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Sachsenspiegel Wachen Auges Gefahren erkannt
Mehr Sachsenspiegel Wachen Auges Gefahren erkannt
14:14 27.01.2018
Alter Kanal, das Ausfugslokal, das ehemals ein Kanalwärterhaus war. Ansichtskarte aus der Mitte der 30er Jahre. Quelle: Fremdfotos/eingesandt
Celle

Vielleicht erinnert man sich in einem der Orte im Süden und Südwesten von Celle daran, dass vor 250 Jahren durch ihre Gemarkungen der Fuhse-Kanal gebaut wurde, und überlegt, dieses Ereignis als Jubiläum zu feiern. Hat dieser Kanal doch außer der Verbesserung der Wirtschaftsflächen zu beiden Seiten auch eine gewisse Bedeutung für die Naherholung im Raum Celle gebracht. ,

Der uns aus dem Jahre 1823 vorliegende Bericht des Celler Burgvogtes Lüders gibt uns nicht nur ein anschauliches Bild von den damaligen Verhältnissen, es wird hier gewissermaßen auch kritisch Bilanz gezogen, in welchem Maße sich dieser Kanal in gut fünf Jahrzehnten ausgewirkt hatte. Es folgt hier Teil zwei des Burgvogt-Berichtes:

„Die Viehzucht, welche in den Zeiten vor Anlegung in diesem ansehnlicher Dorfe von 44 Feuerstellen blühend war, hat sehr abgenommen, das Vieh ist wegen der mageren Heid-Weide viel kleiner wie vormals, und statt daß die Dorfschaft Westercelle vorhin fremdes Vieh aus den Heidgegenden in ihre Weide aufgenommen hat, muß sie jezt selbst Weiden in dem Herrschaftlichen Gehäge, die Behre, miethen.

Es hat vorhin Bauern in Westercelle gegeben, die 70, 80 bis 100 Centner Heu jährlich an Herrschaften in der Stadt verkauft und dabey einen nochmal so starken Viehstapel gehabt haben, als sie jetzt halten. Dieselben Bauren müssen jezt für 50, 50 bis 70 rth Heu in der Herrschaftlichen Behre zu miethen.

Nur durch den starken Verkauf von Holz, Torf, Plaggen und Heide an die Stadtbewohner hat sich die Dorfschaft bisher noch so nothdürftig durchgeholfen; Mit dem Holz, Plaggen und Heide ist es aber zu Ende und mit dem Torf wird es in einigen Jahren zu Ende gehen und dann sind keine Mittel mehr die Dorfschaft vor Verarmung zu schützen, wenn ihre Weiden, ihre Wiesen, ihr Feldland und ihre Viehzucht durch Hemmung der schädlichen Wirkungen des Canals nicht wieder in den vorigen Stand gesetzt werden.

Das was ich hier von der Dorfschaft Westercelle gesagt habe, findet völlig seine Anwendung auf die Bewohner der Westerceller Vorstadt, besonders der Neustadt Celle, in so fern selbige vom Ackerbau und von der Viehzucht leben; es findet seine Anwendung auf die Dorfschaft Bennebostel und Hambühren und auf die übrigen vorhin genannten Dorfschaften der Burgvoigtey, die bloß ihre Wiesen im Wietzenbruche haben, wiewol bey leztern in vermindertem Maaße.“

Verfall der
Sägemühle

Nachteilige Folgen sollte der Kanalbau auch für die an der Fuhse gelegene Herrschaftliche Sägemühle haben. Darüber schreibt Burgvogt Luders: „Nächst dem Canale hat nichts so nachtheilig auf die Abnahme der Viehzucht und des Ackerbaues in einzelnen Dorfschaften hiesiger Burgvoigtey gewirkt, als der Eingang der Stauschleuse bey der Sägemühle.

Von der Mündung des Canals bis zur ehemaligen Stauschleuse bey der Sägemühle liegen auf einer Strecke von 1 ½ Stunden Weges lang an den beiden Ufern der Fuhse 781 Calenberger Morgen Wiesen.

