Menü
Cellesche Zeitung | Ihre Zeitung aus Celle
Anmelden
Typen Orchideen gegen das Grübeln
Mehr Typen Orchideen gegen das Grübeln
13:56 13.06.2010
Anzeige
Eversen

„Alles war platt, das hier war eine einzige Wüste“. Mit weit ausholender Handbewegung zeigt Burkhard Gralher um sich. „Das hier“, das ist eine rund 800 Quadratmeter große Gartenfläche. Büsche und Bäume, Blumen in Beeten und in Kübeln, Hecken und Mauern, Gewächshäuser, Teiche, immer wieder eine lauschige Sitzecke, eine kleine Steinfigur – das Auge ist irritiert und weiß anfangs so gar nicht recht, wo es mit dem Staunen beginnen soll ob dieser Vielfalt und Üppigkeit. Gralher bringt mit vier knappen Worten sein kleines Paradies auf den Punkt: „Pflegeleicht, aber mit Leckerli.“

40 Tonnen Findlinge

Anzeige

mit Kran hochgehievt

1994 zog er mit seiner Familie von Groß Hehlen hierher ins Elternhaus und krempelte die Ärmel hoch. Knapp sechs Jahre schuftete er, bis aus der Wüste eine Augenweide wurde. „Ich habe alles selbst gemacht, hier gibt es kaum etwas, was andere getan haben“, sagt er so ganz nebenbei. Das schließt auch die 40 Tonnen Findlinge ein, die er mit einem Kran hoch gehievt und als Abgrenzung an eine Seite des Gartens gesetzt hat. Er hat einen Brunnen hochgezogen und lässt in seinem Inneren aus einer Zapfanlage Bier statt Wasser sprudeln. Drei original Bohrgestänge tragen ein rundes Schindeldach, von dem ringsum unzählige Lämpchen die „Kneipenszene“ anstrahlen.

„Etwas für die Seele“ hat er sich mit seinem Whirlpool geschaffen, in dem er – „mehr im Winter als im Sommer“ – Entspannung findet, den Blick hoch hinauf in den ihn umgebenden Pavillon oder zur Seite auf eine thailändische Fruchtbarkeitsgöttin gerichtet. Gern wandert er zum 100 Quadratmeter großen Teich, in dem sich zehn Kois, bunte Edelkarpfen aus Japan, tummeln. In einem Jahr haben ihm die Reiher alle Fische zerhackt – ein teurer Verlust. Jetzt hat er die Wasserfläche durch ein Netz geschützt.

Seine Lieblingsecke ist jedoch sein Moorbeet. Sonnentau und Knabenkraut, Gagelstrauch und Erika, Orchideen und Lilien bilden eine einzigartige Insel der Düfte und Farben. Er legte einen großen Teich an, deckte ihn zur Hälfte mit gestochenem Brenntorf aus der Heide ab, die andere Hälfte dient als ständiger Wasserspeicher- und spender. Gralher: „Da steckt viel Arbeit drin.“

Jede freie Minute widmete der gelernte Dreher seinem grün-bunten Hobby. Vor der Arbeit, nach der Arbeit. Und dann hatte er plötzlich ganz viel Zeit. Zeit, die er so nicht gewünscht hatte – die Diagnose „multiple Sklerose“ schickte ihn in den Frührentnerstand. Da war er gerade mal 48 Jahre alt. Augen, Arme, Beine schränkten ihre Funktionen ein, Feinmotorik und linke Körperhälfte zeigten nachhaltige Störungen.

Burkhard Gralher bot der Krankheit die Stirn. Er stellte seine Ernährung um und suchte für seinen Körper die Herausforderung. Die fand er in der gezielten Bewegung. Viermal in der Woche besucht er Tanzkurse, erfuhr beim Führen und Steuern der Partnerin, wie sich seine Motorik deutlich besserte. Anfangs ging er „mit langen Zähnen, aber jetzt macht’s richtig Spaß“. Er liebt Disco-Fox und Salsa, überhaupt alle lateinamerikanischen Tänze, und damit er übers Wochenende nicht einrostet, fährt er sonnabends zum Schwoof nach Bad Nenndorf. „Für meine Generation gibt’s ja hier leider kaum Angebote“, bedauert er.

