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Sachsenspiegel Entscheidung über Zukunft
Mehr Sachsenspiegel Entscheidung über Zukunft
14:01 08.02.2019
Wilhelm Denicke (1852-1924), Bürgermeister und Oberbürgermeister der Stadt Celle seit 1887, blieb auch nach dem Untergang des Kaiserreichs bis 1924 das Stadtoberhaupt. Er beobachtete die weitere Entwicklung Deutschlands mit großer Sorge. Quelle: Bomann-Museum
Celle

Der im November 1918 in Berlin gebildete Rat der Volksbeauftragten, der nach der Kapitulation Deutschlands die Regierungsgewalt in der Übergangsphase zu einer neuen staatlichen Ordnung ausübte, hatte am 30. November 1918 eine Wahlordnung erlassen, in der festgelegt worden war: „Alle Wahlen zu öffentlichen Körperschaften sind fortan nach dem gleichen, geheimen, direkten, allgemeinen Wahlrecht aufgrund des proportionalen Wahlsystems für alle mindestens 20 Jahre alten männlichen und weiblichen Personen zu vollziehen.“

Die Wochen danach waren überall in Deutschland von intensiven Vorbereitungen und Aktivitäten der Parteien im Kampf um die Gunst der Wählerinnen und Wähler bestimmt.

Eindrücke des Celler Oberbürgermeisters

In Bezug auf die Tätigkeit und das Erscheinungsbild der verschiedenen Parteien in Celle im Vorfeld der Wahlen stellte der damalige Oberbürgermeister der Stadt, Wilhelm Denicke, wenige Tage vor dem Wahltermin fest: „[…]In diesen letzten Wochen war die Wahltätigkeit sehr rege; fast täglich Versammlungen; soweit von bürgerlichen Parteien abgehalten; auch stets von Soz. Demokraten stark besucht, die bei etwas stärkeren Angriffen auf sie durch heftige Zwischenrufe störten, gereizte Gegenreden hielten, einmal auch gewaltsam gegen den Redner vorgingen. Es kommen glücklich 7 Parteien in Frage, nämlich fünf bürgerliche (die deutschnationale – früher konservative, freikonservative u. Bund der Landwirte –, die deutsch-hannoversche – früher welfische, hauptsächlich für eine selbständige Republik Hannover eintretend –, die christliche Volkspartei – früher Zentrum –, die deutsche Volkspartei – früher national-liberale, die deutsch-demokratische – früher freisinnige u. linker Flügel der nat. lib. P.) und 2 sozialistische (die soz.-demokratische – Mehrheitssozialisten – und die unabhängigen Sozialisten mit Spartakus). Nach den Wahlvorbereitungen zu schließen, wird die Beteiligung eine außerordentlich rege werden. An Stelle von 4968 Wählern der letzten Reichstagswahl von 1912 wählen jetzt 16374 Personen in der Stadt Celle, davon 8498 männliche und 7876 weibliche (mehr männl., weil hier noch so viele Soldaten sind) […]“1

