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Sachsenspiegel „Erfinder“ der Konfirmation
Mehr Sachsenspiegel „Erfinder“ der Konfirmation
13:03 12.05.2018
Konfirmation im 19. Jahrhundert, Zeichnung von Hans Stubenrauch Quelle: Fremdfotos/eingesandt
Celle

Im vergangenen Jahr ist bei kaum zählbaren Veranstaltungen und unter den verschiedensten Aspekten an die von Luthers ausgelöste Reformation vor 500 Jahren erinnert worden. Verständlicherweise standen Martin Luthers Werk und seine von Wittenberg ausgehende neue Bewegung im Mittelpunkt der Betrachtungen und Diskussionen. Dabei ist vielleicht zu wenig herausgestellt worden, dass es unter Luthers Zeitgenossen manche kluge Köpfe gab, die bei der Ausbreitung der Reformation neue Akzente setzten, die bis auf den heutigen Tag nachwirken.

Darum soll hier an den Elsässer Martin Bucer (1491 – 1555) erinnert werden, der als der „Erfinder“ der evangelischen Konfirmation gilt. Er lernte als Theologiestudent am 26. April 1518 Martin Luther bei der von dessen Augustiner-Orden angeregten sog. Heidelberger Disputation kennen. Luther konnte an diesem Tage seine Professorenkollegen allerdings nicht überzeugen. Aber etliche junge Studenten, zu denen Bucer gehörte, waren von Luthers Argumenten begeistert und schlossen sich daher der neuen Lehre an.

Bucer war 1491 in Schlettstadt in Elsass als Sohn eines Küfers geboren. Ähnlich wie Luther suchte er sein Seelenheil durch den Eintritt in ein Kloster zu gewinnen. So trat er schon mit 15 Jahren dem Dominikaner-Orden bei. Da er in Heidelberg Griechisch, Hebräisch, Theologie, Philosophie und Rhetorik studierte, kam es zu der denkwürdigen Begegnung mit Martin Luther, als dieser die vom Papst beanspruchte unbedingte Autorität infrage stellte und von der katholischen Kirche nun als Ketzer galt. Die hier gewonnenen Einsichten und die Beschäftigung mit den Werken von Erasmus veranlassten Bucer 1521, den Dominikaner-Orden wieder zu verlassen.

Exkommuniziert
und mit Bann belegt

Wie Luther heiratete auch Bucer eine ehemalige Nonne. Der Speyerer Bischof exkommunizierte ihn und ließ über ihn den Bann aussprechen. So finden wir Bucer in der Folgezeit als Hofprediger des Kurfürsten Friedrich von der Pfalz und war danach Pfarrer in Landstuhl, Weißenburg und Straßburg. Bei der Verbreitung es reformatorischen Gedankengutes schmerzte ihn aber, dass es zwischen Lutheranern und Calvinisten mancherlei Differenzen gab. Unermüdlich war er bestrebte, diese beiden Glaubensrichtungen zusammenzuführen.

Nachdem er anfangs den Gedanken Ulrichs Zwinglis zugeneigt gewesen war, setzte sich am Ende bei ihm die lutherische Sichtweise durch, wenn er auch in den Konfessionen keinen fundamentalen Lehrunterschied sah. Auch wollte er wie Luther keine Kirchenspaltung, sondern setzte seine Hoffnung auf eine Einigung mit den Katholiken.

Bucer hatte eine unglaubliche Fähigkeit Kompromisse zu finden, war also ein „Pontifex“ – ein Brückenbauer im wörtlichen Sinne. Allerdings gelang es ihm nicht, beim Marburger Religionsgespräch 1529 zwischen Luther und Zwingli im Abendmahlsstreit zu vermitteln. Luther beharrte auf der Wandlung von Brot und Wein in Leib und Blut Christi. Zwingli und seine Anhänger sahen im Abendmahl ein Erinnerungsmahl. Bucer hielt die Auseinandersetzung als einen Streit mit Worten und fand dabei auch Rückendeckung durch den Landgraf Philipp von Hessen, dem es ebenfalls am Herzen lag, eine Trennung zwischen den reformatorischen Gruppierungen zu verhindern.

Mit dem württembergischen Humanisten und Theologen Johannes Ökolampard(ius) führte er noch kurz vor dessen Tod 1531 die Reformation in Ulm ein. Bucer war dann im Erzbistum Köln aktiv, der Reformation zum Durchbruch zu verhelfen, konnte sich aber gegen den dortigen Klerus nicht durchsetzen. Danach wurde er nach England berufen und starb dort in Cambridge 1557. Aber hier sollte er selbst im Tode keine Ruhe finden. Die Königin Maria verurteilte ihn als Ketzer, ließ seinen Sarg zerstören und seine Gebeine verbrennen.

Taufstreit führt
zur Konfirmation

Außer dem oben bereits erwähnten Abendmahlsstreit gab es damals auch tief greifende Auseinandersetzungen über die Taufe. Die Anhänger der sogenannten „Täufer“ vertraten die Ansicht, dass nur der getauft werden könne, der sich bewusst für den christlichen Glauben entschieden habe. Ein Säugling könne eine so wichtige Entscheidung aber nicht treffen. Das aber konnte man nur von Erwachsenen verlangen und erwarten.

Luther wie Zwingli traten aber weiter für die bis dahin praktizierte Säuglingstaufe ein. In dieser Zeit hatte gerade der hessische Landgraf Bucer in sein Land geholt, um von ihm Rat und Unterstützung bei der Umsetzung der Reformation zu bekommen. So legte Bucer im Jahre 1539 im oberhessischen Städtchen Ziegenhain zum Taufstreit einen Vorschlag auf den Tisch. Wir finden ihn in seiner sog. „Ziegenhainer Zuchtordnung“.

