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Sachsenspiegel Schreckenstage in Celle 1866
Mehr Sachsenspiegel Schreckenstage in Celle 1866
11:56 11.08.2018
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Celle

„Gefährlich ist‘s, den Leu zu
wecken,

Verderblich ist des Tigers Zahn:

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Jedoch das Schrecklichste der Schrecken,

Das ist — der Mensch in seinem Wahn.

Da werden Weiber zu Hyänen

Und treiben mit Entsetzen Scherz.“

Diese Worte Friedrich Schillers (1759–1805) in seinem Klassiker von 1799, „Das Lied von der Glocke“, zieren den Umschlag einer anonym verfassten Schrift. Sie trägt den Namen „Die Schreckenstage des Aufruhrs zu Celle am 18. und 19. Juli 1866“ und wurde im Verlag der Schulzeschen Buchhandlung in Celle in einer Auflage von 15.000 Exemplaren aufgelegt. Eineinhalb Neugroschen kostete sie, eine Währung, die erst 1859 im Königreich Hannover eingeführt worden war.

Beim Blick in das mit 14 Seiten Inhalt doch recht überschaubare Werk fällt zunächst einmal auf, dass der Begriff des Aufruhrs in der Herzogstadt in jenem für das Königreich so schicksalhaften Jahr trefflich gewählt wurde. Tumultartige Szenen spielten sich in der Altstadt ab, die Königliche Polizeidirektion unter der Leitung von Amtmann William Groskopff hatte ihre Mühe, die öffentliche Ruhe und Ordnung aufrechtzuerhalten.

Und wie es erst heute wieder Thema ist, so wurden bereits damals selbst die Mitglieder der zu Hilfe gerufenen Freiwilligen Feuerwehr nicht nur in Bedrängnis gebracht, sondern auch traktiert. Der wütende Mob war nicht zu bremsen.

Was war passiert? Das Königreich Preußen hatte dem Königreich Hannover als Verbündeten Österreichs am 15. Juni 1866 den Krieg erklärt. Bereits zwölf Tage später standen sich in einer zehnstündigen Schlacht bei Langensalza, nicht weit von Erfurt in Thüringen, hannoversche und preußische Truppen gegenüber, die über das Schicksal des Königreichs Hannover entscheiden sollte. Es waren etwa 17.000 Hannoveraner und 9000 Preußen. Die Hannoveraner rechneten mit einer Übermacht der Preußen, und immerhin gelang es den Preußen, die Hannoveraner einzukesseln. Hannover kapitulierte, beide Seiten hatten Verluste erlitten. Insgesamt sollen es 574 Tote gewesen sein, die auf dem Feld der Ehre blieben.

Und was sich dann in Celle ereignete, scheint in der Geschichte allein dazustehen. Dass Hannover einverleibt werden würde, das war gewiss. Unverbesserliche hetzten nun aber das arme Volk auf, um durch Widerspenstigkeit Preußen wenigstens noch zu ärgern, wenn es doch in seinem Siegeslauf nicht mehr aufzuhalten war.

Am 18. Juli 1866 nahm der pogromartige Arbeitertumult seinen Anfang. Die Häuser der Preußenfreunde wurden demoliert, es gab Ausschreitungen und Gewalt, Plünderungen und Zerstörung. Es wurde über Celle der „Kleine Belagerungszustand“ verhängt, und zahlreiche Verhaftungen wurden vorgenommen.

Der einst hoch angesehene jüdische Stadtschreiber in Celle Iwan Dawosky (1860-1943) sprach von Pöbel und Weibern. „Der 18. und 19. Juli d. J. brachten über unser friedliches Celle Stunden banger Sorge und Angst und noch jetzt blicken wir auf diese Tage mit Entrüstung und mit dem Gefühle der Scham zurück“, so der Verfasser jener anonymen Schrift über die Ereignisse.

