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Typen Ein Leben für das Theater
Mehr Typen Ein Leben für das Theater
14:56 13.06.2010
Annegret Kücheknecht an ihrem alten Arbeitsplatz in der Schneiderei. Quelle: Torsten Volkmer
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Celle Stadt

Man kennt sie. Man mag sie. Die Herzlichkeit ist, Theater hin oder her, im Falle Annegret Kücheknecht garantiert nicht gespielt. Vielleicht ist es diese besondere Mischung aus Freundlichkeit und Bescheidenheit mit einer Prise Empfindsamkeit, die sie zu diesem offensichtlich liebenswerten Menschen macht. Vielleicht ist es die Selbstverständlichkeit mit der sie den Technikern seinerzeit einen Kaffee spendiert hatte, wenn sie Körbe Kostüme getragen haben. Vielleicht ist es ihre Bescheidenheit mit der sie, die sich alles nähen könnte, schlichte, elegante Sachen trägt. Oder aber es ist die Tatsache, dass sie zum Inventar gehört: Bereits mit 18 Jahren kam die 61-Jährige erstmals ans Haus. Vor einem halben Jahr, nach 43 Jahren, ging sie in den Ruhestand. Ein Leben für das und mit dem Theater. Klingt pathetisch, trifft bei Annegret Kücheknecht aber zu.

Mit Begeisterung für Kunst

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und Theater „angesteckt“

„Schuld“ gibt sie ihrer Mutter, die sie mit ihrer Begeisterung für Kunst und Theater auf den Geschmack gebracht hat. Dabei verlief der Lebensweg ihrer Eltern eher unkünstlerisch: Beide waren in der Landwirtschaft tätig, hatten einen kleinen Bauernhof. Später arbeitete der Vater in einer Baufirma, die Mutter bei Telefunken.

Den beruflichen Weg von Kücheknecht ebneten der Handarbeitsunterricht in der Schulzeit, sowie eine Lehre bei der Celler Schneidermeisterin Erika Starbatty.

„Ich habe anfangs oft geschimpft und wollte die Lehre abbrechen“, erinnert sich Kücheknecht an ihre Lehrjahre. „Man braucht eine Engelsgeduld“, sagt sie und fügt hinzu: „Früher wurde sehr viel von Hand genäht, heute wird vielmehr geklebt und gepresst.“

„Schneiderin am

Schlosstheater gesucht“

Dann las sie eine Annonce in der Celleschen Zeitung: „Schneiderin am Schlosstheater gesucht“. „Das war für mich ein großer Traum“, erzählt Annegret Kücheknecht und strahlt das Strahlen, das die 18-Jährige damals gestrahlt haben muss. Acht Bewerberinnen versuchten ihr Glück. Sie überzeugte und setzte sich durch. Ihre „Lehrerin“ Erika Starbatty, die ehemals selbst am Theater in Cottbus tätig war, bestärkte sie in ihrem Entschluss. „Am Freitag, 14. September, war mein letzter Arbeitstag bei Starbatty, am 15. September ging es im Schlosstheater los“, erinnert sich Kücheknecht an den fliegenden Berufswechsel.

Wenn sie von der Theaterzeit erzählt, oder besser schwärmt, hagelt es Namen. „Den müssen sie erwähnen“, „die war auch toll“, bekräftigt Kücheknecht, wenn sie Kollegen wie Herrenschneider Reinhold Hermann („Der hatte ein umfangreiches Können und hat mich sehr unterstützt“).

Stets ans Wohlfühlen

des Schauspielers denken

Kücheknechts Job beschränkte sich nicht auf die Arbeit mit Bleistift, Schere, Nadel und Faden. Nach den Kostümentwürfen und der Stoffauswahl zwischen Regisseur und Kostümbildner musste sie bei ihrer Arbeit die Bühnensituation und das Wohlfühlen des Schauspielers stets bedenken. Ebenso galt es, an die praktische Seite, an die Reinigung zu denken – was bei dem Stück „Maria Stuart“ mit dem unglaublichen Perlenbesatz nicht einfach gewesen sei.

