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Sachsenspiegel Ende des Mummenſchanzes
Mehr Sachsenspiegel Ende des Mummenſchanzes
11:44 25.08.2018
Das Sandsteinrelief des Drachentöters St. Georg aus dem Giebel des St. Georgs-Hospitals fand bei dessen Abriss 1963 seinen neuen Platz neben dem Seiteneingang der St.-Georg-Kirche im Stadtteil Blumlage. Quelle: hajotthu
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Celle

Die Frage nach dem Seelenheil war in vorreformatorischer Zeit von existentieller Bedeutung. Viele Menschen waren von tiefer Unsicherheit und Angst geprägt, so dass sie sich auf vielfältige Weise um die Sicherung ihres Heils bemühten. Krankheit, Tod, Gewalt, Willkür und unerklärliche Geschehnisse waren allgegenwärtig. Zudem war die Furcht vor einem apokalyptischen Weltende, dem damit verbundenen Jüngsten Gericht und dem möglicherweise folgenden Fegefeuer sowie der Hölle ausgeprägt. Da man Gott nicht mit all den Fährnissen des Alltags „belasten“ wollte und die Menschen, die als Heilige verehrt wurden, als Mittler zwischen Gott und den Menschen standen, wendete man sich hoffnungs- und vertrauensvoll an die Heiligen.

Und für fast jede Lebenslage gab es Zuständigkeiten: der heilige Georg (* im 3. Jahrhundert vermutlich in Kappadokien; † 23. April um 303 vermutlich in Lydda, Palästina oder Nikomedia) beispielsweise war unter anderem Patron der Artisten, Bauern, Bergleute, Böttcher, Pfadfinder, Reiter, Sattler, Schmiede, Soldaten, Waffenschmiede und Büchsenmacher, Wanderer, Gefangenen, der Spitäler und Siechenhäuser, der Pferde und des Viehs. Er half gegen Kriegsgefahren, Schlangenbiss-Vergiftungen, Versuchungen, Fieber, Pest, Lepra, Syphilis und sorgte für gutes Wetter. Georg, der häufig als Drachentöter dargestellt wird, zählt zu den 14 Nothelfern.

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St. Georgs-Hospital
in der Blumlage

In Celle trug das vor der Stadtmauer in der Blumlage gelegene St. Georgs-Hospital wie die dazugehörige Kapelle den Namen des beliebten Heiligen. Und noch heute trägt die evangelisch-lutherische Kirche in der Blumlage den Namen St. Georg.

Der heilige Georg ist nur ein Beispiel aus der Liste von über tausend Heiligen, an die die Menschen sich wendeten. Zudem muss man sich vor Augen führen, dass zum einen das Wissen über viele Phänomene noch nicht vorhanden war, die Medizin noch mehr oder weniger in den Kinderschuhen steckte und es auch keinerlei Absicherungen wie Versicherungen, Rechtssicherheit und so weiter gab. Die Ängste mögen einem da verständlicher erscheinen. Vor diesem Hintergrund erlebte die Heiligen- und Marienverehrung ihren Höhepunkt. Im engen Zusammenhang mit dem Heiligenkult stehen die Reliquienverehrung sowie die Zunahme an Wallfahrten und Prozessionen. Das Streben der Menschen nach göttlichem Heil durch eigenes Tun und Handeln spiegelt sich auch in den zahlreichen Stiftungen, Bruderschaften, Ablässen und der immensen Zunahme an heiligen Messen wider.

Die Reformation mit ihren Schlagwörtern sola fide, sola gratia, sola scriptura und solus Christus (Allein aus Glauben, allein aus Gnade, allein die Schrift und Christus allein) brachte einen radikalen Bruch mit der alten Frömmigkeit. Die von Martin Luther unter Berufung auf die Bibelstelle „Denn darin wird offenbart die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, welche kommt aus Glauben in Glauben“ (Römer 1, 17) propagierte Rechtfertigungslehre legte in den protestantischen Gebieten eine traditionelle Glaubenswelt in Trümmern. Die neue Botschaft lautete nun, dass von den Heiligen keine Hilfe zu erwarten war.

Mit der Einführung der Reformation im Fürstentum Lüneburg 1525-1528 kam auch in Celle das Ende der frommen Stiftungen, der Bruderschaften (unter anderem der Kalandbruderschaft), der Prozessionen, bei denen ein Marienstandbild um die Stadt und um den Kirchhof der Stadtkirche getragen wurden, der Wallfahrten und der Reliquienverehrung. Die Reformation brachte ferner das Ende der „Winkelmessen“ und die Beseitigung der zahlreichen vielfach nach Heilligen benannten Nebenaltäre in der Stadtkirche mit sich. Zudem war die radikale Umgestaltung des Kirchenjahres mit der Reduzierung von Heiligen- und Marienfesten ein tiefer Einschnitt im Alltags- und Glaubensleben der Menschen. Auch alte Bräuche, wie der Mummenschanz oder Fastelabend, wurden Opfer der umfassenden religiösen Erneuerung.

