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Sachsenspiegel Ungewissheit über Entwicklung
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18:33 30.09.2019
Friedrich Ebert (SPD/MSPD) wird am 11. Februar 1919 zum Reichspräsidenten gewählt. Abbildung: Cellesche Zeitung vom 12. Februar 1919 (Stadtarchiv Celle) Quelle: Stadtarchiv Celle
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Celle

Bei der Wahl zur Deutschen Nationalversammlung am 19. Januar 1919 hatten die demokratischen Parteien (Sozialdemokraten/MSPD, Zentrum/CVP und Deutsche Demokratische Partei/DDP) mit insgesamt 76,1 Prozent der Stimmen einen Vertrauensbeweis erhalten, der auch von der Hoffnung auf eine kontinuierliche politische Entwicklung in Deutschland begleitet war.

Nicht zu übersehen waren andererseits die mit der Übernahme der Regierungsverantwortung verbundenen umfangreichen Aufgaben und weitreichenden Verpflichtungen, die von vornherein die politischen Gestaltungsmöglichkeiten einengten und den Neuaufbau des Staates erschwerten. Ein zentrales Problem stellten dabei die „Erblasten“ des Kaiserreichs dar, insbesondere die durch den Krieg verursachten hohen Staatsschulden, die Umstellung der Wirtschaft auf Friedensproduktion, die Wiedereingliederung der heimkehrenden Soldaten ins Berufsleben sowie die Versorgung der Kriegsversehrten und Hinterbliebenen.

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Sorgenvoller Celler Oberbürgermeister

Für den Celler Oberbürgermeister Wilhelm Denicke waren auch nach dem Ausgang der Wahlen zur Nationalversammlung die politischen Verhältnisse in Deutschland mit Sorge zu betrachten. Die Mitteilung Denickes, bei dieser Wahl für die Deutsche Volkspartei gestimmt zu haben, verweist darauf, dass seine Vorstellungen von einer staatlichen Neuordnung weiterhin in starkem Maße von dem Gedanken der Wiedererrichtung der Monarchie geprägt waren. Diese Orientierung entsprach den Absichten der Deutschen Volkspartei (DVP), die sich in Verbindung mit einer strikten Ablehnung der Revolution ausdrücklich zur Monarchie mit dem „auf gesetzmäßigem Wege“ wieder zu errichtenden Kaisertum bekannte, das „die für unser Volk nach Geschichte und Wesensart geeignete Staatsform“ sei. 1

Die Erinnerung an das Kaiserreich und der Wunsch nach einer Wiedererrichtung der Monarchie verstärkten bei vielen Mitgliedern und Anhängern dieser Partei (noch stärker waren diese Vorstellungen allerdings bei der Deutschnationalen Volkspartei/DNVP ausgeprägt) die Vorbehalte gegenüber einer republikanischen Staatsordnung, wie sie nun in der Koalition von SPD/MSPD, DDP und Zentrum angestrebt und auf der Grundlage einer von der Nationalversammlung zu erarbeitenden Verfassung verwirklicht werden sollte.

Nicht zu übersehen waren für den Celler Oberbürgermeister auch nach der Wahl zur Nationalversammlung schwerwiegende aktuelle Probleme und Belastungen für die Menschen, die weiterhin eine kontinuierliche Entwicklung infrage stellten: „Die Kälte hat inzwischen glücklicherweise nachgelassen; trotzdem sind alle vorhandenen Schwierigkeiten geblieben u. verschärfen sich immer mehr. Die Lebensmittel-Einfuhr soll mit der Übergabe unserer Handelsflotte erkauft werden; die Waffenstillstandsbedingungen werden immer härter, wir sollen schon vor dem Frieden völlig vernichtet werden; die Polen u. die russ. Bolschewisten sind in beständigem Vorrücken. Kohlenförderung minimal. Fortwährende Preissteigerungen, höhere Lohnforderungen; Streiks, wachsende Zahl der Faullenzer, der sg. Erwerbslosen, die dem Staate ein Riesengeld kosten, geringe Arbeitsleistungen trotz oder infolge des Achtstundenarbeitstages, den man am liebsten auf 6 Stunden einschränken möchte; seit Beginn der Revolution sind schon an inneren Ausgaben 2½ Milliarden Fehlbetrag entstanden; es soll jetzt ein Kredit von 25 Milliarden verlangt werden: wer wird Lust haben zu zeichnen? […] So ist nirgends ein Anfang der Besserung zu erkennen.“ 2

„Statt daß allmählich etwas Licht in das Dunkel um uns her fiele, wird es immer finsterer, mit einem Dutzend vaterländischer, städtischer und eigener Sorgen geht man zu Bett und mit deren zwei Dutzend steht man nach durchgrübelter Nacht wieder auf. Die Zeitungen mag man schon garnicht mehr lesen, denn sie bringen nichts als übele Nachrichten. Wirklich, nur die tägliche (u. sehr reichliche) Arbeit hilft einem über all die trostlosen Eindrücke der Gegenwart hinweg.“ 3

