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Typen „Ich fahre, bis ich umfalle“
Mehr Typen „Ich fahre, bis ich umfalle“
09:36 30.01.2019
Von Simon Ziegler
Für Ingrid Kantoks-Albert ist Taxifahren ihr Traumberuf. Quelle: Oliver Knoblich
Wathlingen

Dieser Berufsweg dürfte einzigartig sein: Ingrid Kantoks-Albert war 1973 in Wienhausen die erste Tankwartin weit und breit: Später verkaufte sie zusammen mit ihrem ersten Mann Fernseher. Sie schulte um, zog nach Hannover und verdiente bei einer Tochtergesellschaft von Haus & Grund ihr Geld. In der Landeshauptstadt lernte sie ihren zweiten Mann kennen. Irgendwann lockte die Firma Tupperware und Ingrid Kantoks-Albert brachte als „Tupper-Tante“ die Schüsseln zu ihren Kundinnen. Heute leitet sie in Wathlingen ein kleines Taxi-Imperium. Sie beschäftigt acht Mitarbeiter, hat vier Autos.

Ingrid Kantoks-Albert ist stolz auf ihr Werk.

Die Wathlingerin liebt ihren Job, ihren Traumjob, wie sie sagt. Und ihre Kunden, die liebt sie auch. Die allermeisten sind Stammgäste. Ingrid Kantoks-Albert ist viel mehr als eine Fahrerin. Sie versteht ihre Arbeit als soziale Aufgabe und Berufung. Die 63-Jährige hat immer ein offenes Ohr, ist der Kummerkasten ihrer Gäste, aber auch die Unterhalterin, die sich über schöne Geschichten freut.

Letzte Taxifahrtins Hospiz

Dabei geht es vielen Fahrgästen schlecht: weil sie zur Dialyse gefahren werden, weil sie auf dem Weg zu ihrer nächsten Chemo-Therapie sind oder sogar ihre „letzte“ Taxifahrt ins Hospiz mit ihr machen. „Das geht dann schon an die Substanz“, sagt die Wathlingerin. Natürlich besucht sie dann auch den einen oder anderen Fahrgast. Ihr letzter Besuch im Hospiz hat ihr ordentlich zugesetzt. „Ich kenne meine Gäste schon so lange. So etwas miterleben zu müssen, tut weh.“

Dienstag vergangener Woche: Ingrid Kantoks-Albert fährt nach Celle und holt Wilhelm Schulz von der Dialyse ab. Der 80-Jährige aus Nienhagen ist schwer krank und blind. Dreimal die Woche muss er nach Celle gefahren werden. Dienstag, Donnerstag, Samstag. Auch an jedem Feiertag. „Meine Nieren funktionieren nicht mehr so“, sagt Schulz, der fast 40 Jahre den Gesangsverein Nienhagen geleitet hat. Für ihn ist das Taxi zur Dialyse lebensnotwendig. „Ich bin zufrieden. Das sind alles nette Fahrer“, sagt er. Auch Ingrid Kantoks-Albert ist zufrieden. Ihre Fahrgäste bereichern ihr Leben. Sie macht ihren Job so gerne, dass sie gar nicht an den Ruhestand denken mag. „Ich fahre, bis ich umfalle.“

Fürs Leben inTankstelle gelernt

Ingrid Kantoks-Albert ist gebürtige Wathlingerin. Weil sie sich schon als Mädchen für Autos interessierte, wollte sie eine Lehre in einer Auto-Werkstatt machen. Doch für junge Frauen war das in den 70er Jahren in Celle nicht so einfach. Also heuerte sie in einer Tankstelle mit kleiner Werkstatt an der Lüneburger Heerstraße an. Nach ihrer dreijährigen Lehre wurde sie 1973 die erste Tankwartin in Wienhausen.

Bis sie ihre Bestimmung als Taxifahrerin fand, passierte viel: Beruflich und privat. Ingrid Kantoks-Albert bekam zwei Söhne. Der Große lebt in Wien, der Kleine ist ihr im Dorf erhalten geblieben. „Dass Bernd so weit weg wohnt, fühlt sich komisch an. Ich bin aber jeden Tag froh, dass meine Söhne gesund sind und Björn mir hier, bei allem was ansteht, hilft. Ohne ihn wären der Job und das Private nicht zu organisieren.“

Irgendwann Anfang der neunziger Jahre – Ingrid Kantoks-Albert war zurück in Wathlingen – hat Torsten Harms, der noch kein Bürgermeister war, sie gefragt, warum sie nicht ins Taxi-Gewerbe einsteige. Man muss dazu wissen: Auch ihre Mutter und eine ihrer vier Schwestern fuhren Taxi. „Torsten Harms hat mich drauf gebracht“, blickt Ingrid Kantoks-Albert zurück. Es sollte eine richtungsweisende Entscheidung sein. Beinahe wäre aber gar nichts daraus geworden. „Ich kam eine Stunde zu spät zur Prüfung in Lüneburg. Die wollten mich gar nicht mehr zulassen. Ich habe sie dann bequatscht.“ Mit Erfolg, Ingrid Kantoks-Albert durfte mit zwei Taxis loslegen.

