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Sachsenspiegel „Unser Gott ist kein Stümper …“
Mehr Sachsenspiegel „Unser Gott ist kein Stümper …“
12:13 15.07.2019
Max Frommel, Generalsuperintendent des Fürstentums Lüneburg,, hielt den Vortrag im Rathaus. Quelle: Archiv der Ev.-reformierten Kirchengemeinde Celle
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Celle

1884 hielt der lutherische Generalsuperintendent des Fürstentums Lüneburg, Dr. theol. Max Frommel, der „Consistorialrath“ in Celle war, im Celler Rathaus einen Vortrag mit dem Titel „Irvingianismus und Secte“. Er wurde 1885 in Bremen im Verlag von C. Ed. Müller publiziert.

Anhänger zeigen in Celle Präsenz

Vorausgegangen war Frommels Vortrag eine Predigt des Stadtkirchenpastors Hermann Steinmetz, der 1860 als zweiter Diakon nach Celle versetzt worden war. In seiner Predigt hatte er laut Frommel „ausschließlich die Lehre der Irvingianer von der Wiederkunft Christi angegriffen und trefflich aus der Schrift beleuchtet“ (S. 4). Anscheinend haben den Stadtkirchenpastor dazu konkrete Ereignisse in Celle veranlasst. Wenn kurz darauf der lutherische Generalsuperintendent im Rathaus über die Irvingianer referierte und vor dieser „Sekte“ warnte, ist davon auszugehen, dass Anhänger dieser christlichen Gemeinschaft in Celle Präsenz gezeigt haben. Tatsächlich wird die Existenz der Irvingianer durch Archivalien im Celler Stadtarchiv der Jahre 1889 und 1890 belegt. Diesen ist zu entnehmen, dass zwei Kinder, deren Eltern noch Mitglied der Evangelisch-lutherischen Landeskirche waren, bei einem Lehrer (Prediger?) den „Irvingianischen Catechismusunterricht“ besuchten und irvingianisch konfirmiert worden sind. Zum einen handelt es sich um ein Mädchen der Häuslingsfamilie Ahlvers, die auf dem Kropshof in Altencelle lebte, und zum andern um einen Jungen der Arbeiterfamilie Herzberg aus Klein Hehlen. Ansonsten ist über die Irvingianer in Celle nichts Näheres bekannt.

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Ein Superintendent aus Baden

Was ist über den Verfasser des 1885 in Bremen publizierten Büchleins „Irvingianismus und Sekte“, dem der Vortrag im Celler Rathaus zugrunde liegt, bekannt? Der am 15. März 1830 in Karlsruhe geborene Max Frommel wuchs in einem pietistischen Elternhaus auf. Er gab die künstlerische Laufbahn zugunsten des Theologiestudiums. 1852 trat er als Vikar aus der unierten badischen Kirche aus und wandte sich den freikirchlichen preußischen Altlutheranern zu. Gegen die verordneten Unionen von Lutheranern und Reformierten gab es in Deutschland Widerstand, die die Gründung von staatsfernen konfessionellen, primär lutherischen Freikirchen zur Folge hatte.

Kirchenvater der Evangelisch-lutherischen Kirche in Baden

Somit beschritt Frommel den Weg von der Erweckungsbewegung hin zum lutherischen Konfessionalismus und Separatismus. In seiner Kirche arbeitete er in mehreren Pfarrstellen, zuletzt seit 1858 im badischen Ispringen bei Pforzheim. Im Laufe der Zeit entfremdete er sich von der altlutherischen Kirche, so dass er diese 1865 wieder verließ. Er gilt als ein Kirchenvater der Evangelisch-lutherischen Kirche in Baden, welche 1865 infolge der Unionsbestrebungen von Lutheranern und Reformierten entstand.

1880 wurde Frommel Konsistorialrat und Generalsuperintendent der Generaldiözese Lüneburg-Celle. Somit trat er in den Dienst der unionsfeindlichen Lutherischen Landeskirche von Hannover. Ernst Christian Achelis schreibt: „Die Wahl war auf ihn gefallen, weil man durch ihn die hannoversche Separation für die Landeskirche wieder zu gewinnen hoffte: allein man hatte sich getäuscht …“ Das Misstrauen der hannoverschen Altlutheraner ihm gegenüber war unüberwindlich groß. Zudem blieb der Süddeutsche in seiner neuen Kirche immer ein Fremdkörper. Laut Erich Beyreuther zählten seine Predigten zu den formvollendetsten, geist- und gemütsreichsten der homiletischen Literatur des 19. Jahrhunderts. Frommel verstarb am 5. Januar 1890 in Celle.

