Menü
Cellesche Zeitung | Ihre Zeitung aus Celle
Anmelden
Sachsenspiegel Freude über Friedensschluss
Mehr Sachsenspiegel Freude über Friedensschluss
11:05 15.09.2018
Christian Ludwig (1622–1665), Herzog zu Braunschweig und Lüneburg. Johann Bernhard Simerding. Öl auf Leinwand, 1716. Quelle: Abbildung: Residenzmuseum im Celler Schloss
Celle

Im Jahre 1648 wurde, wie überall in Deutschland, auch hierzulande das Ende des Dreißigjährigen Krieges freudig begrüßt. Die Menschen hofften, dass in der nun anbrechenden Zeit des Friedens die leidvolle Vergangenheit überwunden werden könne. Allerdings sollte es noch mehrere Jahre dauern, bis das welfische Land frei von fremden Truppen war. Erst am 11. August 1650 konnten in allen Kirchen des Herzogtums Friedensgottesdienste abgehalten werden.

Ein leidvoller Weg
für die Bevölkerung

Bevor es in Münster und Osnabrück zu dem ersehnten Friedensschluss kam, waren die Menschen in Deutschland immer wieder hilflos dem Kriegsgeschehen ausgesetzt. Spannungen zwischen lutherischen und katholischen Kräften hatten diesen Krieg ausgelöst. Doch recht bald nach Ausbruch der Feindseligkeiten zeigte sich, dass religiöse Motive und unterschiedliche konfessionelle Orientierungen und Zugehörigkeiten an Bedeutung verloren und nun immer stärker Eroberungslust, Machtgier und Zerstörungswut das Kriegsgeschehen bestimmten. Der Krieg hatte bald auf andere Landschaften des Reiches übergegriffen. Nur wenige Gebiete wie das westliche Niederdeutschland und die Alpenländer blieben davon weitgehend unberührt. Zu den am schlimmsten heimgesuchten Kriegsschauplätzen mit den höchsten Opferzahlen gehörten vor allem Gebiete im Südwesten Deutschlands, ebenso in Franken, Hessen, Thüringen und im mittelelbischen Gebiet (mit Anhalt und Magdeburg) sowie in Brandenburg.

Bedeutungsvoll war auch der Einfluss des Auslandes auf das weitere Kriegsgeschehen. 1624 trat der dänische König Christian IV. an die Spitze des protestantischen Heeres. Und im Juli 1630 landete König Gustav II. Adolf von Schweden mit einem Heer in Pommern, um zur Unterstützung des deutschen Protestantismus, aber auch im Interesse eigener Machterweiterung im Ostseeraum in den Krieg einzugreifen. Unterstützt wurde der schwedische König auch von Frankreich.

Auf der Gegenseite bestimmten insbesondere Wallenstein und Tilly als Befehlshaber der kaiserlichen Heere im weiteren Verlauf des Krieges das Geschehen, vor allem in Norddeutschland.

Die unabhängig von Volks- oder Konfessionszugehörigkeit zusammengesetzten Söldnerheere machten keinen Unterschied zwischen Freund und Feind. Den Grausamkeiten des Krieges waren die Menschen deshalb überall in den Dörfern und Städten des Landes ausgesetzt, egal ob Kaiserliche, Schweden oder Franzosen erschienen. In diesen wirren Kriegszeiten war es auch keineswegs ungewöhnlich, dass Soldaten, Offiziere und Feldherren die Partei wechselten und dann in einer anderen Armee ihr Kriegshandwerk ausübten.

Großes Elend
auf dem Lande

Weitaus schlimmer als die Stadtbevölkerung waren die Landleute von dem Kriegsgeschehen betroffen. Das Elend dieser Menschen ist mit Worten kaum zu beschreiben. Obwohl während der langen Kriegszeit im Celler Land keine Schlachten geschlagen wurden, hatten auch hier die Dorfbewohner unter den durchziehenden Kriegsvölkern schwer zu leiden. Die dadurch verursachte Not war so groß, dass sich Herzog Christian am 3. September 1625 sogar veranlasst sah, den Bauern zu befehlen, umherstreifende kriegerische Banden zu verfolgen, sie gefangen zu nehmen und bei auftretendem Widerstand zu erschießen. Zudem wurden die Bewohner zu gegenseitiger Hilfeleistung aufgefordert und angewiesen, die Ortschaften durch Gräben und Schlagbäume abzusichern.1 Durch gewaltsames Vorgehen die Hilfsquellen eines Landes rigoros zu nutzen und durch ständige Sonderbelastungen die Bevölkerung zu Abgaben und Dienstleistungen für die Soldaten zu zwingen, dieses seit Wallenstein praktizierte Kontributionssystem bestimmte in zunehmendem Maße das Kriegsgeschehen. Auch die Schweden und Franzosen übernahmen später diese Praktiken und machten sich dieses System zunutze. Die Truppenführer hatten den Auftrag, bei ihren Kriegszügen Sold und Verpflegung aus der Bevölkerung herauszupressen. Diesem häufig mit unvorstellbarer Quälerei verbundenen Rauben, Plündern und Brandschatzen war die Bevölkerung auch im Celler Land bei Durchmärschen, Streifzügen, größeren Truppenbewegungen oder nach Zusammenstößen feindlicher Heere wiederholt ausgesetzt.

