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14:22 13.06.2010
Graf von Kielmansegg Von Udo Genth - WINSEN. Hanno Graf von Kielmansegg ist ein „Offizier und Gentlemen“. Wenn der ehemalige General spricht, unterstreichen sein Auftreten, sparsame Handbewegungen und die Art seines Ausdrucks diese Charakterisierung. Sein häusliches Umfeld ergänzt den Eindruck. „Wir fühlen uns in Niedersachsen sehr wohl“, sagt Graf von Kielmansegg. Diese Aussage ist einigermaßen überraschend, weil er in Hannover geboren wurde. Er hatte von Anfang an quasi eine Erblast zu tragen. Die besteht darin, dass er vielfach mit seinem Vater Johann Adolf Graf von Kielmansegg verwechselt wird, zumal er selbst ebenfalls die beiden Vornamen Johann Adolf trägt (jedoch Hanno genannt wird). Sein Vater hatte seinen Platz in der deutschen und europäischen Geschichte bereits sicher, als er nahezu hundertjährig 2006 starb. Der Offizier in der Wehrmacht gehörte zum Kreis der Verschwörer des 20. Juli, hatte später großen Anteil am Aufbau der Bundeswehr. - Der Schatten des Vaters war groß für den erstgeborenen Sohn Hanno, aber nicht übermächtig. „Ich wollte zunächst gar nicht Soldat werden“, sagt er, sein Vater habe keinerlei Druck auf ihn ausgeübt. Hinzu kam die Stimmung in der Bundesrepublik Mitte der 1950er Jahr, die nahezu alles ablehnte, was mit Soldatentum in Verbindung gebracht werden konnte. Angesichts zweier vorangegangener verlorener Kriege und unter Berücksichtigung der Tatsache, dass die letzten Kriegsgefangenen noch nicht nach Deutschland zurückgekehrt waren, erschien die Ablehnung verständlich. So nahm Hanno Graf von Kielmansegg nach dem Abitur 1954 zunächst ein Studium der Geschichte und Volkswirtschaft in Bonn auf. Im folgenden Jahr verlegte er sein Studium an die Universität von Cambridge, was durch ein Stipendium ermöglicht wurde. - Es gab zwei Ereignisse, die den jungen Graf von Kielmansegg überaus beeindruckten. Das waren der Aufstand des 17. Juni 1953 in Ostdeutschland und die brutale Niederschlagung des ungarischen Au Quelle: Udo Genth
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Winsen (Aller)

Hanno Graf von Kielmansegg ist ein „Offizier und Gentlemen“. Wenn der ehemalige General spricht, unterstreichen sein Auftreten, sparsame Handbewegungen und die Art seines Ausdrucks diese Charakterisierung. Sein häusliches Umfeld ergänzt den Eindruck. „Wir fühlen uns in Niedersachsen sehr wohl“, sagt Graf von Kielmansegg. Diese Aussage ist einigermaßen überraschend, weil er in Hannover geboren wurde. Er hatte von Anfang an quasi eine Erblast zu tragen. Die besteht darin, dass er vielfach mit seinem Vater Johann Adolf Graf von Kielmansegg verwechselt wird, zumal er selbst ebenfalls die beiden Vornamen Johann Adolf trägt (jedoch Hanno genannt wird). Sein Vater hatte seinen Platz in der deutschen und europäischen Geschichte bereits sicher, als er nahezu hundertjährig 2006 starb. Der Offizier in der Wehrmacht gehörte zum Kreis der Verschwörer des 20. Juli, hatte später großen Anteil am Aufbau der Bundeswehr.

Der Schatten des Vaters war groß für den erstgeborenen Sohn Hanno, aber nicht übermächtig. „Ich wollte zunächst gar nicht Soldat werden“, sagt er, sein Vater habe keinerlei Druck auf ihn ausgeübt. Hinzu kam die Stimmung in der Bundesrepublik Mitte der 1950er Jahr, die nahezu alles ablehnte, was mit Soldatentum in Verbindung gebracht werden konnte. Angesichts zweier vorangegangener verlorener Kriege und unter Berücksichtigung der Tatsache, dass die letzten Kriegsgefangenen noch nicht nach Deutschland zurückgekehrt waren, erschien die Ablehnung verständlich. So nahm Hanno Graf von Kielmansegg nach dem Abitur 1954 zunächst ein Studium der Geschichte und Volkswirtschaft in Bonn auf. Im folgenden Jahr verlegte er sein Studium an die Universität von Cambridge, was durch ein Stipendium ermöglicht wurde.

