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Sachsenspiegel Ein bretonischer Edelmann
Mehr Sachsenspiegel Ein bretonischer Edelmann
13:33 13.01.2018
Das Haus des Anton Simon Marquis de Boisdavid in den 1950er Jahren in der Schuhstraße 22. Quelle: Stadtarchiv Celle
Celle

Als Herzog Georg Wilhelm 1665 in Celle seine Regierungsgeschäfte aufnahm, sah er von Anfang an in der Errichtung eines schlagkräftigen, stehenden Heeres eines seiner wichtigsten Anliegen. Er musste seine Armee völlig neu aufbauen, weil die Mehrheit der Offiziere nach dem Tod von Herzog Christian Ludwig im Jahr 1665 seinem Bruder Herzog Johann Friedrich nach Hannover gefolgt war. Georg Wilhelm stellte in Bezug auf die Größe des Fürstentums Lüneburg eine beachtliche Streitmacht auf. Beabsichtigt war, dadurch unter anderem ein größeres Ansehen unter den europäischen Fürsten zu gewinnen. Dass dieses auch in Kooperation mit seinen Brüdern gelang, bestätigt der französische Gesandte im Haag, Graf Godefroy d’Estrades.

Der Degen
war vaterlandslos

Da es sich als unmöglich erwies, genügend qualifizierte – vorwiegend aus dem Adel stammende – Offiziere unter den eigenen Landeskindern für das stehende Heer zu finden, war Georg Wilhelm auf die Anwerbung von ausländischen Militärs angewiesen. Dass Soldaten auch über Landesgrenzen hinweg den Kriegsherrn wechselten und dass ausländische Offiziere das Truppenkommando erhielten, war im 17. Jahrhundert in Europa die Regel. „Der Degen war damals gerade so vaterlandslos wie die Künste“ lautet ein altes Zitat.

Bereits vor der Aufhebung des Edikts von Nantes hatten zahlreiche französische Offiziere, die zumeist der reformierten Konfession angehörten, aus Glaubensgründen ihre Heimat verlassen und waren in den Militärdienst ausländischer Mächte getreten. Doch der große Zustrom hugenottischer Militärs in die protestantischen deutschen Territorien erfolgte erst nach 1685. Sie kamen aus einer gut organisierten kampferprobten Armee mit vorzüglicher Ausbildung und Disziplin. Der Militärhistoriker Helmut Schnitter schreibt: „Nicht wenige der Réfugiés waren kriegskundige Militärs, und unter den jungen Männern gab es Zöglinge französischer Militärschulen […] [Sie brachten] ein höheres Maß an Bildung mit und waren auch vielfach mit der Militärliteratur ihrer Zeit, vor allem der französischen, vertraut.“

Auf deutscher Seite wurde Kritik an der Anwerbungspraxis des Celler Herzogs laut. So schreibt seine Schwägerin, die Herzogin Sophie von Hannover: „Es gefällt mir nicht, dass er so viele Franzosen in seiner Armee hat, die zum großen Teil mit gesenktem Kopf umhergehen, wie Unglückspropheten.“ Die deutschen Offiziere betrachteten die Indienstnahme der Franzosen mit Argwohn, da sie ihren eigenen Einfluss und die Chancen auf Beförderung gemindert sahen.

Auch wenn sich unter den hochrangigen ausländischen Offizieren im Dienst von Herzog Georg Wilhelm beispielsweise reformierte Schotten befanden, so griff der Celler Herzog in weitaus größerer Zahl als seine Brüder mit Vorliebe auf französische Offiziere zurück. Allerdings waren nicht alle französischen Militärs Hugenotten, wie es zum Beispiel der Gardeleutnant Pierre Joseph du Plat, der Oberst und Vizestallmeister Jérome de Courgelon, der Generalmajor de la Croix de Fréchapelle und der bretonische Edelmann Anton Simon Marquis de Boisdavid [Bois David] belegen.

Der Bedeutendste unter ihnen war Boisdavid. Bis 1672 lautete der Familienname des Adelsgeschlechts noch schlicht David. Das Familienwappen zeigt goldene Eicheln an einer grünen Eiche, an der zwei rote Harfen mit Gesichtern angehängt sind.

Eifriger Katholik und
Bewunderer Ludwigs XIV.

Der Adelige und seine Familie zählen zu den ersten Gemeindegliedern der unter Herzog Georg Wilhelm wieder entstandenen katholischen Kirchengemeinde in Celle, der neben Franzosen auch zahlreiche Deutsche und Italiener angehörten. Der Bretone wird als „eifriger Katholik und überzeugter Bewunderer Ludwigs XIV.“ beschrieben. In einem Brief an den apostolischen Vikar vom 9. März 1702 lautet es lobend über Boisdavid: „Diesem Herrn haben alle im Cellischen sich findenden Katholische einzig und allein die Obligation wegen des erhaltenen Exercitii Religionis zu danken.“ Zudem war es sein Verdienst, dass die jesuitischen Missionare in Celle toleriert wurden.