Einen anschaulichen Eindruck von den Belastungen und Unterdrückungen, die die Landbevölkerung durch dieses Geschehen ertragen musste, vermittelt ein Verzeichnis im Berger Amtslagerbuch vom 8. Juli 1635, in dem aufgeführt wird, „was seit dem 3. Januar bis zum 5. Juli [1635] die Untertanen der Vogtey von Freund und Feind an Kontribution (Kriegssteuern), Fourage (Verpflegung) und auch vor Unpflicht erlegen müssen, und was ihnen die von selbigem Volke unterschiedlich schwer gehabte Einquartierung und anderer Abnahme an Pferden und Vieh gekostet“. Von anderen schlimmen Zuständen wird in der Kalandsrechnung von 1637 berichtet. Darin wird in Bezug auf die Gemeinde Heese festgestellt: „Die Schweine von Heese seien gar kleine Ferken, vorm Jahr alle gestorben und weggenommen und von den Kriegsleuten gefressen.“ Und im Jahre 1640 wird in der Großvogtei Celle darüber Klage geführt, „daß die Untertanen im Lande wegen der langwierigen schweren Contribution sehr ohnvermögsamb“ sind.2

Ganze Regionen wurden in diesen Kriegsjahren in Deutschland zerstört und in Wüsteneien verwandelt, zahlreiche Städte und noch mehr Dörfer in Schutt und Asche gelegt – einige verschwanden völlig von der Erdoberfläche. Dort, wo die Bestellung der Felder nicht mehr vorgenommen werden konnte, verödete das Land. Mancher Hof blieb deshalb auch in unserer Region „wüst“ liegen.3 Zudem lohnte es sich häufig kaum, die Felder zu bestellen, da die Kornpreise aufgrund der verminderten Nachfrage deutlich gefallen waren, nachdem die Heere das Land verlassen hatten und die Bevölkerungszahl so stark gesunken war.

Nicht nur in den Dörfern waren hierzulande vielfach die wirtschaftlichen Existenzgrundlagen durch Vernichtung, Raub und Brandschatzung zerstört worden, auch in den Städten war die Not groß. Handel und Handwerk lagen im Argen. Das gesamte Erwerbsleben war vielfach zugrunde gerichtet.

Veränderungen
in welfischen LandEN

Obwohl für keine Partei Aussicht bestand, aus diesem Krieg als Sieger hervorzugehen, dauerte es lange bis zur Eröffnung eines Friedenskongresses. Als schließlich 1644 zwischen dem Kaiser und Frankreich in Münster und zwischen dem Kaiser und Schweden in Osnabrück Friedensverhandlungen begonnen wurden, verfolgte man als zentrales Ziel, Voraussetzungen für die Wiederherstellung eines zivilen Lebens in Deutschland zu schaffen. Es ist an dieser Stelle nicht möglich, auf die Verhandlungen der in Münster und Osnabrück versammelten 37 ausländischen und 11 deutschen Delegierten und Gesandten der am Krieg beteiligten Mächte im Einzelnen einzugehen. Vorrangige Bedeutung hat in diesem Zusammenhang die Frage nach den Auswirkungen des Krieges für die welfischen Lande.

Die beiden Vertreter des Herzogtums Braunschweig-Lüneburg, der Geheime Kammerrat Heinrich Langenbeck aus Celle und der hannoversche Vizekanzler Jakob Lampadius, hatten bei diesen Verhandlungen einen schweren Stand. Sie konnten nicht verhindern, dass in die territoriale Umverteilung im Innern des Reiches auch die bisher wiederholt von Mitgliedern des Welfenhauses verwalteten Stifte Magdeburg, Halberstadt, Ratzeburg, Minden, Verden und Bremen einbezogen wurden, die damit als Entschädigungsmasse anderen Reichsfürsten zugutekamen.

Die hildesheimischen Ämter, die seit 1522 unter welfischer Leitung standen, kehrten wieder zum Bistum Hildesheim zurück. Für das Herzogtum Braunschweig-Lüneburg, das mit den Klöstern Walkenried und Gröningen nur geringfügige Entschädigungen erhielt, „erfand nach langem Tauziehen um eine Satisfaktion die Weisheit des Kongresses eine Kuriosität ohne Beispiel“, indem die Entscheidung getroffen wurde, dass im Bistum Osnabrück, wo es neben katholischen Bevölkerungsteilen auch viele Anhänger des evangelischen Glaubens gab, die Regierungsgewalt fortan (bis 1803) immer abwechselnd von einem vom Domkapitel zu wählenden katholischen Bischof und einem evangelischen Welfenprinzen ausgeübt werden sollte („alternierende Sukzession“).4 Die welfischen Fürstentümer selbst blieben jedoch von diesen Veränderungen unberührt. „Im Nordwesten bildete sich bald nach dem Frieden Braunschweig-Lüneburg durch einige Erbfälle zu einem größeren Staat aus und nahm den Namen Hannover an.“5

