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Typen Der rockende Industriekletterer
Mehr Typen Der rockende Industriekletterer
13:56 13.06.2010
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Westercelle

„Beim Bau dieser Rock ‘n Roll-Bude, haben mir viele Freunde geholfen“, sagt Hempel alias Mutz. „Ich bin schon seit Kindertagen handwerklich begabt. Meine Eltern waren sehr streng. Meine Geschwister und ich haben wenig Fern gesehen und vor irgendwelchen Computerspielen gehockt. Wir waren draußen aktiv. Ich hatte immer aufgeschlagene Kniee.“ Die Strenge seiner Eltern hat aus ihm einen Allrounder gemacht. „Ich profitiere heute von meiner Selbstständigkeit und meinem Basteltalent“, erklärt Mutz und zeigt auf seinen Fußboden im Flur. Der schwarze Fließenboden ist mit bräunlichen Mosaik-Einsätzen aufgepeppt. Die Wände flammen regelrecht auf durch den feuerfarbenen Anstrich. Am Ende des Ganges geht rechts eine freie Treppe in das obere Stockwerk. Hier findet sich die Gitarrensammlung des 26-Jährigen. An jeder Wand und sogar an einer Backstein-Säule in der Mitte hängen seine Schmuckstücke. Das Schlafzimmer ist für Gäste tabu, da bleibt Mutz lieber mit seiner Partnerin allein.

Wohnen mit viel Flair

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und Atmosphäre

Doch das Bad zeigt er nicht ohne Stolz. Aus Keramik in Beige, schwarzen Fließen und einer Menge Wohlfühl-Accessoires hat der handwerklich begabte Musiker eine Ruheoase geschaffen. „Habe ich alles selbst gemacht“, sagt Mutz selbstsicher. „Als ich das Haus gekauft hab, war es richtig runtergekommen. Jetzt trägt es meine Handschrift.“

Im Wohnzimmer scheint ein dunkles Grün von den Wänden. Vorne rechts steht eine schwere Ledersitzgruppe mit Tisch. Am anderen Ende des Zimmers schwimmt Schildkröte Rudolf plätschernd durch seine Behausung. Dessen Zimmergenosse Erwin ist eher ruhig und kaum zu sehen. Links neben dem Fenster steht ein altes Klavier. „Das geht nicht mehr richtig“, erklärt Mutz. „Aber als Bar funktioniert es noch gut.“ Einige Gläser und Flaschen haben ihren dekorativen Platz im Inneren oberhalb der Tasten gefunden. Lässig lässt sich Mutz auf das Sofa fallen. „Kaffee?“, fragt er in die Runde und gießt sogleich ein. Auf seinem linken Arm prangt ein großes, schwarzes Tattoo. Auf die Frage, ob dieses Bild eine Bedeutung hat, antwortet Mutz promt: „Alle meine Tattoos haben eine Bedeutung. Mein erstes am Bauch habe ich in jungen Jahren mit selbstgebauten Maschinen stechen lassen“, erklärt er nicht ohne ein verschmitztes Lächeln im Mundwinkel, während er sein T-Shirt lüftet. „Normalerweise schlafe ich, wenn ich mir eins stechen lasse, aber das erste, das war eine Hammer-Erfahrung.“

Grundstein für Musikkarriere

im Kindesalter gelegt

Schon früh wusste Mutz, dass er einmal Musik machen möchte. „Mit vier habe ich Xylophon spielen gelernt. Irgendwie fängt ja jeder an“, sagt der Musiker lächelnd. Mit fünf habe er dann mit klassischem Geigenunterricht begonnen. Die musikalische Richtung war ebenso schnell klar, wie sein Gespür für Töne. „Mein älterer Bruder hat mir eine Kassette mit Metallica-Songs bespielt. Da war ich sechs. Die harte Richtung hat mir eben schon immer gefallen.“

Doch auch er fing erst einmal klein an. „Meine erste Band hatte ich mit elf Jahren“, erzählt der Celler. „Das war eine Schülerband auf der Orientierungsstufe in Klein Hehlen. Wir nannten uns ‘Hurricans’.“ Aus den „Hurricans“ wurde dann später „Delivery Van“, allerdings mit anderem Sänger. Nach einigem musikalischem Rumexperimentieren sei im November 2004 dann „Drone“ entstanden. „Wir wollten uns eigentlich ‘Sexy Kadaver’ nennen. Da fehlte unser Bassist Martin noch. Seit 2005 gibt es ‘Drone’ offiziell.“

Seitdem überschüttet Mutz sein Publikum mit „Drone“-Metal-Klängen, sowohl stimmlich, als auch an der Gitarre. Seine erste gönnte er sich zum zehnten Geburtstag. „Ich habe einen Teil selbst finanziert. Es war eine Squier Stratocaster in Rot.“ Heute steht er mit zig verschiedenen Gitarren auf der Bühne, die meisten farblich ausgefallen und extravagant geformt. Doch ohne seinen eigentlichen Job, könnte er sich seinen Traum auf der Bühne nicht erfüllen.