Die Lösung fand er darin, dass seiner Meinung nach die Kinder weiterhin getauft werden sollten. An Ende ihrer Kindheit müsse man sie aber noch einmal in Glaubensfragen eingehend unterrichten, damit sie sich danach vor der Gemeinde auch dazu bekennen könnten und damit „Ja“ zu ihrer Taufe sagten.

Gegenstück zur
katholischen Firmung

Mit dieser Lösung wurde die Konfirmation zu einer Institution, zum evangelischen Gegenstück zur katholischen Firmung. Die Konfirmation bekam so von vornherein eine besondere Prägung. Sie wurde in eine sehr bestimmte Beziehung zur Gemeinde gebracht, als „Bestätigung in die christliche Gemeinschaft“. Bucer sagt dazu: „Die Kinder wenn sie den Katechismus gefasset, thun ihren Glauben in der Versammlung Gottes bekennen und sich in die Gehorsame Christi und seiner Gemeinde selb begeben; und (die Seelsorger) sie darauf mit dem Gebet und Händeauflegen in die ganze Gemeinschaft Christi und seiner Gemeinde bestetigen.“

So fand die Konfirmation in Hessen Verbreitung, wo Bucer damals großen Einfluss besaß, und wurzelte hier fest ein. Die strengen Lutheraner lehnten die Konfirmation infolge der Interims-Streitigkeiten ab. Im Leipziger Interim näherte sich die Fassung der Konfirmation wieder der katholischen Firmung oder ließ doch wenigstens katholisierende Auffassungen zu.

Zu den wenigen lutherischen Gebieten, in denen die Konfirmation schon im 16. Jahrhundert verbreitet eingeführt wurde, gehört Pommern. Nach der Pommerschen Agende von 1563 wurde jedoch von den Kindern weder ein Glaubensbekenntnis noch ein Gelübde ewiger Treue verlangt. Auch war mit der Einsegnung nicht die erste Abendmahlsfeier verbunden. Man ließ die eingesegneten Kinder zum Abendmahl gehen, wenn Eltern und Pastoren es für richtig hielten.

Ersatz für
Glaubensbekenntnis

Bei Calvin findet man in jener Zeit eine ähnliche Einrichtung. Im zehnten Lebensjahr wurden die Kinder vor der Gemeinde über die fünf Artikel des christlichen Glaubens befragt. Ihre Antworten nahmen hier die Stelle des Glaubensbekenntnisses ein.

Für unsere Gegend ist zunächst die Calenbergische Kirchenordnung der Herzogin Elisabeth von 1542 von Bedeutung. Der Konfirmationsordnung sind darin mehrere Seiten gewidmet. Darin wird empfohlen, dass die Konfirmation „jerlich dreymal gehalten werden sol, als nhemlich auf die Ostern, Pfingsten und Weinachten. Es sol aber ein ider pfarherr solchs zu thun allein nicht gewalt haben, sonder die nehesten zwen oder drey geschicktesten pastores dazu forderen und mit gebürlicher reverenz solche caeremoniam ausrichten. Lassen uns auch gefallen, wo der superintendens so nahe wonet, das derselbige auch dazu gefordert und mit seinem zuthun solchs gehalten werde. Und wenn man gleich kinder hat, die zu solcher confirmation geschickt sein, sol man sie dennoch die furgehenden acht tage treulich und wol unterweisen und examiniren, damit sie auf den bestimpten tag rechnung ihres glaubens desto freidiger und kecker geben können. Vor mittage schickte sich solch confirmiren am besten. Weil aber ein jeder pastor alsdenn in seiner kirchen sein und predigen mus, so mus man damit bis zur vesper verzihen, und sol nach gehaltener vesper volgende ermanung zum volk geschehen.“

In dieser „Ermanung zum volk“ wird klar die evangelische Konfirmation von der katholischen Firmung abgegrenzt und ihr Wert der Gemeinde deutlich vor Augen geführt. „Doch weil diese ceremonia des confirmirens, wenn sie recht gebraucht wird, dennoch wol zu leiden und zu erhaltung der kinderzucht sehr nütze ist, so wöllen wir mit Gotts hülfe unterstehen, den rechten brauch derselbigen widerumb in unser kirchen zu bringen mit freuntlicher bitte, ihr hausveter, elteren und paten wöllet uns hirin, wie ihr dan fur Gott schuldig seid, treulich dienen und helfen, nicht allein itzo hie mit euerem ernstlichen gebet zu Gott, sonder auch mit furgehendem vleis, damit euere kinder in den artikelen unsers waren, alten, christlichen glaubens, ehe dan sie zu dieser firmung gefüret, wol unterweiset und instituirt werden.“

Quellen

Religion in Geschichte und Gegenwart,
Bd. 3, Spalte 1642 ff.

Die ev. Kirchenordnungen des XVI. Jahrhunderts, herausgegeben von Emil Sehling, VI. Band, Tübingen 1957

Bernhard Lange, Ein Quellensstück zur Entstehungsgeschichte der Lüneburgischen Kirchenordnung von 1564, in: Jahrbuch der Gesellschaft für Niedersächsische Kirchengeschichte, Band 57, 1959

Arnd Brummer, Ich bin ein Ziegenhainer, in: „chrismon“ 11/2017

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