Der Verfasser sah als eine der Ursachen der Krawalle eine Erklärung einer Reihe von Liberalen, unter ihnen der Abgeordnete Rudolf von Bennigsen (1824-1902), vom 12. Juli 1866, die Sympathie mit Preußen ausdrückte und die nun auch Celler Bürger unterzeichnet hatten. Die Erregung, die in Hannover seit der Kapitulation von Langensalza angesichts der Ungewissheit über das Schicksal des Landes herrschte, führte immer wieder zu Unruhen. Und die so genannte Bennigsensche Erklärung, die sich zu dem preußischen Bundesreformplan bekannte und zu nationaler Abwehr ausländischer Einmischung aufrief, weckte in Celle Befindlichkeiten, wie die „Neue Hannoversche Zeitung“ in ihren Ausgaben vom 20. und 25. Juli 1866 berichtete.

Am Morgen des 18. Juli 1866 fanden sich Aushänge an verschiedenen Stellen in der Stadt, in denen „eine höchst ehrenwerthe Persönlichkeit aus Celle“ mit den Worten bedroht wurde: „Du kommst auch mit auf die Prügelliste.“ Die Liste, die der Schreiber selbst nie gesehen hatte, sollte die Namen der Unterzeichner der von Bennigsenschen Erklärung und auch sonst preußenfreundliche Persönlichkeiten enthalten haben.

Versammlung einberufen

Am gleichen Tag verbreitete sich das Gerücht, es solle abends eine Versammlung der Arbeiterschaft im Celler Schützenhaus stattfinden. Dr. jur. Carl Gerding (1807-1884), Rechtsanwalt und Justizrat in Celle, ein kleinbürgerlicher Demokrat, sollte dem Vernehmen nach neben anderen die Versammlung einberufen haben. Gerding hatte sich im Vorfeld dafür ausgesprochen, überhaupt regelmäßig Informationsveranstaltungen im Schützenhaus einzuberufen. Zwischen 19 und 20 Uhr fanden sich viele Arbeiter „in obligater Begleitung vieler Knaben“ am Schützenhaus ein. Und jetzt machte ein weiteres Gerücht die Runde, nämlich dass bei der Gelegenheit auch gleich der Wille, hannoverisch bleiben zu wollen, schriftlich besiegelt werden sollte.

Und offensichtlich gingen die Arbeiter davon aus, dass sie sich in der Versammlung mit Unterzeichnern der von Bennigsenschen Erklärung auseinandersetzen durften. Das fand aber nicht statt; denn von dieser Gesellschaftsschicht war niemand zugegen.

Die aufgebrachte Menge fand dort nur Dr. jur. Carl Gerding vor, der sich aber weigerte, herauszukommen, und in die Räume des Wirtes verschwand. Teile der tobenden und lärmenden Menge folgten ihm und konnten ihn letztendlich dazu bewegen, herauszukommen. Im kleinen Garten des Aller-Clubs wurde Gerding von den Menschen in den Kreis genommen – er stimmte schließlich zu, die Menge in das Schützenhaus zu begleiten.

Die Polizeidirektion unter der Leitung von William Groskopff reagierte prompt und machte tags darauf bekannt, dass die Menschenansammlung „zu bedauerlichen Störungen der Ruhe“ geführt habe. Die Einwohnerschaft wurde ermahnt, nach Kräften zur Erhaltung der Ruhe mitzuwirken, insbesondere aber Dienstboten, junge Leute, Lehrlinge und Kinder während der Abendstunden im Hause zu halten. Außerdem wurde das Schützenhaus für den Abend des 19. Juli geschlossen: „Endlich ist die Polizeidirection gezwungen, den Besuch der durch die Zeitung angeregten Versammlungen aus dem Schützenhause damit unter Hinweisung auf die gesetzlichen Folgen des Ungehorsams zu untersagen und gleichzeitig das Schützenhaus für heute Abend zu schließen. Celle, den 19. Juli 1866. Königliche Polizeidirection. W. Groskopff.“

Aber es sollte nun noch schlimmer kommen. „Die Ereignisse der Nacht vom 19/20. Juli stehen seit undenklicher Zeit in den Annalen der guten Stadt Celle als etwas Unerhörtes da“, so der Verfasser der kleinen Schrift.

Auf Befehl der königlichen Polizei hatte die – übrigens gerade einmal zwei Jahre junge – Feuerwehr die Brücke, die über die Aller in Richtung Schützenhaus führt, abgesperrt, und so wurde die Mühlenstraße der Sammelplatz des schlagfertigen Pöbels und einer großen Menge müßiger Zuschauer.