Beruflich immer hoch hinaus

„Ich bin Industriekletterer“, berichtet Mutz. „Ich habe mich 2007 selbstständig gemacht und bin in der ganzen Welt unterwegs.“ Nach seiner Lehre zum Groß- und Außenhandelskaufmann hat er diesen neuen Berufszweig für sich entdeckt. „Klettern hat mir schon immer Spaß gemacht.“ Für die Industriekletterei muss man verschiedene Scheine und Qualifikationen machen, erst dann, darf man selbstständig arbeiten. Ohne das in der Selbstständigkeit verdiente Geld würde Mutz nicht mit seinen Jungs auf der Bühne stehen und durch Europa touren. „Ohne Arbeit keine Band. Ganz klar“, ist sich Mutz bewusst. „Ohne den finanziellen Rückhalt geht im Musikgeschäft gar nichts. Und besonders am Anfang muss man selbst eine Menge investieren. Bis aus den verkauften Platten der Gewinn in unsere Taschen fließt, dauert es sicher noch eine Weile“, reflektiert der „Drone“-Frontmann die Situation der Band. Und deshalb hänge er sich beruflich voll rein, sagt Mutz. „Ich bin einfach viel unterwegs. Aber nur so lässt sich der Traum vom Musikgeschäft finanzieren. Und ehrlich gesagt, mein Beruf macht mir sehr viel Spaß.“

Privat bodenständig und ein Familienmensch

Auch wenn er durch seinen Beruf und seine Musikkarriere in ganz Europa und der Welt unterwegs ist, seine Familie ist ihm sehr wichtig. „Ich bin glücklich, dass ich aus einer funktionierenden Familie stamme“, erzählt Mutz. „Ich werde von meinen Eltern und Geschwistern in allem unterstützt, egal was ich auch tue. Das ist einfach toll.“ Seine älteren Geschwister haben ihn sehr geprägt, aber besonders die Beziehung zu seiner Zwillingsschwester ist ihm wichtig. „Wir machen zwar total unterschiedliche Dinge und sehen uns wenig, aber wir sind einfach immer irgendwie verbunden.“ Spätestens Weihnachten finden sich alle Hempels in Celle ein und zelebrieren das Weihnachtsfest. „Wir sind alle musikalisch. Wir bilden sozusagen ein Streichquartett. Da kann es schon vorkommen, dass selbst meine Mutter sich zur gemeinsamen Hausmusik unterm Tannenbaum ans Klavier setzt“, schildert Mutz mit einem Glänzen in den Augen.

Er selbst hat über eine eigene Familie noch nicht viel nachgedacht. Dafür passiert vielleicht auch noch zu viel in seinem derzeitigen Leben. „Ich bin nicht viel zu Hause, da bleibt für Beziehung und Freunde wenig Zeit. Aber irgendwann, wer weiß.“

Auf der Bühne zu Hause

Wenn er auf der Bühne steht, ist er in seinem Element. Dort fühlt er sich wohl – zu Hause. In seinem Arbeitszimmer hängen unzählige Gitarren an den Wänden. Hier ist die Dekoration Programm. Moritz Hempel ist mit Leib und Seele Sänger und Gitarrist. Musik ist sein Leben, sagt der 26-Jährige selbst. Privat bodenständig und abgeklärt, beruflich eher abgehoben und voller Energie. Hempel hat in seinem jungen Leben schon viel erreicht.

VITA:

✐Geboren am 31. August

1982 in Celle

✐1986 musikalischer

Einstieg mit Xylophon-

unterricht und Kinderchor

✐ab 1987 bis 1997 klassi-

scher Geigenunterricht

✐1989 bis 1995 Grund-

schule Klein Hehlen

✐1995 bis 1999 Mitte der

zehnten Klasse Hermann

Billung Gymnasium

✐2000 Abschluss an der

Realschule Burgstraße und

im Anschluss ein viertel

Jahr Technik Gymnasium

✐2000 bis 2003 mit Gitarre

und Rucksack Erfahrun-

gen gesammelt

✐2003 bis 2006 Lehre zum

Groß- und Außenhandels-

kaufmann

✐seit Anfang 2007 selbst-

ständiger Industriekletterer

Von Jasmin Nemitz