Boisdavid, dessen Geburtsdatum unbekannt ist, war aus Frankreich geflohen, da er 1678 Simon François de Toiras, Comte d‘Aubijoux, beim Pistolenduell erschossen hatte. Bereits 1626 hatte der Kardinal Richelieu ein Edikt erlassen, das Duelle in Frankreich unter Todesstrafe stellte.

Der französische Brigadier trat um 1680 in cellesche Dienste und erhielt 1684 das Regiment des verstorbenen hugenottischen Offiziers von Malortie. Dass er „die Creatur der Madame v. Harburg“ (also der Herzogin Eléonore d’Olbreuse) sei und dass er am Celler Hof „alles regiert“, wie Herzogin Sophie von Hannover bereits 1680 abfällig behauptet, ist eine böswillige Unterstellung. Als Generalfeldzeugmeister im Dienst Herzog Georg Wilhelms von Braunschweig-Lüneburg, hatte er unter anderem den Oberbefehl über die 6000 Mann des hannoversch-celleschen Ungarnkorps im Kampf gegen die Osmanen inne. 1693 wurde Boisdavid aus Ungarn abberufen und Kommandant der lauenburgischen Stadt Ratzeburg. Sie wurde im August desselben Jahres von dänischen Truppen eingeschlossen und infolge des Bombardements fast völlig zerstört.

Stütze des französischen Einflusses am Celler Hof

Als Nachfolger des reformierten Feldmarschalls Jeremias de Chauvet war Boisdavid von 1692 bis zu seinem Ausscheiden aus dem militärischen Dienst 1705 Führer der celleschen Truppen. Seit 1692 war er zudem kaiserlicher Feldmarschall-Leutnant. Der englische Gesandte in Celle, Sir William Dutton Colt, sah in dem bretonischen Edelmann eine der Hauptstützen des französischen Einflusses am celleschen Hof.

Der Niederländer Constantijn Huygens jun. beschreibt ihn 1680 in seinem Reisetagebuch als hageren Mann mit rotem Gesicht und wegen seiner engen Zusammenarbeit mit dem Marquis René d’Arcy-Martel, der als Gesandter Ludwigs XIV. beim Gesamthaus Braunschweig-Lüneburg akkreditiert war, als Meister der Intrige. Lobende Worte über Boisdavid finden sich dagegen bei dem italienischen Literaten Gregorio Leti (wie Huygens ein Calvinist), der 1687 den Celler Hof besuchte: „Ich bin sehr enttäuscht, daß ich nicht die Ehre gehabt habe, am Hofe den Herrn von Boisdavid getroffen zu haben, der Generalmajor und Chef des Marstalles ist. Man hat mir nämlich versichert, er sei ein Cavalier von hoher Vollendung und Fülle auf bewundernswerte Weise alle Verpflichtungen seines Amtes aus und erledige in der Tat alles sehr ehrenhaft und anerkennenswert.“ Boisdavid, der ein Jahresgehalt von 5000 Talern erhielt, wurde dem alles andere als neutralen Huygens als die Seele des Hofes vorgestellt.

Nur wenig Privates ist über den Offizier überliefert. Am 16. Juni 1700 schrieb die Kurfürstin Sophie von Hannover an Gottfried Wilhelm Leibniz, dass sich Boisdavid schlimm am Rücken verletzt habe, als er in einem sumpfigen Gelände von seinem Pferd auf einen Stein fiel war und das Pferd ihm aufs Bein trat.

Und bei Sichart findet sich folgende Anekdote: „Einst habe General von Boisdavid ein kitzliches Pferd geritten und der Prinz Eugen [von Savoyen], der nachher so berühmt gewordene Feldherr, habe mit seiner ‚Spitzruthe‘ das Pferd so oft gekitzelt, das Boisdavid ihn ersucht, das zu lassen und als dieses dennoch nicht unterblieben sei, gedroht habe, dem Prinzen das Pferd zu erschießen. Prinz Eugen habe dessen ungeachtet nicht abgelassen. General von Boisdavid habe darauf des Prinzen Pferd todtgeschossen, sei nach seinem Regimente gejagt und habe den Befehl ertheilt, Niemand in sein Regiment und sein Zelt zu lassen. Kurz darauf sei auch der Prinz herbeigejagt gekommen, aber abgewiesen worden.“

