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Sachsenspiegel Spitzeltätigkeit des Serienmörders
Mehr Sachsenspiegel Spitzeltätigkeit des Serienmörders
16:12 21.06.2019
Fritz Haarmann (1879-1925) zählt zu den großen Serienmördern der Weimarer Republik.  Quelle: Matthias Blazek
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Hannover

Seine Bekanntheit erlangte er aber am Ende nur, weil er wegen vielfachen Mordes überführt wurde. 24 Morde wurden ihm nachgewiesen, 1925 verlor er dafür seinen Kopf.

Haarmann wurde in asoziale Familienverhältnisse hineingeboren. In der Ausgabe der linksrepublikanischen Wochenschrift „Das Tage-Buch“ vom 13. Dezember 1924 ging der hannoversche Philosoph und Mediziner Theodor Lessing (1872-1933) auf Haarmanns Elternhaus und seine Jugend ein:

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Nur ältester Bruder ein braver Bürger

„Friedrich, genannt Fritz Haarmann, wurde geboren zu Hannover am 25. Oktober 1879. Sein Vater, welcher 1922 starb im Alter von 76 Jahren, war ein wüster, zänkischer und querulanter Charakter, syphilitisch und Sohn eines Trinkers. Er war ursprünglich Lokomotivheizer gewesen, brachte es aber in den ‚Gründerjahren‘ zu Vermögen und wurde Häuserbesitzer und Inhaber einer kleinen Zigarrenfabrik. Die Mutter, sieben Jahre älter als der Vater, war bei der Geburt des Fritz schon 41 Jahre alt, bettlägerig, kränklich und marode; übrigens war sie eine etwas blöde Natur. Von den fünf Geschwistern wurde der älteste Bruder ein braver Bürger, Werkmeister auf der ‚Continental‘; der zweite Bruder ist sexuell belastet; die drei Schwestern allesamt schwer verträglich und gleichfalls triebbelastet. Aus der frühesten Jugend hat man (da man keinen psychoanalytischen und charakterologischen Sachverständigen zugelassen hat) nichts erforscht. 1886-1894 besuchte der Junge, verzärtelt und verwöhnt, die Bürgerschule.

Verträumt und allgemein beliebt

Er war ein leicht lenkbares, sehr verträumtes Kind und allgemein beliebt. Sein Betragen war musterhaft; aber alle Leistungen weit unter Durchschnitt. Nachdem er zweimal (1888 und 1890) in der siebenstufigen Schule ‚sitzengeblieben‘ war, wurde er 1894 als Schüler der 3. Klasse in der Christuskirche von Pastor Hardelandt konfirmiert.“ [Theodor Lessing: „Haarmann“, in: Das Tage-Buch, 5. Jahrgang, Athenäum Verlag, Berlin 1924, S. 1755/13.12.1924. NLA HA Hann. 155 Göttingen Acc. 2006/069 Nr. 2, Bl. 6-9: Abschrift zum Strafverfahren gegen Wilhelm Heinrich Haarmann, geb. 7. April 1871, Bruder von Fritz Haarmann, wegen Sittlichkeitsverbrechen (1898)]

„Vigilant“ für die hannoversche Kriminalpolizei

Nur lückenhaft erschließt sich das Bild, wonach Haarmann als „Vigilant“ für die hannoversche Kriminalpolizei Spitzeldienste ausgeführt haben soll. Nach einem halben Jahr Haftzeit in der menschenleeren Gegend südlich von Celle wurde Haarmann am 1. März 1922 von der Gefangenenarbeitsstelle Jägerheide entlassen und kehrte zu seinem Zimmer im Haus Neue Straße 8 in Hannover zurück.

Der Polizei als Homosexueller bekannt

Aufgrund der desolaten Personallage war die hannoversche Polizei in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg (1914-1918) gezwungen, mit Spitzeln und Zuträgern aus dem kriminellen Milieu zu arbeiten. Einer davon war Fritz Haarmann, welcher laut Zeugenaussagen von 1918 bis 1924 bei der Aufklärung von Diebstählen half. Der Kleinbürger trieb Handel mit Altkleidern und Fleisch und war seit vielen Jahren bei der Sicherheits- und Kriminalpolizei als Homosexueller bekannt. Haarmann verfügte über sehr gute Kenntnisse des Ganoven- und Zuhältermilieus in der verslumten Altstadt Hannovers. Sein Umfeld waren die Ganoven, Spitzel, Schwarzhändler, Zuhälter und Perversen. Er war niemals in irgendeiner Form offizielles Mitglied des Staatsapparates, gab sich jedoch gerne als Mitarbeiter der Kriminalpolizei aus. Mit Hilfe seines Polizeiausweises konnte er das Vertrauen seiner Opfer erlangen.

Die Polizei in Hannover hatte Fritz Haarmann somit sehr wohl gekannt. Deswegen war er unbehelligt geblieben, obwohl er nicht nur wegen Körperverletzung vorbestraft war, sondern unter anderem auch wegen „Unzucht mit Knaben“, und er sogar mit dem Verschwinden eines Jugendlichen in Zusammenhang gebracht worden war. Über die Jahre aber wurden immer mehr junge Männer vermisst. Zunächst nahm man dies nicht allzu ernst – wegen der schlechten Wirtschaftslage gingen viele weg und versuchten ihr Glück anderswo.