Nationalversammlung tagt in Weimar

Zunächst galt es jedoch die staatliche Ordnung zu stabilisieren. Da das gesellschaftliche Leben und die politischen Verhältnisse in der Reichshauptstadt Berlin auch in den ersten Monaten des Jahres 1919 weiterhin von Aufruhr und heftigen Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen rivalisierenden Gruppen bestimmt wurden, die eine ungestörte Zusammenkunft und Tagung der gewählten Volksvertretung nicht zuließen, hatte man sich für Weimar als Tagungsort entschieden. Hier, in der Stadt Goethes und Schillers, wurde die deutsche Nationalversammlung am 6. Februar eröffnet. Die Fraktionen von SPD/MSPD, DDP und Zentrum bildeten nun die „Weimarer Koalition“, die über eine deutliche Mehrheit (329 von 421 Sitzen) verfügte. Von diesen Gruppierungen wurde dann auch Philipp Scheidemann (SPD) zum ersten Reichskanzler gewählt. Zu den weiteren bedeutenden Entscheidungen der Nationalversammlung in dieser Anfangsphase gehörte am 11. Februar die Wahl Friedrich Eberts zum Reichspräsidenten. Damit waren zunächst wichtige institutionelle Regelungen auf der obersten staatlichen Ebene getroffen und die führenden Amtsinhaber bestimmt worden, die den neuen republikanischen Staat handlungsfähig machen sollten.

In den folgenden Monaten nahm die Ausarbeitung der neuen Verfassung einen breiten Raum ein. Als Grundlage für diese Erörterungen der Weimarer Nationalversammlung diente der von Hugo Preuß (DDP) ausgearbeitete Verfassungsentwurf.

Am 31. Juli 1919 wurde dann nach intensiven Beratungen die neue Verfassung des Deutschen Reiches („Weimarer Republik“) mit einer überwältigenden Mehrheit von 262 Stimmen gegen 75 Stimmen (der Deutschnationalen Volkspartei, der Deutschen Volkspartei und der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei) angenommen. 84 Abgeordnete waren abwesend.

Der damalige Celler Oberbürgermeister Wilhelm Denicke kommentierte dieses Ereignis mit der Feststellung: „Gestern am 31. Juli 1919 ist die Verfassung für die Republik Deutsches Reich in Weimar mit 262 gegen 75 Stimmen […] angenommen. Sie ist selbstverständlich ein Kompromißwerk. Wird sie besser sein, als die Bismarcksche von 1871, unter der wir eine so erstaunliche Entwicklung genommen hatten? Wird sich unter ihrer Herrschaft glücklich leben lassen? Wird sie von Bestand sein? Die Zukunft muß es lehren. Daß ich den Untergang des deutschen Kaisertums u. seinen Ersatz durch eine Republik erleben würde, hätte ich mir auch nimmer träumen lassen; früher sangen wir Spottlieder auf die deutsche Republik in Erinnerung an die Ereignisse v. 1848.“ 4

Und wenige Tage später ergänzte er seine Überlegungen: „Am 2. Mn. mußten die staatl. Gebäude zu Ehren der Verfassungsannahme flaggen: dabei zeigte die Post bereits die schwarzrotgelbe Flagge – die erste, die über Celle wehte. Wie wird man die Landesfarben gestalten? In was wird sich der preuß. Adler verwandeln? Oder wird der Welfentraum sich erfüllen und Hannover ein eigener Freistaat werden?“ 5

Probleme erschweren Zusammenleben in Celle

Nicht zu übersehen waren bereits in dieser Anfangsphase der Weimarer Republik die Widerstände gegen die neue Ordnung, mit denen die demokratischen Parteien konfrontiert wurden. Die nach der Wahl der Nationalversammlung und der Verabschiedung der Verfassung erhoffte Beruhigung der Lage trat nicht ein. Trotz erheblicher Anstrengungen zur Bewältigung der Folgen des Weltkriegs wurden führende Repräsentanten der Weimarer Republik in schlimmster Weise beleidigt und verfolgt. Dazu zählte schon frühzeitig deren Verleumdung als „Novemberverbrecher“, weil sie als politisch Verantwortliche am 11. November 1918 das unumgängliche Waffenstillstandsabkommen unterzeichnet hatten.

Schwerwiegende Konflikte und Belastungen begleiteten die junge Republik auch im weiteren Verlauf des Jahres 1919. Stabile politische Verhältnisse und ein geordnetes gesellschaftliches Zusammenleben erschienen angesichts der realen Bedingungen nicht gesichert. Vor allem die in kurzer Zeit nicht zu bewältigenden wirtschaftlichen und sozialen Probleme ließen Unmut, Protest und Widerstand gegen die neue Regierung und die sie stützenden Parteien aufkommen.

