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Typen Individualist der Viertelmeile
Mehr Typen Individualist der Viertelmeile
14:33 13.06.2010
Michael Vogt Quelle: Torsten Volkmer
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Westercelle

Was können Autoaufkleber schon über ihre Besitzer aussagen? Eigentlich nicht viel: Außer, dass ihre Kinder meistens „Jonas“ oder „Emma“ heißen und mit „an Bord“ sind, der Fahrer auch „für Tiere bremst“ oder gerade sein Abitur bestanden hat. Der Schriftzug „Go big or go home“ – „mach es ganz oder gar nicht“ – verspricht da schon mehr Botschaft: Die fünf Worte prangen passender Weise am bulligen US Pick-Up von Michael Vogt. Sie verweisen nicht nur unverblümt auf die Vorliebe des 38-jährigen Cellers für großvolumige Amischlitten. Sie verraten gleichsam etwas über sein Lebensgefühl, das sich ein Stück weit in den 50er Jahren der USA wiederfindet. Als sich junge Wilde Autorennen von Straßenblock zu Straßenblock lieferten und als Rock ´n´ Roll zum musikalischen Ausdruck einer Jugend-Protestkultur wurde.

„Trends waren mir schon immer egal“

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Vielleicht waren es die Schallplatten der Eltern mit den gängigen Rock-Liedern, die er als kleiner Junge immer wieder gehört hat. Vielleicht war es auch ein Foto des Vaters mit Tolle und Koteletten, das er als Zehnjähriger als Vorlage mit zum Friseur nahm, um anschließend doch wieder mit einem akkurat geschnittenen Mecki den Salon zu verlassen. Michael Vogt weiß es nicht mehr genau. Nur: „Ich fand die Musik immer gut und irgendwie bin ich bis heute dabei geblieben.“ Ihre größten Vertreter begleiten ihn seit früher Kindheit. Elvis Presley oder Jerry Lee Lewis. Ihre Standard-Frisur, die Tolle samt Kotletten, kam irgendwann dazu. Der Pop-Kult der 80er Jahre mit seinen Ikonen Madonna oder Michael Jackson konnte Vogt ebenso wenig anhaben wie zeitgenössische Stil- und Modesünden von Föhnfrisur über Karottenjeans. „Trends waren mir schon immer egal“, sagt Vogt, dessen Jeans-Jacke stattdessen ein Aufnäher von James Dean schmückte. Während die gleichaltrigen Teenager scharenweise hinter Fuß- oder Handball herjagen, tritt Vogt mit 15 Jahren einem hannoverschen Football-Verein bei. – Ein pubertierender Revoluzzer mit Jukebox und Ami-Flagge im Kinderzimmer?

Individualist mit Hang zum Unangepassten

Eher ein überzeugter Individualist: Die Faszination für einen Teil des „American way of life“ ist ein konstanter Bestandteil von Vogts Vita wie auch ein latenter Hang zum Unangepassten. Nach der Ausbildung zum Kfz-Mechaniker verpflichtet sich Vogt vier Jahre in der Bundeswehr, macht noch während seiner Dienstzeit eine Werkstatt für US-Fahrzeuge in Wietzen bei Nienburg auf und absolviert eine Ausbildung zum Personenschützer. Die nötigen körperlichen Voraussetzungen für den Job erfüllt er als Kraftsportler und Fitnesstrainer ohnehin. – Schließlich leitete er von 1992 bis 1996 ein Fitness-Studio in Bremen. Obwohl Vogt den Geschäftsführerposten abgibt, bleibt er doch der Haltung, sein Geld mit einem Großteil körperlichen Einsatzes zu verdienen, treu. Ein geregeltes Berufsleben ja – aber mit größtmöglicher Distanz zum bürgerlichen Arbeitsalltag einer Fünf-Tage-Woche. Etwa nachts, bei den zahlreichen Einsätzen als Türsteher von Hannoveraner oder Bremer Diskotheken. Oder im größeren Stil 1997, als er mit einem Freund eine Firma für Sicherheit und Personenschutz gründet. Verschiedene Agenturen vermitteln den damals 27-Jährigen, der fortan auch mit den Stars in Berührung kommt, deren Produkte er stets gemieden hat.