Für die Polizei war Haarmann nützlich

Haarmann wurde von der Polizei beständig zu Spitzeldiensten herangezogen – als sein Ansprechpartner wird vor allem der Kriminalkommissar Müller angegeben – und erwies sich in vielen schwierigen Fällen – beispielsweise bei der Aushebung einer Verbrecherbande, die falsches Geld herstellte – als nützlich.

Haarmann wurde unweigerlich ein „Wolf im Schafspelz“. Unter dem Vorwand seiner Arbeit als Polizeispitzel sprach er zu Beginn der 1920er Jahre herumstreunende Jugendliche vor dem Hauptbahnhof in Hannover an und nahm sie dann mit nach Hause, wo er viele von ihnen in sexueller Raserei wie ein Vampir zu Tode biss.

Ab 1922 arbeitete Haarmann dann zudem dem pensionierten Polizeibeamten August Olfermann zu, der nach seiner protokollierten Aussage soeben bei der Detektiv-Zentrale pensionierter Polizeibeamten Deutschlands, die in Hannover eine Zweigstelle unter einem Herrn v. Moers unterhielt, als Leiter der dortigen Kriminalabteilung eingetreten war.

Olfermann war bis 1908 uniformierter Schutzmann in Breslau und im Zeitraum 1908-1911 als Polizeisergeant für die Behörden des Schutzgebietes Deutsch-Südwestafrika eingesetzt gewesen. Laut „Deutschem Kolonialblatt“ hatte er die Ausreise mit weiteren Polizeisergeanten von Hamburg aus am 12. August 1908 angetreten. Er kehrte krankheitshalber heim und wurde 1912 als Schutzmann in Breslau pensioniert. Während des Krieges war bis 1918 Feldpolizeikommissar beim Generalgouvernement Warschau, dann Militärpolizeikommissar beim Oberkommando Süd in Breslau.

1920 kam Olfermann als „Grenz-Polizei-Kommissar“ zum ostpreußischen Ort Prostken im Kreis Lyck, wo sich ein Grenzübergang zum russischen Polen befand. Im Jahr 1922 schied er wegen Krankheit aus dieser Tätigkeit aus und zog nach Hannover, wo seine Familie schon seit 1914 wohnte.

Im hannoverschen Adressbuch für 1921 wurde August Olfermann noch als Polizeikommissar aufgeführt, wohnhaft im Haus Schaumburgstr. 4 B.3, er wohnte somit auf halbem Wege zwischen der Haltenhoff- und der Herrenhäuser Straße in Hannover. Das hannoversche Adressbuch für 1930 besagt, dass Olfermann, nunmehr Polizeikommissar a.D., inzwischen im Nachbarhausflur Schaumburgstr. 4 A.1 wohnte.

Olfermann spielte im Prozess besondere Rolle

Olfermann spielte im Haarmann-Prozess eine besondere Rolle. Bei der Zusammenarbeit mit Haarmann will er diesem damals nicht die Wahrheit gesagt haben. Angeblich hatte er Haarmann später zu verstehen gegeben, dass die Zusammenarbeit beendet sei. Er hatte aber zweifelsfrei Haarmanns Dienste genutzt und ihn dafür auch bezahlt.

Wie intensiv die Zusammenarbeit zwischen Olfermann und Haarmann wirklich war, stellte Lessing fest. Zur Person Olfermanns schrieb er: „Ein stocksteifer, langer, dürrer, von moralischer Entrüstung geschwellter Würdeherr, in schwarzem Gehrock mit dunklen Glacéhandschuhen; die Augen hinter einer goldenen Brille verborgen; in jeder Bewegung der untadelige, honorige, gestrenge Beamte, mit sonorem Pathos unter Eid jede nähere Bekanntschaft mit Haarmann entrüstet ableugnend und weit von dem Verbrecher abrückend, bis ihm Schritt um Schritt nachgewiesen wird, daß er mehrfach von Haarmann Geld und Geschenke angenommen hat, daß er mit Haarmann in vielen Fällen zusammenarbeitete und schließlich, als er am 1. April 1923 aus seiner Detektivzentrale ausschied, dem Haarmann gemütlich den Vorschlag machte, gemeinsam ein eigenes Detektivgeschäft zu gründen, denn Haarmann hatte es verstanden, ganz in das Vertrauen des wohlhabenden, aber immer auf neue Verdienstmöglichkeiten erpichten, nicht allzu wählerischen aber doch hochbürgerlich korrekten Herrn sich einzuschleichen. Er erzählte bei gemeinsamen Beratungen im Café, im Restaurant, in seiner oder in Olfermanns Wohnung von seinen guten Beziehungen zu Verbrechern und Polizei, von neuen ‚Methoden‘ in der Entdeckung von Verbrechen, nach denen er ‚arbeitete‘ und hatte den Olfermann schließlich so weit, daß sie gemeinsam begründeten das ‚Amerikanische Detektivinstitut Lasso‘. (In der Tat das Lasso, welches Haarmann fortan zum Einfangen seiner Mordopfer auszuwerfen pflegte.)

