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Typen Anschlagsziel Nummer eins
Mehr Typen Anschlagsziel Nummer eins
14:38 13.06.2010
Kourosch Moayad beim Polizeieinsatz in Afghanistan. Quelle: Veranstalter
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Hannover

Etwa die vielen bizarren Momente, die aus der Kluft zwischen westlicher, gut gemeinter Aufbauhilfe und der Realität am Hindukusch resultieren. „Die Situation dort ist kaum vorstellbar“, sagt Moayad nachdenklich, „man kommt ins 13. Jahrhundert.“

Drei Monate war Moayad – Zivilfahnder mit Schwerpunkt Gewaltkriminalität und Waffen beim niedersächsischen Landeskriminalamt – im vergangenen Jahr in der nordafghanischen 300000 Einwohner-Stadt Masar-i-Sharif. Im Rahmen einer europäischen Mission unter deutscher Führung gehörte er zu einem Kontingent von westlichen Polizisten, das ein Training für afghanische Sicherheitskräfte leiten sollte. Die private Situation und sein Profil hätten damals gepasst, sagt der 38-Jährige mit Celler Wurzeln, er meldete sich für den Einsatz. Sicherlich spielte auch eine Rolle, dass der Sohn einer Celler Industriekauffrau und eines iranischen Architekturprofessors über einige Dari-Kenntnisse verfügt, neben Paschtu zweite Amtssprache in Afghanistan.

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Für Moayad bedeutete der Trip nach Zentralasien nicht den ersten Aufenthalt in einem exotischen Land. Wohl aber einen der prägendsten. Er führte ihn in eine vom Krieg zerrüttete Region, in der es kaum fließendes Wasser, kein funktionierendes Stromnetz und keine Infrastruktur gibt. – Und folglich ein allenfalls gering ausgeprägtes Interesse der Bevölkerung, ein rechtsstaatliches System zu etablieren. Die Menschen haben genug mit ihrem eigenen Überleben zu tun: Gerade 70 Dollar verdient ein Staatsanwalt in Afghanistan, 80 Dollar ein Lehrer und zirka 100 Dollar ein Polizist. Ein Gehalt, das nicht allein wegen der rund 150 Dollar, die eine Familie monatlich benötigt, wenig Anziehungskraft auf die Menschen ausübt. Der Beruf des Polizisten ist in dem islamisch geprägten Land eng mit einem frühen Tod verbunden. „Polizisten sind Anschlagsziel Nummer eins“, erklärt Moayad.

Von den 2900 Sicherheitskräften, die 2008 ausgebildet wurden, mussten 1100 bereits ihr Leben bei Attentaten lassen. Kein Wunder also, dass sich Missionen wie die, an der Moayad teilnahm, immer wieder von Kritikern nach ihrem Sinn fragen lassen müssen. Moayad weiß das. Und doch kann er am Ende glaubhaft von sich behaupten, etwas Sinnvolles in Afghanistan geleistet zu haben.

Eher zufällig im Polizeidienst gelandet

Dabei gleicht es einem Zufall, dass er überhaupt im Polizeidienst landete. „Etwas Kreatives“ habe er machen wollen, nachdem er vom Hölty-Gymnasium zunächst auf die Realschule Burgstraße wechseln musste und am Altenhäger Wirtschaftsgymnasium 1991 doch noch sein Abitur absolvierte. Das Arbeitsamt riet dem begeisterten Sportler, gewissermaßen als Übung, am Aufnahmetest der Polizei teilzunehmen. Moayad bestand ihn und folgte schließlich auch den Ratschlägen von Familie und Freunden, einen „sicheren“ Job als Beamter anzunehmen.

Ein Foto zeigt Moayad, wie er, bekleidet mit der obligatorischen Splitterschutzweste, im Staub kniet. Vor ihm steht ein kleines Mädchen mit verdrecktem Gesicht, dem er eine Flasche Wasser reicht. Die Eindrücke des überall sichtbaren Leids der Kinder, die in bettelarmen Verhältnissen aufwachsen, bewegen Moayad noch immer. Nach einer E-Mail an seine jüngere Schwester in Celle schickt diese ihm ein Päckchen mit altem Spielzeug nach Afghanistan.