Essen mit Pavarotti, Einkauf mit Michael Jackson

So begleitet Vogt Sängerin Mariah Carey bei einigen Konzerten, sichert ein Fototermin von Model Claudia Schiffer am Strand von Mallorca. Oder begleitet den italienischen Startenor Luciano Pavarotti während einer Deutschlandtournee: Anstrengung pur „Er hat dreimal täglich warm gegessen, ich saß immer mit am Tisch“, erinnert sich Vogt mit einem Lachen. Unvergessen ist ihm auch die Begegnung mit dem König der Pop-Musik, Michael Jackson. „Es war teilweise einfach nur bizarr“, sagt Vogt. Spontane Einkaufsorgien in der Bremer Innenstadt musste er ebenso mit Jackson und seinem Begleitertross durchstehen wie die geduldige Rolle des Allround-Betreuers.

Dass Vogt 1999 das Westerceller Fitness-Studio „Perfect Sports“ gründet, um „endlich mein eigenes Ding“ zu machen, passt ins Bild des unabhängigkeitsliebenden Mannes, der auf gesellschaftliche Konventionen genau so wenig Wert legt, wie auf einen Bürojob. Eine mindestens ebenso bedeutende Koordinate in Vogts Biographie ist daher auch sein 18. Geburtstag: Endlich ein eigenes Auto, natürlich einen „Ami“, einen V8-Dodge RAM-Charger. Vogt fing „sofort Feuer“ am dumpfen Klang der großen Achtzylindermotoren und der brachialen Leistung. Nirgendwo anders kumuliert Vogts amerikanischer Traum derart, wie bei den US-Blechungetümen. Nach einigen Ausflügen in die Autorennszene großstädtischer Industriegebiete kam Vogt zum Dragster-Rennen.

Beschleunigungs-Orgien über die Viertelmeile

Es wird zur Passion des Rockabillys, der mit einigen Freunden ein eigenes Rennteam gründet: die „Race Antz“, die Rennameisen. Vogt sitzt am Steuer bei den brutalen Beschleunigungs-Orgien über die Viertelmeile (402 Meter), häufig auf dem Gelände von Flughäfen oder auf Rennpisten: Unter zehn Sekunden benötigt Vogt teilweise mit seinem Willys Coupe, Baujahr 1941 für den Sprint, bei dem ihm über 800 Pferdestärken aus einem getunten Kraftwerk einen Tritt verpassen. Zeiten, die Vogt unlängst den Titel „King of Germany“ in seiner Rennklasse einbrachten. Das neueste Projekt des Kalifornien-Fans ist ein 55er Chevrolet „Bel Air“-Coupé. Wenn Vogt mit ihm fertig ist, wird nicht mehr viel vom gutmütigen Sofacharakter des Klassikers übrig bleiben. Viel, sehr viel Leistung soll dem Straßenkreuzer eingehaucht werden, um ihn anschließend über die Viertelmeile zu jagen. Ganz nach dem Motto: „Go big or go home.“

VITA:

011.4.1970 in Celle geboren

01982 bis 1985 Heinrich-Pröve-Realschule Winsen

01986 bis 1988 Ausbildung zum Kfz-Mechaniker bei Mercedes-Benz

01988 bis 1992 Zeitsoldat bei der Bundeswehr, Ausbildung zum Büchsenmacher, anschließend Ausbildung zum Personenschtzer

01988 bis 1992 Werkstatt für US-Fahrzeuge

0Seit 1990 Teilnahme an Beschleunigungsrennen

0Seit 1995 Teilnahme an Dragster-Rennen

01995 Gründung des Rennteams „Race-Antz“

01992 bis 1996 Geschäftsführer einer Fitness-Anlage in Bremen

01996 bis 1999 Leiter eines Fitness-Studios in Hannover

01997 bis 2003 Arbeit im Bereich Sicherheit und Personenschutz

0Seit August 1999 Inhaber eines Fitness-Studios in Westercelle

Von Eike Frenzel