Und am Wahltage äußerte sich Denicke vor Bekanntwerden der Ergebnisse über mögliche Parteikonstellationen und damit verbundene politische Auswirkungen: „Heute ist nun also der große Tag da, an welchem das deutsche Volk über die Zukunft seiner inneren Gestaltung u. damit zum Teil auch über das Schicksal seiner äußeren Politik entscheiden soll! Zu dem Zwecke werden im ganzen etwa 40 Millionen Wähler u. Wählerinnen ihre Stimme abgeben – eine grandiose Abstimmung, […], wie sie noch niemals da gewesen ist: möchte sie zum Heile des armen Vaterlandes gereichen u. einen Grund zu seiner Wiedergeburt legen – aber ich habe meine großen Bedenken. Es sind 2 Möglichkeiten: entweder die Sozialisten haben sofort die Mehrheit – nun gut, dann werden wir ja die Erfüllung aller Verheißungen des Sozialismus in seiner vielleicht erst milderen, dann immer schärferen Form am eigenen Leibe erfahren u. auch die Wirkung aufs Ausland zu spüren bekommen. Oder die bürgerlichen Parteien siegen im Wahlkampfe – glaubt man denn etwa, daß sie geschlossen dem Sozialismus gegenüber stehen werden? Ich bin überzeugt, die deutsch-demokratische Partei wird sich in allen wichtigen Fragen auf die Seite des Sozialismus stellen u. ihm zum Siege verhelfen. Und wäre das nicht: sollte dann der Sozialismus sich die durch die Revolution erlangte Macht von einer bürgerlichen Mehrheit gutwillig nehmen lassen? Ganz gewiß nicht – dann ständen wir vor einem furchtbaren inneren Kriege, der auch das noch vollends vernichtete, was der Krieg u. der bevorstehende mörderische Friedensschluß übrig gelassen hätte vom Vaterlande. […] Ich habe mit m. [meiner] Frau für die deutsche Volkspartei gestimmt, dergl. mein Sohn u. Frau, dagegen Tochter Käthe deutsch-national u. Elisabeth deutsch-hannoversch. [….]“2

Ergebnisse der Wahlen und politische Einordnung

Bei den Wahlen zur Verfassunggebenden Deutschen Nationalversammlung am 19. Januar 1919 hatten die beiden Arbeiterparteien auf Reichsebene zusammen im Vergleich zur SPD bei der letzten Reichstagswahl von 1912 einen höheren Stimmenanteil zu verzeichnen (SPD/MSPD 37,9 Prozent, USPD 7,6 Prozent; 1912: SPD 34,8 Prozent). Bezieht man in diese Betrachtungen das Ergebnis der Zentrumspartei/CVP, auf die zusammen mit der Bayerischen Volkspartei 19,7 Prozent der Stimmen entfielen, und das der liberalen Deutschen Demokratischen Partei (DDP) mit einem Anteil von 18,5 Prozent der Stimmen ein, so kann als Ergebnis dieser Wahlen festgestellt werden, dass über Zweidrittel aller Wähler sich für die drei Parteien (SPD/MSPD, Zentrum, DDP) entschieden hatten, die eindeutig für die „Weimarer Republik“ und damit für die Verwirklichung der parlamentarischen Demokratie eintraten („Weimarer Koalition“). Dagegen erhielten die strikten Gegner der neuen republikanischen Staatsform, die USPD und die DNVP, weniger als ein Fünftel der gültigen Stimmen (USPD = 7,6 Prozent, DNVP = 10,3 Prozent). 3

Bei einem Vergleich des Wahlergebnisses in der Stadt Celle mit dem Gesamtergebnis der Wahl zur Nationalversammlung auf Reichsebene fällt auf, dass in Celle die SPD/MSPD aus dieser Wahl mit 45,3 Prozent Stimmenanteil nicht nur als stärkste Partei hervorging, sondern auch deutlich über ihrem Ergebnis auf Reichsebene lag, während die USPD in Celle lediglich 3,3 Prozent der gültigen Stimmen auf sich vereinigen konnte und damit deutlich unter ihrem Ergebnis auf Reichsebene blieb. Von den bürgerlichen Parteien erhielt die gemeinsame Liste der DHP und der Zentrumspartei/CVP mit einem Stimmenanteil von 20,4 Prozent das stärkste Gewicht, während die DVP mit 12,6 Prozent und die DNVP mit 4,2 Prozent deutlich schwächer waren. Auf die DDP entfielen 14,3 Prozent der gültigen Stimmen.4

Bemerkenswert war das Ergebnis der Deutsch-Hannoverschen Partei, die im Landkreis stärker vertreten war als in der Stadt Celle. Im Vergleich zur letzten Wahl vor dem Kriege 1912 konnte die Partei bei der Wahl zur Nationalversammlung deutliche Gewinne erzielen und ihren Stimmenanteil ungefähr verdoppeln (in der Stadt Celle von 10 auf 20 Prozent und im Landkreis von 21 auf 46 Prozent).5 Unbeantwortet blieb bei der Wahl die Frage, ob der Erfolg der Deutsch-Hannoverschen Partei auf die Wiederbelebung der von den Welfen vor dem Ersten Weltkrieg verfolgten Ziele zurückzuführen war oder lediglich als Protest gegen die mit der „Novemberrevolution“ verbundenen unsicheren Verhältnisse verstanden werden musste.