Die Feuerwehr, welche die zum Schützenhaus führende Allerbrücke besetzt hatte, musste dieselbe räumen und zog sich mehr nach der Mühlenstraße zurück, wo sie wieder Front gegen die andringende Meute machte. Der Verfasser des Büchleins hatte Gelegenheit, die Geduld der wackeren Feuerwehrleute zu beobachten, die selbst da noch von ihren Beilen nicht Gebrauch machen wollten, als schon Steine von ziemlicher Dimension in ihre Reihen flogen. Nun begann das Abreißen von Latten aus dem Gartenzaun des Medizinalrats Dr. Scheller, und als nun die Feuerwehrleute in der größten Bedrängnis von ihren Beilen Gebrauch machen wollten, soll ihnen durch den Oberkontrolleur Samuel die Weisung gegeben sein, nur die Stiele, nicht aber die Klinge des Beiles zu gebrauchen.

Das Signal zum wütenden Handgemenge solle ein aus dem großen Haufen fallender Schuss gegeben haben, dem schnell noch weitere folgten. Wohl irrtümlich wurde behauptet, dass der Kommandeur der Feuerwehr, Carl Elleke I (1814-1871), zuerst gefeuert habe. Er nicht und ebenso wenig der zweite Chef der Feuerwehr, Bürgervorsteher Ludwig Haupt jun., soll geschossen haben. Richtig ist wohl, dass ein Feuerwehrmann in größter Bedrängnis, fast in Lebensgefahr, zwei Schüsse aus einem Revolver abgab, wodurch einer der Tumultuanten, vielleicht aber auch, wie gesagt wurde, ein völlig Unschuldiger, am Bein verwundet wurde.

Bei diesem Handgemenge wurde Carl Elleke I, auf den sich die Wut des Pöbels des geleisteten Widerstandes wegen gelenkt hatte, schwer verwundet. Er hatte kurz zuvor das Signal zum Zusammenziehen der Bürger geben lassen, worauf dieselben mit ihren Binden um den Arm zu den Sammelplätzen eilten. Einesteils war die Zahl der sich Einfindenden zu gering, andernteils lagen die Sammelplätze zu weit auseinander, und es fehlte jede einheitliche Führung und auch jede Bewaffnung, als dass diese ganze Anordnung auch nur den geringsten Erfolg hätte haben können.

Carl Elleke I war zudem eine wichtige Persönlichkeit der Celler Geschichte. Elleke, geboren am 9. April 1814 und wohnhaft im Hause Fritzenwiese 2, übte den Beruf des Posamentiers aus und stellte als solcher Besatzstücke her. Er war nicht nur der erste Kommandeur der Celler Feuerwehr, er war auch der geistige Stifter der meisten niedersächsischen freiwilligen Feuerwehren. Elleke wurde einige Zeit später, wenn auch noch leidend, wieder hergestellt.

Zerstörungswut

Die Wut des Pöbels richtete sich nun gegen die Häuser einiger Feuerwehrmitglieder, wie Elleke und Haupt, weil sie sich am gesetzlichen Widerstand beteiligt hatten. Man suchte auch Dr. Carl Gerding in seinem Haus „vor dem Hehlenthore“ auf. Der glaubte, die Zerstörungswut der Rotte beschwichtigen zu können, wenn er ihren Wünschen an Trinken und Essen entsprach. Weit gefehlt. Die Rotte ließ es sich gut schmecken, hörte sich die Bitten Gerdings, sein Haus in Rücksicht auf den bedenklichen Krankheitszustand seiner Frau zu verschonen, in Ruhe an und ließ ihn sogar hochleben. Dann aber machte sie sich mit der Bemerkung „nun können wir ja bi lüttjen (allmählich) anfangen“ an das gründliche Demolieren des Hauses.

