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Sachsenspiegel Leidenschaftliche Liebesbeziehung
Mehr Sachsenspiegel Leidenschaftliche Liebesbeziehung
13:07 05.05.2018
Heinrichs Liebesnest: die Staufenburg am Westrand des Harzes bei Gittelde. Quelle: Fremdfotos/eingesandt
Celle

Er war der letzte katholische Fürst im Bereich des heutigen Niedersachsen: der welfische Herzog Heinrich II., auch genannt der Jüngere, aus dem Hause Braunschweig-Wolfenbüttel (kleines Foto). Er starb am 11. Juni 1568, also vor knapp 450 Jahren.

In seiner mehr als 50-jährigen Regierungszeit machte Heinrich nicht nur auf politischer Ebene immer wieder von sich reden, er erregte auch auf privater Ebene durch seine Liebesbeziehung zu Eva von Trott (kleines Foto) in weiten Kreises der Öffentlichkeit großes Aufsehen.3 Diese kam im Alter von 16 Jahren als Hofjungfer an der herzoglichen Hof in Wolfenbüttel. Bald entstand zwischen den beiden eine intensive Liebesbeziehung.

Bereits nach zwei Jahren am Hofe bekam Eva von Trott ihr erstes Kind, einen Sohn, der den Namen Heinrich Theuerdank erhielt. In den folgenden Jahren brachte sie noch zwei Töchter zur Welt. Damit das am herzoglichen Hof nicht auffiel, ging sie immer angeblich zu ihren Eltern in der Heimat auf die Reise. In Wirklichkeit brachte Heinrich sie auf seine Stauffenburg am Westrand des Harzes bei Gittelde.

Burg wird zum
heimlichen Liebesnest

Damit die Kinder in der Nähe ihrer Mutter aufwachsen konnten, mussten vertraute Personen aus dem Umfeld des Herzogs sie als ihre Kinder ausgeben. Da Eva aber im Laufe der Jahre nicht weniger als zehn Kinder gebar, konnte die Liebesaffäre auf Dauer nicht länger geheim gehalten werden. Schließlich drängten auch Heinrichs Frau Maria, geb. von Württemberg (1496 – 1541), mit der er außerdem elf eheliche Kinder hatte, und auch die Familie von Trott darauf, hier „reinen Tisch“ zu machen.

Aber Heinrich kam offensichtlich nicht von Eva los. So verfiel er, als seine Geliebte wieder einmal schwanger wurde, auf eine verwegene Lösung: Eva sollte zum Schein sterben und im Stift Gandersheim beerdigt werden. Damit das Ganze glaubwürdig wirkte, sollte sie erklären, sie sei von der Pest befallen. Der Herzog ließ von dem Braunschweiger Bildhauer Simon Stappen einen lebensnahen hölzernen Kopf Evas anfertigen. So wurde eine ausstaffierte Puppe als Pestopfer beerdigt. Eva war indessen als einfache Frau verkleidet auf die Stauffenburg geflohen. Hier konnte der Herzog sich immer wieder mit ihr treffen.

Die meisten ihrer Kinder wurden auch hier geboren. Einer alten Linde – vermutlich eine Gerichtslinde – gaben spätere Generationen den Namen „Eva-Linde“. Hier soll Eva von Trott mit ihren Kindern gespielt haben. Natürlich musste Eva auf der Burg vor neugierigen Besuchern abgeschirmt werden. So erfand man mancherlei Spukgeschichten, um diese fernzuhalten.

Zu diesen Ereignissen auf der Stauffenburg passt eine weitere Begebenheit, die sich einige Jahrzehnte später hier abspielte. Hier wurde nämlich die von Heinrichs Sohn Julius eingesetzte erste protestantische Äbtissin von Gandersheim, Margarete von Warberg, seit 1588 gefangen gehalten. Julius hatte als eine seiner ersten Amtshandlungen nach seiner Regierungsübernahme die Reformation in seinem Fürstentum eingeführt. Das Gandersheimer Stift blieb allerdings zunächst noch katholisch, allerdings mit einer evangelischen Leiterin. Doch im Sommer 1587 entdeckte man im Keller des Stifts ein vergrabenes totes Kind. Um dem vermuteten Verbrechen auf die Spur zu kommen, wurden das gesamte weibliche Personal und auch die Stiftsdamen von einer Hebamme untersucht. Dabei konnte die Äbtissin entlarvt werden. Sie gestand, heimlich ein nicht lebensfähiges Kind geboren zu haben. Als Erzeuger gab sie den Abteischreiber Johann Schrammen aus Bad Grund an. Der hatte sich jedoch, als der Fall ruchbar wurde, bereits nach Italien abgesetzt. Margarete von Warberg kam bei dieser Affäre glimpflich davon. Sie lebte erst im Stift, später auf der Burg Stauffenberg. Dort durfte sie sich aber frei bewegen und nahm auch an Gottesdiensten im nahen Gittelde teil. Sie starb 1597 im Alter von 40 Jahren.4