Die Anfangsjahre waren alles andere als leicht. Es gab in Wathlingen einen rauhen Konkurrenzkampf im Taxi-Gewerbe. „Meine Autos wurden mit Farbe übergossen und es wurde mir an allen Ecken und Kanten das Leben schwer gemacht. Eine Hausdurchsuchung aufgrund von Anzeigen der Konkurrenz ist nur ein Beispiel“, sagt sie. Die Presse berichtete damals von einem „dornenreichen Jahr für Taxi-Albert“.

Das alles ist lange vorbei. Heute betreibt sie das einzige Taxi-Unternehmen in der Gegend. Mit ihren Firmenfeiern hat sie in den vergangenen Jahren Schlagzeilen gemacht. Denn Ingrid Kantoks-Albert hat auch eine exzentrische Ader. Zum 20-jährigen Bestehen hatte sie den 2017 verstorbenen Country-Sänger Gunter Gabriel zum Wohnzimmer-Konzert im Santelmanns Hof zu Gast. Es muss ein amüsanter Abend gewesen sein. „Gunter hat viele seiner bekannten Lieder gespielt und zwischendurch die Gäste mit seinen Frauengeschichten unterhalten“, erinnert sich die Taxi-Unternehmerin. Gesitteter ging es beim 25-Jährigen zu: Stargast Michael Hirte war da und sang sein Ave Maria. Simone Oberstein hat zu seiner Mundharmonika gesungen, das Duo „Die JunX“ sorgte für Stimmung. Ingrid Kantoks-Albert war besonders wichtig, dass der Erlös von der Tombola an den Behindertenverein Wathlingen/Flotwedel und die Fußballdamen des VfL Wathlingen gespendet wurde. Es kamen 1800 Euro zusammen.

Die 63-Jährige ist ein Tausendsassa. Neben ihrem Engagement für Behinderte und die Fußballfrauen spendet sie für Tiere in Not, war lange Vorsitzende des Verkehrsvereins und kämpft heute in der Bürgerinitiative Umwelt Wathlingen gegen die Abdeckung des Kalibergs.

Meistdiskutiertes Plakatim ganzen Landkreis

Seit einigen Jahren ist sie auch in der Lokalpolitik unterwegs. Sie sitzt für die Bürgerliche Liste im Gemeinde- und Samtgemeinderat. Bei der Kommunalwahl 2011 hatte sie „das meistdiskutierte Wahlplakat im Kreis Celle“, wie sie selbst sagt. Einige meinten, das Plakat habe sie nicht gerade vorteilhaft gezeigt, und machten sich darüber lustig. Ingrid Kantoks-Albert hat einen ganz anderen Blick darauf. „Mich hat danach jeder gekannt. Ich habe wohl, ohne es vorher zu wissen, alles richtig gemacht“, sagt die „Dame vom Plakat“ – so war sie damals genannt worden.

Politisch sieht sie sich „als Kind von Klaus Gärtner“. Als der langjährige Nienhäger Bürgermeister sich mit der CDU überwarf und die Bürgerliche Liste gründete, suchten seine Leute Mitstreiter. Kantoks-Albert überlegte ein paar Tage, dann war sie dabei. Ihr ist es wichtig, ihre Meinung zu sagen. Ob in der Politik oder der Bürgerinitiative Umwelt Wathlingen – leise ist sie nicht gerade.

Frau Albert, wie sie bei ihren Kunden heißt, ist mit sich im Reinen. In ihrem Leben hat sie nichts bereut. Nicht die Scheidungen, nicht das Tuppern, nicht die Lokalpolitik. Nur eine Sache, die würde sie gerne anders machen, sagt sie. „Ich kann leider kein Wort Englisch. Das hätte ich lernen sollen. Ich würde so gerne mal nach Dubai fliegen. Aber ohne Englisch traue ich mich das nicht.“

Lebenslauf

24. April 1955

Geburt in Wathlingen

1970 bis 1973

Lehre als Tankwartin in Celle, danach erste Tankwartin in Wienhausen

1975

Geburt von Sohn Bernd

1987

Geburt von Sohn Björn

1985

Umzug nach Hannover; Arbeit bei Haus & Grund

1993

Gründung des Unternehmens Taxi Albert in Wathlingen

2018

25-Jahr-Feier von Taxi Albert

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