Ein Stempel mit dem „Lasso“

Haarmann ließ einen Stempel verfertigen, Olfermann stempelte in Haarmanns Wohnung verschiedene Ausweise, welche mit einem Lichtbild versehen wurden und folgendermaßen lauteten: ‚Inhaber dieser Karte ist Detektiv der ›Lasso‹ und arbeitet für das Hannoversche Polizeipräsidium. Er bittet alle in Ausführung seines Berufes um Beistand. Lasso Detektive.‘ Von diesem Ausweis machte fortan Haarmann bei seinen Streifzügen im Bahnhof Gebrauch, auch noch, nachdem im Juni 1923 die Freundschaft mit Olfermann in die Brüche ging. Nachmals, während des Prozesses, spielte diese Ausweiskarte eine willkommene Rolle zur Entlastung der Polizeibehörde, weil mittels ihrer leicht zu erweisen war, daß Haarmann als ‚Privatdetektiv‘ und nicht mit offizieller Unterstützung auf dem Bahnhof seine Mordzüge unternommen hat.“ [Vgl. NLA HA Hann. 155 Göttingen Acc. 2006/069 Nr. 2, Bl. 138-140: Abschrift der Vernehmung des Olfermann (8. Juli 1924)]

Leichteile von 22 jungen Menschen

Am 23. Juni 1924 wurde Fritz Haarmann in Hannover verhaftet. Städtische Arbeiter hatten zuvor am 8. Juni 1924 bei ihrer Suche über 500 Leichenteile gefunden, die mit Sicherheit 22 jungen Menschen zugehörten, die hier auf grauenvolle Weise umgebracht und im Wasser versenkt worden waren. Ausgerechnet ein Polizeispitzel, Fritz Haarmann aus Hannover, entpuppte sich nun als der Massenmörder.

Der Prozess gegen Haarmann und Grans fand vom 4. bis 19. Dezember 1924 vor dem Schwurgericht am Landgericht Hannover statt. Als akkreditierter Korrespondent nahm Theodor Lessing an dem spektakulären Haarmann-Prozess teil. Sowohl als Journalist als auch als Psychologe und Kulturkritiker verfolgte er von Anfang an den Prozessverlauf.

Der Fall Fritz Haarmann wurde während des Prozesses gegen ihn und seinen mutmaßlichen Helfer Hans Grans (1901-1975) zu einem Politikum. In der Presse wurde immer wieder Kritik an der Arbeitsweise der Kriminalpolizei vor Ort, dem Polizeiapparat generell und in Verbindung damit am Staatsapparat im Allgemeinen geäußert.

Klares und offenes Vollmondgesicht

Der Vigilant Fritz Haarmann, der sein Lebenswerk in Hannover, Adresse: Rote Reihe 2, geschaffen hatte, wurde der erste Medienstar unter den zivilen Serienmördern des 20. Jahrhunderts. „Er ist gut mittelgroß, breit und wohlgebaut und hat ein zwar derbes, grobes aber gleichsam wie blankgescheuertes, klares und offenes Vollmondgesicht mit frischen Farben und kleinen neugierigen und fröhlichen Tieräuglein.“ So beschrieb Lessing die Person, die auf der Anklagebank Platz genommen hatte.

Am 16. Dezember 1924, dem elften Verhandlungstag, wurde Theodor Lessing allerdings von der Verhandlung ausgeschlossen, marginale Irrtümer in der Berichterstattung dienten als Begründung. Lessing hatte dem „Prager Tagblatt“, einer deutschen Zeitung, wo er seit langen Jahren Mitarbeiter war, zugearbeitet. Die Erstausgabe seines Buches „Haarmann – Geschichte eines Werwolfs“ erschien 1925 im Verlag Die Schmiede, Berlin.

„Knabenmörder“ und Polizeispitzel

Der „Knabenmörder“ und Polizeispitzel Fritz Haarmann, der zahlreiche Buben und junge Männer auf bestialische Weise ermordet hatte, wurde am 15. April 1925 in Hannover im Hof des Gerichtsgefängnisses zu Hannover mit dem Fallbeil enthauptet. 24 Morde hatte man ihm nachweisen können. Die jungen Männer, die sich vorwiegend auf der Durchreise in Hannover befunden hatten, soll Haarmann durch Biss in den Kehlkopf getötet, die Leichen zerstückelt und in die Leine geworfen haben.

Sudetendeutsche Nationalsozialisten ermordeten Theodor Lessing, auf dessen Kopf der neu zum „Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda“ ernannte Joseph Goebbels (1897-1945) mittlerweile 80.000 Reichsmark ausgesetzt hatte, am 30. August 1933 im Auftrag der NS-Führung als erstes prominentes Opfer der Nazis im Ausland.

Von Matthias Blazek

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