Dazu der anonyme Schreiber: „Es hat sich hierin unsere Räuberbande den traurigen Ruhm erworben, ärger wie die roheste Indianerhorde gewüthet zu haben, diese pflegen von ihren Feinden nicht zuerst Gastfreundschaft und Wohlthaten, ehe sie zu deren Beschädigung vorgehen, anzunehmen. Bedeutende Waarenvorräthe sind aus den beiden genannten Kaufmannsläden geraubt. Mehre andere Kaufleute waren schon bezeichnet, wo das Plünderungswerk fortgesetzt werden sollte, die Ankunft des preußischen Militairs setzte dem jedoch einen Damm entgegen. Der Gesammtschaden belauft sich auf viele Tausend Thaler.“

Dann endlich trafen nachts um 3 Uhr, durch ein Telegramm des Polizeichefs Amtmann Groskopff herbeigerufen, 160 Mann vom 65. Landwehrregiment (Hannover) in Begleitung des von preußischer Seite wieder eingesetzten Generalpolizeidirektors Louis von Engelbrechten (1818-1893) und Regierungsassessor Unruh mit einem Extrazug in Celle ein.

Diese besetzten die Zuchthauswache und die Hauptwache und begaben sich sofort nach der Masch, wo der größte Teil des „Raubgesindels“ wohnte. Der anonyme Schreiber nahm die folgenden Festnahmen, zunächst über 60, die mit den geraubten Gegenständen in ihren Wohnungen angetroffen waren, wie folgt wahr: „Und nun sahen wir an den folgenden Tagen fortwährend Verhaftete mit geraubten Gegenständen, als Hüte Zucker etc. beladen, unter militärischer Bedeckung nach dem Gefangenhause wandern. Unter den Verhafteten befinden sich auch mehre Weiber, wie denn die Weiber überhaupt bei dem Aufruhr die schlimmste Rolle gespielt haben; wie Furien hetzten sie ihre Männer mit wildem Geschrei zum Zerstörungswerk und schleppten in den hochaufgeschürzten Röcken den Stürmenden die Pflastersteine wie wohl organisirte Munitionscolonnen zu. Von dem Steinhagel sind natürlich auch noch andere Feuerwehrleute und sonstige Bürger verwundet. Die Feuerwehr hat sich durch ihre aufopfernden Dienstleistungen auch bei dieser Gelegenheit wieder die gerechtesten Ansprüche auf die wärmste Anerkennung der Bürger erworben.“

Schließlich erwähnt der anonyme Schreiber, dass die Polizeidiener dem Aufruhr machtlos gegenüber gestanden hätten. Der Widerstand des Einzelnen wäre nutzlos gewesen. „Desgleichen verdient noch der Erwähnung, daß angeblich eine frühere Depesche des Amtmann Groskopff, gegen 10 Uhr Abends geschrieben, gar nicht zum hiesigen Telegraphenamte gelangte, weil sie einem Unbekannten zur Ueberbringung dahin eingehändigt sein soll. Zu spät und nachdem alle Schandthaten vollbracht waren, hatte die zweite Depesche ihr Ziel erreicht.“

Personalia

Friedrich Diedrich William
Groskopff, geboren am 1. Februar 1820 in Hannover (Garnison-Gemeinde), Sohn des Stabs-Medicus Dr. med. Friedrich Carl Daniel Groskopff in Hannover und der Caroline Wilhelmine Marie Antonie Herschel, war zunächst Auditor im Amt Diepholz (1847), dann Bürgermeister und Deputierter von dem Flecken Hoya (1851) und schließlich als Amtmann beim Amt Celle mit der Verwaltung der Königlichen Polizei-Direktion beauftragt.

Dr. jur. Carl Gerding (1807-1884), Rechtsanwalt und Justizrat in Celle, kleinbürgerlicher Demokrat, war 1848 Leiter des Zentralen Komitees der hannoverschen Arbeitervereine und Abgeordneter der hannoverschen Zweiten Kammer.

Dr. Theodor Breden (1794-1871), 1838 zum Bürgermeister der Stadt Celle gewählt, schuf 1847 eine neue Verfassung der Stadtverwaltung, die der Bürgerschaft mehr Rechte einräumte, 1866 vorübergehend wegen Welfenfreundlichkeit abgesetzt und Anfang 1868 pensioniert.

Der Wortführer der Bürgervorsteher, Oberappellationsgerichtsanwalt Carl Raven zu Celle, der mit der bekannten Romanschriftstellerin Mathilde, geborene Beckmann, verheiratet war, starb vier Jahre nach den Geschehnissen von Celle.

Von Matthias Blazek