Große Sorgen bereiteten dabei heftige Auseinandersetzungen in der Arbeitswelt, deren Auswirkungen auch in Celle zu spüren waren, wie der damalige Oberbürgermeister Wilhelm Denicke zu berichten weiß: „Die Forderungen der Angestellten, der Tarifvertrag mit den städt. Arbeitern, enthaltend namentlich sehr weitgehende Rechte auf Urlaubserteilung u. Ruhegehalt mit Hinterbliebenenfürsorge, endlich eine Vorlage betr. die Gleichstellung der städt. Beamten mit den entsprechenden Staatsbeamten hinsichtlich ihrer jetzigen Gehälter – das Ergebnis wochenlanger, sehr schwieriger Verhandlungen zwischen Stadtsyndikus Dr. Münkel u. den Ausschüssen der Beteiligten –: dies alles ist ohne jede Debatte, namentlich ohne Erörterung der Deckungsfrage, obwohl es sich um eine jährliche Belastung von c. 300000 M handelt, am 6 Mn. angenommen. Man stand unter dem Zwange, entweder ja, oder nein, schon jeder Änderungsvorschlag bedeutete Streik; ich veranlaßte nur noch eine Erklärung des Magistrats betreffs der finanziellen Tragweite. Man ist eben nicht mehr Herr im eigenen Hause. Nun sind auch schon sofort sämtliche 120 Lehrer u. Lehrerinnen gekommen u. verlangen 900 M Ortszulage u. bis zu 1200 bez. 900 M (bei Unverheirateten) Wirtschaftszulage, d. h. eine jährliche Mehrbelastung von über 200000; wie die Stadt solchen Ansprüchen genügen soll, ohne sich zugrunde zu richten, das wird von keiner Seite bedacht […].

Hinzu kommen noch eine Menge kostspieliger Projekte, aber die Deckungsfrage wird von der soz. demokr. Mehrheit nie aufgeworfen; es ist notwendig, deshalb muß es ausgeführt werden – dabei beruhigt man sich. Nein, Freude bereitet die städt. Verwaltung jetzt nicht mehr! […]

Seit einigen Wochen sind aus Amerika die ersten Lebensmittel eingetroffen, insbesondere für Celle wöchentlich je Kopf 200 gr. Weizenmehl (je Pfund 2,30 M), 100 gr. Schmalz (6 M) u. 40 gr. Speck (7,40 M), also wenigstens etwas. Im übrigen bleibt alles rasend teuer u. auf Verbilligung besteht keine Aussicht. “ 6

Neben der mangelnden Einsicht in die realen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Bedingungen war auch ein zunehmender sittlicher und moralischer Verfall zu beklagen: „[…] Daß noch gar kein Verständnis für unsere Lage herrscht, oder der Wille zur Besserung durch angestrengte Arbeit keineswegs vorhanden ist, beweisen ja am besten die ununterbrochenen Streiks auf allen Gebieten, durchweg verbunden mit den übertriebenen Lohn- und Gehaltsforderungen, die keine Rücksicht auf die wirtschaftliche Lage nehmen. Auch dem Reiche, den Staaten u. den Städten gegenüber sucht jeder nur herauszuschlagen, was möglich ist; ob die Leistungsfähigkeit vorhanden ist, darum wird sich nicht gekümmert. Ja, es sind tolle u. unhaltbare Zustände. Die Moral sinkt immer mehr: Diebstähle (am liebsten gleich mit Frachtwagen), räuberische Überfälle, Morde gehören zur Tagesordnung; der Spielteufel grassiert ohne jedes behördliche Einschreiten; unzüchtige Anpreisungen von Büchern, Bildern, Empfängnisverhütung usw. werden selbst durch sonst anständige Zeitungen verbreitet, schamlose Tänze gewinnen immer mehr Anhänger; die Kinos überbieten sich an frivolen Vorstellungen; eine unersättliche Vergnügungssucht – es fehlt nur noch, daß auch der Branntwein, den es fast garnicht mehr gab u. gibt, noch auf das Volk losgelassen wird! […]“ 7

Von Karl-Heinz Buhr

Quellen

1: zit. nach Robert Hofmann: Geschichte der deutschen Parteien. Von der Kaiserzeit bis zur Gegenwart. München 1993, S. 128.

2: Stadtarchiv Celle, L 07, Nr. 1938: Wilhelm Denicke, Kriegstagebücher, Band 3: Kriegstagebuch vom 1. November 1917 bis Ende 1919, S. 279f., v. 12.2.191 9.

3:A.a.O., S. 281f., v. 20.2.1919.

4:A.a.O., S. 336f., v. 1.8.1919.

5:A.a.O.,, S. 338, v. 6.8.1919.

6:A.a.O., S. 316-319, v. 11.6.1919.

7:A.a.O., S. 341f., v. 16.8.1919.

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