Der Hahn im Korb beim Bauch-Beine-Po-Training

Gralher geht regelmäßig zum Bowling, spielt in seiner ehemaligen Betriebssportgruppe bei Baker Hughes und in einer Haus-Liga in Wietzenbruch. Er turnt mit Ausdauer – und viel Freude. Kein Wunder, ist er doch bei den beiden Gymnastik-angeboten der absolute Hahn im Korb. Ob Funktionsgymnastik in der Kursana oder „Bauch-Beine-Po“-Training in der Trift – Gralher ist das einzig männliche Wesen innerhalb einer Gruppe von Frauen von 40 bis 75 Lenzen. „Das klappt prima“, meint er, „wir duzen uns alle, und die Frauen sind froh, dass ein Mann unter ihnen ist. Dann sei es nicht ganz so trocken, meinen sie.“

Das alles erzählt er ruhig, gelassen, lächelnd. Den täglichen Kampf mit den Tücken seiner Krankheit lässt er nur verhalten hochkommen: Die regelmäßige Spritze, die eiserne Disziplin, mit der er sich zwingt, seine Ruhephasen einzuhalten, sein Körper, der ihm immer wieder mal seine Grenzen zeigt. Gralher: „Ich kenne eine ganze Reihe von Menschen, die der Meinung sind, dass es mir doch jetzt wesentlich besser geht als damals, als ich noch arbeitete. Was wissen die denn schon . . .“

Alles bleibt hinter ihm, wenn er von seinen Orchideen spricht. „An die 6000 bis 7000 Pflanzen“, schätzt er, blühen, wachsen und gedeihen in seinen drei Gewächshäusern. 1978 entdeckte er dieses Hobby für sich, seitdem hat es ihn nicht mehr losgelassen. Nachdem er sich rund zehn Jahre mit den verschiedensten Sorten beschäftigt hatte, stieg er ausschließlich auf den Frauenschuh um – „die schwierigste Art, die man kultivieren kann“, sagt er.

Über jede Pflanze – „eine jede ist so, wie sie in der Natur wächst, es sind reine Wildformen“ – führt er sorgfältig Buch. Dank dieser detaillierten Aufzeichnungen kann er jederzeit nachweisen, dass seine Mutterpflanzen sämtlichst aus legalen Beständen kommen.

Er reiste nach Thailand und Vietnam, nach Mexiko und Kolumbien, um seinen Fundus zu vergrößern und zu ergänzen, jetzt ist seine Sammlung komplett. „Alle Sorten von Frauenschuh, die es legal auf der Welt gibt, besitze ich. In meinen Gewächshäusern sind rund 120 verschiedene Arten zu finden“, sagt er voller Stolz, „ich bin wohl der einzige Orchideenliebhaber in Europa, der einen kompletten und nachweislich legalen Bestand hat“. Mit 200 seiner schönsten Pflanzen war er 2002 auf der Orchideen-Ausstellung in Osaka vertreten.

Orchidee „Eversen“

seinem Dorf gewidmet

Jetzt hat sich Burkhard Gralher ganz auf Nachzuchten konzentriert. Größer, kräftiger, farbintensiver will er die Abkömmlinge schaffen: „Ich bin nie zufrieden.“ Drei seiner neuen Kreationen hat er sich, Ehefrau Annegret und Tochter Carina gewidmet, einer braun-gelb blühenden gab er den Namen „Eversen“. Keine seiner Pflanzen ist für Geld und gute Worte zu haben, und es ist schon eine große Ausnahme, wenn er sich von einer trennt, um sie zu einem besonderen Anlass zu verschenken.

Seine Orchideen sind sein ganz persönlicher Schatz im Verborgenen, seine Rosenhecke hingegen ist in Eversen zur Hauptblütezeit ein echter öffentlicher „Hingucker“. Rund 13 000 rosa Rosen bilden eine 55 Meter lange und zirka 2,50 Meter hohe Blütenpracht, die gleich zweimal im Jahr die Sinne erfreut. Seine „Rosarium Uetersen“, frostbeständig und krankheitsresistent, zeigt sich im Frühsommer und im Herbst von ihrer schönsten Seite.

„So, wie sich alles gefügt hat, ist es gut“, sagt Burkhard Gralher, „meine Krankheit hat mich gelehrt, mehr auf die wirklich wichtigen Dinge im

Leben zu achten, nicht alles so verbissen zu sehen. Ich beschäftige mich mit dem, was mir Spaß macht. Zu viel Grübeln schadet nur der Seele“.

Vita:

1958:

Geboren in Eversen.

1964 bis 1974:

Schulbesuch.

1974 bis 1978:

Lehre als Dreher.

1978 bis 2003:

Tätigkeit als Dreher

bei Baker Hughes.

Ab 2003: Frührentner.

1984: Heirat mit

Frau Annegret, eine Tochter.

Von Evelyn Kretzschmar