Diese Wiesen, besonders diejenigen die unmittelbar oberhalb des Stauwerkes eine Stunde Weges hinauf, bis diesseits der Dorfschaft Burg belegen sind, haben seit Eingang der Stauschleuse nicht einmal im Frühjahr, beim Aufthauen des Schnees, Überschwemmungen erhalten, wohingegen sie damals, als die Stauschleuse noch vorhanden war, einen großen Theil des Winters mehr oder weniger unter Wasser standen.

Durch die bey etwas starken Wasserstande unaufhaltsam fortwälzenden Fluthen, hat sich das Flußbette der Fuhse dergestalt vertieft, daß bey niedrigem Wasserstande die Ufer 10 Fuß (3,10 m) hoch über den Wasserspiegel hervorragen. Die Fuhse ist hiedurch, statt daß sie bewässern sollte, gleichsam ein großer tiefer Abzugsgraben geworden, der aus den an beiden Seiten liegenden Wiesen-Flächen alle Feuchtigkeit herausziehet. Die Wiesen selbst haben größtentheils einen weißen Sandboden über welchen sich 3/4 bis 1 Fuß hoch eine gelbe Dammerde befindet, die durch die Überschwemmung der Fuhse abgesetzt worden. Bei eintretender Dürre wird dieser Sand um so eher trocken, je mehr die tief im Grunde gehende Fuhse alle Flüssigkeiten an sich zieht, wovon die Folge ist, daß die mäßigen Anhöhen auf den Wiesen weiß und gelb werden, als wenn das Feuer darüber gegangen wäre.

Wenn dagegen das Stauwerk in der Fuhse wieder hergestellt wird; so können im Winter und Frühjahr Überschwemmungen leicht veranstaltet werden und im Sommer wird der Wasserstand mit den Ufern in einer Höhe gehalten und dadurch d en Wiesen die nöthige Feuchtigkeit zugeführt.

Die Fuhsen-Wiesen waren vor Eingehung der Stauwerks die ergiebigsten in der ganzen hiesigen Gegend und die Gräser die sie liefern, haben weit und breit an Güte ihres Gleichen nicht, weshalb denn auch der Calenberger Morgen einer guthen Wiese an der Fuhse schon oft mit 400 rth bezahlt worden ist.

Ein großer Theil dieser Wiesen, besonders der dem eingegangenen Stauwerke zunächst belegene, hat 2/3tel, die ganz niedrigen Wiesen haben 1/2 und der entfernteste Theil von der Stauschleuse 1/3 am Ertrage verlohren. Im Durchschnitte kann man annehmen, daß sie durch den Eingang der Stauschleuse die Hälfte ihres sonstigen Ertrages verlohren haben.

Wenn man im Durchschnitt den Calenberger Morgen der Fuhsen Wiesen nur auf 250 rth rechnet, so beträgt solches für 781 Morgen ein Capital von 195.250 rth und würde der Nutzen, den dieses Capital zu 4 pro Cent abwirft, jährlich etwa 7808 rth betragen.

Erträge um
die Hälfte vermindert

Da nun der durch den Eingang der Stauschleuse herbeigeführte Verlust auf den Fuhsen-Wiesen, wie ich zu zeigen mich bemühet habe, die Hälfte des vormaligen Ertrages wenigstens ausmacht; so würde der jährliche Verlust an dem Nutzen, den nach der obigen Berechnung das Capital vorhin reichlich abgeworfen hat, 3904 rth, und in den 13 Jahren, daß die Schleuse nicht mehr vorhanden gewesen ist, überhaupt die Summe von 50.752 rth betragen.

Dieser enorme Verlust trifft vorzüglich die beiden Dorfschaften Westercelle und Altencelle und es bedarf gewiß keiner weitern Ausführung, wie nachtheilig ein solcher Verlust an Heu, auf die ganze Existenz der Eingesessenen dieser Dorfschaften wirken, wie dadurch ihre Viehzucht verringert worden und folglich auch der Ackerbau wieder ergiebig lohnen muß.