Nach dem Tod Herzog Georg Wilhelms 1705 wurden die cellischen und hannoverischen Truppen zusammengelegt. Boisdavid übergab sein Regiment dem hugenottischen Oberst Amaury de Farcy de Saint-Laurent und ging mit 1500 Talern in Pension. Der bretonische Edelmann konnte seinen Ruhestand jedoch nicht lange genießen, denn er starb bereits 1706 in Celle. Über sein Familienleben ist so gut wie nichts bekannt. Ihm gehörte seit 1700 in der Celler Altstadt das heute noch existierende Haus Schuhstraße 22, das laut einer Gedenktafel später von 1765 bis 1768 von dem Dichter Ludwig Hölty bewohnt wurde. Zweifellos war Boisdavid verheiratet. Ob er Kinder hatte, ist unbekannt. Die Witwe „Madame Boisdavid“, deren genauer Name nicht überliefert ist, wohnte später im Haus Guizettistraße 11 zur Miete bei Susanne Elisabeth Jacquemin de Chauvet, einer Nichte des zuvor erwähnten Celler Feldmarschalls Jeremias de Chauvet.

Quellen

Wilhelm Beulecke: Die Hugenotten in Niedersachsen (= Quellen und Darstellungen zur Geschichte Niedersachsens, 58), Hildesheim 1960.

Eduard Bodemann: Neue Beiträge zur Geschichte der Celleschen Herzogin Eleonore geb. d’Olbreuse, in Zeitschrift des Historischen Vereins für Niedersachsen, 1887, 195-241.

Andreas Brandtner: 1689: Per Streitschrift gegen Ludwig XIV.: „Franckreichs Geist“. Edition und Kommentar, Norderstedt 2015.

Andreas Flick: Gregorio Leti und sein Bericht über den Celler Hof aus dem Jahr 1667, in: Celler Chronik 8. Beiträge zur Geschichte und Geographie der Stadt und des Landkreises Celle, Celle 1998, S. 63-101.

Andreas Flick: „Der Celler Hof ist ganz verfranzt.“ Hugenotten und französische Katholiken am Hof Georg Wilhelms von Braunschweig-Lüneburg, in: Heiko Laß (Hrsg.): Hof und Medien im Spannungsfeld von dynastischer Tradition und politischer Innovation zwischen 1648 und 1714. Celle und die Residenzen im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation (= Rudolstädter Forschungen zur Residenzkultur, Bd. 4), Berlin [2008], S. 73-95.

Andreas Flick/Sabine Maehnert/Eckart Rüsch/Norbert Steinau: Die Westceller Vorstadt. Celles barocke Stadterweiterung – Geschichte und Bauten (= Celler Beiträge zur Landes- und Kulturgeschichte. Schriftenreihe des Stadtarchivs und des Bomann-Museums, Bd. 40), Celle.

Constantijn Huygens: Voyage de Cell, 1680, in: Journalen van Constantijn Huygens, den Zoon, (Handschrift van de Koninklijke Akademie v. Wetenschappen te Amsterdam). Derde Deel, Werken von hat Historisch Genootschap, gevestigd te Utrecht. Niewe Serie Nr. 46, Utrecht 1888, S. 3-61.

Wenchao LI (Hg.): Gottfried Wilhelm Leibniz – Kurfürstin Sophie von Hannover. Briefwechsel, Göttingen 2017.

N. N.: Woher erhielt unser vaterländisches Militär am Ende des 17ten und zu Anfang des 18ten Jahrhunderts die vielen Officiere von französischer Abkunft? Und wo sind wohl deren Nachkommen geblieben?, in: Hannoversches Magazin, 38tes Stück, 13. Mai 1818, Sp. 594-600.

Bernhard von Poten: Die Generale der Königlich Hannoverschen Armee und ihrer Stammtruppen (= Beiheft zum Militär Wochenblatt 1903, sechstes u. siebentes Heft), Berlin 1903.

Georg Schnath: Geschichte Hannovers im Zeitalter der neunten Kur und der englischen Sukzession 1674-1714, Band II: 1693-1698, Hildesheim 1976.

Helmut Schnitter: Unter dem brandenburgischen Adler – Hugenotten in der brandenburgischen Armee, in: Blätter für Heimatgeschichte, Berlin 1986, S. 51-55.

Louis Heinrich Friedrich von Sichart: Geschichte der Königlich-Hannoverschen Armee, Bd. 1, Hannover 1866.

Henri Tollin: Die Hugenotten am Hofe zu Lüneburg und das Edikt Georg Wilhelms (= Geschichtsblätter des Deutschen Hugenotten-Vereins, VIII, 2), Magdeburg 1898.

Franz Wilhelm Woker: Geschichte der katholischen Kirche in Hannover und Celle. Ein weiterer Beitrag zur Kirchengeschichte Norddeutschlands nach der Reformation, Paderborn 1889.

Stadtarchiv Celle: Otto von Boehn: Häuserkartei der Altstadt in Celle bis 1842.

Niedersächsisches Landesarchiv: Standort Hannover, Dep. 76cA, Nr. 230, 1705/1706. Fürstlich Cellesche Kammerregister.

Von Andreas Flick

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