei (DDP), der rechtsliberalen Deutschen Volkspartei (DVP) und der nationalkonservativen Deutschnationalen Volkspartei (DNVP) auch die Deutsch-Hannoversche Partei (DHP).4

Auf Seiten der bürgerlichen Parteien kam es mit Ausnahme der DDP zu einer Art „Wahlbündnis“, in dem jedoch die Eigenständigkeit der einzelnen Parteien erhalten blieb. Die Gemeinsamkeiten dieser Parteien (DVP, DNVP, DHP, Zentrum/CVP) zeigten sich hierzulande besonders in einer Betonung christlicher Wertmaßstäbe als wichtige Grundlage für das gesellschaftliche Zusammenleben sowie in ihrer ablehnenden Haltung gegenüber der SPD/MSPD und der USPD.5

Die sozialistischen Gruppierungen wurden in ihrer Zielsetzung und ihrer Agitation als staatsgefährdend, als Bedrohung für die gesellschaftlichen Verhältnisse sowie vor allem als große Gefahr für eine freiheitlich-liberale Wirtschaft betrachtet.6 Zudem war bei diesen Parteien, insbesondere bei der DNVP, DVP und der DHP, eine stärker ausgeprägte antirepublikanische Einstellung zu beobachten.

Im Unterschied dazu sprach sich die DDP eindeutig für die neue republikanische Staatsform aus und zeigte sich, trotz ihrer betont antisozialistischen Haltung, offen für politische Kontakte mit der SPD/MSPD. Diese Einstellung schloss auch die Möglichkeit einer Koalitionsbildung zwischen diesen beiden Parteien ein.

Getrennte Wege gingen auch die beiden sozialistischen Parteien. Das Verlangen der USPD nach einer „Revolutionierung der Wirtschaft“ mit umfassender Verstaatlichung der Produktionsmittel lehnte die SPD/MSPD ebenso strikt ab wie die von radikalen Marxisten erhobene Forderung nach einer Klassenherrschaft im Sinne der Diktatur des Proletariats.7

Diese Position der SPD/MSPD fand offenbar auch bei der Mehrheit der Celler Räte Unterstützung, wenn man den Aussagen des führenden Vertreters der Celler SPD, Ernst Schädlich, folgt, der im Zusammenhang mit seiner Wahl zum Delegierten der Celler Räte auf dem „Allgemeinen Kongreß der Arbeiter- und Soldatenräte Deutschlands“ (vom 16. bis 21. Dezember 1918 in Berlin) hervorhob: „Damit brachte der Arbeiter- und Soldatenrat in Celle zum Ausdruck, daß er der Devise, alle Macht den Arbeiter- und Soldatenräten, nicht huldigte, er entschied sich vielmehr für möglichst baldige Wahlen auf demokratischer Grundlage.“8

Sonderrolle der
„Welfenpartei“

Eine Sonderstellung nahm bei diesen Wahlen die Deutsch-Hannoversche Partei insofern ein, als sie für „ein freies Hannover in einem freien Deutschland“ eintrat. Damit wollte sie, der welfischen Tradition folgend, die besondere Verbundenheit mit der hannoverschen Geschichte zum Ausdruck bringen und den großdeutsch-föderalistischen Gedanken in Bezug auf die staatliche Einheit Deutschlands betonen. Im Gründungsaufruf der „neuen“ DHP wird diese Forderung damit begründet, dass „nur so die freudige Mitarbeit aller deutschen Stämme gesichert ist“, dass „weder der Westen, noch der Süden des Reiches sich weiter von Berlin regieren lassen wollen“ und dass „nur so der erhoffte Anschluß unserer Brüder in Oesterreich zur Wirklichkeit werden kann“.

In diesem Zusammenhang wird „für die Neubelebung unseres nationalen Lebens“ der Wille betont, als „Hannoveraner uns innerhalb Deutschlands unsere Selbständigkeit [zu] wahren“.9

Quelle

1 Zit. nach Cellesche Zeitung: (fortan CZ) v. 4.12.1918.

2 CZ v. 29.11.1918: sowie v. 5., 10., 13. u. 14.12.1918; vgl. hierzu auch CZ v. 7., 17. u. 31.12.1918 sowie v. 2., 6. u. 14.1.1919 sowie Stadtarchiv Celle (fortan StA Celle), 7A 13, Nr. 79

3 Vgl. Darstellungen und Anzeigen verschiedener Parteien in: CZ v. 14.12.1918 sowie v. 2., 4., 6., 7. u. 9.1. 1919

4 StA Celle: 7 A 13, Nr. 82

5 CZ: v. 7.1.1919

6 Vgl. CZ: v. 14. u. 17.1.1919

7Vgl. CZ: v.14.12.1918

8 Ernst Schädlich: Im Kreuzfeuer der Ereignisse. Erlebnisse eines Kommunal-Politikers 1914-1948, Celle 1949, S. 55

9 CZ: v. 7. 1.1919.;vgl. auch CZ v. 16.12.1918

Von Karl-Heinz Buhr

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