Als jemand, der infolge seiner eigenen Biografie einer Separation von den Landeskirchen kritisch gegenüberstand, war er der prädestinierte Referent, um über die „Irvingianer“ im Celler Rathaus vorzutragen.

Wer waren die „Irvingianer“?

Doch wer waren diese „Irvingianer“, die Frommel als Sekte betrachtete? Eigentlich müsste man von katholisch-apostolischen Gemeinden sprechen. Fälschlicherweise wurde nicht nur von Frommel die katholisch-apostolische Bewegung oftmals bis ins späte 20. Jahrhundert auch „Irvingianismus“ und die Mitglieder „Irvingianer“ genannt. Dieser Namensgebrauch geht von der historisch falschen These aus, der Schotte Edward Irving sei der Gründer dieser Bewegung gewesen.

Endzeitlich geprägte Erweckungsbewegung

Die „Catholic Apostolic Church“, die zu den ersten separatistischen Bewegungen der neueren Kirchengeschichte zählt, war eine endzeitlich geprägte Erweckungsbewegung in Großbritannien. Seit dem Jahr 1826 trafen sich in England fromme Persönlichkeiten der gehobenen Schichten aus dem Umfeld des Londoner Bankier und Parlamentsabgeordneten Henry Drummond (1786-1860), die loyal der anglikanischen Kirche und der presbyterianischen Kirche Schottlands angehörten. Die konservativ eingestellten Männer waren zutiefst erschrocken über die Krise ihrer Zeit, die „zur Auflösung aller bisherigen sittlichen, religiösen und politischen Grundsätze“ zu führen schien. Auf fünf prophetischen Konferenzen in den Jahren 1826 bis 1830, die im Landsitz Drummonds stattfanden, befassten sich 44 Männer, meist protestantische Geistliche, intensiv unter Gebet und Gespräch mit der Bibel. Dabei kamen sie zu dem Ergebnis, dass die zu ihrer ursprünglichen gottgewollten Ordnung wieder zurückgeführte Kirche Christi die einzige Zufluchtsstätte vor dem endzeitlichen Chaos sei. Die Begründer der katholisch-apostolischen Gemeinde hatten also keineswegs eine neue separierte Kirchenbildung im Sinn. Vielmehr sollte die gesamte Christenheit radikal erneuert werden. Doch blieb diese Vorstellung Utopie.

Berufungen von Aposteln im kleinen Kreis

Der endzeitliche Glaubensansatz verband sich mit einem kultisch-priesterlichen Ansatz. Hinzu trat ein drittes Element, welches schließlich die katholisch-apostolische Bewegung auslöste. Edward Irving (1792-1534), der charismatische Prediger der schottischen Nationalgemeinde in London, stellte den Kontakt zu einer „charismatischen“ Erweckung in Westschottland her, bei der Prophetie, Zungenreden und Krankenheilungen aufgetreten waren. Als Irving im Herbst 1831 die auftretenden Geistesgaben auch im Sonntagsgottesdienst seiner Gemeinde zuließ, bewirkte dies in kirchlichen Kreisen einigen Aufruhr und führte letztlich zu seiner Amtsenthebung. Mit dem ersten großen Gottesdienst dieser frommen Christen um Irving war eine neue Situation geschaffen. Unmittelbar darauf kam es im kleinen Kreis zu Berufungen von Aposteln und weiteren Ämtern. Der 14. Juli 1835, an dem die heilige Zwölfzahl der Apostel erreicht war, gilt als Gründungsdatum der Gemeinschaft, deren Glieder, wie zuvor betont, zu Unrecht „Irvingianer“ genannt wurden. Denn Edward Irving war weder Gründer noch Leiter der Gemeinschaft.