Im Idealfall bleiben sechs Wochen, meist jedoch nur vier Wochen Zeit zum Fertigen der Kostüme. Kücheknecht kam bei dem Zeitdruck das Studium der Kostümkunde zugute sowie ihr Interesse an den Stücken. „Ich habe fast alle Stücke gelesen und sah schon, wo schnelle Umzüge sein würden“, sagt sie. Das habe sie schon beim Zuschneiden bedacht. „Ich habe nie darauf gewartet, dass man mir etwas sagt“, berichtet sie ohne eine Spur von Überheblichkeit, eher mit dem Wissen, dass Selbstständigkeit das Arbeiten beschleunigt.

Und Tempo ist in ihrem Metier nötig. Bei den Endproben, den letzten vier Tage vor der Premiere, ackerte sie bis zu 60 Stunden pro Woche. Da mussten Sachen noch rasch geändert oder gereinigt werden, wenn etwa ein Glas Cola übers Kleid lief. „Gottseidank ging das raus“, stöhnt Kücheknecht noch heute erleichtert.

„Ich musste schon Vieles auf den letzten Drücker erfinden“, erinnert sie sich. In einer Revue sollte eine Rokoko-Gestell mit einer Strippenkonstruktion im Rollo-Prinzip aufgezogen werden, damit für den Zuschauer unerwartet plötzlich Wollsocken zum Vorschein kommen. Auch die Handgriffe für die Garderobieren mussten geprobt werden. Kücheknecht: „Manchmal sind nur 30 Sekunden Zeit für einen Wechsel.“

Auf Kunstpelzmantel

herumgetrampelt

An eine besondere Aufgabe denkt sie schmunzelnd zurück. Am Tag vor einer Premiere sollte ein Kunstpelzmantel gereinigt werden. Gesagt, getan. Dann kam der Anruf: Die Schauspielerin könne so nicht mehr arbeiten. In dem Mantel sei kein Leben mehr drin, behauptete die nicht ganz allürenfreie Dame. So war es an Küchenknecht, den blütenweißen Pelz wieder grau zu machen, ihn nach Asche, Saft und anderem Dreck riechen zu lassen. „Ich habe darauf herum getrampelt und ihn durchs Treppenhaus gezogen“, muss sie lachen. Mit Erfolg. Die Schauspielerin dankte es ihr. Sie war hochzufrieden. Die Premiere wurde ein Erfolg.

Einer anderen Darstellerin mussten die Schuhe eingetreten werden. Eine Nummer kleiner als ihre. „Das tat weh, aber es war doch für die Kunst“, erklärt die Schneiderin.

Stress? Kam natürlich auf. „Doch ,meine‘ Schneiderei hat mich immer voll unterstützt. Kücheknecht strahlt: „Das war toll. Ich war nur immer so schrecklich müde, dass ich selten zur Premierenfeier gegangen bin.“ Heute ist das anders. Ins Theater geht sie immer noch gerne – als Zuschauerin und ausgeruht. Ihre hinzugewonnene Freizeit füllen sie und ihr Mann gerne mit Reisen. Dann geht es im Wohnwagen on tour. Zeit bleibt ihr jetzt auch für die Aquarellmalerei, einer Leidenschaft, der sie seit den 80er Jahren nachgeht.

Bei aller Erholung beklagt sich Kücheknecht rückblickend mit keinem Wort über zu viel Arbeit. Im Gespräch beschwert sie sich nur einmal – über die Frage, ob die Leitung der Schlosstheater-Schneiderei ihr Traumberuf gewesen sei: „Ja sicher“, erklärt Kücheknecht entrüstet. „Ich wäre todunglücklich, wenn ich dieses Leben hier nicht hätte leben dürfen.“

Von Silja Weißer