Es ist also keinem Zweifel unterworfen, daß die Abnahme der Erwerbsmittel einzelner Gemeinden und Ortschaften dem Canale und dem verfallenen Stauwerke bey der Sägemühle ganz vorzüglich zuzuschreiben ist.“

Wie aber konnte dieser Entwicklung Einhalt geboten werden? Ließ sich das Rad einfach wieder zurückdrehen? Konnten ehemalige Sünden wieder gut gemacht werden? Nun, der Kanal besteht heute – 200 Jahre nach seinem Bau – noch immer. Damals machte sich Burgvogt Lüders folgende Gedanken, wie man den Wohlstand der ihm anvertrauten Unterthanen verbessern konnte:

Zunächst müsse man die schädlichen Auswirkungen des Fuhsekanals beseitigen. „Dies wäre zu bewerkstelligen durch Anlegung mehrerer Stauwerke und Erhöhung des Flugbettes in demselben bis zu dem Puncte, daß er nur bey großen Überschwemmungen das überflüssige Wasser der Fuhse, der Aller zuführt, mithin durch seine unverhältnißmäßige Tiefe den umliegenden Gegenden nicht alle Feuchtigkeit ferner entzieht.“

Auch Landesherrschaft
ist betroffen

Ferner müsse das Stauwerk an der Herrschaftlichen Sägemühle unbedingt wieder hergestellt werden. Es sei doch höheren Orts bekannt, mit welchen Schwierigkeiten man die Wieseninteressenten dazu bewogen habe, sich mit 2000 Talern an der Erbauung eines Stauwerkes zu beteiligen. Seit geraumer Zeit ruhe aber die ganze Angelegenheit. Das sei umso unverständlicher, da schließlich doch auch die Landesherrschaft mit 104 Morgen Wiesen direkt von dieser Maßnahme betroffen sei. Auch sei doch hinreichend bekannt, dass die 34 Morgen große herrschaftliche Wildgarten-Wiese, die unmittelbar neben dem ehemaligen Stauwerke liege, nachweislich sogar 2/3 ihrer Erträge durch die desolaten Zustände eingebüßt habe. Als das Stauwerk noch vorhanden gewesen sei, habe man sie für 320 Taler verpachten können. Jetzt sei sie kaum noch für hundert Taler loszuwerden, so dass man von einem jährlichen Verlust von mindestens zweihundert Talern sprechen könne. „Dabey ist nicht außer Acht zu lassen, daß die Bauren in Altencelle und Westercelle größtentheils herrschaftliche Gutsleute sind, daß diese beiden Dorfschaften beinahe den 3ten Theil des ganzen Amts in Ansehung der Dorfschaften ausmachen und daß daher, wenn sie verarmen, der Gutsherrschaft ein großer Nachtheil drohet.“ Die Wiederherstellung des Stauwerkes liege daher sowohl in privatem als in landesherrlichem Interesse.

Wir wissen nicht, ob und welche unmittelbaren Konsequenzen aus diesem Schreiben des Vogtes gezogen wurden, da die nachfolgenden Schriftstücke fehlen. Beachtenswert ist aber wohl die Tatsache, dass hier nicht von den Betroffenen auf ein gravierendes Problem hingewiesen wurde, sondern dass staatliche Organe hier wachen Auges die Gefahren erkannten.

Auf die weitere Entwicklung des Wietzenbruches im Zuge der Gemeinheitsteilung und Verkoppelung, auch zum Beispiel auf die Gründung von neuen Siedlungen, wie Adelheidsdorf seit 1824 (1831 nach der Gemahlin des Königs Wilhelm von England-Hannover benannt) soll hier nicht weiter eingegangen werden. Auch gäbe es manches über die Ausflugsziele zu berichten, zum Beispiel über die Waldgaststätte „Alter Kanal“, die aus einem der beiden Kanalwärterhäuser hervorging, oder die sogenannte „Jägerburg“ am Fuhsekanal. Eine knappe Übersicht zur Geschichte des Fuhsekanals brachte Günter Gebhardt 2012 im Heimatkalender für die Lüneburger Heide (S. 113 ff.)

Von Adolf Meyer-Immensen

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