Stellungnahmen
des Oberbürgermeisters

Zu den Ergebnissen dieser Wahlen und den gesellschaftlichen und politischen Bedingungen nahm Wilhelm Denicke wenige Tage nach dem Ereignis Stellung: „Also eine Mehrheit der nicht-sozialistischen Stimmen von r. 2 Millionen, die aber schwerlich in die Erscheinung treten wird, da schon jetzt sich immer deutlicher zeigt, daß die Deutsch-Demokraten den Sozialisten Gefolgschaft leisten werden. Äußerungen des Volksbeauftragten Ebert bestätigen übrigens meine Auffassung […]

Nun ist auch der Entwurf der künft. Reichsverfassung erschienen aus der Feder des Deutsch-Dem. [Demokraten] Dr. Preuß. Besonders bemerkenswert u. die öffentl. Meinung erregend ist die Ausführung der zugehörigen Denkschrift, daß im neuen deutschen Reiche ein einheitliches Preußen mit 40000000 Einwohnern eine fernere Unmöglichkeit sei […]. Wie es scheint, wird die Nationalversammlung nicht in Berlin, sondern in Weimar tagen.

Heute berichten die Zeitungen, daß ganz nach den Grundsätzen des Wahlrechts für die Nat.-Versammlung Neuwahlen für die Gemeindevertretungen bis zum 2 März stattfinden sollen mit der einzigen Einschränkung, daß die Wähler 6 Monate sich in der Gemeinde aufgehalten haben müssen. Betreffs der Zahl der Gemeindevertreter sollen für Hannover die Vorschriften der altpreuß. Städteordnung gelten, d. h. für Celle 36 statt 12! Wir stehen also vor den einschneidendsten Änderungen unserer Stadtverfassung u. damit unserer ganzen kommunalen Verhältnisse! Für mich wäre damit der richtige Zeitpunkt gekommen, aus dem Amt zu scheiden, u. ich täte es auch liebend gern, wenn ich die dann eintretende Kürzung meines Einkommens unter den jetzigen Verhältnissen ertragen könnte, aber ich werde sehr wahrscheinlich für die Familie meines Sohnes und Schwiegersohnes noch längere Zeit ganz erheblich sorgen müssen, u. dann die gegenwärtige Teuerung! Ja, ich hatte mir die Umstände meiner Amtsniederlegung wesentlich anders vorgestellt! Mein Nachfolger wird dann ohne Zweifel ein Soz. Demokrat, an erster Stelle hätte der hies. Arbeitersekretär Schädlich, der auch zur Nat.-Versammlung gewählt ist, die Anwartschaft.“6

In Bezug auf die zuvor von Denicke angesprochenen „Neuwahlen für die Gemeindevertretungen“ ergab sich ein ähnliches Bild wie bei der vorangegangenen Wahl zur Nationalversammlung.