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Es gab zwei Ereignisse, die den jungen Graf von Kielmansegg überaus beeindruckten. Das waren der Aufstand des 17. Juni 1953 in Ostdeutschland und die brutale Niederschlagung des ungarischen Aufstandes von 1956. Die flehentlichen Hilferufe, die damals per Radio aus Ungarn herüberkamen, mündeten in der Frage: „Warum sieht die westliche Welt tatenlos zu?“. Damals hatte er wenig politischen Weitblick, die vorauszusehenden Folgen eines Eingreifens in die sowjetische Einflusssphäre zu beurteilen, sagt der pensionierte General heute selbstkritisch. Immerhin reifte in ihm der Entschluss, Soldat zu werden. „Wir müssen verhindern, dass es zu solch einem Drama in West-Europa kommen kann“, lautete seine Ansicht. Um sich daran ganz persönlich zu beteiligen, trat Hanno Graf von Kielmansegg in Munster in die Bundeswehr ein. Damit begann eine militärische Karriere, in der er den Dienstgrad „Generalmajor“ erlangte und die schließlich nach 37 Jahren an der Führungsspitze der NATO-Heeresgruppe Europa Nord abgeschlossen wurde.

Graf von Kielmansegg wechselte – wie in der Bundeswehr üblich – mehrfach zwischen Posten in der Truppe zu Stabsverwendungen und Übernahme von Aufgabenstellungen im Bereich des Ministeriums. Er hat damit die gesamte Bandbreite erfahren, die im Bereich der Verteidigung auf nationaler und Bündnisebene zu vergeben sind.

Im Auftrag der NATO

inkognito in Sarajevo

Seine schönste Zeit habe er außerhalb Deutschlands verbracht, räumt Graf von Kielmansegg ein. Damit meint er das Jahr, das er am Royal College of Defense Studies in London verbrachte. Dort kamen hohe Stabsoffiziere verschiedener Länder, Diplomaten und führende Kräfte aus der Wirtschaft zusammen. Gegen Ende seiner Dienstzeit kam Graf von Kielmansegg mit dem Krieg in Berührung. Sie entstand aus der Lage in Jugoslawien, wo Anfang der 1990er Jahre kriegerische Auseinandersetzungen sehr wahrscheinlich wurden. Graf von Kielmansegg bekam den Auftrag, einen Plan für ein eventuelles Eingreifen seiner Heeresgruppe Nord auszuarbeiten. Schnell musste er erkennen, dass es zu wenig verlässliche Nachrichten gab. Also fuhr der General inkognito nach Sarajevo und verschaffte sich ein Bild. Diese Reise erbrachte tiefe Einblicke. Einige davor waren die Erkenntnisse über das Denken und Handeln von engen Verbündeten, das sich deutlich von ihren öffentlich abgegebenen Verlautbarungen unterschied. Der General weiß von der Brisanz dieser Einschätzung. Er ist dennoch zur Überzeugung gelangt: „Hätten wir früher eingegriffen, wäre viel Leid verhindert worden.“

1993 wurde Generalmajor Graf von Kielmansegg pensioniert. Der sprichwörtliche „wohlverdiente Ruhestand“ wollte sich jedoch nicht sofort einstellen, denn in dieser Zeit nahmen die Spannungen auf dem Balkan rapide zu. Unversehens sah sich Graf von Kielmansegg als gefragter Gesprächspartner.

Gefragter Balkan-Experte

in Radio und Fernsehen

„Ich bin vielfach von Radio und Fernsehen zu meiner Meinung über aktuelle Entwicklungen interviewt worden“, sagt er und stellt lapidar fest: „Die Medien haben mich zum Balkan-Experten erklärt“. Grund: Nach seiner Pensionierung hatte Graf von Kielmansegg Studien über aktuelle militärpolitische Fragen verfasst und Vorträge darüber gehalten.

Heute betätigt sich Graf von Kielmansegg weitgehend auf anderen Feldern. Seit einigen Jahren gehört er dem Johanniter-Orden an. Der westfälischen Genossenschaft dieses Ordens stand der Pensionär lange Zeit als „Kommendator“ vor. Nun ist er stellvertretender Vorsitzender des Kuratoriums des Ordenszweiges, das in Bad Oeynhausen zwei Krankenhäuser betreibt.

Als zweite Säule des derzeitigen Tuns von Graf von Kielmansegg stellt seine Mitarbeit in der Organisation der SOS-Kinderdörfer dar. Den humanitären Zielen fühlt sich der Generalmajor a.D. verpflichtet und bringt sich deshalb aktiv in die Arbeit der Einrichtung ein.

„Hat mein Mann Ihnen schon gesagt, wie er mir im Garten hilft?“, fragt Gräfin von Kielmansegg. Sie spricht damit das Familienleben als dritter Säule an. Immerhin hat das Ehepaar, das seit 44 Jahren verheiratet ist, drei Kinder und sieben Enkel. „Bald neun“, korrigiert die Gräfin voller Vorfreude.

Vita

Hanno Graf von Kielmansegg

8. Juli 1935 in Hannover geboren

1954 Abitur in Bonn, Aufnahme des Studiums

1955/56 Studienjahr in Cambridge/ UK

1956 Eintritt in die Bundeswehr

1964 Heirat mit Benedicta Freiin von Thielmann

1965 Beitritt zum Johanniter-Orden

1982 – 84 Kommandeur PzBrig 1 in Handorf bei Münster

1984 Beförderung zum Brigadegeneral

1992 Beginn des Engagements für die SOS-Kinderdörfer

1993 Pensionierung

1995 Vorsitzender des Kuratorium Deutsche Naturparke

Von Udo Genth