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12:12 13.06.2010
Gertrud Goldammer am 08.04.2009 beim Karten spielen - das macht Spaß und hält den Geist fit sagt die fast 90-Jährige... Quelle: Torsten Volkmer
Celle Stadt

Eine gebückte Dame führt mich in ein Wohnzimmer mit hohen Wänden, das mit antiken Möbeln ausgestattet ist. An den hellen Tapeten hängen Portraits der Kinder und Enkelkinder. Ihre Augen blicken neugierig, während sie dem Gast einen Platz auf dem Biedermeiersofa zuweist, die Wangen sind ein wenig gerötet, während Gertrud Goldammer zu erzählen beginnt ...

Ihre Eltern, der Celler Baumeister Hans Waack und seine Frau Luise, erfreuen sich nach zwei Jungen an dem Töchterchen, welches sie auf die Namen Gertrud Magda Theodore taufen lassen. Sie wächst in der Schackstraße 15 in Neuenhäusen auf.

Mit sieben Jahren muss sie sich für die einwöchige Aufnahmeprüfung für das Mädchenlyzeum in der Hannoverschen Straße vorbereiten. Die Prüfung ist schwer, Gertruds Ziel ist das Abitur. Durch eine schwere Erkrankung der Mutter muss Gertrud nach der Obersekunda die Schule verlassen. Sie widmet sich der Pflege der Kranken, die jahrelang ans Bett gefesselt liegen wird, bevor sie, als die Tochter erst zwanzig Jahre alt ist, stirbt.

Schullaufbahn abgebrochen, um Mutter zu pflegen

Doch bis dahin lebt Gertrud das sorglose Leben eines jungen Mädchens. Die Familie zieht um, in die von dem Architekten Haesler entworfenen und vom Vater errichteten Blöcke in die Schackstraße 3 bis 4a.

Gertrud findet in der ein Jahr älteren Haesler-Tochter Anne Rose eine Freundin fürs Leben, mit der sie heute noch engen Kontakt pflegt. 1934 tritt Gertrud den christlichen Pfadfindern bei. Eine für sie intensive Zeit beginnt. „Wir unternahmen Wanderungen und Fahrten, es wurde viel gesungen, gespielt und getanzt“, erzählt sie voller Freude.

Doch Hitler ist bereits an der Macht und die Aktivitäten der Bewegung werden drastisch eingeschränkt. Einzig Bibelarbeit ist noch erlaubt. Die Mädchen sind angehalten, den BdM beizutreten. Auch Gertrud bleibt der Eintritt nicht erspart. Die Familie ist schockiert. Nicht nur der Vater, der unter anderem auch Mitglied der Loge des Hellleuchtenden Sterns ist, weigert sich, in die Partei einzutreten, auch die Tochter versucht, den BdM- Verpflichtungen zu entkommen und schickt die Krankheit der Mutter als Entschuldigungsgrund vor, die Abende nicht besuchen zu müssen.

1940 stirbt die Mutter Louise. Ein emotional schwerer Schlag für Gertrud. Nach zwei Jahren heiratet Vater Waack seine zweite Frau. Anna hält Einzug in der Schackstraße. Für Gertrud ist nicht mehr viel Platz. Sie bittet den Vater, eine eigene Wohnung beziehen zu dürfen – ein ungewöhnlicher Schritt für eine junge Frau ihres Jahrgangs. Sie findet ein Quartier zunächst in der Heese, später in der Schuhstraße. Sie beginnt zeitgleich eine Krankenschwesternausbildung in einer Hamburger Klinik. Nach den ersten Luftangriffen auf Hamburg im Juli 1943 kommt sie aus Celle nach neun Stunden Fahrt dort an, geht kilometerweit zu Fuß durch die brennenden Straßen zum Krankenhaus. Es wird notdürftig alles zusammengeräumt, was die Schülerinnen tragen können, und zum Zug gebracht. Noch während der Bahnfahrt startet ein weiterer Angriff. Das Krankenhaus wird bis in den Keller hinunter schwer getroffen.