Diese vertrat keine sektiererischen Sonderlehren und bekannte sich sowohl zur Heiligen Schrift als auch zu den altkirchlichen Bekenntnissen. Nicht die Theologie, sondern die charismatische Spiritualität machte ihre Besonderheit aus. Ab 1837 suchten die Apostel die ihnen prophetisch zugewiesenen Bezirke (,,Stämme“) sowohl auf dem europäischen Festland als auch in Nordamerika auf. Für Norddeutschland war der Stamm Simeon für den Aufbau von katholisch-apostolischen Gemeinschaften zuständig. Belegt ist, dass es bereits 1841 in Hildesheim Anhänger dieser neuen religiösen Richtung gab. Da sowohl die Wiederkunft Christi ausblieb als auch mehrere Apostel verstorben waren (eine Nachwahl wurde abgelehnt), begann der schleichende Niedergang der katholisch-apostolischen Gemeinden. Eine Ausnahme bildet die aus dieser Gemeinschaft 1863 hervorgegangene Neuapostolische Kirche. Diese stellt heutzutage eine der größten freikirchlichen Gemeinden in der Stadt Celle dar. Die um 1900 in Deutschland noch 70.000 Glieder zählenden Katholisch-Apostolischen Gemeinden gelten inzwischen nicht mehr als Sekte. In Celle existierte Am Heiligen Kreuz 25 von 1950 bis 1985 eine Katholisch-Apostolische Gemeinde.

Frommel warnt vor irvingianischen „Secte“

Der Generalsuperintendent behauptet zu Recht, dass die Irvingianer den Zugang zu Christus verdunkeln, da sie unter anderem den reformatorischen Ansatz „allein aus Glaube“ und „allein aus Gnade“ durch Weiteres ergänzen wollen. „Man kann nicht ein evangelischer Christ und zugleich ein Irvingianer sein“, urteilt Frommel. Er wirft der „Secte“ vor, dass sie zunächst ihre wahren Absichten verbergen: „Haben sie dann etliche an sich gezogen, so richten sie besondere Gottesdienste ein und halten ihr eigenes Abendmahl, welches viel wirksamer sei als das unsrige, und zu allerletzt verlangen sie den Zehnten von allen Einkommen ihrer Glieder für ihre irvingianischen Zwecke.“ Ergänzend zur Lehre der reformatorischen Kirchen verkündigen sie eine neue Ausgießung des Heiligen Geistes, neue Propheten, neue Apostel und ein neues Sakrament der Handauflegung, „wodurch die neuen Apostel die Glieder der irvingianischen Gemeinden versiegeln zur Teilnahme an ihrer sogenannten ersten Auferstehung“.

Frommel wirft ihnen vor, aus der Gegenwart rückwärts in die schöne apostolische Zeit und vorwärts in das tausendjährige Reich zu flüchten. Zudem gäben sie vor, die „eigentliche Reparatur der Kirche“ zu sein. Gott habe zu Pfingsten aber einmal bleibend den Heiligen Geist ausgegossen. Darum entgegnet Frommel scharf: „Unser Gott ist kein Stümper, der sein Werk wiederholen müßte, weil es das erste Mal nicht ausgereicht hätte.“ Es bedürfe auch keiner neuen Apostel, zumal laut Bibel ein Apostel ein Augen- und Ohrenzeuge Jesu Christi sein müsse.

Er wirft den irvingianischen Propheten auch falsche Prophezeiungen vor, da bereits elf der zwölf (irvingianischen Apostel) verstorben sind, bevor sich die angekündigte Wiederkunft Christi ereignet habe. Bewusst nennt der Celler Theologe die Irvingianer bzw. die Anhänger der Apostolisch-Katholischen Kirche, eine „Secte“, obwohl sie nicht den Austritt ihrer Mitglieder aus den evangelischen Landeskirchen verlangen. „Mußte doch erst kürzlich ein hannoverscher Pastor seines Amtes entsetzt werden, weil er gar nicht begreifen wollte, daß man nicht Irvingianer und zugleich lutherischer Pastor sein kann!“

Gegen Ende seines Vortrags zitiert er den Apostel Paulus, der im Galaterbrief schrieb: „Mich wundert, daß ihr euch so bald abwenden lasset von dem, der euch berufen hat in der Gnade Christi auf ein anderes Evangelium.“ Diese apostolische Kritik an den Galatern überträgt er in die Gegenwart auf die Irvingianer.

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Von Andreas Flick

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