Die Stauffenburg war über Jahrhunderte eine bemerkenswerte „Bergvestung“, wie Merian 1654 in seiner berühmten Topographie5 schreibt. Sie habe ihren Namen davon bekommen, dass man auf Stufen zu ihr hinaufgehen müsse. Als sie ihre strategische Bedeutung wegen der fortgeschrittenen Kriegstechnik im Laufe der Zeit verlor, wurde sie zu einem Braunschweig-Lüneburgischen Bergschloss umgewandelt. Laut Merian war es „sehr lustig“ gelegen, und man hatte von ihm aus einen „weiten Prospect“, also eine gute Fernsicht. Der Blick von der Burg gehe bis nach Osterode, Herzberg, Plesse und über das ganze Eichsfeld, ferner ins Stift Hildesheim und „weit und breit ins Fürstenthumb Braunschweig“. Wegen vieler großer Waldungen in der Umgebung gab es einen reichen Wildbestand, so dass Herzog Heinrich II., ohne Argwohn zu erwecken, behaupten konnte, er ginge dort auf die Jagd, wenn er zu seiner Geliebten auf die Stauffenburg eilte. Auch Kaiser Heinrich „Auceps“ (= der Vogelfänger) soll hier gern einen Vogelherd aufgesucht haben. Im Dreißigjährigen Krieg stießen hier dänische und kaiserliche Truppen aufeinander, wobei „das veste Hauß“ aber im wesentlichen unbeschädigt blieb.

Im Jahre 1542 starb die Herzogin. In demselben Jahr verklagte die Familie von Trott den Herzog auf dem Reichstag zu Regensburg auf Herausgabe ihrer Tochter. Heinrich, der wohl fürchtete, Eva könne während seiner Abwesenheit entführt werden, versteckte sie daher mit ihren drei jüngsten Kindern auf der damals stark befestigten Liebenburg.

Standesunterschied
verhindert Heirat

Als die evangelischen Fürsten 1543 das Braunschweiger Land besetzten und den Herzog vertrieben, musste auch Eva fliehen, obwohl sie damals mit ihrem zehnten Kind schwanger war. Heinrich – inzwischen verwitwet – konnte Eva wegen des Standesunterschieds nicht heiraten. Er schloss aber 1556 im Alter von 67 Jahren noch einmal eine Ehe mit der 34 Jahre alten Sophia von Polen (1522 – 1575). Aus dieser Verbindung gingen aber keine Kinder mehr hervor.

Für ihre letzten neun Lebensjahre bekam Eva schließlich eine Bleibe im Kreuzstift in Hildesheim. Dort verstarb sie 1567. Ihren Kindern gab Herzog Heinrich den Namen von Kirchberg. Die unehelichen Kinder müssen auch ihm sehr nahe gestanden haben; denn zeitweise trug er sich mit dem Gedanken, Heinrich von Kirchberg als seinen Nachfolger zu legitimieren. Ein Segen lag auf diesen unehelichen Kindern offenbar nicht. Diese Familie starb bereits 1597 wieder aus.

Die Affäre mit Eva von Trott, die dem Herzog Heinrich den Spottnamen „der wilde Heinz von Wolfenbüttel“ eintrug, wurde weit über das Braunschweiger Land hinaus bekannt. Mit seinen mehr als 20 ehelichen und unehelichen Kindern hinterließ er zahlreiche Nachkommen, so dass man sich spaßeshalber im Braunschweiger Land noch heute gelegentlich hier und da fragt: „Sind wir etwa alle Welfen?“

Die Kirche als Hüterin der Moral fand Heinrichs Verhalten mehr als anstößig. Martin Luther verfasste 1541 darauf die derbe Schmähschrift „Wider Hans Worst“ gegen den Herzog. Luther bezeichnete ihn neben den darin auch zu findenden grundsätzlichen Ansichten zur Reformation der Hurerei und der Gotteslästerung, vor allem wegen des Scheintodes der Eva von Trott.

Abschließend noch ein paar Worte über Heinrichs Bautätigkeit. Durch ihn wurde die alte Wasserburg Wolfenbüttel in einem modernen Renaissancebau umgewandelt. Um den Schlossbezirk herum entstanden neuzeitliche Festungswerke. Innerhalb der Festung – auf dem heutigen Schlossplatz – bestand damals eine enge Bebauung. Für seine Beamten und Handwerker entstand östlich davon eine Vorstadt, die von seinem Sohn Julius später den Namen Heinrichstadt bekam. Heinrich selbst hatte ihr aus seiner katholischen Grundhaltung heraus und seiner Verehrung der Mutter Maria ursprünglich den Namen „Zu unserer lieben Frau“ gegeben, weil dort bereits eine Marienkapelle bestand.

Die Namen seiner beiden in der Schlacht bei Sievershausen 1553 gefallenen Söhne sollten in den folgenden Jahrzehnten noch in Erinnerung bleiben, indem er zwei wichtige Festungswerke der Stadt nach ihnen bekannte: Karlsbastion und Philippsberg.

Quellen

1 Heinrich Schmidt, Heinrich der Jüngere, in „Neue deutsche Biographie“, Bd. 8, Berlin 1969,
S. 351 f.

2 Pierer’s Konversations-Lexikon, Bd. 12, Stuttgart 1893, Spalte 1420 f.

3 Wikipedia-Texte über Eva von Trott

4 Handbuch der historischen Stätten Deutschlands, Bd. Niedersachsen / Bremen, Stuttgart 1969

5 Matthäus Merian, Topographia ... Herzogthümer Braunschweig vnd Lüneburg, Frankfurt 1654

Von Adolf Meyer

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