In Bezug auf die konfessionellen Spannungen, die beim Ausbruch des Krieges die entscheidende Rolle gespielt hatten, bestätigte die Vereinbarung die reichsgesetzlichen Bestimmungen des Augsburger Religionsfriedens von 1555 und sicherte damit die Religionsfreiheit der Lutheraner. Darüber hinaus sollte diese Regelung auch für die Reformierten oder Calvinisten gelten. Zudem wurde festgelegt, dass in den Reichsgremien keine konfessionelle Partei von der anderen majorisiert werden durfte. In der Frage der Konfessionszugehörigkeit hatten die Untertanen das Recht zur Auswanderung, falls sie sich zu einer anderen Konfession als ihr Landesherr bekennen wollten. Über diese Vereinbarung von 1555 hinausgreifend, waren die Untertanen im Falle des Konfessionswechsels eines Landesherrn nun berechtigt, im Lande zu bleiben und an ihrem religiösen Bekenntnis festzuhalten. Der Landesherr durfte sie weder zur Annahme des neuen Glaubens noch zur Auswanderung zwingen. Grundlegend für die Regelung der Konfessionsfragen wurde die Einigung der Vertragspartner auf ein sogenanntes „Normaljahr“, das als verbindlicher Orientierungsmaßstab für die Fixierung der konfessionellen Verhältnisse dienen sollte. In diesem Sinne wurde das Jahr 1624 gewählt und entschieden, dass der konfessionelle Besitzstand am 1. Januar dieses Jahres festgeschrieben werden sollte.

Mehr Toleranz zwischen den Konfessionen

Am 24. Oktober 1648 wurde mit den Friedensschlüssen von Münster und Osnabrück der Dreißigjährige Krieg beendet. Dieses als „Westfälischer Friede“ in die Geschichte eingegangene Vertragswerk zwischen dem Kaiser einerseits und Frankreich beziehungsweise Schweden andererseits wurde als ein in französischer Sprache abgefasstes Abkommen in Münster und als ein lateinisch abgefasstes Parallelabkommen in Osnabrück unterzeichnet. Darin einbezogen waren die Verbündeten aller Kriegführenden, auch die deutschen Reichsstände schlossen sich diesen Regelungen an. Am 8. Februar 1649 wurden die Ratifikationsurkunden zu diesem Vertragswerk unter den Signatarmächten ausgetauscht.

Die Stimmung der Bevölkerung im Celler Land hat Clemens Cassel so zusammengefasst: „Die ausgestandenen Nöte und Ängste lagen dahinten, und der fast erstorbene Lebensmut, die gänzlich erloschene Lebensfreude wagten sich wieder hervor. Mochten auch draußen vor den Stadttoren die Wölfe heulen – 1648 wurden im Lüneburgischen 186 Wölfe erlegt [...] – , mochten die Äcker [...] von Dornen und Disteln überwuchert, die Gärten an den sonnigen Talgehängen der Aller verwildert und verwüstet liegen, mochte auch Handel und Wandel und Betriebsamkeit auf absehbare Zeit hinaus empfindlich geschädigt, mancher fleißige Bürgersmann unter der Schwere der zu zahlenden Kriegssteuern verarmt sein: […] wer wollte, durfte wieder ruhig seinem Gewerbe nachgehen und war für sich und die Seinigen sichergestellt gegen die entsetzlichen Untaten des entmenschten Soldatenvolks, von denen uns die Geschichtsbücher jener wilden Tage berichten.“6

Quelle

1 G. Breling: Der Dreißigjährige Krieg im Celleschen, in: Der Speicher – Heinatbuch für den Landkreis Celle, hg. v. Friedrich Helmke und Heinrich Hohls. Faßberg 1978, S. 108.

2 Ebd., S. 113-121.

3 Ebd., S. 119f.

4 E. W. Zeeden: Weltbild Geschichte Europas 1556-1648. Hegemonialkriege und Glaubenskämpfe, Leck 2002, S. 332.

5 Ebd.

6 C. Cassel: Geschichte der Stadt Celle mit besonderer Berücksichtigung des Geistes- und Kulturlebens der Bewohner, hg. von der Stadt Celle, erster Band. Celle 1930, S. 479.

Von Karl-Heinz Buhr

Vor 400 Jahren: Die Soldateska führt auch im Celler Land Regiment / Teil 1

08.09.2018

Heiligenkult, Reliquienverehrung und Wallfahrten im Celler Land, Teil I

25.08.2018

Tumultartige Szenen in Celle, als Hannover preußisch wurde / Teil 1

11.08.2018