Die beim Votum der Wähler am 19. Januar 1919 in Celle sichtbar gewordene parteipolitische Konstellation beziehungsweise „politische Lagerbildung“ zeigte sich auch bei der Wahl zur Neubildung des Bürgervorsteher-Kollegiums in Celle am 2. März 1919. Während SPD/MSPD, USPD und DDP mit selbstständigen Wahllisten auftraten, schlossen sich die anderen bürgerlichen Parteien zu einer „Bürgerlichen Arbeitsgemeinschaft“ zusammen. Auch bei dieser Wahl wurde die SPD/MSPD mit 43,7 Prozent Stimmenanteil stärkste Partei. Die Parteien der „Bürgerlichen Arbeitsgemeinschaft“ konnten insgesamt 39,0 Prozent und die DDP 10,1 Prozent der gültigen Stimmen auf sich vereinigen. Eine deutliche Zunahme konnte die USPD erzielen. Sie erreichte 7,1 Prozent der Stimmen. 7

Ende des Arbeiter- und Soldatenrates in Celle

Nach diesen Entscheidungen zur Konstituierung einer demokratisch legitimierten Gemeindevertretung war auch das Ende des Arbeiter- und Soldatenrates in Celle gekommen. Nach Ernst Schädlich war seine „historische Mission […] in der Hauptstadt beendet, als die Verhältnisse sich gefestigt hatten, seine Aufgaben von den zu Beginn des Jahres 1919 zu wählenden Volksvertretungen übernommen wurden und er damit eine überflüssige Einrichtung geworden war. […] Inzwischen hatten [seine] bedeutendsten Mitglieder neue Arbeitsgebiete in der Kommunalvertretung und -verwaltung gefunden, sie hatten keine Zeit mehr, im Arbeiter- und Soldatenrat mitzuarbeiten. Dieser schlief Anfang 1920 langsam ein“.8

Für den Celler Oberbürgermeister waren auch nach dem Ausgang der Wahlen zur Nationalversammlung die politischen Verhältnisse in Deutschland mit Sorge zu betrachten. Die Mitteilung Denickes, bei dieser Wahl für die Deutsche Volkspartei gestimmt zu haben, verweist darauf, dass seine Vorstellungen von einer staatlichen Neuordnung weiterhin in starkem Maße von dem Gedanken der Wiedererrichtung der Monarchie geprägt waren. Denn die Deutsche Volkspartei (DVP) hatte sich in ihrem Programm in Verbindung mit einer strikten Ablehnung der Revolution ausdrücklich zur Monarchie mit dem „auf gesetzmäßigem Wege“ wieder zu errichtenden Kaisertum, das „die für unser Volk nach Geschichte und Wesensart geeignete Staatsform“ sei, bekannt. Die Erinnerung an das Kaiserreich und der Wunsch nach einer Wiedererrichtung der Monarchie verstärkten bei vielen Mitgliedern und Anhängern dieser Partei (noch stärker waren diese Vorstellungen allerdings bei der DNVP ausgeprägt) die Vorbehalte gegenüber einer republikanischen Staatsordnung, wie sie nun in der Koalition von SPD, DDP und Zentrum/CVP angestrebt und auf der Grundlage einer von der Nationalversammlung zu erarbeitenden Verfassung verwirklicht werden sollte.

Quelle

1 StA Celle, L07, Nr. 1938: Wilhelm Denicke: Kriegstagebücher, Band 3,, S. 266f., v. 17.1.1919.

2 Denicke, wie Anm. 1, S. 267f., v. 19.1.1919.

3 Heino Kaack: Geschichte und Struktur des deutschen Parteiensystems. Opladen 1971, S. 86.

4 Cellesche Zeitung v. 20., 21. u. 22.1.1919.

5 Peter Völker: Wahlen und politische Parteien im Raum Celle von 1867 bis 1972, Diss. phil., Teil 1, Hannover 1977, S. 136.

6 Denicke, wie Anm. 1, S. 270-272, v. 25.1.1919.

7 Vgl. SPD-Stadtverband Celle (Hg.): „Wer weiß, wohin der Taumel am Ende noch führt“, 125 Jahre SPD in Celle. Celle 1994, S. 38.

8 Ernst Schädlich: Im Kreuzfeuer der Ereignisse. Erlebnisse eines Kommunal-Politikers 1914-1948, Celle 1949, S. 55 u. 57.

Von Karl-Heinz Buhr

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