Reliquien, also in erster Linie Überreste von verstorbenen Heiligen, wie etwa Schädel, Knochen, Blut, Haare oder Kleidungsgegenstände, wurden seit der Mitte des 2. Jahrhunderts im Christentum verehrt. Die Gläubigen erhofften an den Wirkkräften der heiligen Märtyrer Anteil zu bekommen. Eine eigenständige Stellung nahmen die biblischen Reliquien ein, also Gegenstände, die mit dem neutestamentlichen Heilsgeschehen, insbesondere mit Jesus Christus in direkte Verbindung gebracht wurden. Reliquien wurden im Laufe der Zeit zudem liturgisch unverzichtbar, da sie in den für die Messfeier dienenden Altären in den Kirchen beziehungsweise Kapellen vorgeschrieben waren. Aufbewahrt wurden die heiligen Überreste vielfach in prächtig gestalteten Reliquiaren.

Im Hochmittelalter wurden vielerorts größere Sammlungen zusammengetragen. Die von Friedrich dem Weisen bis 1509 angehäuften rund 5000 Reliquien (1519 waren es bereits 20.000) spendeten insesamt 1.902.202 Jahre und 270 Tage Ablass, sofern man auf die vorschriftsmäßige Art und Weise zu ihnen wallfahrtete. Und die von Albrecht von Mainz im Dom zu Halle zusammengetragenen Reliquien gewährten sogar fast 40 Millionen Jahre Ablass! Diese Sammlungen sind ein Beleg dafür, wie groß die Ängste der mittelalterlichen Menschen und wie groß das Bedürfnis nach Sündenvergebung war.

Am Vorabend der Reformation war es in der Volksfrömmigkeit, in der Reliquienverehrung eine große Rolle spielte, zunehmend zu Auswüchsen gekommen. Die Reformatoren, egal ob lutherisch oder reformiert, waren sich einig, dass die Verehrung der Überreste von Heiligen nutzlos sei. In den „Schmalkaldischen Artikeln“ schreibt Martin Luther: „In ihm [dem Reliquiendienst] ist schon so manche offenkundige Lüge und Narrenwerk mit Hunds- und Pferdeknochen gefunden worden, er hätte schön längst um dieses Betrugs willen, über den der Teufel gelacht hat, verdammt werden sollen, […]“ Und der Zürcher Reformator Huldrych Zwingli schreibt in seinem 1525 erschienenen „Kommentar über die wahre und falsche Religion“: „Die Folge war, daß wir Holz, Stein, Erde, Staub, Schuhe, Kleider, Ringe, Helme, Schwerter, Gürtel, Knochen, Zähne, Haare, Milch, Brot, Teller, Tische, Wein, Messer, Krüge und was jemals fromme Menschen angerührt hatten, angebetet, umarmt und geküßt haben, und was das Dümmste war. Wir schätzten uns geradezu selig, wenn wir derartige Dinge nur anschauen konnten. Wir versprachen uns, die Sünden seien uns durch sie erlassen, das Schicksal und die ganze Welt sei uns günstig.“