Ihr jüngerer Bruder wird vermisst und kehrt nicht wieder heim, der ältere überlebt den Krieg. Beim Bombenangriff 1945 auf Celle verliert der Vater alles. Von dem Gelände der Baufirma, das sich an der heutigen Borsigstraße am Güterbahnhof entlang erstreckte, war nur noch eine steinerne Wüste übrig. Eine notdürftig vom Vater erstellte Baracke dient der Familie nun als Unterkunft und Firmensitz. Mit 63 Jahren beginnt Hans Waack noch mal von vorn – unterstützt von seiner Tochter, die 1946 endgültig nach Celle zurückkehrt. Doch nicht nur Gertrud arbeitet mit.

Eines Tages tritt ein nicht mehr ganz junger Mann als Tischlergeselle in die Firma ein. Richard Goldammer ist zwanzig Jahre älter als Gertrud, bei beiden ist die Begegnung Liebe auf den ersten Blick. Zusammen mit dem Vater bauen sie das Unternehmen auf. Doch der Vater löst die Firma auf und verkauft an die ITAG. Die junge Familie baut sich auf dem alten Firmengelände in der Schackstraße einen eigenen Betrieb auf.

„Ich bin immer überall

reingeschubst worden“

„Ich bin immer überall reingeschubst worden. Du kannst das, du machst das. Ich arbeitete in der Firma, die meinem Mann gehörte“, berichtet die 89-Jährige. 1955 wird der Vater zum zweiten Mal Witwer. Fortan ist er täglich bei der Familie der Tochter zu Gast. Ihr Mann geht Anfang der sechziger Jahre in den Ruhestand. „Es war wieder Fügung“, verrät Gertrud, „ich übernahm die gesamte Verwaltung. Als mein Vater 1974 starb, hatte ich alles geregelt.“

Die Mitte der Siebziger Jahre werden für Gertrud Goldammer eine schicksalhafte Zeit. Ein Jahr nach dem Vater stirbt ihr geliebter Mann Richard. Zeitgleich gründet der Neuenhäuser Pastor Schwaegermann den Verein „Haus der Altenbegegnung“. Gertrud Goldammer, nun 54 Jahre alt, wird Gründungsmitglied und folgt damit der Tradition von Vater und Großvater, die beide einem vielfältigen und langen ehrenamtlichen Engagement nachgegangen waren. Sie wird auch zum Kirchenvorstand und bald für den von der Stadt Celle neu gegründeten Seniorenbeirat vorgeschlagen. Nun kennt Gertruds kirchliches wie städtisches Engagement keine Grenzen mehr. Sie hält wöchentliche Sprechstunden ab und kümmert sich um sämtliche Bürgerbelange der Senioren in der Stadt.

Nach über 22 Jahren ehrenamtlicher Tätigkeit muss sie sich krankheitsbedingt von allen Ämtern zurückzuziehen. „Besonders die Arbeit im Haus hatte mir viel Freude gemacht“, erzählt sie mit leuchtenden Augen, „es war oft voll belegt, mit Gruppen aus ganz Celle. Da sah man Leute von Frau und Kultur, dem Verein der Ostpreußen, der Pastoren im Ruhestand, welche, die sich beim Werken, Basteln oder Skat spielen trafen.“

Heute wohnt sie wieder

im Haus ihrer Kindertage

Die alt gewordene Dame wohnt heute wieder in dem Haus, in dem sie ihre ersten Kinderjahre verbracht hatte. Weiterhin versorgt sich Gertrud selbst und pflegt ihre Hobbys wie lesen, telefonieren, Briefe schreiben oder für Gäste mittags kochen. Manchmal besucht sie den Markt. Das Autofahren geht noch. Ein Handy hat sie auch. Außerdem tauscht sie sich per E-Mail intensiv mit ihren Enkelkindern aus.

„Ich genieße jetzt die Ruhe, und eine Aufwartung alle 14 Tage, die gönn’ ich mir“, meint sie. „Außerdem höre ich gerne der Ahrendorgel zu. Ich nehme am Gemeindeleben teil, ohne noch Aufgaben wahrnehmen zu müssen.“ Sie schaut lächelnd auf. „Der Kreis schließt sich nun. Anfangs hüpfte ich an der Hand meiner Großmutter über den Neuenhäuser Friedhof. Wir sahen uns dabei die Adelsfelder an. Und nun gehe ich dort manchmal wieder spazieren. Die Blumen sind so schön. Der Ort ist eine wahre Oase im Stadtteil.“

Von Cosima Bellersen Quirini