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Typen Malen als Sprachrohr der Seele
Mehr Typen Malen als Sprachrohr der Seele
17:29 27.07.2016
Ilse Hiller in ihrem Keller-Atelier. Sogar gebrauchte Telefonkarten werden bei ihr zum Malgrund. Quelle: Alex Sorokin
Bergen Stadt

Hiller thematisiert in ihrem Schaffen zunehmend philosophische Gedanken, die sie eben nicht verbal zum Ausdruck bringt, sondern im spezifischen Medium von Bildern, von Farben und Formen. Und sie lässt sich Zeit damit. Sie arbeitet quasi schichtweise. Bis zu fünfzehn Arbeiten warten gleichzeitig auf ihre Fortsetzung und Fertigstellung, die einen im Ausdruck von mehr temperamentvollem Charakter, die anderen von eher leichtem Gemüt. Hillers alltägliche Beobachtungen vermitteln ihr immer wieder neue philosophische Zusammenhänge, die sie spontan in ihre überwiegend abstrakten Arbeiten einfließen lässt, ebenso wie zufällig Erlebtes, das haften geblieben ist. „Dinge, die gesagt werden müssen“, verpackt Hiller in hochästhetische, häufig tachistische Malereien, denen bisweilen eine Art geheimnisvoller Bühnenhaftigkeit innewohnt. Dabei changiert sie bewusst zwischen experimentellem Anspruch und kunstvollem Handwerk.

Das alles ist umso erstaunlicher, weil Hiller lange Zeit gar nichts mit Kunst zu tun hatte. Aufgewachsen im bäuerlichen Betrieb ihrer Eltern in Dithmarschen, machte sie zunächst eine Landwirtschafts- und dann eine Banklehre, war dreißig Jahre lang als Bankkauffrau tätig und wurde – nach Zwischenstationen in Hamburg und Hannover – 1984 mit Mann und Tochter in Bergen sesshaft. Im Jahr 1999 nahm Hillers Leben eine entscheidende Wendung: Durch Vorträge der Evangelischen Mission wurde sie auf das Schicksal der Straßenkinder in Brasilien aufmerksam, mit der Konsequenz, dass sie sich für ein halbes Jahr als Sozialarbeiterin in den Favelas (Elendsviertel) von São Paulo und in einem Heim für Straßenkinder verdingte. „Die Kinder standen bettelnd an der Straße, ihre Kleidung war zerrissen und schmutzig“, erzählt Hiller. Schon als Kleinkinder seien sie auf sich allein gestellt und müssen sich selbst versorgen. In ihrer Hoffnungslosigkeit geraten die Kinder schnell in Drogenkreise, werden kriminell oder verkaufen ihre Körper.

Tatkräftig und voller Energie stürzte sich Hiller in ihr ungewohntes Betätigungsfeld. Im Heim konnten die Kinder und Jugendlichen in einem geschützten Umfeld essen und lernen. Und vor den Gefahren der Straße bewahrt werden. Sie konnten an verschiedenen sportlichen, künstlerischen und kulturellen Aktivitäten teilnehmen. Tanzen oder Rollenspiele halfen ihnen, ihre Persönlichkeit zu entwickeln und Selbstvertrauen aufzubauen. Hiller begann ganz spontan mit Musik. Texte waren nicht so wichtig. „Lalala“ und „Dumdideldum“ sind international. Aber auch Portugiesisch war ihr durch den zuvor absolvierten Sprachkursus nicht mehr fremd. So kam man sich näher.

„Es ist so leicht, Kinder zu begeistern, wenn man erst einmal die Tür zu ihren Herzen geöffnet hat“, schwärmt Hiller. Beim Musizieren und dann auch beim Malen. Irgendwie war sie mit den Kindern auf Behälter mit eingetrockneten Farbresten gestoßen. Mit Hilfe des Haarweichspülers aus ihrem Reisegepäck war es gelungen, die Farben wieder geschmeidig und streichfähig zu machen. Bei dieser Prozedur ergab es sich fast von selbst, dass die Hände ihrer Zöglinge mehr oder weniger reichlich mit der Farbe in Berührung kamen. Und der Versuch, sie abzuwischen, wurde zum Einstieg in ein fröhliches Spiel: Nachdem die Kinder einmal die Erfahrung gemacht hatten, wie toll man mit den Fingern malen kann, gab es kein Halten mehr. Vor allem Fantasiefiguren und typische „Brasilien-Themen“ wie Fußball wurden zu immer wiederkehrenden Motiven mit immer neuen Gestaltungsideen. Aber auch von einer zunehmenden Ausdrucksintensität. Hiller spürte, dass die Kinder nicht einfach nur drauf los malten, sondern mit ihren Bildern etwas erzählten, ja sogar traumatische Erlebnisse zu bewältigen vermochten.

In dieser Phase hatte sie für sich eine neue Lebensaufgabe, ein reizvolles neues berufliches Tätigkeitsfeld entdeckt. Um dafür auch professionell gewappnet zu sein, legte sie nach ihrer Rückkehr die „Staatliche Sonderbegabtenprüfung für außerordentliche künstlerische Befähigung“ ab und begann ein Studium an der Fachhochschule Ottersberg/Bremen, das sie 2004 als Diplom-Kunsttherapeutin und Diplom-Kunstpädagogin beendete. Seither betreibt sie – neben eigener künstlerischer Tätigkeit – ihre eigene kunsttherapeutische Praxis „Das Kunstquadrat“ in Bergen. Emotional gestörte, verhaltensauffällige, traumatisierte oder seelisch verwahrloste Kinder und Jugendliche gehören genauso zu ihren Patienten wie Erwachsene mit vergleichbaren Problemen oder schicksalhaften Traumata, etwa nach folgenschweren Unfällen.

Die Kunsttherapie ermögliche es den Patienten, ihre inneren Gedanken und Gefühle über die eigenen Worte hinaus in einer neuen Form in Bildern auszudrücken, beschreibt Hiller ihre Erfahrungen mit dieser zunehmend bewährten Therapieform. Das Malen und Zeichnen gebe Ängsten und Depressionen einen Ausdruck und löse innere Blockaden. Sogar unbewusste Konflikte und Probleme können in den Bildern zum Ausdruck kommen und sich über den bildnerischen, symbolischen Ausdruck erschließen, erläutert sie an anschaulichen Beispielen und beschreibt, wie sich dadurch wichtige Hinweise für die Diagnostik und eine möglicherweise erforderliche ärztliche Behandlung ergeben. Keine Frage: Ilse Hiller ist mit Herz und Seele dabei. Entspannung findet sie nicht nur in der experimentellen Kunst, sondern auch bei sportlichen Aktivitäten (darunter seit 30 Jahren fast täglich Schwimmen) und Jahr für Jahr bei – mitunter wochenlangen – Fahrten mit dem Wohnwagen durch ganz Europa.

Lebenslauf

1950 geboren in Dithmarschen

1965 bis 1968 Landwirtschaftslehre

1969 Beginn Banklehre

1969 bis 1999 Bankkauffrau

1971 Heirat mit dem Förderschullehrer Rolf Hiller

1981 Geburt der Tochter Sanne

1984 Umzug nach Bergen

1999 Sozialarbeit in Brasilien

2000 Hostess (Ökoprojekt) für die Stadt Lissabon bei der EXPO 2000

2000 bis 2004 Studium der Freien Kunst, Kunstpädagogik und Kunsttherapie

seit 2004 eigene kunsttherapeutische Praxis in Bergen

Von Rolf-Dieter Diehl