Celler
ReliquIenschatz

Auch die Celler Stadtkirche St. Marien verfügte zur Zeit der Einführung der Reformation über einen Reliquienschatz. Er ist ein Beleg für den vorreformatorischen Heiligenkult im Fürstentum Lüneburg. Persönliche Schilderungen über die Reliquienverehrung in vorreformatorischer Zeit sowie über die Entfernung der Reliquien im Zusammenhang mit der Reformation fehlen. Die zitierten Beschreibungen von 73 der oftmals in Seide oder Leinen verpackten Reliquien, die bereits der Loccumer Abt Gerhard Wolter Molanus (1633-1722) geprüft hatte, wurden von Wilhelm Knoop um 1900 verfasst. So sollen in der Stadtkirche und andernorts unter anderem angeblich ein Dorn der Dornenkrone Jesu von Nazareth, ein Holzspan vom Kreuze Jesu („ein Stück stark von Würmern gefressenen Holzes, 0,03 m lang“), ein Stück vom Lendenschurz Jesu („von dem Tuch Christi am Creutz“), ein Stück der Geißel Jesu, ein Stück vom Schweißtuche Christi („ein Stückchen vermodertes Zeug“), Bluttropfen und Knochenteile von den zu Bethlehem ermordeten Kindern, „zwei winzige Knochensplitter“ des Apostel Jakobus, eine Locke der Heiligen Barbara, ein kleiner Knochensplitter der Heiligen Agatha, ein Knochenstück des Heiligen Mauritius, ein starker Röhrenknochen des Heiligen Servatius mit der Jahreszahl 1450, ein Knochensplitter des Heiligen Philippe Jacobi („wohl zur Commend e[Kirchenpfründe] Philippi-Jacobi gehörig“), Knochenteile des Hildesheimer Bischofs Bernward sowie des Heiligen Pankratius (einen Röhrenknochenstück), das Blut diverser Märtyrer („eine rotbraune Masse vielleicht Blut in 3 Blättern, auf einer Schicht Haare“) und mehr aufbewahrt und verehrt worden sein. Bei einem Großteil dieser Reliquien dürfte es sich um Geschenke Herzogs Friedrich des Frommen (1418-1478) an den Rat zu Celle und die Älterleute der Stadtkirche gehandelt haben. Allein die Pankratius-Reliquie behielt sich der Fürst auf Lebenszeit vor. Der Celler Stadthistoriker Clemens Cassel äußert: „Der genannte Fürst hatte vom Papste Nikolaus V. 1452 Teile des Heiligen Pankratius zum Geschenk erhalten und dieses ‚Heiligdom‘ nebst einer übergoldeten Silbertafel, […], der Stadtkirche überwiesen. […] Am 13. Mai 1472 schenkten Abt und Konvent des Michaelisklosters zu Hildesheim dem Herzoge Teile von den Gebeinen des Heiligen Bernward. Weil die Urkunde über diese Schenkung im Besitze des Rates ist, werden auch diese Stücke der Kirche überwiesen sein.“ Leider sind keine Überlieferungen darüber bekannt, ob es in Celle Reliquienprozessionen gab und ob den Celler Reliquien Wunder zugeordnet wurden.

Im Zuge der Einführung der Reformation wurden die Reliquien der Celler Stadtkirche St. Marien ins Rathaus gebracht, wo sie sich noch um 1900 befanden. Es wird berichtet, dass sie im 18. Jahrhundert in weißes Büttenpapier verpackt und beschriftet worden sind. Später wurden einige Stücke seitens des Celler Bürgermeisters Friedrich Samuel Ernst Vogell neu signiert. Das alles belegt ein undatiertes „Verzeichnis der auf dem Rathaus vorhandenen Reliquien“, das im Celler Stadtarchiv aufbewahrt wird. Freilich waren damals bereits einige der in vorreformatorischer Zeit verehrten Objekte verschwunden, wie die 1605 in der „kerken in de gerkamer“ gefundene „Maria mit dem Kinde“. Bei anderen ist die genaue Beschreibung im Laufe der Zeit verlorengegangen, wie bei einem großen „Stück Hirnschale, gelb und glatt“, einem größeren „Stück feinen, schleierartigen Gewebes“ oder von zahlreichen unbekannten Heiligenknochen. Heutzutage befinden sich jedoch keine Reliquien mehr im Besitz der Stadt Celle.

Die einzigen Reliquien, die heute noch in Celle vorhanden sind, befinden sich in den drei nachreformatorischen katholischen Kirchen, der Kirche St. Ludwig, der Kirche St. Hedwig in der Heese und der Kirche St. Johannes der Täufer in Vorwerk (Reliquie der heiligen Theresia vom Kinde Jesu).

Quellen

Kurt AHLAND: Geschichte der Christenheit, Band 1: Von den Anfängen bis an die Schwelle der Reformation, Gütersloh 1980.

Horst APPUHN: Der Fund vom Nonnenchor (= Kloster Wienhausen, Bd. IV), Wienhausen 1973.

Horst APPUHN: Chronik und Totenbuch des Klosters Wienhausen, Wienhausen 1986.

Johann ARNDT: Sechs geiststreiche Bücher Vom Wahren Christentum …, Halle 1759.

Claudia BECKER: „O, heilige Mutter Anna, hilf!“ Wallfahrten als Ausdruck der Volksfrömmigkeit, in: Niedersächsisches Jahrbuch für Landesgeschichte, Bd. 75, Hannover 2003, S. 71-86.

Otto von BOEHN: Der thronende Christus und die mittelalterliche Kunst in Altencelle, in: Cellesche Zeitung (Der Sachsenspiegel 14) 1938, S. 3f.

Dieter BROSIUS (Bearb.): Urkundenbuch der Stadt Celle. Lüneburger Urkundenbuch, 17. Abteilung (= Quellen und Untersuchungen zur Geschichte Niedersachsens im Mittelalter, Bd. 20), Hannover 1996.

Clemens CASSEL: Geschichte der Stadt Celle mit besonderer Berücksichtigung des Geistes und Kulturlebens der Bewohner, Erster Band, Celle 1930.

Quellen

Autor: Text

Von Andreas Flick