Mutter Siegrid legt nochmal nach: Sie initiiert eine Kuscheltier- und Spielzeug-Sammlung in Kuroschs altem Kindergarten im Altenhäger Kirchweg und sendete sie ihrem Sohn an den Hindukusch. „Wir waren völlig eingekesselt“, erinnert sich Moayad an den Tag, als er die Sachen mit seinen Kollegen unter Kindern eines Dorfes verteilte. Dennoch wird ihm die Situation auch aus einem anderen Grund lange im Gedächtnis bleiben: „Die Kinder haben sich gefreut, obwohl sie mit Spielzeug nichts anzufangen wussten – das war bedrückend.“

Lego und die Geschichte vom „bösen“ Abdull

Was Moayad bei den Kleinsten feststellte, setzte sich bei den Erwachsenen fort: „Der Großteil der Menschen hat nie gelernt zu lernen“, so Moayad. Und was als Spezialausbildung angehender afghanischer Sicherheitskräfte geplant war, entpuppte sich für den 38-Jährigen immer mehr als „Überlebenstraining“. Anwwwbetismus, mangelnde sportliche Fähigkeiten und ein Westeuropäern mitunter naiv erscheinendes Weltbild hätte die Ausbildung der 90 Freiwilligen teilweise zu einer Art Grundschulunterricht werden lassen: Mit Hilfe von Lego-Figuren wurde Taktik geschult, Missions-Aufträge oft in Form von Geschichten vermittelt: Heute fangen wir den „Bad-Abdull“, den „bösen“ Abdull. Kritik im Unterricht? „Keiner stellt Fragen“, erklärt Moayad. „Wenn jemand etwas sagt, stehen die anderen auf und klatschen.“

Dass Moayad dennoch mit Begeisterung von seiner Zeit in Afghanistan berichtet, liegt an seiner Faszination für das karge, staubige Land. Und an der Mentalität seiner Einwohner. „Sie haben Stolz“, sagt Moayad anerkennend. Stolz, den der Kommissar trotz der unzähligen Verwerfungen, von denen die Afghanen heimgesucht sind, etwa während zahlreicher traditioneller Feste, kennen lernen durfte, als ihm großzügig Spezialitäten angeboten wurden von Menschen, die selber kaum etwas besitzen. Und als er seine Abschiedsrede vor der Ausbildungseinheit hielt: in ihrer Sprache Dari. Für Kurosch Moayad sind dies nur einige Eindrücke von vielen, die ihn lange begleiten werden – und die auf keinen Laptop passen.

Freund und Helfer am Hindukusch

Für drei Monate war Kommissar Kurosch Moayad im afghanischen Masar-i-Sharif stationiert. Er gehörte einem Kontingent europäischer Polizisten an, das einheimische Sicherheitskräfte trainieren sollte. Für den 38-Jährigen, der in Celle aufwuchs, eine Reise in eine extreme Welt aus Armut, fehlenden Infrastrukturen und Jobs, die den Menschen wenig Geld und die Aussicht auf einen baldigen Tod bieten. Es war dennoch ein Trip, an dessen Ende Moayad behaupten kann, etwas Sinnvolles getan zu haben.

VITA:

✎1971 wird Kurosch Moayad

in Teheran geboren.

✎1979 nach der Absetzung

Schah Reza Pahlavis und

der Islamischen Revolution

flieht die Mutter mit ihrem

Sohn und den zwei Töchtern

nach Celle zur Großmutter

✎1989 Realschulabschluss an

der Realschule Burgstraße

in Celle.

✎1991 Fachabitur am

Altenhäger

Wirtschaftsgymnasium

✎1991 Eintritt in den

Polizeidienst. Erstes Revier:

Polizeiinspektion Celle

✎1994 Versetzung zur

Polizei nach Hannover:

Bereitschaftspolizei mit

Einsätzen bei Castor-

transporten und Chaostagen

✎1995 Versetzung zum

Landeskriminalamt

Niedersachsen. Einsatz als

Zivilfahnder im Bereich

Gewaltkriminalität und

Waffen

Von Eike Frenzel